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Einzeltitel

Zurück zur Normalität?

von Prof. Dr. Michael Braun

Neuerscheinungen der KAS-Literaturpreisträger auf der Frankfurter Buchmesse

Die Frankfurter Buchmesse, die am 19. Oktober beginnt, soll ohne Pandemie-Beschränkungen stattfinden. 4000 Aussteller aus 95 Ländern hatten sich rund eine Woche zuvor angemeldet, und auch wenn sich nicht der normale Betrieb mit 300.000 Besuchern einstellen sollte wie 2019, so ist doch dem größten Buchfest die Aufmerksamkeit der Kulturwelt sicher. Spanien ist Gastland, die Plattform Tiktok ist erstmalig Partner, ein Schwerpunkt ist das Übersetzen. Zu Open Books, dem Lesefest der Stadt Frankfurt, kommen Literaturnobelpreis-, Büchnerpreis- und Friedenspreisträger. Und auch einige Literaturpreisträger der Konrad-Adenauer-Stiftung warten mit neuen Büchern auf.

Nach der Wende: Tellkamps zweiter ‚Turm‘ ist eine Nummer kleiner

„Der Schlaf in den Uhren“ gehört zu Uwe Tellkamps großem Schreibprojekt, das mit „Der Turm“ begann, der 2008 erschienen ist, mehrfach für die Bühne bearbeitet, 2012 verfilmt wurde und von Publikum wie Kritik gut angenommen wurde. Der neue Roman spielt im Sommer 2015 und Herbst 2021, setzt aber die aktuellen Ereignisse in einen nicht sehr freundlichen utopischen Rahmen. Das Setting ist ein hanseatischer Stadtstaat namens Treva. Hier gibt es einen labyrinthischen politischen Untergrund, verschachtelte Befehlswege, ein Pressemonopol und – immer noch oder schon wieder – „Operative Vorgänge“. Die Figuren des Romans sind überwiegend aus dem „Turm“ bekannt: die inzwischen geschiedene und wiederverheiratete Anne, die zur ökonomisch versierten Kanzlerin in Treva aufgestiegen ist, der unangepasste Meno Rohde mit seiner Zehnminutenuhr, und allen voran Fabian Hoffmann, Annes Neffe, der als Chronist in einem sogenannten Zeitarbeiterkollektiv arbeitet und uns die ganze Geschichte aus chronikalischer Perspektive erzählt. Aus Fabians Sicht fällt Licht auf die Ordnungsfantasien und Machtstrukturen von Medien und Politik: jede Nachricht, heißt es einmal, ist nur ein kleiner sichtbarer Teil der Wahrheit, nicht diese selbst. Das Pathos des „Turm“-Romans ist zurückgenommen, die Anspielungen auf reale Politiker und Schriftsteller sind gewitzt, die Rückblenden in die Vor- und Nachwendezeit und in DDR-Kindheiten eindringlich erzählt. Ein utopischer Gesellschaftsroman über Deutschlands Osten, ein Narrativ über Macht und Zeit, mit einem munteren Figurenensemble: keine leichte, aber lohnende Lektüre.

 

Detektivgeschichte und Klosterabenteuer: Endlich ein neuer Hürlimann-Roman

Thomas Hürlimann hat nach langer Abstinenz einen neuen Roman geschrieben. „Der Rote Diamant“ gehört zum Besten, was wir bislang von diesem Schweizer Erzähler haben. Das Buch ist eine tragikomische Internatsgeschichte, ein abenteuerlicher Klosterroman auf den Spuren von Borges und Eco, eine entdeckungsfreudige Detektiv-Story aus einem Schweizer Stiftsinternat. Autobiographisch grundiert, aber mit poetischer Imagination ausgeschmückt ist das alles; Hürlimann war von 1963 bis 1968 tatsächlich Internatsschüler in der Stiftsschule Einsiedeln. Der Edelstein, den es tatsächlich gibt, ist der groteske Held des Romans. Von Brust und Hals von Königinnen, Schwert und Krone von Kaisern und Päpsten ist der Diamant aus dem Kronschatz der Habsburger nach dem Zerfall des Reiches 1918 in die Kostümkoffer eines Operettenensembles und in die Hände eines windigen Theateragenten gewandert, bis er in die Madonnenkrone in der Klosterkapelle gerät. Doch das ist nicht die ganze Wahrheit, die Pointe wird erst am Schluss enthüllt, wenn der Diamant – mitsamt aller Schüler – am Ende des Romans das Kloster verlassen hat. Thomas Hürlimann erzählt mit jenem l’esprit de l’escalier, über den er 1997 einen funkelnden Essay geschrieben hat. Treppauf und treppab, in Ersatzparadiese und Keller-Verstecke führt er uns und lässt unsere metaphysischen Antennen neu ausrichten: ein faszinierendes Buch über unser verrücktes Heimweh nach verlorenen Ober- und Unterwelten.

 

Hintersinniger literarischer Zoo: Köhlmeier ‚morgensternt‘ durch die Lyrik

Tiere gehören zu den Lieblingsfiguren Michael Köhlmeiers. Sein jüngster Roman „Matou“ ist eine Hommage an einen sprechenden Kater. Sein Gedichtband „Dr. Melchiors lustige Tiere“ öffnet eine skurrile Menagerie. In paargereimten, volksliedhaft knappen Vierzeilern trägt er uns vor, wie die Giraffe beinahe das Aussterben der Dinosaurier verhindert hätte. Er berichtet über einen Frosch, der mit den sprichwörtlichen Folgen einen Engel mit einem Storch verwechselt. Er stellt Überlegungen über die artgerechte Haustierhaltung von Walross und Spatz an. Wir hören, warum Brechts Lyrik eine Mücke hemmt und wovor Kleists Hund sich schämt, weshalb sich der Bücherwurm durch Heinrich Manns „Untertan“ frisst, aber Heines Deutschlandgedichte meidet. Und auch „das Virus, das Corona heißt / und uns in unsere Lunge beißt“, bekommt sein Fett weg: „das sei – ja, so verriet es mir - / in Wahrheit nicht einmal ein Tier“. Michael Köhlmeiers Kurzgedichte treiben Schabernack mit Tier-Weisheiten und regen zu heiterem Nachdenken an. 

 

Sokratische Novellen: Hartmut Lange lugt hinter den metaphysischen Vorhang

Novellen: eine verstaubte Gattung? Hartmut Lange hat wie kein anderer Autor die Gattung, als sie ihre beste Zeit längst hinter sich hatte, reformiert und zu einer zeitgemäßen Kunstform gemacht. Klare Szenerien, wenige Figuren, kurze Sätze und ein Final Twist, der etwas jenseits der Wahrnehmungswelt, die uns vertraut ist, erahnen lässt. Auch der neue Band verheißt eine Fortsetzung dieses Schreibens. Die Titelerzählung führt den Protagonisten an den Osloer Fjord. Die Welt ist aus den Fugen, ein Virus beherrscht die Welt (und, ja, es wird als Covid-19 identifiziert), und der Ich-Erzähler muss sich fragen lassen, warum er sich an diesen unwirtlichen Ort zurückgezogen hat. Für derlei Aufgaben bringt der Autor gern einen „Fremden“ ins Spiel, der die Untergangsfantasien beim Wort nimmt. Es gebe da eine „poetische Form, dem Untergang Geltung zu verschaffen“, meint er und lässt im grotesken Tonfall von „Dantons Tod“ das Wort ‚Guillotine‘ fallen. Am Ende sitzt unser Mann in einer gähnend leeren Flughalle und der Fremde schiebt – Achtung: Spoiler – eine Art Bahre hinein. Ein ambivalenter metaphysischer Bote, der aus der virologischen Angst erlöst: so kräftig paradox endet nicht jede Novelle Langes. Auf rutschigem philosophischen Untergrund spielen sie allemal.  

 

Identität als Fiktion, toxische Biografien: Gstreins irritierende Familiengeschichten

Wer darf wann was sagen? Norbert Gstrein ist Meister im Erzählen falscher und vermeintlich richtiger Redeweisen. Und das ohne moralischen Impetus. In seinem Roman „Vier Tage, drei Nächte“ knüpft er ein doppelt heikles Beziehungsgeflecht. Einmal geht es um eine verbotene Liebe zwischen den Halbgeschwistern Ines und Elias, die beide auf ihre Weise gegen den verlogenen Vater kämpfen, der wiederum in seinem österreichischen Luxushotel den Sohn für die titelgebende „Presaison-Sause“ einspannen will. Sodann geht es um die Dreiecksgeschichte der Geschwister mit Carl. Im Gegensatz zu den Liebhabern, die Ines immer wieder anschleppt, um sie von Elias entweder vergraulen oder verführen zu lassen, ist er resistent gegen die toxischen Einflüsse von außen. Carl ist afrikanischer Herkunft, aber seine Hautfarbe braucht gar nicht erst thematisiert zu werden. Die Bildungsreise der drei jungen Leute in den Süden Italiens gerät auch so leicht genug aus den Identitätsfugen. Ein Roman über Falschverstehen und Scheinidentitäten, labyrinthisch aufgebaut und klarsichtig auf ein furioses Finale hin erzählt.

 

Denkwege, Seelenlandschaften, Exilgeschichten: Bodrožićs Seelenstenogramme

Marica Bodrožićs „Die Arbeit der Vögel“ ist logische Fortsetzung der „Pantherzeit“. In diesem Tagebuch aus dem Pandemiejahr 2020 hatte sie ihren inneren Widerstand gegen Isolation und ihre Freiheitssehnsucht festgehalten. Auch in den neuen „Seelenstenogrammen“, aus denen die Autorin ihre Begriffspoesie schöpft, geht es um ungewöhnliche Denkwege. Auf den Spuren von Walter Benjamin überquerte Marica Bodrožić die Pyrenäen. Sie vergegenwärtigt sich die Flucht und den Suizid des jüdischen Philosophen im Jahr 1940, sie sucht nach archaischer Stille in Träumen, Büchern, Bergen und findet neben „Liebesstellen der Sprache“ immer wieder Wirkungen von Gnade und Barmherzigkeit – und sogar ein Gebet „Schenke uns gute Augen“. Obwohl ihre Prosa eine meditative Gangart hat, das Sprechen übersteigt, um zum Schauen nach innen zu kommen, steckt sie voller historischer Bezüge zu den Erfahrungen von Exil und Widerstand, Holocaust und Gulag, die sie „von Blatt zu Blatt“ in den Werken von Sarah Kofman und Hannah Arendt findet. Der „Arbeit der Vögel“ können wir Botschaften aus einem größeren Raum entnehmen, Anleitungen zum ehrlichen Anblicken und genauen Wahrnehmen. 

 

Marica Bodrožić: Die Arbeit der Vögel. Seelenstenogramme. München (Luchterhand Literaturverlag) 2022.

Norbert Gstrein: Vier Tage, drei Nächte. Roman. München (Hanser) 2022.

Thomas Hürlimann: Der Rote Diamant. Roman. Frankfurt am Main (S. Fischer) 2022.

Hartmut Lange: Am Osloer Fjord oder der Fremde. Novellen. Zürich (Diogenes) 2022.

Michael Köhlmeier: Dr. Melchiors lustige Tiere. Illustriert von Moritz Helfer. Graz/Wien (Leykam) 2022.

Uwe Tellkamp: Der Schlaf in den Uhren. Archipelagus 1. Roman. Berlin (Suhrkamp) 2022.

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Prof. Dr. Michael Braun

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