Herr Pöttering, Sie haben jüngst Ägypten und Tunesien besucht. Was erwarten die Menschen von Europa?
Wir erleben eine beeindruckende Entwicklung. In Ägypten und Tunesien, aber auch in anderen Staaten der arabischen Welt streben die Menschen nach Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Das zeigt, dass der muslimische Glaube mit Demokratie vereinbar ist. Wir Europäer müssen diese Entwicklung mit allen Kräften unterstützen. Die Menschen erwarten unsere Solidarität.
In Europa gibt es eine intensive Debatte über die Flüchtlinge, die übers Meer kommen. Wie kann eine Lösung aussehen?
Ich finde es bedenklich, dass die wunderbare Entwicklung in den arabischen Staaten überlagert wird durch die negative Flüchtlingsdebatte. Wir müssen den Menschen aus Nordafrika helfen. Ich könnte mir vorstellen, dass eine bestimmte Anzahl nach Europa kommt. Aber nicht in gefährlichen Flüchtlingsbooten, sondern auf der Grundlage von Anträgen, die sie in ihren Heimatländern stellen können. Sie sollten ein, zwei Jahre bleiben, Geld nach Hause überweisen können – und dann wieder zurückkehren.
Haben Sie eine Vorstellung, wie viele kommen könnten?
Es ist klar, dass wir nicht alle Menschen aufnehmen und die wirtschaftlichen Probleme der Länder nicht in der EU lösen können. Ich denke an 100.000 Menschen, die wir in ganz Europa aufnehmen könnten. Im Vergleich zu den 300.000 Balkan-Flüchtlingen, die während der neunziger Jahre allein in Deutschland lebten, ist das eine überschaubare Zahl.
Sie haben als Europapolitiker den Wandel in Osteuropa begleitet. Ist das, was wir heute erleben, vergleichbar?
Ja, absolut, wenn auch unter unterschiedlichen Bedingungen. Beiden Revolutionen gemeinsam ist, dass die Menschen in Würde leben wollen. Der Ruf nach Freiheit und Demokratie ist verblüffend ähnlich. Wir haben in der EU diese Werte verwirklicht, deswegen müssen wir den Wandel unterstützen. Das ist eine große Chance für Europa. Gemeinsam mit der arabischen Welt können wir den vorhergesagten Zusammenprall der Kulturen widerlegen. Als Europäer sollten wir an der Seite der Freiheit stehen.
Welchen Beitrag können die politischen Stiftungen leisten?
Die Konrad-Adenauer-Stiftung, aber auch die anderen deutschen Stiftungen helfen, indem sie in den Ländern mit Justiz, Medien und anderen Gruppen zusammenarbeiten, um die Zivilgesellschaft zu stärken. Auch ein Studentenaustausch ist sinnvoll. In Absprache mit Bundesaußenminister Guido Westerwelle konzentrieren sich die Stiftungen in Nordafrika jetzt auf Tunesien und Ägypten.
Das Interview führte Christian Holzgreve (HAZ).