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Länderberichte

Die Folgen des Klimawandels in Vietnam - Zwischen Anpassung und Bekämpfung

von Melina Kaiser, Peter Girke
Vietnam wird zu den weltweit fünf Ländern gezählt, die am stärksten von den den Auswirkungen des Klimawandels betroffen sind. Schwere Tropenstürme, der Anstieg des Meeresspiegels sowie Veränderungen in Niederschlagsmengen und Durschnittstemperaturen stellen Vietnam schon jetzt vor ernstzunehmende sozio-ökonimische Schwierigkeiten. Welche Konsequenzen ziehen Regierung und Partei aus dieser Entwicklung, und welchen Einfluss werden sie auf den vietnamesischen Umgang mit klimawandelbedingten Problemen haben?
Was droht

Der weltweite Klimawandel ist in Vietnam deutlich zu spüren. Dessen Auswirkungen beeinflussen das Land auf verschiedene Weise: Unter anderem verursachen sie jährliche wirtschaftliche Verluste von mehreren Milliarden Euro und haben bereits Tausende von Menschenleben gefordert – diese Trends sollen sich in der Zukunft fortsetzen und sogar noch drastischere Formen annehmen.

Durch seine über 3.400 km lange Küste ist das Land jährlich durchschnittlich von sieben Taifunen betroffen, die sich im Südchinesischen Meer bilden und in Vietnam auf das Festland treffen, besonders häufig in den Provinzen Zentralvietnams. Diese Tropenstürme gehen mit heftigen Regenfällen, Erdrutschen und Überflutungen einher und sind regelmäßig für die Zerstörung von Infrastruktur und Industrie in den betroffenen Gebieten verantwortlich. In den vergangenen Jahrzehnten ist die Zahl außergewöhnlich starker Taifune angestiegen.

Vietnam ist jedoch nicht nur von schweren Naturkatastrophen betroffen, sondern auch von der Veränderung der Durchschnittswerte für Niederschlag und Temperaturen. Während die jährlichen Regenfälle in den nördlichen Gebieten durchschnittlich abnehmen und dort Perioden der Dürre verursachen, erleben die südlicheren Provinzen tendenziell eine Zunahme an Niederschlägen, die zu Erdrutschen und Überflutungen führen. Innerhalb der vergangenen 50 Jahre wurde im Zuge der globalen Erwärmung in Vietnam ein Anstieg der jährlichen Durchschnittstemperaturen um 0,5 bis 0,7 °C verzeichnet, mit dem Trend zu einem weiteren Anstieg um 0,8 bis 2,7 °C in den kommenden 40 Jahren.[i]

Auch der Anstieg des Meeresspiegels hat drastische Auswirkungen auf Vietnam. Ein Anstieg um einen Meter, was unter Experten als realistische Prognose bis zum Ende des 21. Jahrhunderts gilt[ii], würde die dauerhafte Überschwemmung von neun Prozent der gesamten vietnamesischen Festlandfläche bedeuten. Besonders betroffen sind hierbei die landwirtschaftlich geprägten Deltaregionen des Roten Flusses und des Mekong, in denen insgesamt etwa 40 Millionen Menschen leben.

Die Veränderung der klimatischen Verhältnisse bringt für Vietnam auch schwerwiegende sozio-ökonomische Konsequenzen mit sich. Ein besonderes Risiko stellt die Gefährdung der landwirtschaftlichen Entwicklung durch Erosion und Versalzung von fruchtbarem Ackerland dar. Die hierdurch induzierte Abnahme der landwirtschaftlichen Produktivität des Bodens kann den bereits zu beobachtenden Trend verstärken, dass zahlreiche Landwirte ihre Lebensgrundlage verlieren und auf der Suche nach anderen Einkommensquellen in urbane Gebiete umsiedeln. Diese klimawandelbedingten Migrationsbewegungen stellen insbesondere die Metropolregionen Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt vor die Herausforderung, die Versorgungssicherheit einer unkontrolliert anwachsenden Stadtbevölkerung zu gewährleisten.

Abnehmende landwirtschaftliche Erträge, insbesondere in den Deltaregionen, gefährden zudem die Nahrungssicherheit des gesamten Landes. Setzt sich diese Entwicklung fort, wird es laut Schätzungen bis 2030 zu einer ernstzunehmenden Lebensmittelknappheit in Vietnam kommen. Eine solche Krise birgt sowohl die Gefahr gesellschaftlicher Unruhen als auch ökonomischer Stagnation.

 

Was tun

Die vietnamesische Regierung ist sich dieser kritischen Situation und der Notwendigkeit einer Adaptionsstrategie hinsichtlich der Auswirkungen des Klimawandels bewusst. Aus diesem Grund ist Vietnam Unterzeichner mehrerer internationaler Abkommen zur Bekämpfung des Klimawandels, wie etwa des Pariser Klimaschutzabkommens. Daneben existiert eine Vielzahl an Beschlüssen, Gesetzen und Dekreten, die dieses Bestreben auch in die nationale Gesetzgebung übersetzen. Der Fokus der Gesetzestexte liegt insbesondere auf Energieeffizienz, Waldschutz, Reduzierung der Treibhausgasemissionen und Anpassung an klimawandelbedingte Umweltkatastrophen.

Die Grundlage für diese Gesetzgebung stellt insbesondere die Nationale Strategie zum Klimawandel dar, welche vom damaligen Premierminister Nguyen Tan Dung im Dezember 2011 vorgelegt wurde. Diese Strategie beschreibt die Veränderung des Weltklimas als eine der größten Herausforderungen der Menschheit mit drastischen Auswirkungen für die globale Entwicklung und Sicherheit. Im Hinblick auf die ökonomische Entwicklung des Landes stellt das Dokument fest, dass der Energiekonsum Vietnams in der Zukunft rasant ansteigen wird, und somit auch der Ausstoß an Treibhausgasen.

Weltweit besteht jedoch eine Tendenz hin zur Reduzierung von umweltschädlichen Emissionen.  Die Nationale Strategie zum Klimawandel legt dar, dass dies Handelsbarrieren für Länder kreieren kann, die sich an diesen Reduzierungsbestrebungen nicht beteiligen. Insbesondere die internationale Nachfrage nach Gütern, die nicht umweltverträglich hergestellt wurden, sinkt. Das Wachstum von sich noch in der Entwicklung befindlichen Marktwirtschaften wie Vietnam, die häufig durch die Ausbeutung natürlicher Ressourcen, billige Arbeitskräfte und Umweltverschmutzung charakterisiert sind, kann hierdurch in Gefahr geraten.

Die Strategie definiert deshalb einige Ziele, die Vietnam für eine nachhaltige Entwicklung beachten soll. Insbesondere ist dies die Ausrichtung auf eine energiesparende, CO2-arme Wirtschaft, gekoppelt mit einem Fokus auf die Entwicklung und Verbesserung internationaler Wettbewerbsfähigkeit. Darüber hinaus soll die Verbesserung der Treibhausgasbilanz ein fester Bestandteil der Indikatoren für die sozio-ökonomische Entwicklung werden. Weitere Punkte umfassen die Aufforstung und den Schutz bestehender Waldflächen sowie die allgemeine Stärkung der Rolle des Staates in der Anpassung an den Klimawandel.[iii]

Im Gesamten betrachtet stellt diese Nationale Strategie eine sinnvolle, umfassende und ambitionierte Grundlage für den Umgang mit Auswirkungen des Klimawandels und dessen Bekämpfung dar. Es ist eine richtungsweisende Strategie, die die Basis für eine ausgefeilte Gesetzgebung bietet und konkrete Handlungsempfehlungen gibt. Auch in der internationalen Gemeinschaft findet das Dokument Lob; Vietnams internationale Partner zeigen sich offen für finanzielle und technologische Unterstützung bei der Umsetzung der dargestellten Ziele.

 

Was geht

Auch insgesamt betrachtet gilt Vietnam weltweit als positives Beispiel in Bezug auf den Umgang mit dem Klimawandel. Der Staat arbeitet aktiv an der Implementierung internationaler Klimaschutzabkommen, was laut Einschätzung des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen in einem dynamischen Prozess und unter Einbezug aller Staatsministerien und Verantwortungsträger geschieht.

Auch Vietnams Fortschritte bei der Milderung der durch den Klimawandel verursachten Schäden finden Anerkennung. Beispielsweise war das Land das erste in Asien, welches in seinen Anstrengungen um die Anpassung von Küstengebieten an den steigenden Meeresspiegel durch den Green Climate Fund unterstützt wurde. Dieser Fond bietet den sich in der wirtschaftlichen Entwicklung befindenden Ländern, die besonders stark vom Klimawandel betroffen sind, finanzielle Ressourcen, um die Anpassung daran eigenständig vorantreiben zu können. Diese Unterstützung reflektiert das große Potential und die bereits geschehenen Fortschritte Vietnams im Umgang mit dem Klimawandel.[iv]

Anderseits bestehen weiterhin auch vielfältige Schwierigkeiten in diesen Bemühungen. Trotz einer Vielzahl offizieller Bekundungen und nationaler Gesetzestexte vertritt die Regierung die Position, dass Vietnam insbesondere Leidtragender unter den Auswirkungen der klimatischen Veränderungen sei. Sie sieht Vietnam häufig nicht in der Verantwortung, neben der Anpassung an diese Auswirkungen auch einen umfassenden Beitrag zur aktiven Bekämpfung des Klimawandels zu leisten. Dies ist durchaus nicht unberechtigt, da historisch gesehen die Länder des industrialisierten Nordens für den Großteil des Ausstoßes an Treibhausgasen verantwortlich zu machen sind. Und während in Ländern wie Deutschland der CO2-Ausstoß pro Kopf noch immer ein Vielfaches des Niveaus in Vietnam beträgt, verringert sich der Ausstoß in diesen Ländern doch stetig – in Vietnam hingegen steigt er spürbar an. Laut dem Internationalen Währungsfond wird sich der Ausstoß von Treibhausgasen in Vietnam bis 2030 verdreifachen.

Zurückzuführen ist dieser Trend auf das wirtschaftliche Wachstum des Landes. Dieses Recht auf eine „nachholende Entwicklung“ im Vergleich zu den Industrieländern sollte Vietnam gewährt werden, um der Bevölkerung einen steigenden Lebensstandard zu ermöglichen und soziale Differenzen abzumildern. Gleichzeitig sollte dieses Wachstum jedoch auf nachhaltige Weise geschehen. Die klare Priorisierung von ökonomischem Wachstum sollte nicht zu Lasten von Umweltschutzbestrebungen erfolgen, da ansonsten kurzfristige wirtschaftliche Gewinne den langfristigen Wohlstand Vietnams in Gefahr bringen.

Ein weiterer Faktor, der zum Treibhausgasausstoß in Vietnam beiträgt, ist die Entwaldung. Bei der Abholzung von unberührten Primärwaldflächen wird gespeichertes CO2 freigesetzt, was ebenfalls die Erderwärmung beschleunigt. Häufig gestatten auch Lokalregierungen den Abbau von Bodenschätzen oder andere Aktivitäten in geschützten Waldgebieten, was eigentlich aus Naturschutzgründen verboten ist. Ökonomische Anreize überwiegen jedoch in vielen Fällen. Die Aufforstungsmaßnahmen in Vietnam sind unzureichend, um diese Verluste auszugleichen.[v]

Zusätzlich dazu stützt sich der landwirtschaftliche Sektor, der weiterhin einen bedeutenden Anteil an der nationalen Wirtschaft darstellt, hauptsächlich auf fossile Brennstoffe und trägt somit direkt zur Umweltverschmutzung und zum Klimawandel bei. [vi],[vii]

 

Was kommt

Wirtschaftliches Wachstum und eine aktive Abschwächung des Klimawandels lassen sich jedoch durchaus vereinbaren.

Beispielsweise ist der Elektrizitätssektor mit dem größten Wachstumspotential in Vietnam die Gewinnung von erneuerbaren Energien. Insbesondere für Solar- und Windenergie bestehen ideale Voraussetzungen. Ein Ausbau dieses Sektors würde den Energiemix in Vietnam diversifizieren, wodurch die Versorgungssicherheit erhöht und die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen reduziert würde. Neben den positiven Auswirkungen für den Naturschutz hat dieser Sektor auch das Potential, die Nachhaltigkeit des vietnamesischen Wirtschaftswachstums zu unterstützen. Die nachhaltige Energiegewinnung ist derjenige Industriezweig, der weltweit am drittmeisten ausländische Direktinvestitionen anzieht. Während die Hauptquelle der Investitionen Westeuropa - insbesondere Deutschland - ist, ist Asien-Pazifik die Region, in welche die meisten Investitionen fließen. Vietnam befindet sich schon jetzt in den Top 10 der Empfängerländer, namentlich machen Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt Platz 9 bzw. 10 auf der Liste der Städte aus, die weltweit am meisten ausländische Direktinvestitionen in nachhaltige Energieprojekte erhalten. Dieser Sektor bietet also gute Voraussetzungen, wirtschaftliches Wachstum mit Nachhaltigkeit zu verbinden und sollte deshalb von der vietnamesischen Regierung für die Entwicklung priorisiert werden.[viii]

 

 

[i] Irish Aid, Resilience and Economic Inclusion Team (2017): “Vietnam Climate Action Report for 2016”, [online] https://www.irishaid.ie/media/irishaid/allwebsitemedia/30whatwedo/climatechange/Vietnam-Country-Climate-Action-Reports-2016.pdf (01.04.2019).

[ii] National Climate Assessment (2014): “Sea Level Rise”, [online] https://nca2014.globalchange.gov/report/our-changing-climate/sea-level-rise (25.04.2019).

[iii] Socialist Republic of Viet Nam Government Portal (05.12.2011): “National strategy on climate change”, [online] http://www.chinhphu.vn/portal/page/portal/English/strategies/strategiesdetails?categoryId=30&articleId=10051283 (01.04.2019).

[iv] Vietnam Net (11.10.2018): „Vietnam needs further efforts to mitigate climate change: Experts”, [online] https://english.vietnamnet.vn/fms/environment/210037/vietnam-needs-further-efforts-to-mitigate-climate-change--experts.html (13.05.2019).

[v] Bundeszentrale für politische Bildung (15.04.2015): “Ein Problem, viele Verursacher“, [online] http://www.bpb.de/gesellschaft/umwelt/klimawandel/38474/industrie-und-entwicklungslaender (17.05.2019).

[vi] Climate Home News  (21.03.2013): „Vietnam’s climate change laws”, [online] https://www.climatechangenews.com/2013/03/21/vietnams-climate-change-laws/ (17.05.2019).

[vii] The Diplomat (20.01.2018): „Mitigating the Effects of Climate Change in Vietnam”, [online] https://thediplomat.com/2018/01/mitigating-the-effects-of-climate-change-in-vietnam/ (17.05.2019).

[viii] fDI Intelligence: „Renewable Energy Investments of the Year 2019 – the winners”, [online] https://www.fdiintelligence.com/Sectors/Alternative-Renewable-energy/fDi-Renewable-Energy-Investments-of-the-Year-2019-the-winners (23.05.2019).

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Auslandsbüro Vietnam

Über diese Reihe

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