Veranstaltungsberichte

Das deutsche Krokodil in Südamerika

von Dorothee Löffler
VERANSTALTUNGSREIHE MIT IJOMA MANGOLD
Vom 23.-27.April 2018 organisierte das Auslandsbüro Chile eine Serie von Veranstaltungen mit dem Buchautor und Literaturkritiker, Ijoma Mangold, welcher auf Einladung der KAS nach Chile reiste, um sein Buch "Das deutsche Krokodil" vorzustellen und im Rahmen von öffentlichen Diskussionsrunden aktuelle Themen zu besprechen.

Die KAS Chile führte eine Veranstaltungsreihe mit dem deutschen Autor und Literaturkritiker, Ijoma Mangold, durch. Dieser nahm im Rahmen des Festivals „La Diáspora“ an zwei öffentlichen Gesprächsrunden zu den Themen „Nationale Mentalität und Kulturtransfer in Einwanderungsgesellschaften“ und „Fake News bei der Berichterstattung über Migration“ an der Universität Andrés Bello teil. Außerdem las und erzählte er an vier Deutschen Schulen des Landes aus seinem autobiographischen Roman „Das deutsche Krokodil“.

Im Gespräch mit dem renommierten Fernsehmoderator und Architekten, Federíco Sánchez, zeigte sich Mangold – gleich zu Beginn der Veranstaltungsreihe – von seiner intellektuell-philosophischen Seite. Es ging weit über seine persönliche Geschichte, die im „Krokodil“ beschrieben wird, hinaus, über Themen wie Identitätsbildung, Assimilation, Kulturtransfer in einer globalisierten Welt und Rassismus. Mit diesen Themen beschäftigt sich die chilenische Bevölkerung und Politik im Augenblick mehr denn je; das Land erlebt derzeit eine erhöhte Einwanderung aus süd- und zentralamerikanischen Ländern. Kultur- und Einwanderungsfragen stehen auf der politischen und medialen Tagesordnung. Erst am 8. März veröffentlichte Präsident Sebastián Piñera seinen Vorschlag zur Reform des Migrationsgesetzes. Die Zuhörer im gefüllten Fernsehstudio der Universität waren begeistert vom anregenden Austausch zwischen den beiden Persönlichkeiten. Auch der deutsche Botschafter in Chile, Rolf Schulze, bezeichnete die Veranstaltung als inspirierend.

Assimilation - ja oder nein?

Für den Buchautor stellte sich eigentlich nie die Frage, ob er assimiliert sei oder nicht, denn Assimilation finde, so Mangold, nur statt, „wenn Sie eine gelebte Herkunftskultur haben, die Sie geprägt hat und die Sie über Bord werfen, um in der neuen Gesellschaft, der Mehrheitsgesellschaft, in der Sie leben, anzukommen." Generell steht Mangold einer zu starken Assimilation kritisch gegeben über. Nichts desto trotz machte er die Erfahrung, durch Sprache ein Zugehörigkeitsgefühl zu schaffen. Der Autor beschreibt weiter, dass er als Jugendlicher versuchte, sein exotisches Aussehen durch besonders gestochenes Hochdeutsch zu kompensieren.

Der Frage des Moderators Sánchez, ob Identität gleichgesetzt werden könne mit Sein, widerspricht der gebürtige Heidelberger. Er verstehe Identität vielmehr als eine Kategorie des Werdens, das sei Spielerischer und eröffne mehrere Optionen.

Die Kultur ist die zweite Natur

Kultur unterscheide sich von Natur dadurch, dass man sie wie eine zweite Haut an- aber auch wieder ausziehen könne, so der Schriftsteller. „Wir sind Kultur nicht in gleicher, schicksalhafter Weise ausgeliefert, wie wir der Natur ausgeliefert sind. Meine Natur kann ich nicht ändern, aber in der Kultur werden die Dinge etwas flüssiger, da können wir mitbestimmen. Nicht in völliger Freiheit, aber wir können sie durch Sprache modellieren.“

Bei der ebenfalls gut besuchten Diskussionsrunde am darauffolgenden Tag zum Thema „Fake News bei der Berichterstattung über Migration“ mit dem neuen Leiter der chilenischen Ausländerbehörde, Álvaro Bellolio, war die teilweise unbequeme Sichtweise des deutschen Gastes auf aktuelle Migrationsbewegungen -europa- und weltweit - sehr eindrücklich für das anwesende, überwiegend studentische Publikum. Mangold fand beispielsweise klare Worte in Bezug auf die Gewinner bzw. Verlierer der Globalisierung des 21. Jahrhunderts. Zum Thema „Fake News“ machte Mangold deutlich, dass die traditionellen Medien in Deutschland große Konkurrenz durch Socialmedia wie Facebook und Twitter, also durch direkte Berichterstattung jedes Internet-Nutzers, bekommen haben und „die“ Wahrheit gar nicht mehr so leicht wie früher kategorisierbar sei.

An den Lesungen in Santiago, Valparaíso und Valdivia nahmen insgesamt rund 400 Schülerinnen und Schüler, Lehrpersonal und sogar einige Eltern teil, welche allesamt großes Interesse am Gast aus Deutschland zeigten. Mangold las Passagen und unterhielt das Publikum mit Anekdoten aus seiner Kindheit und Jugend, in denen er beschreibt, wie es war, in den siebziger Jahren als offensichtlich anders aussehendes "Mischlingskind" mit einem fremd klingenden Namen und ohne Vater in der Bundesrepublik aufzuwachsen.

Für etliche der Schülerinnen und Schüler an den Deutschen Schulen Chiles sind Erfahrungen des „Sich-Fremdfühlens“ ein Thema, welches auch sie persönlich heute in Chile beschäftigt. Daher wurden die Frage- und Diskussionsrunden im Anschluss an jede Lesung sehr gut von den Jugendlichen angenommen. Die Oberstufenklassen wurden im Voraus eingehend auf den Besuch Mangolds vorbereitet, sodass teils ganz persönliche Fragen, sowie konkrete Fragen zur Entstehung des Buches und zum Dasein als Schriftsteller, bis hin zu philosophischen Fragen zur Identitätsentwicklung gestellt wurden. Durchweg entstand ein bereichernder Austausch zwischen Schülerschaft und Autor.

Eine gelungene Veranstaltungsreihe, die ihre Spuren am anderen Ende der Welt hinterlassen hat. Hoffentlich wird „Das deutsche Krokodil“ noch ins Spanische übersetzt, damit unsere chilenischen Freunde auch das Vergnügen haben, dieses unterhaltsame und zugleich kulturell wertvolle Buch zu lesen.

Über diese Reihe

Die Konrad-Adenauer-Stiftung, ihre Bildungsforen und Auslandsbüros bieten jährlich mehrere tausend Veranstaltungen zu wechselnden Themen an. Über ausgewählte Konferenzen, Events, Symposien etc. berichten wir aktuell und exklusiv für Sie unter www.kas.de. Hier finden Sie neben einer inhaltlichen Zusammenfassung auch Zusatzmaterialien wie Bilder, Redemanuskripte, Videos oder Audiomitschnitte.