Veranstaltungsberichte

Der Status der arabischen Sprache in Israel

Linguistische Politik, Sprache und Identität
Im Rahmen des Programms der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) für jüdisch-arabische Kooperationen organisierte die KAS an der Tel Aviv Universität die Konferenz „Der Status der arabischen Sprache in Israel: Linguistische Politik, Sprache und Identität“. Dieses Thema betrifft die ganze israelische Gesellschaft und stieß daher auf großes Interesse, was sich in der hohen Teilnehmerzahl widerspiegelte.

Bei der Eröffnung der Konferenz überreichte Prof. Uzi Rabi, Direktor für Jüdisch-Arabische Kooperationen an der Tel Aviv-Universität, Dr. Lars Hänsel, Direktor der KAS Israel, eine Auszeichnung im Namen der Fakultät für Geisteswissenschaften der Tel Aviv-Universität. Mit dieser Auszeichnung möchte sich die Tel Aviv-Universität bei Dr. Lars Hänsel für sein großes Engagement im Rahmen des KAS-Programms in den letzten sechs Jahren bedanken.

In den vergangenen Jahren hatten Kritiker in Kreisen israelisch-arabischer Gemeinden vermehrt die Sorge ausgedrückt, dass eine erhöhten Tendenz bei arabischen Bürgern, vor allem bei Heranwachsenden und jungen Erwachsenen, zu beobachten sei, hebräische Phrasen in das gesprochene Arabisch fließen zu lassen. Zum Teil würde sogar eher Hebräisch als Arabisch in Alltagssituationen gesprochen werden. Kritiker warnen, dass dieser Prozess den Status der arabischen Sprache innerhalb der arabischen Bevölkerung in Israel gefährden würde. Aufgrund der Tatsache, dass die arabische Sprache eine wichtige Komponente der arabischen Identität in Israel ist, verkörpern Bedenken bezüglich des Schicksals der arabischen Sprache eine größere Besorgnis um das Schicksal der arabischen Identität im Staate Israel.

Darüber hinaus hatte der rechte politische Flügel in der Knesset während der letzten Dekade immer wieder verschiedene Gesetzentwürfe eingereicht, die darauf zielten, Hebräisch den Status als einzige offizielle Landessprache zu verleihen. Solch eine Gesetzgebung würde der arabischen Sprache seiner offiziellen Rolle im Staat berauben. Diese Initiativen werden von linken israelischen sowie arabischen Knesset-Mitgliedern als Versuch gesehen, die bestehende Diskriminierung gegen israelisch-arabische Bürger zu institutionalisieren. Von der politischen Arena bis hin zu Basisorganisationen hat sich das Thema der arabischen Sprache und dessen Status in Israel zu einem hitzig diskutierten und politisierten Debattenthema entwickelt.

Dennoch gibt es auch einige erwähnenswerte Ansätze, deren Ziel es ist, den Status der arabischen Sprache in Israel zu stärken. Basierend auf einem von der Knesset verabschiedetem Gesetz wurde im Januar 2008 die Akademie der Arabischen Sprache (Majma’ al-Lughah al-’Arabiyya) gegründet. Zusätzlich wurde im Rahmen einer anderen Initiative die Etablierung einer neuen, akademisch zertifizierten Institution in Galiläa angekündigt, bei der die Unterrichtssprache Arabisch sein wird. Ferner kündigte der israelische Bildungsminister Gideon Saar im Dezember 2009 an, dass er die Position des arabischen Schulsystems im israelischen Staat wieder stärken möchte, indem der Status der arabischen Sprache wieder verbessert wird.

Die Teilnehmer der Veranstaltung stammten aus verschiedenen israelischen akademischen Institutionen sowie einer Reihe von israelischen Ministerien, die sich alle mit der Benutzung und dem Status der arabischen Sprache beschäftigen. Sie bearbeiteten eine Vielzahl von Themen, die die jetzigen Herausforderungen arabisch sprechender Menschen, aber auch insbesondere Lehrer und Politiker in Israel darstellen. Prof. (Emeritus) Yaakov Landau der Hebräischen Universität Jerusalem hielt die programmatische Rede der Veranstaltung. Er hob besonders die Rolle der Sprache im Prozess der Bildung einer nationalen Identität hervor. Dabei verglich er die Situation arabischer Jugendlichen in Israel und deren Gegenpart in Gebieten der ehemaligen Sowjetunion, besonders in Usbekistan, Kirgisien, Turkmenistan und Kasachstan. An diesem Beispiel erläuterte Prof. Landau die oft existierenden Spannungen zwischen der „Staatssprache“, die von oben eingeführt wurde und der „Nationalsprache“, die von der Minderheit gesprochen wird, die sich nicht mit den staatlichen definierten Eigenschaften der Staatsbürger identifiziert. Im Falle Israel, in dem Arabisch und Hebräisch beide offiziellen Sprachen sind, ist jedoch die Stellung der jeweiligen Sprache im Bildungssystem sehr unterschiedlich. Beispielsweise ist Hebräisch die vorherrschende Sprache im Unterricht und bei Klausuren. Prof. Landau gab zudem an, dass in der ganzen Welt nur in „Finnland eine wirkliche Gleichheit zwischen zwei Sprachen vorzufinden ist.“

Das erste Panel mit dem Titel „Die arabische Sprache in einem jüdischen Staat“ informierte das Publikum über den aktuellen offiziellen sowie inoffiziellen Status der arabischen Sprache im Staat. Die Panel-Teilnehmer sprachen über drei Themen. Zum einen die Rolle der Regierung bei der Aufrechterhaltung und Förderung des Gebrauchs der arabischen Sprache. Zum anderen über die aktuelle Präsenz der arabischen Sprache in der physikalischen Landschaft des Staates. Als drittes Thema wurden Methoden evaluiert, die darauf zielen Hebräisch sprechenden Menschen Arabisch beizubringen. Dr. Shlomo Alon vom Bildungsministerium hatte den Vorsitz der ersten Diskussionsrunde inne und legte die Tatsache dar, dass das Hebräische im israelischen Erziehungssystem eine dominante Stellung gegenüber dem Arabischen einnimmt. Trotzdem ist er optimistisch, dass anhaltende Reformen und Bemühungen zur Veränderung der aktuellen Situation den Gebrauch der arabischen Sprache verbessern könnten. Zudem sei es wichtig, Arabisch nicht mehr als Fremdsprache, sondern als zweite Muttersprache zu sehen. Dr. Meital Pinto vom Carmel Academic Center in Haifa stimmte Dr. Alons Forderungen nach Reformen zu und betonte zudem noch wie wichtig die Etablierung eines Diskurs sei, der sich mit Sprachrechten beschäftigt. Sie unterstrich, dass die Freiheit des Sprachgebrauchs, vor allem das Recht als Teil einer Minderheit die Muttersprache zu sprechen, lernen und zu leben genauso wichtig seien in einer demokratischen Gesellschaft, wie die Religions- und Meinungsfreiheit.

Prof. Elana Shohamy der Tel Aviv Universität stellte dem Publikum das Konzept der “Linguistischen Landschaft” vor sowie dessen Implikationen für die Funktion der gesprochenen Sprach ein einer gegebenen Gesellschaft. In Israel reicht ein Blick auf die Straßen- sowie Ladenschilder und der darauf zu lesenden Sprache, um eine „diskursive Konstruktion von Platz und Raum zu offenbaren“, so Prof. Shohamy. Beim Gang durch die verschiedenen Gemeinden in Israel sei es einfach zu erschließen, ob die dort lebende Menschen hebräisch- oder arabisch sprechend seien oder ob über die gleichzeitige Benutzung beider Sprachen verhandelt werde. Theoretisch, so Prof. Shohamy, gehöre der öffentliche Raum allen Mitgliedern der Gesellschaft, doch in Zeiten von Globalisierung, „Metrolinguistik“ und linguistischen Enklaven offenbare der öffentliche Raum die verschiedenen Spaltungen innerhalb einer Gesellschaft. Im Falle Israel würde dies eine linguistische Politik benötigen, die die Abwesenheit der linguistischen Inklusion im öffentlichen Raum von arabisch- und hebräisch sprechenden Gemeinden adressiert.

Dr. Alon Fragman des Beit Berl Academic College präsentierte die Ergebnisse seiner Forschung, die den Arabisch-Unterricht an hebräischen Schulen untersuchte. Von einer sprachwissenschaftlichen Sichtweise lässt sich sagen, dass die Unterschiede in den Strukturen und der Aussprache der arabischen Sprache die Hebräisch sprechenden Studenten herausfordert. Dr. Fragman stellte die Frage, ob es wichtig sei, gesprochenes oder klassisches Arabisch den Hebräisch sprechenden Studenten beizubringen. Er führte weiter aus, dass ein Grund für die Teilung zwischen diesen zwei linguistischen Gemeinden deren Unvermögen sei, miteinander zu kommunizieren. Obwohl die meisten Arabisch-sprechenden Menschen auch Hebräisch können, könnte mehr Vertrauen aufgebaut werden, indem mehr Hebräisch-Sprecher Arabisch lernen.

Das zweite Panel konzentrierte sich auf das Thema „Sprache und Identität in der arabischen Gesellschaft in Israel“. Hier hatte Dr. Khaled Abu Asbeh den Vorsitz, seines Zeichens Direktor des Massar Research and Planning Institute und Dozent am Beit Berl Academic College. Dieses Panel beschäftigte sich mit arabischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen, deren Ausbildung in Hebräisch und Arabisch sowie ihren sozialen, ökonomischen und kulturellen Erfahrungen in einer hauptsächlich Hebräisch sprechenden Gesellschaft. Die arabisch-sprechenden Bürger seien, so Dr. Asbeh, de facto gezwungen eine Balance zwischen seiner arabischen Muttersprache und der dominanten Staatssprache Hebräisch zu finden. Er betonte die Notwendigkeit eines bürgerlichen Diskurses über das Thema Sprache, um die Kooperationen zu erhöhen sowie um ein besseres Verständnis zwischen Israels Arabern und Juden zu schaffen.

Die Diskussion über die Korrelation zwischen und Identität führte dann Dr. Abdul Rahman Mar’i des Beit Berl Academic College weiter. Er merkte an, dass es sogar in Israel Differenzen zwischen den Arabisch sprechenden Gemeinschaften gibt, abhängig von deren geographischer Aufteilung oder religiöser Angehörigkeit. Dies gestalte die schon jetzt komplexe Situation noch schwieriger. Dr. Mar’i lenkte zudem die Aufmerksamkeit des Publikums auf zwei Trends innerhalb der arabisch-sprechenden Bevölkerung. Zum einen wählen viele Arabisch-Sprecher neuerdings hebräische Namen. Diese Vorfälle spiegeln in seinen Augen den Wunsch oder die Berechnung wieder, als Teil der mehrheitlichen Bevölkerung anerkannt werden zu wollen. Zum anderen sei ein größerer Widerstand zu beobachten, sich mit dem Staat Israel zu identifizieren und sich vielmehr als Araber und Palästinenser zu sehen und nicht als Arabischer-Israeli. Dr. Mar’i widmete einen Teil seiner Ausführungen den Labels, den die Araber von hebräisch sprechenden Israelischen erhalten. Diese haben sich im Laufe der Staatsgeschichte geändert (normalerweise aufgrund von Krieg und Frieden). Zudem führte er auch aus, wie diese Labels die Möglichkeit der Araber beeinflussen in der israelischen Gesellschaft zu partizipieren und zu interagieren.

Dr. Mahmud Kayyal der Tel Aviv-Universität lenkte die Diskussion hin zu den internen arabischen Politiken bezüglich der arabischen Sprache in arabisch sprechenden Gesellschaften. Dr. Kayyal betonte, dass die ganze arabisch-akademische Welt im Moment mit den Schwierigkeiten einer Koexistenz des gesprochenen und literarischen Arabisch kämpfe. Die Prozesse der Globalisierung und Modernisierung würden dazu beitragen, dass sich das gesprochene Arabisch kontinuierlich weiter entwickelt und Akademiker versuchen einige universale Sprachstandards zwischen Institutionen aufrechtzuerhalten. Unglücklicherweise sind, obwohl die Akademie der Arabischen Sprache in Israel gegründet wurde, ähnliche Institutionen in Nachbarländern nicht bereit, Bildungsinitiativen gemeinsam zu koordinieren aufgrund von politischen Gründen. Zudem müssen mehr arabisch sprechende Studenten dazu ermutigt werden, Arabisch auf einem akademischen Level zu studieren, sodass diese Studiengänge auch in Zukunft existieren. In diesem Zusammenhang könnte der Staat Israel hilfreich sein, wie zum Beispiel bei der Finanzierung solcher Studiengänge oder bei der Bezahlung von Stipendien für Arabisch-Studenten. Doch verhindern Budgetkürzungen im Bereich Bildung oftmals solche positiven und vielversprechenden Initiativen.

Mohanad Mustafa von der Universität Haifa besprach drei Trends, die die größten Hindernisse für besser ausgebildete Arabisch-Sprecher in Israel darstellen. Erstens, so Mustafa, sei seit der zweiten Intifada der Graben zwischen der arabisch sowie der hebräisch sprechenden Bevölkerung in Israel gewachsen, was allgemein der Bevölkerung in Israel schaden würde. Zudem verlassen sich immer weniger arabisch sprechende Gemeinden seit der Ausbreitung und des Erfolgs der Telekommunikation in arabischer Sprache auf hebräische Medien. Dies führe dazu, dass immer mehr Menschen die arabischen Medienprogramme bevorzugen würden. Zweitens würde Hebräisch, auch wenn es in arabisch sprechenden Gemeinden gelehrt würde, immer mehr als Fremd- und nicht als Zweitsprache angesehen, die für den privaten sowie beruflichen Erfolg nötig sei. Drittens zeigen Mustafas Forschungsergebnisse, dass aufgrund des Widerstands Hebräisch zu lernen und dem Fehlen von arabischen Lernmaterialien auf allen Bildungsebenen, sich eine arabisch sprechende Gemeinschaft entwickelt, die weder gut Arabisch noch Hebräisch schreiben kann. Folglich legt die Identitätspolitik beim Gebrauch des Hebräischen vielmehr weitere Steine in den Weg der arabisch sprechenden Gemeinschaft und deren Anstrengungen politische sowie ökonomische Gleichheit mit ihrem hebräisch sprechenden Gegenüber zu erreichen.

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass die Konferenz Diskussionsmöglichkeiten zu sensiblen linguistischen Policy-Themen suchte und den Fall Israels mit ähnlichen weltweiten Beispielen verglich sowie die Themen von Identität und Sprache in arabischen Gemeinden in Israel behandelte.

Über diese Reihe

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