Veranstaltungsberichte

„Die Globalisierung – eine Herausforderung für eine neue Weltordnung – und die Bedeutung der Medien“

15. Wartburg-Gespräch

mit Dr. Dr. Franz Josef Klassen, Prof. Dr. Jens Goebel, MdL (Thüringer Kultusminister), Dr. Thomas Wurzel, Prof. Dr. Wolfgang Bergsdorf, Prof. Georg-Berndt Oschatz, Prof. Dr. Otto Depenheuer, Franz Schuster, Pater Dietger Demuth CSsR, Michael Mertes, Erik Bettermann, Matthias Gierth, Dr. Helmut Herles, Peter te Reh

Eisenach, Wartburg-Hotel (25. September 2004)

Der Globalisierungsbegriff zählt zu den am härtesten umkämpften Themen der politischen Debatte. Die Fronten wirken in einem Für und Wider verhärtet, die Rede ist vom Zusammenbruch ganzer Wirtschaftsordnungen bis zur Unterdrückung der „Dritten Welt“. Der Globalisierungsbegriff stand im Mittelpunkt des 15. Wartburg-Gespräches katholischer Burschenschaften, zu dem das Bildungswerk Erfurt der Konrad-Adenauer-Stiftung in Zusammenarbeit mit der Katholischen Burschenschaft Sigfridia zu Bonn an den traditionsreichen Ort einlud: Hier fand 1817 das Wartburgfest deutscher Burschenschaften statt.

Mit Dr. Dr. Franz Josef Klassen eröffnete der Vorsitzende des vorbereitenden Komitees die Veranstaltung. Er blickte auf die vergangenen Wartburg-Gespräche zurück, verwies auf die Fragen deutscher und europäischer Einheit, die in den letzten Jahren diskutiert wurden, näherte sich zugleich dem Thema des Tages an – der Globalisierung. Kultusminister Prof. Dr. Jens Goebel, MdL, vertiefte die Aspekte in seinem Grußwort der Thüringer Landesregierung, sprach etwa die Internationalisierung des Thüringer Schulsystems an. Ein wichtiges Ziel von Schulen und Universitäten ist es, Jugendliche für die Arbeit auf dem internationalen Markt auszubilden. Die geschieht über die Vermittlung von Fremdsprachenkenntnissen, der Verbreitung internationaler Lektüre, der Vertiefung von Kontakten zu Bildungseinrichtungen im Ausland, schließlich über Projekte des Schüleraustausches oder der Kommunikation.

Dem Globalisierungsbegriff näherten sich ferner Dr. Andreas Schulze vom Bildungswerk Erfurt sowie Dr. Thomas Wurzel von der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen in kurzen Grußworten an. Letzterer sprach vom gigantischen Geldfluss in der Welt, der für den Einzelnen nur schwer zu durchschauen sei. Wenige Orte stehen als Symbole für die Entwicklungen der Finanzwelt und die Auswirkungen auf Kultur und Kunst: Frankfurt als Börsenplatz, das Euro-Land, die MOMA-Kunst, die Mailander Scala oder das Welt-Handelszentrum New York.

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Als erster Fachreferent widmete sich Prof. Dr. Harald Bergsdorf (Präsident der Universität Erfurt) der Herausforderung, die Globalisierung für Politik und Gesellschaft darstellt. Der Referent betonte, dass der Globalisierungsbegriff Anfang der 90er Jahre erstmals in der wirtschaftswissenschaftlichen Fachliteratur auftauchte und von der Medienwelt aufgegriffen wurde. Für den Beobachter entstand eine Fülle von Assoziationen: die globale Bedrohung durch ABC-Waffen, Organisierte Kriminalität, Terrorismus oder ansteckende Krankheiten auf der einen, die Zunahme von Handelsfreiheiten, Medieninformationen oder Kommunikationsstrukturen auf der anderen Seite. Als Gegenbegriff sieht Bergsdorf „Lokalisierung“: Für viele Menschen werden die nationalen/lokalen Probleme wichtiger, der globale Blick gerät in den Hintergrund. Als besondere Konfliktlinie der Globalisierungsdebatte sprach der Redner den kulturellen Aspekt an, vor allem die Gefahr eines Kulturkampfes, wie ihn einst Samuel P. Huntington postulierte. Der Referent plädierte für eine innere Differenzierung der Kulturkreise; nicht ein Weltstaat sei notwendig, sondern die Vielfalt der Kulturen.

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Prof. Dr. Georg-Berndt Oschatz stellte ethische Aspekte in den Mittelpunkt seines Vortrages. Der frühere niedersächsische Kultusminister und Bundesratsdirektor betonte, dass Globalisierung kein neuartiges Phänomen sei, sondern ein sehr langer Entwicklungsprozess, den nur die beiden Weltkriege unterbrachen. Angesichts der Reizüberflutung, die über die Medien fast in „Echtzeit“ in die Wohnzimmer dringt, mehren sich Stimmen nach einem weltweiten Verhaltenskodex. Diese Sehnsucht nach einer Weltmoral ist gepaart mit einer Forderung von Einhaltung der Menschenpflichten wie (kulturelle) Toleranz, Weltoffenheit, Gleichheit der Geschlechter, Gewaltlosigkeit. Allerdings lebt die Welt von einer Vielfalt der Kulturen, in denen es eigene Wertvorstellungen gibt. Somit wird das Weltethos nur ein Traum bleiben. Oschatz appellierte an den Einzelnen, sich selbst „in die Pflicht zu nehmen“ und Verantwortung zu tragen. Dies könne der Anfang einer globalen Ethik sein.

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Prof. Dr. Otto Depenheuer (Universität zu Köln) erörterte die rechtliche Seite. Er betonte, dass keine regionale Gruppe alleine leben könne, sondern alle in die Globalisierung eingebettet seien. Als Folge wächst die Angst, sich nicht mehr in der weiteren Umgebung auszukennen, so dass oftmals ein Rückzug in die eigene Lebenswelt erfolgt. Vor allem für in Deutschland lebende Ausländer stellt sich häufig dieses Problem, wenn sie ihre vertraute Lebenswelt des Heimatlandes nicht vorfinden. Als extreme Form gegen Globalisierung kann sich daher Fundamentalismus entwickeln. Das Recht kommt indes an seine Grenzen, denn es ist an Territorien und Staaten gebunden.

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Der frühere Thüringer Wirtschaftsminister Franz Schuster stellte die ökonomischen Aspekte der Globalisierung in den Mittelpunkt. Er hob hervor, dass sich im Zuge weltweiter Demokratisierung und Liberalisierung offene Grenzen, offene Gesellschaften und offene Märkte etabliert hätten. Vor allem bei den freien Märkten sah er den Vorteil, dass nicht mehr nur wenige Nationen wie die USA oder Japan den Wettbewerb zuließen. Stattdessen gelingt immer mehr Staaten der so genannten Dritten Welt der Anschluss. Die gilt für einstige „Schwellenländer“ wie Brasilien, für die „Tigerstaaten“ Südostasiens (z.B. Südkorea, Singapur, Malaysia) oder für die Region Indien. Für Deutschland haben diese Entwicklungen große Rückwirkungen: Es entsteht starke Konkurrenz, denn oftmals werden gleichwertige Güter zu günstigeren Preisen produziert und angeboten. Als dessen Auswirkung schrumpft allerdings die Wirtschaft in der Bundesrepublik zusehends. Viele Firmen verlagern ihre Produktion in Billiglohnländer, die Arbeitslosigkeit in Deutschland steigt, die Wachstumsraten sinken, Aufschwungphasen der Konjunktur sind nur sehr kurz.

Den ersten vier Vorträgen folgte eine erste Diskussionsrunde – sowohl auf dem Podium, in dem neben den bisherigen Referenten auch Pater Dietger Demuth CSsR (Freising) Platz nahm und die Rolle der Kirchen in der Globalisierung erörterte, als auch unter Einbeziehung des Publikums. Als Moderatoren fungierten Dr. Helmut Herles (Bonn/Berlin) und Peter te Reh (Köln). Debattiert wurden die Rolle von internationalen Organisationen wie der UNO und der Europäischen Union, bei letzterer vor allem die Stabilitätsgesetze. Auch blickten die Redner auf mögliche Institutionen des internationalen Rechts, besonders hinsichtlich deren Wirksamkeit. Ebenso wiesen die Diskussionsteilnehmer auf die zweifelhaften Vorteile hin, die sich durch die Globalisierung für den Internationalen Terrorismus ergeben, was zur größten Gefahr für die Innere wie Äußere Sicherheit heranwächst. Kurios ist hierbei, dass die Terroristen einerseits von der Globalisierung profitieren, diese andererseits zu ihrem Feindbild erklärt haben und mit ihren Anschlägen bekämpfen.

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Das Podium in der ersten Diskussionsrunde

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Der zweite Teil des 15. Wartburg-Gesprächs beschäftigte sich mit der Rolle der Medien in der Globalisierung. Michael Mertes von der dimap consult, Politik und Kommunikation GmbH berichtete über die internationale Meinungsforschung zu dieser Thematik. Insbesondere verwies er auf demoskopische Länder und Kulturvergleiche: Phänomene der Globalisierung würden von den Befragten in den einzelnen Staaten und Kulturkreisen völlig verschieden bewertet. Zugleich räumte er Risiken ein, etwa den politischen Missbrauch demoskopischer Ergebnisse. So ist vor allem das Bild der Globalisierungsgegner in den Medien als äußerst kritisch zu beurteilen, zumal die Berichterstattung zwischen den einzelnen Gruppen kaum differenziert. Hier verschiebt sich insofern das Bild, als das zur Globalisierung skeptisch eingestellte Menschen aufgrund der TV-Berichte über gewalttätige Auseinandersetzungen mit einer Minderheit der Demonstranten plötzlich zu Befürwortern der Globalisierung werden. Ähnliches kann auch umgekehrt geschehen: Der teilweise als zu brutal dargestellte Einsatz von Sicherheitskräften gegen tatsächlich gewalttätige Demonstranten führt zu einer pauschalen Ablehnung der Globalisierung.

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Erik Bettermann ist als Intendant der „Deutschen Welle“ Vertreter des „globalisiertesten“ deutschen Medienbetriebes. In seinem Referat sprach er die Bahn brechenden Veränderungen der Kommunikation in den letzten Jahrzehnten an. Heute ist die Welt ohne Fernsehen, Radio oder Mobiltelefone nicht mehr denkbar. Das Hauptinteresse der Bürger in der Medienvielfalt liegt noch immer bei Informationssendungen wie der „Tagesschau“, die trotz eines Überangebots an Infotainment noch immer größte Resonanz genießt. Kritisch setzte sich der Referent mit den großen TV-Anstalten aus dem arabischen Raum auseinander, die spätestens seit dem 11. September 2001 zu weltweiter Bekanntheit gekommen sind. Bei deren Berichterstattung fehle es oft an Objektivität, Ethos und Nachrecherchen. Beispielsweise würden Videobotschaften des gesuchten Terroristenführers Bin Laden ungekürzt gesendet. Hier steht die Frage, welche Resonanz dies bei den Zuschauern – vor allem in der islamischen Welt – hervorruft. In den Absprachen könnten beispielsweise Codes enthalten sein, die im Westen unbekannt sind. Diese Ausnutzung der Massenmedien könnten somit Teil der Kommunikationsstruktur eines Terrornetzwerkes sein.

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Matthias Gierth vom „Rheinischen Merkur“ äußerte sich über weltweit verzweigte Medienimperien. Täglich würden mehr als 22 Millionen Zeitungen verkauft, wenngleich es seit den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts immer stärkere Konzentrationsprozesse im bereich der Printmedien gebe. Heute sind bundesweit nur noch 120 Vollredaktionen zu finden. Der größte Medienkonzern ist der Axel-Springer-Verlag mit einem Marktanteil von 24 Prozent. Ihm folgen mit großem Abstand die WAZ-Gruppe sowie der Verlag Stuttgarter Zeitung. Auffällig ist in parteipolitischer Hinsicht, dass die SPD sehr große Anteile an Zeitungen hält und somit über ein weit verzweigtes Netz von politischem Einfluss auf die Medienlandschaft verfügt. In manchen Regionen gibt es einen klar überproportionalen Anteil von SPD-Zeitungen, etwa in Oberfranken und Thüringen. Dies ist nicht zuletzt auf die fehlende Konkurrenz bei Lokalzeitungen zurückzuführen – oftmals gibt es in den Kommunen nur ein Presseorgan. Als größtes Probleme auf dem Zeitungsmarkt nannte Gierth die massiven Kürzungen angesichts der seit Jahren rückgängigen Auflagen- und Anzeigenzahlen. Regionale Zeitungen können sich kaum noch Korrespondenten leisten, auch bei den großen Blättern ist ein entsprechender Trend festzustellen. Die Folge davon ist, dass eine objektive Berichterstattung immer weiter zurück geht, dass entweder aus Nachbarländern berichtet wird oder dass die Redaktionen fertige Texte der Nachrichtenagenturen übernehmen.

Im Anschluss an Gierths Referat folgte die zweite Diskussionsrunde, an der sich im Podium auch Georg Khoury beteiligte. Dieser ist als Redakteur der „Deutschen Welle“ für den arabischen Raum zuständig und berichtete über die Auswirkungen der medialen Globalisierung auf diese Region. Eine Ursache für den gegenwärtigen Konflikt, der sich in Terroranschlägen entlädt, sieht er in der Konfrontation Arabiens mit der Moderne. Es kommt zur Debatte zwischen Modernisten und Fundamentalisten, wobei letztere die USA als Verursacher allen Übels ansehen. Weitere Diskussionspunkte waren Vorschläge für eine unabhängige Instanz für Qualität im Journalismus, die Zusammenhänge von Objektivität und journalistischem Genre (etwa die Vermischungen beim Gegensatz Bericht – Kommentar), die Angst vor politisierendem Journalismus und nicht zuletzt die Frage, ob sich letztlich nicht doch der seriöse Journalismus gegenüber dem Infotainment durchsetzt.

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Über diese Reihe

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