„Wir spürten die Freiheit und haben sie nie vergessen“
Interview der KAS-Prag mit Zeitzeugen
Das Jahr 1968 war in Europa von Aufständen und Protesten geprägt. In der Tschechoslowakei, Polen, Rumänien und in einigen Regionen der Ukraine gab der Frühling 1968 Hoffnung auf einen „Dritten Weg“ zwischen westlicher Demokratie und Marktwirtschaft sowie sowjetischem Kommunismus. Der „Prager Frühling“ war ein weiterer Versuch, ein kommunistisches System auf gewaltlosem Wege zu transformieren. Doch obwohl die Reformen durch die Intervention abrupt beendet wurden, ließ das Jahr ´68 den Freiheitsdrang der Tschechen und Slowaken erkennen, der die Grundlage für den Anfang vom Ende der kommunistischen Diktatur bildete.
Heute lebt die Diskussion nach einem „Dritten Weg“ vielerorts in der Welt wieder auf. Reformierte und unreformierte kommunistische Parteien reiten auf der Welle des Populismus zum Erfolg. Wie kann es zu solch einer Entwicklung kommen? Ist die Geschichte in Vergessenheit geraten? Kann die Politik den Menschen in Zeiten der Globalisierung überhaupt als Orientierungspunkt dienen?
Der Außenstellenleiter der KAS Prag, Dr. Hubert Gehring, hat mit Frau Ludmila Rakusanova, Journalistin und damals als 20jährige nach Deutschland emigriert, sowie Herrn Prof. Dr. Jan Sokol, Professor für Philosophische Anthropologie an der Prager Karlsuniversität und damals in der CSSR geblieben, zwei Zeitzeugen zum Gespräch eingeladen, um mehr über die Geschehnisse von damals und die Bewertung heute zu erfahren.

GEHRING: Vor 40 Jahren haben sich hier in Prag rund um den Prager Frühling dramatische Szenen abgespielt. Welche Erinnerungen haben sie an die Zeit vom Antritt von Alexander Dubcek bis zu den Tagen nach der russischen Intervention?
RAKUSANOVA: Ich war mit meinen zwanzig Jahren damals konfrontiert mit einer Offenheit, die wahrscheinlich vorher hier nie war. Mein Vater war in den 50er Jahren im Gefängnis. Und eben in diesen Jahren habe ich aber ganz selbstverständlich in meiner Abiturarbeit Alexander Solschenizyn diskutiert. Mir kam das überhaupt nicht komisch vor oder außergewöhnlich. Das Buch war ja auf dem Buchmarkt in Tschechien - Das war 1965. Die Zeit rund um Dubcek habe ich registriert als ein Zeichen, dass sich auch in der Partei endlich etwas tut, also nicht nur unter den Schriftstellern, nicht nur auf dem Buchmarkt, nicht nur in der öffentlichen Diskussion, sondern auch in dieser verkrusteten Struktur.
SOKOL: Ich habe diese allmähliche Öffnung in den Mittsechziger Jahren auch miterlebt. Um mich herum habe ich viele Menschen gesehen, die unsicher waren und nicht wussten, ob das nur innere Kämpfe der Partei sind, die uns eigentlich nichts angehen.
GEHRING: Sie sagen, dass der Prager Frühling letztendlich nicht nur die Ereignisse von ein paar Monaten waren, sondern ein Prozess über ein paar Jahre. Warum also der Begriff Frühling und was war das frühlingshafte an diesem Frühling?
RAKUSANOVA: Das hängt mit den aufkeimenden Hoffnungen auf ein Leben in Freiheit zusammen. Natürlich waren wir nicht so naiv, um zu glauben, dass wir uns jetzt aus dem östlichen Einfluss lösen werden. Aber wir haben einfach gehofft auf ein bisschen Aufatmen und Offenheit.
GEHRING: Interessanterweise sagen mir Menschen hier, dass gerade die Monate nach der Intervention eigentlich die Monate waren, in denen am meisten Freiheit, am meisten Pluralität, am meisten Bewegung da war. Wie erklären sie sich das?
RAKUSANOVA: Die Menschen waren verzweifelt! All diese Hoffnungen sind auf einmal zerstört worden. Man wollte nicht von diesem Traum loslassen und lebte ihn fort, trotz der Besatzer. Im Hinterkopf aber wusste man, dass es früher oder später enden würde. Jan Palach war dann das letzte Aufbäumen. Viele sind in die Emigration gegangen, ich auch. Bei mir war der Beweggrund persönlich: Mein damaliger Freund konnte hier nicht bleiben. Für ihn war es eine Schande, dass sich die Tschechen nicht gewehrt haben. Und er war dermaßen aufgebracht, dass ich gesehen habe, er würde sich in Gefahr begeben. Er war imstande, die Russen mit Pflastersteinen zu bewerfen.
SOKOL: Die russischen Truppen haben das militärisch perfekt gemacht, aber die Medien haben sie nicht beherrschen können. Und Dank des Rundfunks gab es diesen organisierten gewaltlosen Widerstand weit in die Zeit nach der Intervention hinein. Das war sehr wirksam und hat den Leuten ungeheuren Spaß gemacht. Das sieht man heute noch an den Bildern. Es sind nicht diese dramatischen Bilder des ersten Tages, die für uns typisch waren. Es waren die Inschriften auf den Wänden oder auf den Dächern.

GEHRING: Wie hat sich das Verhältnis der Tschechen zu den Besatzern und zum System entwickelt?
RAKUSANOVA: Ich war gerade in meiner Heimatstadt Budweis und da kamen sie erst mit einem oder zwei Tagen Verzögerung hin, weil die Bevölkerung alle Wegweiserschilder im Land vertauscht hatte. Den Militärflughafen in Budweis hat das tschechische Militär komplett zugeparkt - mit allem was sie hatten - und so konnten die Russen nicht landen. Heute habe ich das Gefühl, viele von uns waren naiv. Wir hatten gedacht, es würde reichen, den Russen zu erklären, dass alles nur ein Missverständnis ist. Wir könnten ihnen erklären, dass wir gar keinen Abbau des Kommunismus wollen, sondern nur eine Verbesserung. Und die werden dann wieder weg sein! Dass es wirklich um die nackte Macht gehen könnte, damals haben das viele Leute nicht wahr haben wollen, obwohl die Panzer da waren.
SOKOL: Der Eindruck dieser schrecklichen Macht war erdrückend. Überall gab es Hunderte von Panzern. Ein Gedanke an Widerstand? Das ist naiv. Diese Strategie aber, dass man mit den russischen Soldaten gesprochen hat, hatte seinen Effekt! Die erste Welle der Armee musste bald ausgetauscht werden, weil die Soldaten wirklich ihre Bedenken hatten. Sie dachten, das hier wäre eine Konter-Revolution. Bei etlichen habe ich sogar gehört, die Deutschen wären hier, sie müssten uns gegen die Deutschen verteidigen! Ja, das hat man ihnen tatsächlich gesagt. Diese Gespräche zwischen Tschechen und Russen zeigten Wirkung - vielleicht nicht in Moskau, aber immerhin unter den Soldaten hier.
GEHRING: Alexander Dubcek wurde damals in Deutschland wie ein Held gefeiert und auch heute noch wird er wie eine Lichtgestalt des demokratischen Umbruchs gesehen. Ist es hier auch so?
RAKUSANOVA: Alexander Dubcek war auf dem Höhepunkt des Prager Frühlings auch hier ein Symbol. Er musste sich mit den Russen austauschen und wir haben alle gehofft, er würde ihnen erklären, worum es hier geht. Umso grauenhafter war dann die Enttäuschung, als sie zurück kamen aus Moskau: Dubcek, ein gebrochener Mann! Das hat ihm hier niemand abgekauft. Man hatte das Gefühl: „Schon wieder alles im Eimer“. Das war schon einmal mit Benes passiert, vor dem zweiten Weltkrieg, als Hitler das Land zerschlug und Benes sich nach England absetzte. Jetzt war das eine ähnliche Situation: Wieder war hier eine Okkupationsmacht und Dubcek unterschrieb die Kapitulation.
SOKOL: Im Westen hat man ja nicht die weiteren Schritte verfolgen können. Dubcek war wie ausgetauscht nach der Rückkehr. Wir haben alle zuhause geweint, als wir die Rede gehört haben. Und dann ein Jahr später war er schon so manipuliert, dass er Gesetze gegen Manifestanten unterschrieben hat. Im August ´69 wurden Hunderte aufgrund dieses Dubcek-Gesetzes weggesperrt. Ich habe Dubcek damals nur im Fernsehen oder auf der Bühne gesehen. Später, nach 1990, hab ich mit ihm im Parlament sehr eng zusammengearbeitet. Er war Parlamentspräsident und ich war zwei Jahre lang Vizevorsitzender einer Kammer. Ich war mit ihm im täglichen Kontakt. Einmal habe ich ihn gefragt: „Warum haben sie das damals unterschrieben? Hätten Sie in Moskau nicht sagen können: Ihr habt alle Recht, aber das können wir nicht unterschreiben, weil wir nicht kompetent sind dafür. Das muss das Parlament entscheiden.“ Da war er ganz verblüfft. Er dachte sich damals, als Machthaber müsse er entscheiden und handeln. Diese Kraft der Demokratie, dass man sich auf Institutionen stützen kann, hat er überhaupt nicht begriffen.
GEHRING: Sie haben gerade den Begriff „Demokratie“ im Zusammenhang mit dem Prager Frühling erwähnt. In einem Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zum Prager Frühling wird gesagt, und ich verkürze das etwas: „Dubcek wollte Liberalisierung, das Volk Freiheit. Dubcek wollte Demokratisierung, das Volk Demokratie. Der eine wollte einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz, das Volk das Ende des Sozialismus.“ Stimmt das und war das Ganze am Ende so eine Art Missverständnis?
SOKOL: Ich würde sagen, die Demokratie und das mit dem demokratisieren, das stimmt, aber, dass sich das Volk ein Ende des Sozialismus wünschen würde, das stimmt nicht. Es gab solche, aber das waren Minderheiten. Man dachte, ähnlich der westlichen 68er-Bewegung, dass man wirklich etwas erfinden kann, was nicht so ganz individualistisch ist.