Länderberichte

Chinas Kampf um Wasser

von Jochen Kleining

Die Volksrepublik am Rande einer Versorgungskrise

Die Organisatoren der Olympischen Sommerspiele in Peking haben "Grüne Spiele" versprochen. Chinas Hauptstadt soll erblühen, soll sich dem Gast von seiner ökologischen, nachhaltigen Seite präsentieren. Ein existenzielles Problem Pekings wird dabei dem Besucher allerdings verborgen bleiben: der extreme Wassermangel dieser boomenden Metropole. Um die Versorgung mit Wasser während der Olympischen Spiele sicherzustellen, wurden seitens der Zentral- und Stadtregierung massive Anstrengungen unternommen. Sie werfen ein Schlaglicht auf die dramatische Knappheit der Ressource Wasser in dem bevölkerungsreichsten Land der Welt, die ihren Kulminationspunkt in der Hauptstadt Peking findet.

Im Zuge des rasanten chinesischen Wirtschaftswachstums der letzten Jahre ist Peking unaufhaltsam gewachsen. Mittlerweile leben in der Stadt 16,3 Millionen Menschen. Beinahe monatlich kommen neue, ausgedehnt Wohnbezirke hinzu, öffnen moderne Technologieparks ihre Pforten. Mit dem Wachstum ist aber auch der Wasserbedarf drastisch angestiegen, gleichzeitig jedoch das Angebot stetig zurückgegangen. Ohnehin zeichnet sich die Region um die Stadt Peking durch ein sehr trockenes Klima aus. In den vergangenen 10 Jahren ging zudem der Niederschlag noch einmal um 28 Prozent (gemessen am langjährigen Mittel) zurück. Die Folge: Jedem Pekinger Bürger steht heute nur ein Dreißigstel des im weltweiten Durchschnitt vorhandenen Wassers pro Kopf zur Verfügung.

Vor diesem Hintergrund stellt die Wasserversorgung der Hauptstadt während der Olympischen Spiele eine enorme Herausforderung dar. Der Mehrbedarf aufgrund des Sportereignisses wird auf mindestens 200 Millionen Kubikmeter geschätzt. Allein die Sportanlagen benötigen ungeheure Mengen. So finden z. B. die Kanuwettbewerbe auf einem Fluss am Stadtrand Pekings statt, der eigentlich schon seit einem Jahrzehnt versiegt ist. Die Planer mussten eine 13 Kilometer lange unterirdische Röhre bauen, um ihn zumindest kurzfristig wieder mit Wasser zu füllen. Auch die weiteren Flüsse und Kanäle der Stadt, deren notorisch ausgetrocknete Flussbette längst zum Lokalkolorit Pekings gehören, sind plötzlich wieder mit Wasser gefüllt. Zudem hat die Stadtverwaltung unzählige Grünflächen und Blumenbeete neu angelegt. Erst kürzlich öffnete das "Olympic Green" seine Tore – eine gigantische, 680 Hektar große Parkanlage nördlich des Olympiastadions. Nicht weniger als 22,7 Millionen Bäume wurden hier neu gepflanzt. Insgesamt wurden in Peking nach Angaben der Stadtverwaltung in den letzten sieben Jahren 10.000 Hektar neue Grünflächen geschaffen. Sie alle sind unter den normalen klimatischen Bedingungen der Stadt kaum überlebensfähig. Sie alle bedürfen massiver Bewässerung. Doch woher kommt das Wasser?

Die Versorgung Pekings

Noch in den 1990er Jahren wurde der Wasserbedarf Pekings aus einem einzigen Stausee gedeckt. Doch das Miyun-Reservoir im Nordosten der Stadt ist derzeit auf einem Tiefstand. Gleichzeitig ist der zweitgrößte Stausee der Umgebung wegen starker Verschmutzung nicht länger für die Trinkwasserversorgung geeignet. Sämtliche Wasserläufe rund um Peking sind so gut wie ausgetrocknet. In der Folge werden gegenwärtig bereits zwei Drittel des Bedarfs aus dem Grundwasser entnommen. Immer tiefer müssen die Brunnen gegraben werden. Der Grundwasserspiegel sinkt unaufhaltsam um einen, stellenweise sogar zwei Meter pro Jahr. Teilweise bohren Pekings Wasseringenieure bereits 1.000 Meter tief; in manchen Stadtteilen gelten die Reserven bereits als aufgebraucht.

Die Regierung ist sich des Problems überaus bewusst und hat in den vergangenen Jahren unterschiedliche Maßnahmen eingeleitet, um der zunehmend kritischen Lage Herr zu werden. So wurden in der Umgebung Pekings zwischen 2000 und 2007 17 neue Klärwerke gebaut. Mit ihrer Hilfe sollen nun 90 Prozent der kommunalen Abwässer behandelt, 50 Prozent in verschiedenen Bereichen der Stadt wieder eingesetzt verwendet, so z.B. in Springbrunnen. Auch andere Maßnahmen wie die Nutzung von Brauch- und Regenwasser werden erprobt. In 10 Modellzonen dürfen anfallende Rückstände nicht länger über das Abwasser entsorgt werden. Von einem nachhaltigen Wassermanagement ist man jedoch immer noch weit entfernt. Zudem reichen diese Maßnahmen angesichts des massiven Missverhältnisses zwischen Wasserangebot und -nachfrage keineswegs aus.

Es dürfte mittlerweile bekannt sein, dass die Pekinger Stadtverwaltung während der Olympischen Spiele versuchen wird, das Wetter mit Hilfe von Raketen zu beeinflussen, um der Welt ein sonniges Sportereignis bieten zu können. Weit weniger Beachtung findet allerdings die Tatsache, dass künstlicher Regen nicht nur während der Olympiade eingesetzt wird. Die Regierung sieht in den entsprechenden Technologien auch eine Möglichkeit zur Wasserumleitung und testet diese bereits seit Jahren in großem Umfang. So wurden allein in der ersten Jahreshälfte 2004 16 Flüge durchgeführt, 429 Raketen und 1931 Flak-Geschosse abgefeuert, um Wolken mit Trockeneis zu "impfen" und sie auf diese Weise über dem Stadtgebiet zum abregnen zu bringen. Peking ist eine Modellzone innerhalb eines 3,2 Millionen US-Dollar schweren, nationalen Forschungsvorhabens der Zentralregierung, in dessen Rahmen verschiedene Technologien der künstlichen Niederschlagserhöhung erprobt werden.

Um die Wasserversorgung Pekings über den alltäglichen Bedarf hinaus auch während der Olympischen Spiele zu garantieren, wurde in erster Linie auf eine Lösung im Rahmen eines Großprojektes gesetzt. Nach dem Willen der Zentralregierung soll die Peking umgebende Provinz Hebei Wasser für die Hauptstadt bereitstellen. Erst wenige Wochen vor Beginn der Spiele wurde ein über 300 Kilometer langer Kanal vollendet. Er verbindet Peking nach Süden mit der Stadt Shijiazhuang und soll Wasser aus vier Stauseen der Provinz Hebei nach Peking transportieren. Die Erbitterung in der Region ist groß. Nach mehreren Jahren der Dürre ist die ohnehin sehr karge Provinz fast gänzlich ausgetrocknet. Die Bauern sorgen sich um ihre Ernte. Eine Wasserentnahme aus dem neuen Kanal ist ihnen allerdings streng untersagt. Damit ausreichend Wasser für Peking bereitsteht, wurde teilweise sogar der in der Region traditionell verbreitete Maisanbau ebenso wie Einrichtung von Fischteichen an den Stauseen verboten. Viele Bauern sind verzweifelt und fragen sich, wie sie angesichts dieser Beschränkungen ihren Lebensunterhalt weiter bestreiten sollen.

Die drastischen Maßnahmen machen deutlich, wie prekär die Versorgung mit dem Rohstoff Wasser in China ist. Bei näherer Betrachtung erweist sich die chinesische Wasserkrise als ein ernstes Hindernis für die weitere wirtschaftliche Entwicklung nicht nur der Stadt Peking, sondern auch des gesamten Landes. Es ist ein vielfach unterschätztes Problem, das in der Wasserknappheit der Hauptstadt lediglich seinen Höhepunkt findet.

Überfluss und Mangel

Zwar befinden sich auf dem Territorium der Volksrepublik - nach Brasilien, Russland und Kanada - die viertgrößten erneuerbaren Wasserressourcen weltweit. Doch gleichzeitig ist China eines der trockensten Länder der Erde. Denn Wasser ist hier sehr ungleich verteilt.

Die nördlichen Landesteile sind semi-aride Zonen und leiden deshalb traditionell unter Wasserknappheit. Eine zehnjährige Trockenperiode sowie die Ausbreitung der Wüsten als Folge der schweren Bodenerosion hat die Situation jedoch noch einmal dramatisch verschärft. So stehen in der nordchinesischen Ebene bereits heute der Bevölkerung lediglich 500 m³ Wasser pro Kopf zur Verfügung. 70-75 Prozent des Bedarfs werden gegenwärtig dem Grundwasser entnommen. Findet kein grundlegender Kurswechsel statt, sind in 30 Jahren die Grundwasserreserven Nordchinas aufgebraucht.

Die Gebiete südlich des Jangtse, die lediglich ein Drittel des Territoriums der Volksrepublik ausmachen, verfügen dagegen mit 80 Prozent der Aufkommen über Wasser im Überfluss. Regelmäßig ist die Region von Flutkatastrophen betroffen. Erst jüngst suchten einmal mehr heftige Regenfälle die Region heim, mindestens 169 Opfer waren dabei zu beklagen. Der mächtige Jangtse-Fluss, dessen Leben und Tod bringenden Überschwemmungen jahrtausendelang den Rhythmus der chinesischen Zivilisation vorgegeben haben, nahm allein in den vergangenen hundert Jahren ca. 3 Millionen Menschen das Leben. Seine endgültige Bändigung war eine der wesentlichen Beweggründe für den Bau des umstrittenen Drei-Schluchten-Staudammes.

Umweltverschmutzung

Obwohl in Südchina Wasser im Überfluss vorhanden ist, leidet diese Region selbst unter einem erheblichen Mangel an Trinkwasser. Der Grund hierfür ist die dramatisch zunehmende Umweltverschmutzung in Folge der schnellen Industrialisierung des Landes. Zuletzt kippte im Mai 2007 der Tai-See, der drittgrößte Binnensee Chinas, eine der wichtigsten Trinkwasserquellen für die Region um die Metropolen Shanghai und Nanjing, um. In der Folge brach in mehreren Ortschaften die Versorgung mit Trinkwasser zusammen, in der Stadt Wuxi wurde sogar der Notstand ausgerufen. Der Umweltaktivist Wu Lihong hatte zuvor ermittelt, dass mehr als 3000 Betriebe ihre Industrieabwässer in den See leiten. Insgesamt gelten nach Angaben der Weltbank drei Viertel aller chinesischen Flüsse als verschmutzt. Der Jangtse-Fluss allein muss 41 Prozent sämtlicher Abwässer Chinas aufnehmen, eine nicht zu bewältigende ökologische Belastung.

Dürre im Norden, die landesweit grassierende Umweltverschmutzung sowie die (regionale) Überbevölkerung des Landes führen zu einer insgesamt mehr als prekären Wasserversorgungssituation. Pro Kopf der Bevölkerung stehen lediglich 2700 Kubikmeter Wasser zur Verfügung - ein Viertel des weltweiten Durchschnitts. Experten warnen davor, dass es im Jahr 2030 sogar nur noch 1760 Kubikmeter pro Kopf sein könnten. Schätzungen zufolge kämpfen derzeit 440 von 600 chinesischen Städten mit Versorgungsengpässen, über 100 Städte leiden unter schwerem Wassermangel. 700 Millionen Menschen trinken täglich kontaminiertes Wasser. Wenn die gegenwärtige Entwicklung nicht gestoppt wird, so warnt die Weltbank, werde es in China bis zum Jahr 2020 allein aufgrund von Wassermangel 30 Millionen Umweltflüchtlinge geben.

Maßnahmen der Regierung

Paradoxerweise verfügt die Volksrepublik über eine der fortschrittlichsten Umweltschutzgesetzgebungen der Welt, mit strengen Auflagen gerade auch im Bereich des Wasserschutzes. Ein erstes Gesetz wurde bereits 1988 erlassen. Die jüngste, im März 2008 verabschiedete Novellierung dieses Gesetzes orientiert sich stark an modernen Umweltschutzgesetzgebungen in Kanada und Nordeuropa. Sie sieht empfindliche Strafen für Unternehmen sowie überdies eine finanzielle Beteiligung an der Beseitigung von durch Wasserverschmutzung entstandenen Schäden vor.

Allerdings werden die geltenden Gesetze – wie so oft in China – nur sehr mangelhaft umgesetzt. Misswirtschaft und Korruption, aber auch die personell zu schwache Besetzung der chinesischen Umweltbehörden verhindern eine effiziente Durchsetzung, insbesondere in den Provinzen. Zudem können die Gesetze nicht mehr bieten als den rechtlichen Rahmen für ein effektives Wassermanagement. Die Zentralregierung ist sich der Notwendigkeit weiterer Maßnahmen sehr wohl bewusst. Konzepte des integrierten Wassermanagements, die auch im Rahmen der deutschen Entwicklungshilfe für China vermittelt werden, stoßen inzwischen auf ein vermehrtes Interesse. Im aktuellen Fünfjahresplan der Regierung (2006-2010) wurden die Ausgaben für den Bereich Wasser vervierfacht. Bis zum Jahr 2010 will die Regierung rund 140 Milliarden Euro unter anderem für den Bau von 1000 neuen Wiederaufbereitungsanlagen bereitstellen. Ähnliche Investitionen waren allerdings in der Vergangenheit nur begrenzt erfolgreich. Schätzungen zufolge müssten allein mit den bislang konstruierten Anlagen schon über 50 Prozent der Abwässer wieder aufbereitet werden können. Aufgrund von Planungsfehlern und Missmanagement arbeitet gegenwärtig aber nur die Hälfte der Anlagen mit einer Kapazität von gerade einmal 30 Prozent.

Technische Lösungen statt Marktmechanismen

Ein ganz wesentliches Problem ist hierbei politischer Natur. Aus Angst vor sozialen Unruhen, aber auch um Unternehmen eine kostengünstige Produktion zu ermöglichen, hält die Regierung die Wasserpreise künstlich niedrig. Obwohl sie in den vergangenen 20 Jahren bereits um ca. 50 Prozent angehoben worden sind, spiegeln sie nach wie vor nicht die tatsächlichen Kosten wider. So schlägt bspw. in Peking derzeit ein Kubikmeter Wasser umgerechnet mit rund 34 Eurocents zu Buche. Laut Berechnungen der Weltbank müsste ein kostendeckender Preis dagegen mindestens 46 Cents betragen. Der staatlich festgesetzte Preis und die somit kaum vorhandenen Gewinnaussichten verhindern ein stärkeres Engagement privater Unternehmen in diesem Bereich. Gerade diese könnten aber ganz wesentlich dazu beitragen, die Effizienz in dem bislang von Staatsbetrieben geprägten Wassersektor zu verbessern.

Aufgrund des niedrigen Preises existieren sowohl für Unternehmen als auch für Privathaushalte nur wenige Anreize zum Wassersparen. Investitionen in entsprechende Technologien lohnen sich deshalb kaum. Ebenso entwickelt sich nur sehr zögerlich ein Bewusstsein für die knappe Verfügbarkeit der Ressource. Die Folge: Im Durchschnitt wird in China 20 Prozent mehr Wasser verbraucht als in den Industrieländern. Fachleute fordern daher ein regionenübergreifendes Wassermanagement. Die Definition von handelbaren Wasserrechten, so die Hoffnung, könnte zu einem ökonomischeren Umgang mit der knappen Ressource führen.

Statt auf marktwirtschaftliche Lösungen setzt die chinesische Regierung jedoch einmal mehr auf technische Großprojekte. Der so genannte "Drei-Linien-Plan", eine Vision Mao Zedongs aus den 50er Jahren, wurde wieder aus den Schubladen hervorgeholt und bereits in den 10. Fünfjahresplan (2001-2006) aufgenommen. Drei Kanäle, jeweils über 1000 Kilometer lang, sollen den Jangtse, den Gelben Fluss sowie zwei weitere Ströme miteinander verbinden und auf diese Weise jährlich bis zu 48 Milliarden Kubikmeter Wasser in den regenarmen Norden des Landes transportieren. Der östliche Strang wird dabei über einen Teil des alten Kaiserkanals in die Metropole Tianjin führen, ein weiterer Kanal soll die Quellflüsse des Jangtse in der tibetanischen Hochebene mit dem Gelben Fluss verbinden. Der 1270 Kilometer lange mittlere Kanal soll schließlich Wasser aus der Region des Jangtse-Flusses in die Hauptstadt Peking führen. Die ökologischen Auswirkungen dieses gigantischen Bewässerungsprojektes, das in seinen Ausmaßen den Bau des Dreischluchten-Staudammes bei weitem übersteigt, sind bislang nicht abzusehen. Experten bezweifeln, dass auf diesem Wege die Wasserknappheit Nordchinas gelöst werden kann.

Die Folgen des Klimawandels

Hinzu kommen die Folgen des Klimawandels. Sie dürften die prekäre Versorgungslage der Volksrepublik noch weiter verschlechtern. In den vergangenen 50 Jahren sind die Temperaturen in China bereits stärker gestiegen als in der übrigen nördlichen Hemisphäre. Bis zur Mitte des Jahrhunderts soll es hier, verglichen mit der heutigen Durchschnittstemperatur, um 2,3 bis 3,3 Grad wärmer werden.

Klimaexperten gehen davon aus, dass sich aufgrund der Erderwärmung auch die ungleiche Verteilung von Wasser in China weiter verschärfen wird. Landesweit soll zwar die Niederschlags menge bis zum Jahr 2020 um zwei bis drei Prozent ansteigen - bis 2050 sogar um fünf bis sieben Prozent. Dies wird allerdings in erster Linie den Süden und Osten des Landes betreffen. Hier dürften im Übrigen auch die Taifune an Häufigkeit und Heftigkeit zunehmen. Im Norden Chinas werden sich dagegen den Prognosen zufolge die Dürregebiete weiter ausweiten. Die Wüstenbildung wird zunehmen, ebenso die Zahl der Sandstürme. Aufgrund der steigenden Temperaturen ist auch mit einem Anstieg der Verdunstung aus Flüssen um 15 Prozent zu rechnen, wodurch die Wasserknappheit sich weiter verschärfen dürfte.

Vor allem aber bedroht der Klimawandel den neben dem Nord- und Südpol größten Süßwasserspeicher der Erde – die Gletscher des tibetanischen Hochplateaus. Diese schmelzen schneller als irgendwo anders auf der Welt, in einigen Regionen Tibets um 90 Zentimeter im Jahr. Fachleuten zufolge könnten im Jahr 2050 bereits bis zu einem Drittel der tibetanischen Gletscher verschwunden sein.

Ein grenzüberschreitendes Problem

Das Beispiel Tibet verdeutlicht die grenzüberschreitende Dimension des Problems. Das Hochplateau ist der Ursprung für viele der größten Flüsse Asiens. Die Gletscherschmelze hat daher Folgen für die Wasserversorgung des gesamten Kontinents. Eine im Auftrag der Vereinten Nationen entstandene Studie rechnet vor, dass fast die Hälfte der Weltbevölkerung im Einzugsgebiet von Flüssen lebt, deren Quellen sich auf dem tibetanischen Hochplateau befinden. Erst kürzlich hat der Ökonom und Friedensnobelpreisträger Rajendra K. Pachauri darauf hingewiesen, dass von der Gletscherschmelze in Tibet mindestens 500 Millionen Menschen in Asien, darunter 250 Millionen allein in China bedroht sind. Doch nicht nur der Klimawandel gibt Anlass zur Sorge. Auch die von der chinesischen Regierung forcierte Industrialisierung Tibets sowie die starke Erosion als Folge der Abholzung, verbunden mit dem wachsenden chinesischen Wasserbedarf drohen sich grenzüberschreitend auszuwirken.

Die Vorräte Tibets spielen eine Schlüsselrolle in den Versorgungsstrategien der chinesischen Verantwortlichen. Bauvorhaben wie der bereits genannte Westkanal, mit dem Wasser aus Tibet in die chinesische Ebene geleitet werden soll, berühren in direkter Form auch die Versorgungssicherheit anderer Staaten, hier insbesondere in dem ebenfalls von Wassermangel geplagten indischen Subkontinent. Peking war in der Vergangenheit stets bemüht, die Bedeutung Tibets für die Wasserversorgung herunterzuspielen. Wiederholt hat jedoch die tibetanische Exilregierung auf die strategische Bedeutung des tibetanischen Wassers hingewiesen und das chinesische Wassermanagement in der Region kritisiert.

Neben Tibet besteht auch andernorts Potenzial für zwischenstaatliche Konflikte über die Wassernutzung. Chinesische Staudammprojekte am Oberlauf des Mekong beunruhigen zurzeit die flussabwärts gelegenen Anrainerstaaten Kambodscha, Thailand, Laos und Vietnam. Auch die Wasserqualität des Amur, über 1600 Kilometer Grenzfluss zwischen der Volksrepublik China und der Russischen Föderation, hat in den vergangenen Jahren unter der forcierten Industrialisierung der Mandschurei stark gelitten. Mit Kasachstan besteht gegenwärtig ein Disput über die Nutzung des Wassers aus dem See Balkhash. China zeigt neuerdings auch großes Interesse an kirgisischem Wasser, dessen Verbrauch im Moment nur 10% seiner Quellen ausmacht. Damit ist die Volksrepublik ein Akteur in dem schon seit mehreren Jahren schwelenden Konflikt zentralasiatischer Staaten um die knapper werdenden Wasserressourcen in der Region. Erst kürzlich widmete sich eine internationale Konferenz in Bonn der Problematik. In seiner Eröffnungsrede betonte Außenminister Steinmeier die Bedeutung, die das Auswärtige Amt diesem Thema inzwischen beimisst.

Fazit

Besucher der Olympischen Spiele sollten sich deshalb angesichts des Spektakels in der Hauptstadt nicht täuschen lassen. Peking ist nicht so grün, wie es nun für einige Wochen den Anschein hat. Dabei kann man noch von Glück im Unglück sprechen: Zumindest in diesem Jahr wurde die langjährige Trockenperiode unterbrochen. Der Niederschlag lag 40 Prozent über Durchschnitt. Dies bedeutet eine gewisse Erleichterung vor allem auch für die Bauern der Provinz Hebei. Weit weniger Wasser als befürchtet muss für die Olympiade nach Peking umgeleitet werden.

Langfristig ändert dies jedoch nichts an der Gesamtsituation. China hat ein handfestes Versorgungsproblem. Es bleibt abzuwarten, ob es der Volksrepublik gelingt, den Umgang mit Wasser künftig auf eine nachhaltige Basis zu stellen. Hierfür sind massive Anstrengungen im Bereich des integrierten Wassermanagements notwendig. China muss letztlich zu einem verantwortungsvolleren und effizienteren Umgang mit der Ressource Wasser gelangen. Damit würde das Land nicht nur die Kontinuität des eigenen wirtschaftlichen Erfolgs sicherstellen, sondern auch einen Beitrag zur regionalen Stabilität in Asien leisten. Denn die chinesische Wasserkrise hat, wie gezeigt, Implikationen weit über die Grenzen Chinas hinaus. Sie betrifft die gesamte Region, hier insbesondere den indischen Subkontinent sowie die zentral- und südostasiatischen Staaten. Nachhaltiges Wassermanagement sollte deshalb nicht nur als ein innenpolitisches Problem Chinas oder als eine Domäne der (bilateralen) Entwicklungszusammenarbeit betrachtet werden. Für die Region Ostasien gilt, was im Nahen Osten bereits seit längerem Allgemeingut ist: Wasser ist ein strategischer Rohstoff. Die Sicherung der Versorgung mit Wasser gehört zu den vitalen Interessen eines jeden Staates. Wasserversorgungssicherheit in Ostasien ist daher als ein Teil der sicherheitspolitischen Architektur in der Region zu begreifen und sollte in die entsprechenden regionalen Kooperationsforen eingebunden werden.

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