Im Mittelpunkt der Veranstaltung unter dem Titel „Welches Sozialstaatverständnis folgt aus dem christlichen Bild vom Menschen?“ am 23. Juni 2026 standen unter anderem Fragen der Hilfe zur Selbsthilfe, der Befähigungs- und Verteilungsgerechtigkeit sowie der Blick auf kommende Generationen.
Impulsgeber bei der Veranstaltung war Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck, Bischof von Essen, Katholischer Militärbischof für die Deutsche Bundeswehr und Vorsitzender der Glaubenskommission der Deutschen Bischofskonferenz. Nach seinem Vortrag diskutierten Bischof Dr. Overbeck, Dr. Ursula Schoen, Direktorin des Diakonischen Werkes Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz e.V., und Dr. Stefan Nacke MdB, Vorsitzender der Arbeitnehmergruppe der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und Mitglied im Ausschuss für Arbeit und Soziales des Deutschen Bundestages. Moderiert wurde die Veranstaltung von der Journalistin Franziska Hein vom Evangelischen Pressedienst (epd).
Hermann Gröhe begrüßte als stellvertretender Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V. die Gäste. Er erklärte: „In einer Zeit, in der grundlegende Reformen unseres Sozialstaates zur Sicherstellung seiner dauerhaften Verlässlichkeit und Finanzierbarkeit gefordert werden, ist es lohnend zu fragen, wie ein Sozialstaat mit Blick auf das christliche Bild vom Menschen zu gestalten ist.“
Der Mensch im Mittelpunkt
Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck stellte heraus, dass das christliche Bild vom Menschen jeden Menschen eine unveräußerliche Würde zuspreche. Er verdeutlichte, dass der Mensch diese Würde aufgrund dessen habe, da er Mensch sei und dass diese Würde nicht verhandelbar sei. Er erklärte, was sich hieraus für den Sozialstaat ableiten ließe. An erster Stelle müsse im Sozialstaat die Person stehen. Es müsse daher gefragt werden, was der Person gerecht werde. Der Mensch sei aber auch Teil einer Gemeinschaft und in diese eingebunden. Das Gemeinwohl ermögliche dem Menschen sich in einem geordneten Rahmen entfalten zu können und damit Freiheit.
„Die Rede von der Hilfe zur Selbsthilfe ist richtig“
Solidarität sei ein Grundsatz sozialstaatlicher Ordnung. Um Menschen in Not müsse sich gekümmert werden. Zugleich dürften im Sinne des sogenannten Subsidiaritätsprinzips Personen in Not nicht durch Hilfe bevormundet werden. Wo immer die Möglichkeit zur Selbsthilfe bestehe, solle der Staat nicht unnötig eingreifen.
Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck wies darauf hin: „Die Rede von der Hilfe zur Selbsthilfe ist richtig – sofern man sie nicht als Sparformel missversteht. Sie meint nicht den Rückzug des Sozialstaats, sondern seine richtige Form. Hilfe soll befähigen. Sie soll Menschen zu neuer Handlungsfähigkeit führen: durch Bildung, Gesundheitsfürsorge, Qualifizierung und soziale Einbindung.“
Arbeit müsse daher im Mittelpunkt der Überlegung zum Sozialstaat stehen. Arbeit sei nicht nur reine Erwerbsarbeit, sie ermögliche vielmehr unter anderem gesellschaftliche Teilhabe und Anerkennung. Auch könne die eigene Persönlichkeit zum Ausdruck gebracht werden. Wichtig sei auch das Vertrauen in den Sozialstaat. Zukünftige Generationen müssten bei Beitragszahlungen darauf vertrauen können, dass der Sozialstaat belastbar sei.
Solidarität und Hilfe zur Selbsthilfe
Nach dem Impuls von Bischof Dr. Overbeck diskutierten Bischof Dr. Overbeck, die Präsidentin des Diakonischen Werkes Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz e.V. Dr. Ursula Schoen und der Vorsitzende der Arbeitnehmergruppe der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Dr. Stefan Nacke MdB.
In der Diskussion erklärte Dr. Ursula Schoen: „Aus christlicher Perspektive ist der Sozialstaat wirksam, wenn er die Verletzlichsten schützt, gesellschaftlichen Zusammenhalt fördert und soziale Sicherheit nachhaltig gewährleistet.“ Das Prinzip der Solidarität sei ein hohes Gut, das neu durchbuchstabiert werden müsse.
Dr. Stefan Nacke stellte heraus: „Der Sozialstaat hat die Aufgabe, zu befähigen, damit die Menschen wieder in die Situation kommen, ihr Leben eigenständig zu leben. Dort, wo Abhängigkeit ins Spiel kommt, funktioniert der Sozialstaat nicht.“ Ein positives Leitbild vom Sozialstaat müsse vermittelt, aber trotzdem auf Herausforderungen reagiert werden.
Die Sozialversicherung ermögliche es, Lebensrisiken abzusichern, ohne auf Almosen angewiesen zu sein. Die zentrale Herausforderung bleibe der demographische Wandel. Daneben stehe die Sozialhilfe als Sicherungsnetz. Als besondere Stärke hob Dr. Nacke die Wohlfahrtspflege hervor: Einer pluralen Gesellschaft müsse zugestanden werden, Nahräume selbst zu organisieren. Diese Vielfalt zu fördern sei auch eine deutliche Absage an völkische Verengungen.
Bischof Dr. Overbeck betonte bei der Diskussion, dass Menschen befähigt werden müssten, Vorsorge zu treffen. Die Gefahr sei groß, bei der Vorsorge nur auf den Staat allein zu setzen.
Arbeit in Zeiten Künstlicher Intelligenz – Einsamkeit entgegenwirken
Auch wurde darüber diskutiert, dass sich die Arbeitswelt angesichts Künstlicher Intelligenz ändern werde. Bestimmte Berufe fielen weg und auch menschliche Begegnungen würden durch den Einsatz künstlicher Intelligenz weniger werden. Bischof Dr. Overbeck erklärte, dass es auch angesichts dessen für die Kirche immer mehr eine der wichtigsten Aufgaben sei, mit Liebe bei den Menschen zu sein. Es müssten Räume geschaffen werden, in denen Begegnung stattfinde. Auch in diesem Sinne müssten Solidarität und Subsidiarität mehr in den Mittelpunkt gestellt werden. Auch Dr. Ursula Schoen betonte, dass es Begegnungsräume brauche. Eine Hauptsorge mit Blick auf die Gesellschaft sei die Vereinsamung. Hier entgegenzuwirken sei ein Auftrag für die Kirchen aber auch anderer gesellschaftliche Gruppen.
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