Veranstaltungsberichte

Vor- und Nachteile einer vierjährigen Grundschulzeit

Immer wieder wird Kritik am Berliner Schulsystem laut. Politiker, Lehrer, Eltern und Schüler fordern Veränderungen in einer Vielzahl schulischer Bereiche. Sinnvoll scheint es da, auch an der Basis nach Veränderungsmöglichkeiten zu suchen. Auf Einladung der Konrad-Adenauer-Stiftung Berlin gingen Bildungsexperten der Frage nach, wann ein Übergang von der Grundschule zur Oberschule am effektivsten ist und ob eine Einheitsschule bis zur neunten Klasse hilfreich sein kann, um in der Bildungspolitik Fortschritte zu erzielen.

Der Berliner Erziehungswissenschaftler und Professor Rainer Lehmann kann mit den Ergebnissen seiner kontrovers diskutierten Element-Studie einen wissenschaftlich fundierten Beitrag dazu erbringen, welche Veränderungen im Schulsystem folgerichtig wären und welche nicht. „In unserer Untersuchung konnten wir feststellen, dass Kinder, die vorzeitig nach der vierten Klasse zum Gymnasium wechselten, mehr gelernt haben als die Gleichaltrigen, die regulär weitere zwei Jahre die Grundschule besucht haben“, berichtete der Professor. Diese Ergebnisse würden jedoch nur für wenige schulische Bereiche wie Mathematik gelten. Auch sei es falsch anzunehmen, dass diese Schüler nach der sechsten Klasse einen Bildungsvorsprung von zwei Jahren hätten. Die meisten Schüler, die früher wechselten, hätten sich bereits beim Übergang von ihren Klassenkameraden unterschieden, diese Unterschiede hätten sich durch den Wechsel nur vergrößert.

Verkürzungen können zu viel Durcheinander führen

Dennoch sei eine Verkürzung auf vier Jahre Grundschule nicht ohne Probleme zu sehen, sagte auch Hans-Peter Meidinger, der Bundesvorsitzende des Philologenverbandes und Kritiker der sechsjährigen Grundschule: „Eine Verkürzung führt zu viel Durcheinander wie man bei der Einführung des achtjährigen Gymnasiums sieht.“ Der Fehler sei, dass die meisten gleich wieder den Schlüssel zur Veränderung in der Schulstruktur suchen und Hintergründe vernachlässigt würden. „Rezepte für eine verbessertes Bildungssystem sind vorhanden, die brauchen wir nicht neu zu erfinden“, betont Meidinger. Eine erhöhte Unterrichtsqualität durch mehr fachliche Kompetenz bei den Lehrkräften, aber auch Früh- und gesonderte Sprachförderung für bedürftige Kinder seien keine neuen Maßnahmen, die zunehmend ergriffen werden müssten.

Die Probleme, wie soziale Selektion, sieht auch der Erziehungswissenschaftler Lehmann: „Der Kiez bestimmt in Berlin maßgeblich das Niveau einer Schule. Wenn ich die Postleitzahl einer Schule kenne, kann ich fast perfekt ihr durchschnittliches Leistungsniveau vorhersagen.“

Wahlfreiheit für Berliner Schulkinder

Berlin hat mit seiner sechsjährigen Grundschulzeit eine Ausnahmestellung in der deutschen Bildungslandschaft, die der bildungspolitische CDU-Sprecher im Abgeordnetenhaus Sascha Steuer nicht nur als negativ ansieht: „Jedes Elternpaar sollte aber die Möglichkeit bekommen seinem Kind die bestmögliche Bildung zu gewähren und es beispielsweise schon nach vier Jahren Grundschule auf ein Gymnasium zu schicken.“ Diese Wahlfreiheit bei grundsätzlicher Beibehaltung der sechsjährigen Grundschule solle bewahrt werden, da sie in Berlin eine Art traditionelle Gewöhnung darstellt. Problematisch sei allerdings der Zustand, dass auf die fünften Klassen der Berliner Gymnasien 3.000 Anmeldungen pro Jahr zukommen, von denen nur 2.000 positiv beantwortet werden können, so Steuer. Hier bestehe Handlungsbedarf.

Veranstaltungsberichte
28. Oktober 2008
Bildungsministerin Dr. Annette Schavan wünscht sich „Bildungsexplosion“ in Deutschland

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Berlin Deutschland