Herr Jacobs, was ist mit „akademischer Antisemitismus“ gemeint?
Der Begriff meint die Begründung und Verbreitung von Antisemitismus durch akademische Theorie und Lehre. Es geht also weniger um offen artikulierten Judenhass, sondern vielmehr um vermeintlich wissenschaftliche Lehre und Theorie, die Ansatzpunkte für antisemitisches Denken und Handeln liefern.
Wie äußert sich diese Form des Judenhasses?
Der akademische Antisemitismus äußert sich sehr subtil, ist aber mindestens genauso gefährlich wie offener Judenhass. Meist ist er zunächst kaum erkennbar und versteckt sich hinter unverdächtigen Formeln und Fachbegriffen, die auf den ersten Blick kaum als antisemitisch zu erkennen sind. Man theoretisiert gegen globale Eliten, das Großkapital, die Religion und natürlich gegen den Staat Israel. Vordergründig geht es um Recht und Gerechtigkeit, mit Antisemitismus habe das angeblich nichts zu tun. Dabei entstehen hier die Begründungszusammenhänge für die dramatisch zunehmenden Angriffe gegen Jüdinnen und Juden.
In welchen akademischen Disziplinen ist das verbreitet?
Betroffen sind vor allem die Geistes- und Sozialwissenschaften. Im Fokus des Buches steht die Disziplin des sogenannten „Postkolonialismus“ sowie benachbarte Ansätze und Lehren. Wir können aber auch zeigen, dass in klassischen Ansätzen der kritischen Theorie, in der Holocaust- und Genozidforschung, in den Nahost- und Regionalwissenschaften und sogar im Völkerrecht der israelbezogene Antisemitismus begründet und verbreitet wird.
Was kann man dagegen tun?
Es ist vor allem wichtig, sich auf die Ideale und Grundsätze wissenschaftlichen Arbeitens zu besinnen. Wissenschaft bedeutet kritisch abgewogenes Denken, saubere Methoden und Ergebnisoffenheit. Begründete Kritik an Politik und Regierungshandeln schließt das nicht aus. Unter dem Deckmantel von „Wissenschaftlichkeit“ aber zu dekontextualisieren, skandalisieren und emotionalisieren ist ein unwissenschaftliches Täuschungsmanöver. Das Buch will einen Beitrag dazu leisten dieses Manöver aufzudecken.