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Aus Adenauers Rundfunkansprache Weihnachten 1952

Es war still und dunkel im Stalle zu Bethlehem, als die Jungfrau gebar und das Kind in die Windeln wickelte undin eine Krippe legte. Die Hirten waren auf den Feldern bei ihren Herden, und die Heiligen Drei Könige warennoch in weiter Ferne, da brach der Glanz der himmlischen Heerscharen und ihre Stimme in das nächtlicheDunkel und in die nächtliche Stille. Sie vertrieben das Dunkel mit ihrem himmlischen Licht und die Stille mit ihremhimmlischen Chor: ‘Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden den Menschen auf Erden, die guten Willens sind’.Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden: - gehört das denn zusammen?

Es ist wohl so, der Frieden ist das höchste Gut, das Gott den Menschen geben konnte durch die

Menschwerdung seines Sohnes. Frieden, ach wie wenig haben wir Menschen erkannt, welch ein kostbares Gut

der Frieden ist. Wie wenig haben wir begriffen, daß Frieden die Grundlage alles Glückes, daß Frieden und

Ehre Gottes eng verbunden sind.

Aber was ist denn Frieden, und wie wird er uns zuteil? Liebt der den Frieden, der passiv alles hinnimmt, der sich

rein passiv verhält gegenüber jeder Unterminierung, der sich lähmen läßt durch Furcht, durch Verlust der

Freiheit, Vernichtung der Familie, Vernichtung religiösen Lebens? Liebt das Volk den Frieden, das sich durch ein

anderes unterwerfen läßt? Ist Frieden nichts anderes als der Gegensatz von Krieg? Wäre dem so, dann würde

Sklaverei und Kirchhofsruhe auch Frieden sein, aber dagegen bäumt sich das Beste in unserem Innern auf.

Unser innerstes Gefühl sagt uns, Frieden ohne Freiheit ist kein Frieden. Einen solchen Kirchhofsfrieden, einen

solchen Frieden der Sklaverei können die himmlischen Heerscharen nicht gemeint haben, als sie in der Heiligen

Nacht den Hirten auf dem Felde die Geburt des Heilands verkündeten. ...

Frieden ist Freiheit, Freiheit des einzelnen von Furcht und Zwang, Freiheit der Völker und der ganzen

Menschheit von Ausbeutung, von Sklaverei, von Gewalt und Tod. Frieden und Freiheit, das sind die

Grundlagen jeder menschenwürdigen Existenz. Frieden in unserem Innern, Frieden in der Familie, Frieden mit

dem Nächsten ist die Grundlage des Glücks für jeden Menschen. Frieden und Freiheit sind die Fundamente

wahren Fortschritts, ohne Frieden und Freiheit gibt es keinen Aufstieg der Völker, kein Glück, keine Ruhe für die

Menschheit. Frieden für den einzelnen Menschen ist nicht möglich, ohne daß Frieden auch der Gemeinschaft

zuteil wird, in die der einzelne eingebettet ist, deren Glied er ist, deren Geschick untrennbar und unzerreißbar

mit seinem Geschick und seinem Leben verbunden ist. Frieden für den einzelnen ist nicht möglich ohne Frieden

für sein Volk. Hat uns die Geschichte der letzten Jahrzehnte nicht gezeigt, welch kostbares Gut der Frieden ist?

Sind wir nicht furchtbar gestraft worden von Gott für den Bruch des Friedens, den wir begangen haben?

Haben wir nicht fast alles dadurch verloren, was wir besaßen: Hab und Gut, Haus und Hof, Familie und

Freiheit, Achtung und Ansehen? Haben wir nicht erfahren, daß alle Glieder eines Volkes untrennbar

miteinander verbunden sind? Haben wir nicht erkannt, daß niemand sein Geschick von dem Geschick seines

Volkes, seinen Frieden, seine Freiheit, sein Glück von dem Frieden und der Freiheit seines Volkes trennen kann

und darf? ...

In unseren Tagen ist Frieden und Freiheit bedroht, zutiefst gefährdet. Es ist so bedroht, wie in jenen

barbarischen Zeiten, die wir längst überwunden glaubten, da nur die Macht galt....

Wir dienen der Sache des Friedens, wenn wir uns alle, die guten Willens sind, zusammenschließen zum

gemeinsamen Schutz. Wie kleinlich, wie unwürdig, wie bar jeder inneren Größe erscheint gegenüber einer solch

furchtbaren Gefahr - erscheint bei einem solchen Ringen um Frieden und Freiheit - Feigheit, parteipolitisches

Gehabe. Wie unwürdig ist es, wenn zur Unterstützung eines solchen Handelns, das bar jeder Größe ist, noch

das Recht mißbraucht wird, dessen erhabene und große Aufgabe es ist, Frieden und Freiheit zu schützen und

zu wahren. Der Ruf der Engel lautete nicht: Friede den Menschen - er lautete: Frieden den Menschen, die

guten Willens sind. Den Willen der Menschen, ihren guten Willen haben in jener Heiligen Nacht die Engel

angerufen. Damit haben sie gesagt, daß es auf uns ankommt, wenn die Erlösung uns Frieden bringen soll auf

unser Wollen, auf unseren Willen zum Guten. Wir müssen mitwirken, entschlossen mitwirken, daß uns die Frucht

der Menschwerdung und Erlösung zuteil werde. ...

Haben wir Willen, sind wir guten Willens? Wollen schließt in sich, bereit sein zum Handeln. Wer ernsthaft will,

muß auch bereit sein zum Handeln. Wer ernsthaft will, muß auch bereit sein zu handeln und Opfer zu bringen.

Jene, die nur reden und kritisieren, aber nicht bereit sind zu handeln, haben keinen Willen. Zagen und zaudern,

nur das Negative sehen und nicht das Positive, heißt nicht wollen. ...

Ich weiß, daß ich ernst gesprochen habe heute am Weihnachtsfest, aber ich mußte es tun, weil wir doch

unserem Volk, unseren Kindern und Kindeskindern ein deutsches, ein christliches Weihnachtsfest erhalten wollen.

Ich mußte ernst sprechen um des Friedens willen, des Friedens für ganz Deutschland, für Europa und die Welt.

Weihnachten ist das Fest der Liebe. Aber auch Liebe kennt Ernst, wenn es not tut. Die Botschaft der himmlischen

Heerscharen in Bethlehem ist eine frohe Botschaft, aber sie enthält auch die ernste Mahnung, guten Willens zu

sein. ‘Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen, die guten Willens sind.

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Herausgeber

Deutsches Rundfunkarchiv

erscheinungsort

Köln Deutschland