Veranstaltungsberichte

Um die Ecke denken für mehr unabhängige und profitable Medien

von Darija Fabijanić, Manuela Zlateva
Das XII. "South East Europe Media Forum" (SEEMF) in Tirana thematisierte Maßnahmen und Regeln für finanziell unabhängige Berichterstattung in Südosteuropa

Finanzielle Unabhängigkeit von Medienbesitzern, Werbekunden und Investoren sowie das Mediengeschäft mit Falschnachrichten und die Transparenz des Medienbesitzes waren die Hauptthemen des XII. South East Europe Media Forums am 15. und 16. November in Tirana. Zur größten Medienfachkonferenz in Südosteuropa kamen rund 300 Journalisten, Verleger, Medienexperten, Politiker und NGO-Vertreter aus ganz Europa nach Albanien. Das KAS-Medienprogramm Südosteuropa veranstaltet das Medienforum jedes Jahr gemeinsam mit der Südosteuropäischen Medienorganisation (SEEMO) und der Zentraleuropäischen Initiative (CEI).

Neben den einführenden Worten von Oliver Vujović, SEEMO-Generalsekretär, eröffnete Hendrik Sittig, Leiter des KAS-Medienprogramms Südosteuropa, die Veranstaltung. Er sagte im Hinblick auf die Mediensituation in der Region: „Die Journalisten müssen sich ihrer Rolle, ihrer Aufgabe in der Demokratie als einer der Wächter über die gesellschaftliche Situation bewusst sein.“ Er thematisierte weiter die Herausforderungen, denen die Medienbranche gegenüberstehe, und ermunterte die Experten vor Ort, über den Tellerrand hinauszuschauen, um neue konkurrenzfähige Konzepte für mehr Profitabilität und Transparenz auf dem Medienmarkt zu entwickeln. Walter Glos, Leiter des KAS-Landesbüros Albanien, nahm ebenfalls an der Eröffnung teil. Er erklärte, dass Albanien vor Beginn möglicher EU-Beitrittsverhandlungen stehe, aber zuvor noch große Herausforderungen bewältigen müsse. Ilir Melo, CEI-Koordinator für Albanien sowie Leiter für die Region und Nachbarländer beim albanischen Außenministerium, betonte die Wichtigkeit des Forums, insbesondere für die Förderung pluralistischer Medien und der Stärkung von qualitativem Journalismus.

Albanischer Präsident Ilir Meta zu Gast beim SEEMF

Traditionell wird das SEEMF auch vom Staats- oder Ministerpräsidenten des Gastlandes eröffnet. Albaniens Präsident Ilir Meta unterstrich die Bedeutung einer unabhängigen Presse, gerade in Zeiten, in denen die Pressefreiheit auch innerhalb der EU zurückgehe. „Die Politik wird der Presse nicht die Freiheit nehmen“, versprach er während seiner Rede. Im Anschluss beantwortete er zahlreiche Fragen der nationalen und internationalen Medienvertreter.

Danach moderierte SEEMO-Generalsekretär Oliver Vujović eine Diskussion zum Verhältnis von Medien und Politik in Albanien. Aleksander Cipa, Vorsitzender des albanischen Journalistenverbandes, verwies darauf, dass zwar viele Journalisten in Albanien ohne Arbeitsvertrag arbeiteten, sie sich aber leider nicht zusammenschließen würden, um diesen Missstand zu ändern. Lutfi Dervishi vom albanischen Nationalfernsehen RTSH erklärte, dass es einen Mangel an kritischen und investigativen Journalismus, Fact-Checking sowie Solidarität unter den Journalisten in Albanien gebe. Jonila Godole, Direktorin des Instituts für Demokratie, Medien und Kultur in Tirana, beschrieb die Veränderungen des albanischen
Medienmarktes in den vergangenen 25 Jahren. „Die Medien haben sich den politischen Interessen ergeben“, sagte Godole. Klodiana Lala, Journalistin beim Fernsehsender News 24 TV, berichtete davon, wie ihr Elternhaus nach einer ihrer Recherchen beschossen wurde. Trotz dieses Einschüchterungsversuchs, bei dem glücklicherweise niemand verletzt wurde, sei sie bestärkt, ihre journalistische Arbeit fortzuführen. Außerdem
kritisierte Lala, dass der Journalismus durch Selbstzensur zerstört werde. Alfred Lela, Gründer des Online-Nachrichtenportals „Politiko.al“,
verdeutlichte, dass es für albanische Journalisten nicht notwendig sei, um die Ecke zu decken, sondern es wichtig sei, zu den Grundlagen des Journalismus zurückzukehren. Ilva Tare, Nachrichtendirektorin bei Euronews Albanien, beklagte, dass die Mainstream-Medien nur über Politiker berichten und nicht mehr mit den „normalen“ Menschen sprechen.

Journalisten aus Serbien und Bosnien mit CEI SEEMO Award ausgezeichnet

Im Verlauf der Konferenz wurde der alljährliche "CEI-SEEMO Award for Outstanding Merits in Investigative Journalism" verliehen. Stevan
Dojčinović
und Dragana Pećo vom serbischen Investigativ-Zentrum „Netzwerk für die Berichterstattung über Kriminalität und Korruption“ (KRIK) erhielten die Auszeichnung für ihren Beitrag zum investigativen Journalismus in Serbien und die Auswirkungen ihrer Geschichten auf die Gesellschaft in einem herausfordernden Umfeld. Nino Bilajac vom Zentrum für investigativen Journalismus Sarajevo gewann den Preis in der Kategorie „Junge Journalisten“ für seinen Bericht über den finanziellen Missbrauch bei öffentlichen Aufträgen und Geldern.

Finanzielle Sicherung reicht nicht für unabhängige Berichterstattung

Der zweite Konferenztag startete mit dem Panel „Das Geschäft mit Nachrichten – wie kann unabhängige Berichterstattung gesichert werden?“. Moderiert wurde die Diskussion von Lars Radau, freier Journalist bei der Sächsischen Zeitung. „Viele Nachrichtenportale hängen finanziell von internationalen Geldgebern ab“, erklärte Goran Mihajlovski, Gründer des mazedonischen Online-Nachrichtenportals „SDK web“. Dies sei die Folge des Rückzugs von Verlagen, wie der WAZ-Mediengruppe, aus dem südosteuropäischen Markt. Sein Nachrichtenportal finanziere sich bspw. nur zu zehn Prozent über Werbeeinnahmen, der Rest komme über andere Geldgeber. Boro Kontić, Direktor des Media Centar Sarajevo, bemerkte, dass die Konkurrenz auf dem Medienmarkt sehr groß sei, da jeder mittlerweile Nachrichten im Internet verbreiten könne. Nataliya Gumenyuk, Mitgründerin und Leiterin von Hromadske TV aus der Ukraine, sagte, dass es für einen Journalisten nicht nur wichtig sei, sein Handwerkszeug zu können, sondern auch die Unternehmensführung zu verstehen. Denn man müsse häufig Geldgebern und Publikum guten Journalismus erklären, um die eigene Marke zu verteidigen. Adelheid Feilcke, Leiterin Hauptabteilung Europa bei der Deutschen Welle, erläuterte, dass für unabhängige Berichterstattung die internen Strukturen wichtig seien. So bräuchte es einen Vorstand, der verschiedene Seiten repräsentiert, und eine Rechtsabteilung, die bei Fehlern einschreiten könne. „Pluralismus sichert Unabhängigkeit. Mehr Stimmen bilden die Wahrheit“, sagte Francesco de Filippo, von der italienischen Nachrichtenagentur ANSA. Sabina Castelfranco, Italien-Korrespondentin bei CBS News, sagte, dass die Zukunft auf dem Digitalmarkt liege, da die Jugend von dort ihre Nachrichten beziehe. Zudem unterstrich sie die Bedeutung von Kontrollmechanismen.
So werde bei CBS News ein Bericht niemals veröffentlicht, ohne dass mindestens zwei Quellen zitiert werden, und es gebe immer jeweils zwei Redakteure, die die Texte überarbeiten.

Im Anschluss hielt Ognian Zlatev, Leiter der Vertretung der Europäischen Kommission in Bulgarien, eine Rede zur Bedeutung einer unabhängigen Medienlandschaft. Denn nur dann könne es einen Fortschritt in den Balkanländern geben.

Geschäft mit Fake News gefährlich für Qualitätsjournalismus

Im zweiten Panel ging es um den Einfluss von Desinformation auf die Medienunternehmen und Journalisten. Die Runde wurde von Christian Mihr, Geschäftsführer von „Reporter ohne Grenzen“ in Deutschland, moderiert. Eric Chamberland vom Think Tank NATO Stratcom CoE in Riga präsentierte diverse Beispiele für Falschnachrichten. Er sagte, dass Desinformationen oft in Form von sehr glaubwürdigen Videos verbreitet werde.

Seiner Meinung nach sei es heutzutage sehr einfach, Video-Inhalte so zu bearbeiten, dass sie glaubhaft erscheinen. Der politische Analyst und Herausgeber des Online-Portals „@theEUpos“ mit Sitz in Triest und Brüssel Marco Gombacci berichtete von seinen Erfahrungen aus dem Krieg in Syrien. Er erklärte, wie über soziale Medien Desinformation und Propaganda verbreitet wurden und wie die Bürger diesen Falschnachrichten auch sofort glaubten. Gombacci kritisierte die Arbeit der Redaktionen, weil sie oft den Journalisten in Kriegsgebieten keine Zeit zur Analyse der Situation ließen und dadurch auch Fehler in der Medienberichterstattung entstünden.

Die russische Journalistin und Menschenrechtsaktivistin Oksana Chelysheva, die im Asyl in Helsinki lebt, sprach unter anderem darüber, wie Journalisten in der Praxis falsche Nachrichten verfassen. Ihrer Meinung nach passiere dies zum Teil aus Gründen der Selbstzensur. Dies zu bekämpfen sei eine Frage des politischen Willens. Alina Radu, Leiterin der moldauischen Tageszeitung „Ziarul de Gardă“, sagte während der Diskussion, dass man Regeln brauche, um die Geldgeber von Medien, die Falschnachrichten verbreiten, zu bestrafen. Zoran Sekulić, Gründer und Geschäftsführer der serbischen Nachrichtenagentur „Fonet“ meinte, Journalisten, die Falschnachrichten verfassen und verbreiten, dürften nicht zum journalistischen Berufsstand gezählt werden.

Nach dem zweiten Panel hielt der Medienexperte Nico Pitrelli eine Rede zum Verhältnis zwischen Medien und Wissenschaft. Seine Schlüsselbot-schaft war, dass die Medien Wissen verbreiten sollen, um die Entwicklung der demokratischen Gesellschaften zu fördern.

Glaubwürdigkeit durch professionelle Inhalte möglich

Das dritte Panel thematisierte die Frage, wie der Einfluss von Werbekunden, Investoren und Geldgebern verringert werden kann. Stevan Dojčino-vić, Chefredakteur des serbischen investigativen Online-Portals KRIK, sagte, dass Crowdfunding-Kampagnen für sein Medium gut funktionieren würden und die Leser bereit seien, unabhängige Medien-Projekte zu unterstützen. Jedoch gebe es rechtliche Einschränkungen in Serbien, die Crowdfunding-Maßnahmen beschränken, z.B. sei der Online-Zahlungsdienst PayPal unzulässig.

Florian Nehm, Leiter der Abteilung für Nachhaltigkeit und EU-Angelegenheiten bei der Ringier Axel Springer Medien AG, appellierte, auch die Wer-beunternehmen müssten Verantwortung tragen, für welche Medien sie bezahlen und für welche Inhalte. Zudem setzte er sich für mehr Medien-vielfalt in Südosteuropa ein und begrüßte die Arbeit der investigativen Journalisten in der Region. Silvio Pedrazzi, Geschäftsführer der Intesa Sanpaolo Bank Albanien und Vorstandsmitglied der Ausländische Investorenvereinigung in Tirana, sagte, dass man als Bank mit Medien auf drei Arten zusammenarbeite: als Werbekunde, in direkter Kommunikation und als Kreditgeber. Allerdings merkte er auch an, dass aus ethischen Gründen keine Kredite an Medien gegeben werden sollen, um die Unabhängigkeit zu bewahren. Elena Popović, vom Investmentfond für Medien-entwicklung in New York, stellte ihre Arbeit vor und berichtete über die Voraussetzungen für Investitionen in Medien-Projekte. Eine mögliche Maßnahme für mehr Transparenz sieht sie in der Regulierung des Medienmarkts. Zudem gab Popović Beispiele für unabhängige Medienunter-nehmen und deren Geschäftsmodelle. Klaus Schweighofer, Vorsitzender der Geschäftsführung des österreichischen Verlagshauses Styria mit Sitz in Graz, war davon überzeugt, dass man mit guten digitalen Inhalten Geld verdienen und auch seine Existenz und unabhängige Berichterstattung sichern könne. „Inhalte, die von Werbekunden kommen, sollten nicht ausgeschlossen, aber unbedingt als solche gekennzeichnet werden“, so Schweighofer. Die PR-Expertin aus Sarajewo Samra Lučkin moderierte das Gespräch.

Regulation von Medieneigentum und Transparenz als Lösungsansatz

Katerina Sinadinovska, Präsidentin des mazedonischen Rats für Medienethik, kritisierte, dass die Medieneigentümer in vielen südosteuropäi-schen Ländern nicht bekannt seien. Sandra Bašić-Hrvatin, Forscherin am Friedensinstitut in Ljubljana, fügte hinzu, dass die intransparenten Medieneigentumsverhältnisse eine Gefahr für die öffentliche Meinungsbildung darstellten. Nach Ansicht von Željko Ivanović, Geschäftsführer der montenegrinischen Tageszeitung Vijesti, haben die politischen Eliten in Südosteuropa kein Interesse an einer unabhängigen Medienberichter-stattung. Er berichtete über ein Beispiel aus Finnland. Dort stehe es um die Medienfreiheit sehr viel besser, weil die Politik die Medien unterstütze und Journalisten tatsächlich als Wächter der Demokratie wahrnehme. Besar Likmeta, Chefredakteur beim „Balkan Investigative Reporting Network“ (BIRN) in Albanien, sagte zur Mediensituation, dass viele versuchten, die Probleme anzusprechen, aber nur wenige von den politischen Akteuren tatsächlich gehört würden. Seiner Meinung nach sollten vor allem die rechtlichen Rahmenbedingungen und die Implementierung von Gesetzen verbessert werden, um Fortschritte zu erreichen. Moderiert wurde die Diskussion von Ricardo Gutierrez, Generalsekretär des Europäi-schen Journalistenverbandes in Brüssel.

Veranstaltungsort des XIII. SEEMF bekanntgegeben

Zum Abschluss dankten die Veranstalter Barbara Fabro, Oliver Vujović und Hendrik Sittig allen Diskutanten, Moderatoren und Gästen für ihre engagierte Teilnahme sowie den Dolmetschern für die hervorragende Arbeit. Sie kündigten an, dass das nächste South East Europe Media Forum im Herbst 2019 in Zagreb stattfinden wird.


 

Über diese Reihe

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