Veranstaltungsberichte

Infrastruktur und Armut in Lateinamerika

Internationales Seminar
Im Rahmen der Arbeit des Forschungsnetzwerkes „Desafíos para las Políticas Sociales en América Latina“ (Herausforderungen an die Sozialpolitik in Lateinamerika) der Konrad-Adenauer-Stiftung wurde das Seminar „Infrastruktur und Armut in Lateinamerika“ am 25. und 26. November 2010 in Rio de Janeiro, Brasilien, abgehalten.

Das Netzwerk besteht aus 13 Wirtschaftsforschungsinstituten und das ihm zu Grunde liegende Konzept sieht vor, dass die Vertreter der einzelnen Länder jeweils entsprechende Handlungsempfehlungen für die Politik entwerfen. Für das Jahr 2010/2011 lautet das Thema „Infrastruktur und Armut“ und das Treffen in Rio sollte dabei einen Raum für das Vorstellen der ersten Forschungsergebnisse und einen Austausch über Ansätze und Ideen unter den Forschern des Netzwerkes schaffen.

Wie in vorangegangenen Jahren wurde die Veranstaltung mit Unterstützung der Universidad Alberto Hurtado de Chile, dem akademischen Partner des Projektes, abgehalten. Als Vertreter der Universität war Eduardo Saavedra anwesend, der als akademischer Koordinator des aktuellen Themas „Infrastruktur und Armut“ tätig ist. Das Treffen brachte alle 13 teilnehmenden Forscher sowie die Mitarbeiter des Regionalprogramms SOPLA und seinen Leiter Olaf Jacob zusammen.

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Die Hauptziele des Seminars waren es die ersten Entwürfe der Arbeiten vorzustellen, die die Beziehung zwischen Infrastruktur und Armut analysieren und mögliche politische Maßnahmen erörtern. Diese Maßnahmen sollen das Ungleichgewicht zwischen Bedarf und Nachfrage bezüglich der Bereitstellung von Infrastruktur korrigieren, mit dem sich viele Arme konfrontiert sehen. Da sich die Arbeiten noch in ihrem Anfangsstadium befinden, war es noch nicht möglich alle aufkommenden Fragen zum Thema besonders die der konkreten Handlungsempfehlungen der politischen Akteure zufriedenstellend zu beantworten. Das Programm der Veranstaltung beinhaltete die Vorstellung der ersten Ergebnisse sowie die Kommentierung des Papers. Zum Schluss einer jeden Besprechung gab es Raum für alle Teilnehmer sowie die Koordinatoren Kommentare anzubringen und Fragen zur Arbeit zu stellen.

Eine der zentralen Anliegen war es, die Beziehung zwischen Armut und Infrastruktur zu ergründen. Beeinflusst der Ausbau der Infrastruktur die Reduzierung der Armut in der Bevölkerung?

Dabei wurde festgestellt, dass oft keine direkte Beziehung zwischen getätigten Investitionen und der Versorgungslage der Armen besteht.

In vielen Ländern herrscht eine geografische Schieflage im Infrastrukturausbau. Dabei stellt häufig nicht nur das Fehlen einer bestimmten Infrastruktur sondern auch die schlechte Qualität der jeweils Bereitgestellten ein Problem dar. Es geht also nicht nur um einen Zugang zu Leistungen sondern auch deren Nutzbarkeit. Ein Beispiel dafür liefert die in Lateinamerika weit verbreitete Notdürftigkeit des Stromnetzes. Die einzelnen Haushalte und Unternehmen werden zwar in den meisten Fällen versorgt, aber leiden unter häufigen Stromausfällen und unstabilen oder niedrigen Spannungen. Die vorhandenen Wasseranschlüsse liefern oft nur unbehandeltes Wasser und das Abwasser wird in den seltensten Fällen aufbereitet. In den ländlichen Gegenden sind diese Probleme der schlechten oder Nichtversorgung mit öffentlichen Dienstleistungen zudem ausgeprägter.

Eine Dichotomie, die so in vielen Arbeiten festgestellt wurde, lautet: wer über die höchsten Einkünfte verfügt, besitzt auch den besten Zugang zu Infrastrukturleistungen oder wer den besten Zugang zu Infrastrukturleistungen besitzt, verfügt über die höchsten Einkünfte. Man muss armen Bevölkerungsteilen also eine weitreichende Versorgung gewährleisten.

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Viele Teilnehmer berichteten, dass bei einigen Leistungen wie zum Beispiel Strom fast eine Vollversorgung erreicht wird, dass allerdings die Qualität der Versorgung sehr mangelhaft sei. Stromausfälle und Rationierungsabschaltungen treten in einigen Ländern auf. Hier sollte sich also darauf konzentriert werden, die Qualität der bereitgestellten Leistungen zu verbessern. Es gibt öffentliche und private Unternehmen, die die Bereitstellung und Überwachung der Leistungen gewährleisten.

Leistungen wie Kanalisation und Abwasser zählen auch zu den Forschungsinhalten. Bei ihnen zeigt sich ein allgemeiner Mangel der Versorgung der Bevölkerung. In den Städten scheint dies nicht so deutlich, aber untersucht man hierauf die ländlichen Gebiete, verschlechtert sich bei der Mehrheit der lateinamerikanischen Länder die Qualität der Dienstleistungen.

Einige Arbeiten befassten sich mit dem Thema des öffentlichen Verkehrssystems. Hier konnte ein gewisser Konsens über die Bereitstellung der Leistungen, also den Ausbau des Verkehrsnetzes, unter den Experten der einzelnen Länder beobachtet werden. Bei der Bedeutung des Ausbaus, der Bewilligung von Geldern, der Qualität der Strecken und der Wartung bereits existierender Netze herrschte Einstimmigkeit.

Der Wohnraum, die Bildung und das Gesundheitssystem waren andere Themen der Infrastruktur, die von den Autoren einiger Länder vorgestellt wurden.

Die Subventionierungsprogramme der Regierungen waren auch Inhalte der Debatte. Handelt es sich bei diesen Subventionen der Infrastrukturleistungen und der Konzentration der Sozialpolitik um Formen einer aktiven Reduzierung der Armut? Diese Frage wurde auch in der Auseinandersetzung mit dem Thema in den Arbeiten diskutiert.

Die Rolle des Staates in der Bewilligung der Mittel, der Bereitstellung der öffentlichen Leistungen und der Öffentlich-Privaten Partnerschaften (PPP) galt als ein weiterer Schwerpunkt der Diskussion. Bei der Funktion der politischen Entscheidungsträger in diesen Prozessen wurde auch die Langfristigkeit vieler Infrastrukturprojekte im Kontrast zu der meist auf vier Jahre beschränkten Regierungsdauer als Problem aufgeführt. Es ist jedoch festzuhalten, dass eine umfangreiche Planung essentiell für das Erreichen guter Ergebnisse ist. Diesbezüglich ergibt sich oft das Problem, dass die zur Verfügung stehenden Mittel nicht vollständig genutzt werden. Die Frage der Beurteilung der jeweiligen Maßnahmen im Anschluss an deren Umsetzung wurde auch thematisiert. Der politische Alltag verbietet es häufig, dass Regierungen einen nationalen Plan verfolgen können. Wenn der Vorschlag lautet, die Verwaltungsstrukturen zu verbessern, wie soll dies umgesetzt werden? Die politischen Funktionäre schulen? Mehr in Planung investieren? Wenn das Problem in fehlenden öffentlichen Mitteln besteht, worin liegen die Ursachen dafür? Ist es ein finanzielles Problem? Der Einnahmen? Gibt es nicht genügend Gelder? Fehlt ein Investitionsmodell oder ein nationaler Plan? Diese Fragen für das jeweilige Land zu beantworten ist Aufgabe der Arbeiten, die die Rolle des Staates untersuchen.

Diese ersten vorgestellten Rohfassungen der Arbeiten lieferten bereits Ansätze für die Rolle der Infrastruktur bei der Reduzierung der Armut der untersuchten Länder. Der Mehrheit der teilnehmenden Forscher zu Folge besteht eine enge Beziehung zwischen Armut und Infrastruktur. Eine wichtige Entscheidung, die während der Veranstaltung getroffen wurde, war es zu Beginn jeder Arbeit die vom Autor angewandte Definition von Armut anzuführen. Dies hilft es dem Leser ein besseres Verständnis für den Inhalt des Textes und die auf die jeweilige Realität des Landes abgestimmten politischen Handlungsempfehlungen zu entwickeln.

Ergebnisse

Zunächst lässt sich festhalten, dass die Ziele des Seminars erreicht wurden. Die Teilnahme aller Forscher und deren rege Beteiligung beim Kommentieren der anderen Arbeiten und an den Diskussionen der Gruppe stärkte die Zusammenarbeit innerhalb des Netzwerkes und schaffte einen wertvollen Raum für einen Austausch von Ideen. Die Endversionen der Texte werden somit also nicht nur das Produkt der Überarbeitung der ersten Ausarbeitungen sein, sondern auch von den reichhaltigen Diskussionen während des Treffens in Rio profitieren. Das letztendliche Ziel stellt die Veröffentlichung und Verbreitung konkreter, objektiver und vor allem umsetzbarer politischer Handlungsempfehlungen dar.

Das Buch mit dem Arbeitstitel „Infrastructura“ ist das fünfte der auf spanisch erscheinenden Serie des Forschungsnetzwerkes der KAS. Die erste Publikation war „Crecimiento y Progreso Social en América Latina“, die zweite „Eficiencia del Gasto Público en América Latina“, die dritte war „Migración y Políticas Sociales en América Latina“ und das nun vierte Werk trägt den Titel „Sector Informal y Políticas Públicas en América Latina“. Dieses Projekt hat sich zu einem festen Bestandteil für das Regionalprogramm SOPLA entwickelt, dass es sich zum Ziel gemacht hat, für die Themen der Sozialpolitik in der Region zu sensibilisieren und in den beteiligten Ländern Informationen und Vorschläge für die Erreichung erwünschter und notwendiger Entwicklungen zu verbreiten. Bisher hatte man viel Erfolg mit den Veranstaltungen zur Veröffentlichung und Vorstellung der Bücher, die bereits in verschiedenen Ländern mit ihren lokalen Vertretern durchgeführt wurden. Die Bücher sind neben ihrer Printvariante auch auf unserer Internetseite als eBooks verfügbar, um die weitreichende und demokratische Verbreitung der Inhalte der Studien in der Region zu gewährleisten.

Unsere Zielleserschaft ist sehr groß und heterogen. So denken wir, dass auch diese Auflage über Infrastruktur die politischen Akteure, Experten, Universitätsprofessoren, Studenten und andere in das Thema interessierte Leser erreichen wird, so wie es bereits den vorangegangenen Publikationen gelungen ist. Deshalb sollte auch die verwendete Sprache der an dem Werk beteiligten Wirtschaftsexperten für jeden Leser verständlich sein. Auch bei dieses fünfte Buch möchten wir wieder sicherstellen, dass die Ergebnisse der Studien die Interessenten erreichen und wir damit ein weiteres Mal einen Beitrag zur ordnungspolitischen Debatte in der Region leisten können.

Zukunft- 2011/2012

Am letzten Veranstaltungstag, am Nachmittag des 26. Novembers, präsentierten Eduardo Saavedra und Olaf Jacob unter dem Titel „Desigualdad, Distribución y Políticas Públicas“ das voraussichtliche Thema der nächsten Studie für 2011. Die Vorschläge der Teilnehmer werden bei der Formulierung der Richtlinien für die Erstellung der wissenschaftlichen Arbeiten seitens der Koordinatoren der Studie, Jorge Rodríguez und Marcela Perticara der Universidad Alberto Hurtado und Olaf Jacob und Joana Fontoura der Konrad-Adenauer-Stiftung berücksichtigt. Die Arbeit an diesem Projekt wird 2011 beginnen und die Ergebnisse erscheinen dann im darauffolgenden Jahr 2012.

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Die einzelnen Präsentationen (Spanisch) lassen sich unter den folgenden Links betrachten:

Argentinien

Bolivien

Brasilien

Chile

Costa Rica

Ecuador

Guatemala

Kolumbien

Mexiko

Paraguay

Perú

Uruguay

Venezuela

Über diese Reihe

Die Konrad-Adenauer-Stiftung, ihre Bildungsforen und Auslandsbüros bieten jährlich mehrere tausend Veranstaltungen zu wechselnden Themen an. Über ausgewählte Konferenzen, Events, Symposien etc. berichten wir aktuell und exklusiv für Sie unter www.kas.de. Hier finden Sie neben einer inhaltlichen Zusammenfassung auch Zusatzmaterialien wie Bilder, Redemanuskripte, Videos oder Audiomitschnitte.