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Deutsche Wiedervereinigung – 30 Jahre danach

Sonderbeilage zur Geschichte in „Tygodnik Powszechny“

30 Jahre nach der Wiedervereinigung Deutschlands analysieren die Autoren der Beilage die damaligen Ereignisse vor dem Hintergrund der inneren Situation und des internationalen Klimas für diese Geschehnisse. Die deutschen Autoren teilen ihre Überlegungen über das Aufeinanderprallen der Hoffnung mit der Realität schwieriger Transformation und über die Notwendigkeit, die Erinnerung an wichtige historische Ereignisse für heutige und zukünftige Generationen in Denkmälern fest zu halten. Wir laden alle Interessierten zur Lektüre zwei Texten von deutschen Autoren: Ehrhart Neubert und Florian Mausbach ein.

 

 

Heilung – es hätte auch anders kommen können

 

EHRHART NEUBERT

 

Die Zeit stand still im Kommunismus. Manchmal knirschte und ächzte das Imperium. Aber plötzlich brach es zusammen. Wir hatten es nach vielen Jahren in der Opposition geschafft. Die Leute gingen auf die Straßen, wir gründeten neue Parteien, erzwangen einen Runden Tisch, legten den politischen Geheimdienst lahm. Und dann wurde auch noch die Mauer am 9. November geschleift. Alles war vorher unvorstellbar. Noch im September wurden wir auf der Straße von Sicherheitsleuten begleitet, die auch unsere Wohnung umstellten.

Jetzt lief die Zeit davon und wir liefen ihr hinterher. Jeden Tag mussten neue Entscheidungen getroffen werden. Oft waren diese Stunden später schon überholt. Es war wie in einem Strudel auf hoher See. Unsere Wohnung wurde zu einem chaotischen Organisationsbüro. Wir mussten unsere Kinder zwischen den Beinen der deutschen und internationalen Besucher suchen. Am 9. November vergaßen wir einen Kindergeburtstag. Am Abend des 9. November besuchte uns eine Gruppe französischer Kommunisten, die zu einer der vielen Politsekten gehörten. Sie wollten uns davon überzeugen, dass wir nun den wahren und richtigen Sozialismus aufbauen müssten. Als die überraschende Nachricht von der Grenzöffnung kam, zogen sie tief enttäuscht ab. Mit der Mauer zerstoben Ängste und Utopien.

Trotz der hektischen Wochen war unser Grundgefühl von einer tiefen Genugtuung erfüllt. Ein absurdes und destruktives Politkonstrukt ging am Machtmangel zugrunde, als die lange Zeit beherrschten Gesellschaften neue Wirklichkeiten schufen. Und wir waren dabei. Zeugen und Akteure eines Epochenwandels.

Es dauerte eine Weile bis wir begriffen, was geschehen war. In den mühseligen Jahren vor 1989 waren wir machtlos gewesen und hofften auf eine langsame Demokratisierung der DDR. Strategisch blieb neben der Organisation von einigen öffentlichen Protesten nur der lange Weg zur Rekonstruktion der Zivilgesellschaft. Um öffentlich wirken zu können, nutzten wir die Möglichkeiten der evangelischen Kirchen, organisierten wir Netzwerke und arbeiteten wir an der Entwicklung eines Samisdat. Neidvoll sahen wir nach Polen, wo Anfang der 1980er Jahre Millionen von Menschen mobilisiert werden konnten. Das geschah bei uns erst 1989.

Die innere Einheit der Opposition in der DDR bekam mit dem Mauerfall Risse. Viele meiner Freunde glaubten, dass wir Deutsche die nationale Einheit nicht herstellen dürften. In der Nacht vom 9. zum 10. November besuchte mich einer der führenden Köpfe einer anderen Bürgerbewegung und versuchte mich zu überreden, einen Aufruf zur erneuten Schließung der Grenze herauszugeben. Das lehnte ich entschieden ab. Aber ich verstand seine Motive.

Die Teilung des Landes war zwar ein Produkt des Stalinismus gewesen und hatte Menschen und ein ganzes Volk verletzt. Das ging mir persönlich nicht anders. Auch meine Familie lebte in beiden Teilen. Manche waren auf riskanten Fluchten in den Westen gelangt. Aber wir Deutschen waren uns der fürchterlichen Vorgeschichte bewusst.

Der Sturz des Kommunismus hat überall in Ostmitteleuropa den Impuls ausgelöst, die Verletzungen der Nationen zu heilen. Vorrangig sollten die nationale Souveränität und die Demokratisierung des politischen Systems erreicht werden. Für uns Deutsche war das nicht so einfach. Etliche Kirchenleute und Intellektuelle machten auf die Ambivalenzen des 9. November aufmerksam. Am 9. November 1938 fand in Deutschland der große Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung statt, an den kirchliche Gedächtnisfeiern auch am Nachmittag des 9. November 1989 in Berlin und anderen Städten erinnerten. Er war 1938 der Auftakt der Verbrechenslawine, die auch die Polen besonders getroffen hatte. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass die polnische Politik und die Gesellschaft den Wiedervereinigungsprozess anfangs kritisch beobachtet hat. So bleibt in der Aufarbeitung dieser Geschichte ein Bedürfnis nach Heilung.

In politischer und rechtlicher Hinsicht sind Lösungen gefunden worden. Aber eine tief im gesellschaftlichen Bewusstsein verankerte Heilung bedarf ein intensives gemeinsames Erzählen, das die Spannungen nicht verdrängt.

Helfen kann hierbei die Orientierung an den bleibenden Werten, aus denen vielen Oppositionellen in der DDR, in Polen und anderen Ländern die geistigen Potentiale erwuchsen. Das sind die allgemeinen Inhalte der Menschenrechtskonventionen in der europäischen Tradition. Und dazu gehört auch das Erbe der Hochkulturen mitsamt der Religion als ursprünglichste Kraft der Menschen. Ich bekenne, dass ich in den damaligen Jahren aus diesen Kraftquellen gelebt habe. Und einige meiner polnischen Freunde sagten mir das Gleiche von sich.

Doch eines ist mir in den letzten Jahren auch klar geworden. Die Ergebnisse von 1989 sind nicht statisch, nicht unverbrüchlich. So wie die glücklichen Ergebnisse nicht vorhersehbar und auch nicht determiniert waren, ist der dynamische Prozess der Selbstfindung keinesfalls abgeschlossen. Es hätte auch anders kommen können und ist in manchen ehemaligen kommunistischen Ländern auch anders gekommen. Genau besehen kann dies auch jetzt noch geschehen. Wieder gibt es gefährliche Machtkonglomerate. Nicht überall ist der Rechtsstaat stabil. Das neue Europa scheint höchst fragil zu sein.

30 Jahre nach der Wiedervereinigung bleiben die alten und immer wieder neuen alle äußeren und inneren Grenzen überspannenden Ideen von 1989 aktuell. In ihrem Geist sollten wir arbeiten und beten.

 

 

Ehrhart Neubert (geb. 1940) ist ein evangelischer Theologe. Pastor und Jugendpfarrer, seit 1979 war er in oppositionellen Gruppen in der DDR engagiert und damit Ziel der Sicherheitsüberwachung (Stasi). Im Herbst 1989 war er Mitbegründer des "Demokratischen Aufbruchs", einer der neuen Parteien. Er nahm am Runden Tisch teil. In den Jahren 1992-95 war er Mitglied vom Bündniss 90/Die Grünen, seit 1996 in der CDU. Beteiligt an zahlreichen Initiativen zur Aufarbeitung der DDD-Diktatur. Autor von Büchern über die Opposition in der DDR. In "Tygodnik Powszechny" veröffentlichte er mehrere Texte über die Revolution von 1989 in der DDR.

 

 

Eine Stadt ohne Denkmäler

 

FLORIAN MAUSBACH

 

„Ursula, wir fahren in die falsche Richtung!“ Das Fernsehen zeigt dramatische Szenen der Maueröffnung. Meine Frau und ich werfen die Tickets für den Nachtzug nach Paris fort, setzen uns ins Auto und fahren von Frankfurt am Main nach Berlin. Im Strom glücklich strahlender Menschen durchqueren wir die Berliner Mauer, von West nach Ost, von Ost nach West. Eine friedliche Revolution hat im Herbst 1989 die Gewaltherrschaft ins Wanken gebracht. Ein Jahr später ist Deutschland wieder eins. Polens heldenhafte Solidarność hat den Weg geebnet.

 

Es wird noch dreißig Jahre dauern, bis im Jahr 2020 in Berlin mit der Errichtung eines Freiheits- und Einheitsdenkmals zur Erinnerung an die ostdeutschen Revolutionäre begonnen wird. Als Inschrift wird es die patriotische Losung der mutigen Frauen und Männer von 1989 tragen: „Wir sind das Volk – Wir sind ein Volk“. Über das Denkmal wurde zwanzig Jahre lang gestritten. Der Bundestag musste zweimal darüber abstimmen. Warum tun sich die Deutschen mit Denkmälern so schwer? Weil sie noch immer mit sich und ihrer Geschichte hadern?

 

1995 ist es als Präsident der Bundesbaubehörde meine Hauptaufgabe, die neue alte Hauptstadt wiederaufzubauen. Es gilt zügig die baulichen Voraussetzungen zu schaffen für den Umzug von Parlament und Regierung aus Bonn nach Berlin. Eine große und einmalige städtebauliche, architektonische und baulogistische Aufgabe, darüber hinaus: ein Spiegel der Auseinandersetzung um ein neues Selbstverständnis der Deutschen in ihrem wiedervereinigten Land.

 

Schon dass Berlin Bundeshauptstadt wird, ist keineswegs selbstverständlich. Der Umzug aus dem unschuldigen Bonn in die Stadt mit Vergangenheit – Hauptstadt zweier Diktaturen – wird 1991 nur mit äußerst knapper Mehrheit im Bundestag beschlossen, nicht zuletzt dank leidenschaftlicher Fürsprache von Wolfgang Schäuble und Willy Brandt.

 

Die Bonner Republik hatte nach dem Krieg ein schweres und belastendes Erbe angetreten, Grund für die provisorische Hauptstadt am Rhein sich in Zurückhaltung zu üben, in Bescheidenheit der Selbstdarstellung, in Untertreibung staatlicher Repräsentation. Nach Völkermord und Kriegsverbrechen, nach Größenwahn, Monumentalismus und propagandistischer Staats- und Partei-Inszenierung dient diese Haltung der inneren Selbstfindung Deutschlands als Demokratie und Rechtsstaat, der äußeren Wiedergewinnung staatlicher und moralischer Anerkennung. Das Fernsehbild der Bundesrepublik in den Abendnachrichten ist Henry Moores abstrakte Skulptur „Large two forms“ vor dem unscheinbaren Bürohaus des Kanzleramtes.

 

Die neue staatliche Souveränität und Bedeutung in der Mitte Europas stellt die Berliner Republik nicht nur vor größere Verantwortung. Die Republik muss ihre Form finden. Wie soll sich Berlin als Bundeshauptstadt in seinen Parlaments- und Regierungsbauten präsentieren? Sollen alle Bauten des „Dritten Reiches“ – im grau antikisierenden Travertin monumental und einschüchternd – abgerissen werden? Über die „historisch kontaminierten Bauten“ werden lange Diskussionen geführt. Schließlich fällt die Entscheidung. Unter Denkmalschutz gestellt als Zeugnisse einer unleugbaren Geschichte sollen sie durch Architektur und Kunst in Bauten der Demokratie verwandelt werden. Die steinerne Reichsbank, zuvor Sitz des SED-Zentralkomitees der DDR, erhält als Auswärtiges Amt ein neues Innenleben und einen modernen offenen Erweiterungsbau. Goebbels‘ Propagandaministerium dient mit einer neuen gläsernen Halle als Arbeits- und Sozialministerium, Görings Luftfahrtministerium wird zum Bundesfinanzministerium.

 

Der Reichstag hat seit 1999 eine neue gläserne und begehbare Kuppel – heute populäres Wahrzeichen der Berliner Republik. Doch für das Symbol der Souveränität des vom Volk gewählten Parlaments hat es einer Kampfabstimmung im Ältestenrat des Bundestages bedurft. So stark war noch der Widerstand gegen staatliche Bausymbolik.

 

Eine Stadt ohne Denkmäler ist wie eine Wohnung ohne Bilder. Menschen gestalten ihre Wohnungen als ihre eigene Welt mit Kunstwerken, Andenken, Gemälden und Fotos Lebender und Verstorbener. Und seit alters her schmücken die Menschen ihre öffentlichen Plätze und Parks mit Skulpturen, Brunnen, Kunstwerken und Denkmälern. Indem sie bedeutende politische, militärische, kulturelle und religiöse Gestalten oder historische Ereignisse ehren, versichern sie sich ihrer gemeinschaftlichen Werte und ihrer Identität. Auch der nationalen Identität.

 

Für viele deutsche Intellektuelle ist die Lehre aus dem Nationalsozialismus die Überwindung alles Nationalen. Pathos ist verdächtig. Patriotismus gilt ihnen als peinliche Gefühlsäußerung. Sie löst schlechte Erinnerungen aus. Ersatzweise empfiehlt eine akademische Formel „Verfassungspatriotismus“: Statt Land und Leute sei die Verfassung zu lieben, so als liebte man statt seiner Frau die Ehe.

 

Als die Bürger der DDR 1989 mit dem Ruf nach Freiheit und Einheit schwarzrotgoldene Fahnen schwenken, trifft dies im Westen noch auf Erstaunen und Befremden.  Erst 2006, als die Fußballweltmeisterschaft ganz Deutschland begeistert, sieht man zum ersten Mal im Osten und im Westen unbeschwert feiernde Menschen mit ihrer Nationalflagge auf öffentlichen Straßen und Plätzen. Heinrich Heines „Wintermärchen“ („Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.“) wird zum „Sommermärchen“ des großen Fußballfestes der von sich selbst und ihrem heiteren und friedlichen Patriotismus überraschten Deutschen. Dieses freundliche Gesicht einer „Willkommenskultur“ wollen die Deutschen 2015 auch in der Flüchtlingskrise zeigen, nicht nur sich, sondern der ganzen Welt.

 

Nun erst wird es möglich, wenn auch gegen Widerstände, in Berlin ein patriotisches Freiheits- und Einheitsdenkmal zu errichten, das Denkmal einer Revolution, die ganz Europa und die Welt veränderte.

 

2017 ergeht ein Aufruf vieler namhafter Persönlichkeiten für ein Denkmal in der Mitte Berlins, das der Opfer der deutschen Besatzung Polens 1939-1945 gedenken soll. Eine Entscheidung des Deutschen Bundestages steht noch aus. In der deutschen Hauptstadt, in der bisher nur an im Nationalsozialismus verfolgte Minderheiten erinnert wird, wäre es das erste deutsche Denkmal für einen von Deutschland im Zweiten Weltkrieg besetzten Staat. Das ruft Warner auf den Plan. Sie beschwören, als sei es ein Rückfall in den Nationalismus, die Gefahr einer „Nationalisierung“ des Gedenkens. Der Opfer deutscher Besatzung solle nur grenzüberschreitend, nur für ganz Europa insgesamt gedacht werden. Aber wurde Polen nicht als Nation überfallen, sollte Polen nicht als Nation und Staat vernichtet werden? Wie anders können wir als Deutsche den Polen gegenüber und ihren unzähligen Opfern uns zu Schuld und Versöhnung bekennen. Die Nationen in ihrer Vielfalt und Eigenart zu achten und zu schätzen, sie auch in ihrem besonderen Leid zu würdigen, ist das nicht wahrhaft europäisch?

 

 

Florian Mausbach war von 1995 bis 2009 Präsident des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung. Er ist Initiator des Berliner Freiheits- und Einheitsdenkmals sowie des Aufrufs zur Errichtung eines Denkmals in Berlin für die Opfer der deutschen Besatzung Polens 1939–1945.

 

 

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