Veranstaltungsberichte

„Die Europäer müssen sich darauf verständigen, was sie wollen.“

Bewegungen und Blockaden in Europa

Norbert Lammert und Navid Kermani sprachen über europäische Politik und Kultur im Haus der Geschichte. Beide waren sich – im Gegensatz zu Europa – dabei besonders eines: Erstaunlich einig.

Die Bühne ließ Großes an diesem Donnerstagabend, dem 30. Juni, vermuten. Blumengesteck, hinter dem Rednerpult Europafahne, Deutschlandfahne, dahinter der große Samtvorhang. „Nach Europa: Bewegungen und Blockaden“, so das Thema des Abends. Im Mittelpunkt Navid Kermani und Norbert Lammert im Gespräch über Kultur und Politik. Starke Namen für ein großes Thema. Kermani, der deutsche Schriftsteller iranischer Abstammung, Friedenspreisträger 2015, Impulsgeber für die öffentliche Debatte, zuletzt durch seine Reportage über die Flüchtlingsroute „Einbruch der Wirklichkeit“. Lammert, Politiker, Christdemokrat, Bundestagspräsident. Bereits 2006 kamen beide in einer Gesprächsrunde in der Adenauer-Stiftung zusammen. Damals hatte Lammert Kermani gefragt, was dieser denn mit Deutschland verbinde. Für ihn als Literaten, hatte Kermani geantwortet: natürlich die Sprache.

Den Abend eröffnete Hans Walter Hütter, Präsident der Stiftung Haus der Geschichte, als abermaliger Kooperationspartner der Reihe „Literatur und Verantwortung“, in der die Stiftung mit „Christ&Welt“ in der ZEIT (vormals dem „Rheinischen Merkur“) seit nunmehr elf Jahren kulturelle Fragen der Zeit aufgreift. Auch Theo Mönch-Tegeder, Geschäftsführer des Katholischen Medienhauses, in seinem Schlusswort und eingangs Hans-Gert Pöttering, Präsident des Europäischen Parlaments a.D. und Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung i.D. lobten die Konstellation für die Diskussion – ein wahres „dream team“. Im Duktus des überzeugten Europäers sprach Pöttering über die gegenwärtigen Krisen. Über den Brexit sei er „unglaublich traurig“, aber man müsse daraus lernen, das Positive Europas in den Vordergrund stellen und mit Zuversicht in die Zukunft schauen. Der jüngste Anschlag in der Türkei sei auch ein Anschlag auf uns in Europa. Er sprach den mutigen Satz: „Europa ist nicht das Paradies, aber der bessere Teil dieser Erde.“

Dann betraten die beiden Protagonisten die Bühne. Lammert mit einem großen Schritt direkt aufs Podest. Kermani nahm die Treppe. Für die Moderation war Michael Braun, Literaturwissenschaftler und Leiter des Referats Literatur in der Konrad-Adenauer-Stiftung, zuständig. „Wieso siegt Europa in den Herzen, aber nicht an den Wahlurnen?“, so die Eingangsfrage. Die Europagegner seien stärker und lauter, so Kermani. Hinzu kämen ein Generationenproblem und strukturelle Probleme Europas. Es gebe einen gemeinsamen Markt, aber keine gemeinsame Politik. Auch die institutionelle Verfasstheit in Europa sei ein Problem. Lammert widersprach. „In Europa hat es nie vorher ein vergleichbares Maß an Beteiligung des Europäischen Parlaments gegeben.“ In gewohnt abgeklärter Art und mit seltener analytischer Schärfe versuchte er, eine Antwort auf die Gründe der gegenwärtigen europäischen Krise zu geben. Er könne mit dem Herzen nicht so viel anfangen, stattdessen müsse man eher wieder den eigenen Verstand nutzen. Die Europagegner rege es auf, wie ein Staat agieren müsse, um zu funktionieren, obwohl es kein Staat sei. Lammert lakonisch: „Die Europäer müssen sich darauf verständigen, was sie wollen.“

Kermani plädierte dann für ein Europa der unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Das gebe es aber schon, entgegnete Lammert. Wieso seien manche Länder dann doch noch so unzufrieden mit Europa? Kermani erzählte von seinen Erfahrungen aus den osteuropäischen Staaten. Dort werde Europa nicht als ein Befreier, sondern als Herrscher wahrgenommen. Gerade in den Regionen, wo die Globalisierung die nationale Wirtschaft treffe und Fabriken schließen, sei die Ablehnung besonders groß. Die Ablehnung käme auch nicht nur von rechtsnationalistischen Parteien, sondern auch von einer nationalistischen Linken wie Podemos in Spanien. Das sei es, was ihn beunruhige. Lammert ergänzte: Mitgliedsstaaten ließen sich Regeln nicht gefallen, an denen sie selbst mitgearbeitet hätten. Deutschland und Frankreich seien da keine Ausnahme – im Gegenteil: „Wenn zwei Elefanten beginnen, den Rasen zu zertrampeln, den sie selbst gesät haben, muss man sich nicht wundern, wenn die Dackel das auch machen.“ Lautes Gelächter im Publikum.

Man müsse erst einiges im Kopf neu sortieren und dann mit Herz, Mund und Händen weitermachen. Einig waren sich beide vor allem in Bezug auf die Flüchtlingskrise: „Migration lässt sich nicht verhindern“, so Lammert. „Jeder, der seine Heimat verlassen muss, muss in Europa Zuflucht finden können.“ Es bringe nichts, eine Route zu schließen, wichtig sei es, legale Fluchtwege zu ermöglichen, so Kermani. Er gab sich pessimistisch: Er sehe nicht, wie man aus der momentanen europäischen Krise herauskomme. Dabei sei doch gerade die Auseinandersetzung mit der fremden Kultur eine Chance, die eigene besser kennenzulernen. Europa sei eine Willensgemeinschaft, eine Wertegemeinschaft, keine ethnische. „Es ist beunruhigend, dass manche derjenigen, die in Europa die Politik machen, sich nicht mehr an diese Werte halten.“ Zustimmendes Raunen im Publikum.

Kermani und Lammert sprachen mit Verve, Enthusiasmus und rhetorischem Können. Kermani – ganz der Intellektuelle – fragend, immer wieder mit Appellen. Lammert – ganz der Politiker – mahnend, mit rationalem Impetus und einer guten Portion trockenem Humor. Lammert und Kermani, beide Fußballfans, spielten sich lange Bälle hin und her, und Braun, der Schiedsrichter, musste kaum eingreifen. Das lag auch daran, dass beide sich oft sehr einig waren. Gegen Ende wurde Kermani deswegen dann noch einmal nachdenklich: „Ein Schriftsteller, der merkt, dass er einig ist mit einem Politiker, fragt sich: 'Ist das gut?'“ Deswegen sehe er sein Einverständnis mit Lammert bei aller Sympathie für ihn durchaus selbstkritisch. Denn er frage sich, ob man sich nicht zu einig sei, weil man immer in den gleichen Kreisen verkehre und die anderen, die gegen Europa und die Flüchtlinge votierten, vielleicht nicht mehr verstehe. Für ihn sei die Aufgabenverteilung zwischen beiden eigentlich klar. Kermani beschloss den Abend: „Der Schriftsteller muss zeigen, wie schlecht alles ist. Der Politiker sollte dazu da sein, einem Hoffnung zu geben.“

von Janosch Siepen. Er ist Stipendiat der Journalistischen Nachwuchsförderung der Konrad-Adenauer-Stiftung.

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Bonn Deutschland