Veranstaltungsberichte

30 Jahre Friedliche Revolution – 30 Jahre Mauerfall

von Brigitta Triebel
Freya Klier zu Gast in Duderstadt, Langenhagen und Celle

Dieses Jahr feiern wir 30 Jahre Friedliche Revolution und 30 Jahre Mauerfall! Dem doppelten Jubiläum widmeten wir eine Veranstaltungsreihe mit Schulen und mit Diskussionsabenden für ein breiteres Publikum. Begleitet hat uns Freya Klier, die sich in der DDR-Opposition engagiert hat und die sich bis heute als Regisseurin und Autorin in vielen Dokumentarfilmen und Büchern mit der deutsch-deutschen Geschichte auseinandersetzt. Sie ist auf unserer Tour quer durch Niedersachsen mit Schülerinnen und Schülern, interessierten Bürgerinnen und Bürgern über die DDR und ihr Ende ins Gespräch gekommen. Dabei standen die Gesellschaft und der Alltag in dem sozialistischen Staat im Mittelpunkt: In Duderstadt thematisierten wir die Rollen und Bilder von Frauen in der DDR, in Hannover erzählte Freya Klier ihre Erfahrungen im Bildungs- und Schulsystem und in Celle fragten wir die Zeitzeugin nach der Lebenswirklichkeit in den späten 1980er Jahren.

Unsere Reise begann im Süden Niedersachsens. Im Ursulinenkloster in Duderstadt stellten wir die Frage „Waren Frauen in der DDR gleichberechtigt?“ und griffen damit ein Thema auf, das bis heute häufig und mitunter leidenschaftlich diskutiert wird.

 

Rechtliche Gleichstellung ja, gesellschaftliche Gleichberechtigung nein

 

Freya Klier präsentierte den knapp 30 Gästen zunächst Ihren Film „Wenn Mutti früh zur Arbeit geht“, den sie zusammen mit ihrer Tochter Nadja Klier produziert hat. Darin wird vor allem die Rolle der Frau in der DDR beleuchtet und das gängige Klischee der selbstbewussten Mutter hinterfragt, die dank der vom Staat gesteuerten Kinderbetreuung locker Familie und Beruf unter einen Hut bringt. Rechtlich waren Frauen den Männern in der DDR gleichgestellt, denn seit 1949 hatte die Gleichberechtigung der Geschlechter Verfassungsrang. Freya Klier stellte jedoch klar: „Es gab zwar überall in der DDR ganztägige Kinderbetreuung, aber die Krippen glichen eher überfüllten Abstelleinrichtungen. Außerdem gab es zu wenig Personal, das unter diesen Bedingungen oft völlig überfordert war.“ Der Staat habe auf die Arbeitskraft der Frauen nicht verzichten können, doch in der Familie habe es kaum Unterstützung durch die Männer gegeben, sagte Klier. Nach dem Schichtdienst musste die Frau die Kinder aus den Betreuungseinrichtungen abholen, Schlange stehen beim Einkaufen, Essen kochen, Kinder versorgen. Die Bürgerrechtlerin sah in dieser Situation die Gründe für eine hohe Abtreibungs- und Scheidungsrate in der DDR.

 

Frauenbilder stetig hinterfragen

 

Ihre Perspektive führte im Anschluss zu Nachfragen und einer regen Diskussion, die Mira Keune Leiterin des Grenzlandmuseums Eichsfeld, moderierte. In der Debatte wurde das Bild der Frau in Ost und West von der Nachkriegszeit bis zum Mauerfall verglichen. Auch im Westen gab es die Doppelbelastung für Frauen, meinten einige der Gäste. Emanzipation habe in der Bundesrepublik jedoch bedeutet, dass die Frauen selbst für mehr Gleichberechtigung gekämpft haben. Im Osten sei vom Staat die Frauenarbeit gefördert worden, jedoch wurden höhere Positionen fast ausschließlich von Männern besetzt. Dafür waren die Frauen im Falle einer Scheidung in der DDR wegen ihrer Berufstätigkeit auch schon in früheren Jahrzehnten besser abgesichert. Mira Keune schloss die Veranstaltung mit dem Appell, Frauenbilder auch heute stetig zu hinterfragen.

 

Die Demokratie bewahrt sich nicht von alleine

 

In der Volkshochschule Langenhagen gestalte Freya Klier und Anette von Stieglitz, die Leiterin der VHS Langenhagen, einen überaus abwechslungsreichen Abend mit 60 Gästen. Freya Klier schilderte ihr Leben in der Diktatur. Sie kam dabei ins Gespräch mit weiteren Zeitzeugen, die in ganz unterschiedlicher Weise persönlich von der Teilung Deutschlands betroffen waren. Ein Herr erzählte beispielsweise davon, wie er seine Ausreise im Zug aus der Prager Botschaft in die Bundesrepublik erlebt hat. Freya Klier gelang es immer wieder, die Ebenen zwischen den Berichten über die eigene Geschichte und der Betrachtung struktureller Phänomene zu wechseln. Die Veranstaltung zog Gäste ganz verschiedener Altersgruppen an. Jugendliche des zehnten Jahrgangs am Gymnasium saßen ebenso im Zuschauerraum des VHS-Treffpunktes wie Gäste, die sich selbst noch gut an das Jahr 1989 erinnern konnten. Freya Klier schloss den Abend, der dank einer Kooperation mit der VHS Langenhagen zustande gekommen ist, mit der eindringlichen Mahnung, sich für unsere Demokratie einzusetzen und wachsam gegenüber populistischen wie totalitären Strömungen zu sein.

 

Du sollst dich erinnern!

 

In Celle sprach Freya Klier über den Herbst 1989, den Mauerfall und die Jahre der Transformation in Ostdeutschland. Die heutige Autorin und Regisseurin begann im Jahr 1986, der Kernreaktorunfall in Tschernobyl, den die DDR-Nachrichten zunächst völlig ignorierten und später unverantwortlich herunterspielten. Als es plötzlich Früchte und Obst in ungewohnter Fülle zu kaufen gab sowie Fleisch und Milchprodukte aus Gebieten, die im Westen wegen der Strahlenbelastung keiner mehr kaufen mochte. Damals hat Freya Klier in der Friedensbewegung angefangen, Unterschriften gegen Atomkraft zu sammeln. Sie sprach von ersten spürbaren Rissen im System. Die Welle von „Republikflucht“ über andere sozialistische Staaten begann. Die Bürgerrechtlerin berichtet von gezielten Falschmeldungen und Propaganda, von Denunziation und Inhaftierung. Sie sprach auch über die Zeit nach dem Mauerfall, als die Möglichkeit bestand, in Stasi-Akten zu sehen, und das Ausmaß von Bespitzelung, Überwachung und Kontrolle erst wirklich sichtbar wurde. Freya Klier erwähnt auch die Kreise in der SED, die noch schnell Berge von belastenden Akten vernichten konnten und sich etliches vom Volksvermögen zu eigen machten. Vor 60 Gästen gab Freya Klier einen Einblick in das bis zuletzt diktatorische und gewaltbereite System und in das engmaschige Netzwerk zwischen Macht und Ohnmacht, Korruption und Beziehungen, Manipulation und Ahnungslosigkeit.

 

Freya Klier zu Gast an Schulen in Duderstadt, Hameln, Celle, Helmstedt und Hannover

 

An fünf niedersächsischen Schulen stellte Freya Klier die Frage „Was war die DDR?“ Sie besuchte das Eichsfeld-Gymnasium in Duderstadt, das Viktoria-Luise-Gymnasium in Hameln, das Königin-Luise-Gymnasium in Celle und die Berufsschule in Helmstedt sowie die Berufsschule 2 in Hannover.

Anhand von Filmen, Zeitzeugengesprächen, Rollenspielen und Lesungen arbeitete die Zeitzeugin mit den Schülerinnen und Schülern die Unterschiede zwischen der diktatorischen Willkürherrschaft und demokratischen Freiheiten heraus. Freya Klier, die 1950 in Dresden geboren wurde, verknüpfte immer wieder ihren persönlichen Lebensweg, der von Fluchtversuchen, Inhaftierungen und Repressionen gezeichnet war, mit den politischen Entwicklungen in der DDR.

Freya Klier zeigte in den Workshops ihre gedrehten Filme, die von geglückten und fehlgeschlagenen Fluchtversuchen berichten oder herausgehobene Ereignisse, wie den 17. Juni 1953, anhand von einzelnen Schicksalen rekonstruieren. In den Workshops motivierte Freya Klier die Schülerinnen und Schüler sich intensiver mit der zweiten deutschen Diktatur im 20. Jahrhundert zu beschäftigen und sie keineswegs zu verharmlosen. Denn das Verständnis von der deutsch-deutschen Vergangenheit hilft, die gesamtdeutsche Gegenwart zu verstehen.

Über diese Reihe

Die Konrad-Adenauer-Stiftung, ihre Bildungsforen und Auslandsbüros bieten jährlich mehrere tausend Veranstaltungen zu wechselnden Themen an. Über ausgewählte Konferenzen, Events, Symposien etc. berichten wir aktuell und exklusiv für Sie unter www.kas.de. Hier finden Sie neben einer inhaltlichen Zusammenfassung auch Zusatzmaterialien wie Bilder, Redemanuskripte, Videos oder Audiomitschnitte.