Veranstaltungsberichte

Adenauer und de Gaulle – europäische Giganten

Zeitzeugengespräch 50 Jahre nach der Unterzeichnung des Élysée-Vertrags

Mit zum Teil sehr persönlichen Erinnerungen haben Zeitzeugen auf die Entstehungsgeschichte des Élysée-Vertrages zurückgeblickt. Der Vertrag war vor 50 Jahren am 22. Januar 1963 von Konrad Adenauer und Charles de Gaulle unterzeichnet worden.

Einige Monate davor, im September 1962, war de Gaulle quer durch die Bundesrepublik gereist, um – sehr charmant - für eine Aussöhnung und Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Frankreich zu werben. Egal, wo er auftrat, wurde er von den Menschen frenetisch empfangen. Als „unglaublich“ beschreibt Michel Anfrol, Vorsitzender der Freunde der Charles-de-Gaulle-Stiftung und damals Berichterstatter, rückblickend die Situation. Die Reise sei für de Gaulle „ganz und gar ungewöhnlich gewesen“. Als Soldat hatte de Gaulle in beiden Weltkriegen gegen die Deutschen gekämpft und später in Gefangenschaft in Bayern schlimme Erfahrungen gemacht. „Er empfand gegenüber Deutschland nichts Gutes. Auch wegen der Deportation seiner Familie“, so Anfrol. Doch vielleicht, und das war für die meisten Zuhörer in der bis auf den letzten Platz gefüllten Akademie neu, war de Gaulle tief in seinem Herzen den Deutschen viel näher als man bisher wusste, hatte er doch badische Wurzeln. Sein Urgroßvater, Ludwig Kolb, entstammte dem Stuttgarter Raum.

Konrad Adenauers gleichnamiger Enkel berichtete, dass sich sein Großvater und de Gaulle auf Anhieb verstanden hätten. 1958 lernten sie sich in Paris kennen. Adenauer sei mit etwas bangen Gefühlen aufgebrochen, erwartete er doch einen alten grollenden General. Zurück in Bonn, sei er ähnlich inspiriert gewesen wie „nach der Berührung einer Reliquie“. Eine wunderbare Männerfreundschaft war geboren. Adenauer, 1962 gerade einmal 17 Jahre alt, erinnert sich noch gut an den dann folgenden Deutschlandbesuch de Gaulles. Wie ein „Magnet“ habe er „die Stimmen und Seelen der Menschen“ angezogen. „Völlig zu Recht werden diese großen Staatsmänner von beiden Völkern gleichermaßen bis heute verehrt. Sie waren Giganten und alles andere als Schönwetterpiloten“.

50 Jahre danach, so scheint es, sind einige dunkle Wolken am Himmel zwischen Berlin und Paris aufgezogen. Die Freundschaft zwischen Deutschland und Frankreich gaukle die Illusion der Nähe vor, so der Botschafter a.D. Joachim Bitterlich in einer zweiten Gesprächsrunde über die Zukunft der Beziehungen, die so nicht mehr vorhanden sei. „Kennen wir wirklich noch einander?“, so seine kritische Frage. Er habe beobachtet, dass der rote verbindende Faden vor ungefähr zehn bis fünfzehn Jahren abhanden gekommen sei. Heute seien „in einigen Bereichen die Gräben zu groß geworden“. Zudem sei der Élysée-Vertrag, entstanden unter dem Eindruck der Bedrohung durch die Sowjetunion, heute ein Stück weit aus der Zeit gefallen, ist die weltpolitische Lage doch heute eine völlig andere. Bitterlich sagte: „Wir können stolz auf das Erreichte sein. Jetzt müssen wir aber den Mut aufbringen auszusprechen, was wir tun können, um den Vertrag in eine sichere Zukunft zu führen.“ Das bedeute zum Beispiel, dass Frankreich Europapolitik neu lernen müsse, gerade in Bezug auf Polen oder, wie Roland Freudenstein vom Zentrum für Europäische Studien in Brüssel ergänzte, dass es niemals wieder eine anti-westlich ausgerichtete Allianz Paris-Berlin-Moskau wie noch 2003 während des Irak-Kriegs geben dürfe.

Am Vortag hatte anlässlich des Jubiläums Jean-François Copé, Vorsitzender der UMP und Mitglied der Assemblée Nationale, über das Verhältnis von Frankreich und Deutschland gesprochen.

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