Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt wird die AfD stärkste Kraft, während die CDU deutliche Verluste verzeichnet. Das BSW zieht in den Landtag von Sachsen-Anhalt ein. Die Regierungspartei FDP scheitert dagegen an der Fünf-Prozent-Hürde. Bei Linke, SPD und Grüne fallen die Veränderungen gering aus. Auch in der Vergangenheit zeigten sich die Wählerinnen und Wähler in Sachsen-Anhalt sehr volatil. Ein bundesweiter Wahltrend ist nicht auszumachen.
In Sachsen-Anhalt dominieren eine pessimistische Grundstimmung und Zukunftserwartungen die Einstellungen der Menschen. In allen Bereichen zeichnet sich das gleiche Bild. 20 Prozent bewerten die wirtschaftliche Lage als sehr gut/gut. Dies entspricht einem Rückgang von 27 Punkten. Eingebrochen sind auch die Zukunftserwartungen. Glaubten 2021 noch 41 Prozent, das Land sei gut auf die Zukunft vorbereitet, so sind 2026 nur noch 28 Prozent dieser Meinung. Die AfD-Anhängerschaft wird von materiellen und identitären Sorgen besonders geprägt. Sorgen vor Überfremdung (91 Prozent) und dass „sich die Art und Weise, wie wir in Deutschland leben, zu stark verändert“ (85 Prozent) sind in keiner anderen Anhängerschaft so stark. 89 Prozent befürchten, dass die Preise so stark steigen könnten, dass sie ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen können und weitere 80 Prozent sind der Ansicht, dass sie ihren Lebensstandard nicht mehr halten können. Vor dem Hintergrund, dass die AfD bei Wählerinnen und Wählern, die über keinen höheren Bildungsabschluss verfügen und sich als Arbeiter und Arbeiterinnen bezeichnen, besonders erfolgreich ist, liegt die Vermutung nahe, dass die Sorgen mit tatsächlichen materiellen Engpässen gekoppelt sind. Gleichermaßen existiert das Gefühl, benachteiligt zu sein. So sagen 66 Prozent in der Anhängerschaft der AfD, sie bekämen viel weniger/etwas weniger als den gerechten Anteil. Damit einher geht das Gefühl, dass Ostdeutsche an „vielen Stellen noch immer Bürger zweiter Klasse“ seien. Mit einer Zustimmung von 83 Prozent ist dieses Gefühl vor allem für die Anhängerinnen und Anhänger der AfD prägend. Aber auch bei der Linken (75 Prozent), der CDU (68 Prozent) und der SPD (65 Prozent) ist für große Teile der Anhängerschaft dieser Eindruck vorhanden (Infratest dimap).
Zum Wahlerfolg der AfD tragen die Polarisierung der Gesellschaft und des Parteiensystems, die Popularität ihres Spitzenkandidaten und Kompetenzzuschreibungen bei. AfD-Anhängerinnen und -Anhänger sowie die Anhängerinnen und Anhänger der Grünen und Linken bilden dabei die stärksten Antipoden. Die Heterogenität in den Einstellungen führt dazu, dass die Unterschiede zwischen den verschiedenen Wählergruppen außerordentlich hoch sind. Am Ende erreichen alle Parteien (auf einer Skala von +5 bis -5) erstmals in einem Flächenland einen negativen Wert (Forschungsgruppe Wahlen). Dies ist eine typische Folge der Spaltung von Wählergruppen, die lediglich die ihnen nahestehende Partei positiv bewerten. Besonders deutlich wird die Polarisierung der Gesellschaft auch in der Beurteilung der Frage, ob es für die Politik besser wäre, wenn die AfD in Sachsen-Anhalt regieren würde. Im Bevölkerungsdurchschnitt sind 32 Prozent der Ansicht, dass es besser wäre. Diese Zahl kommt allerdings lediglich durch die Zustimmung der AfD-Anhängerinnen und -Anhänger zustande, von denen 87 Prozent dieser Meinung sind – zusätzlich äußern sich 35 Prozent der Anhängerinnen und Anhänger des BSW positiv – in allen anderen Anhängerschaften liegt der Wert bei 0-2 Prozent (Forschungsgruppe Wahlen).
Sichtbarer Ausdruck der Polarisierung ist auch die gestiegene Wahlbeteiligung von 77,8 Prozent, was einem außergewöhnlichen Plus von 17,5 Punkten entspricht. In der Wahlforschung besteht Konsens, dass neben einigen anderen Faktoren, vor allem der Grad der Polarisierung die Höhe der Wahlbeteiligung mitbestimmt. Von der enorm gestiegenen Wahlbeteiligung profitiert weit überdurchschnittlich die AfD, die 170.000 Wähler aus dem Nichtwählerlager zusätzlich mobilisieren konnte. Damit machen die Stimmen aus dem Nichtwählerlager rund 30 Prozent der gesamten Zweitstimmen der AfD (576 Tsd.) aus.
Die vollständige Wahlanalyse zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt lesen Sie hier. Alle Grafiken und Tabellen, auf denen die Wahlanalyse beruht, finden Sie im Anhang des Dokuments.