Comte Hugues de Chabannes de la Palice de Tournon ist ein freundlicher älterer Herr von zierlicher Statur mit ausdrucksvollen Gesichtszügen und einer unaufdringlichen, vornehmes Understatement vermittelnden Höflichkeit. Er ist Träger eines Namens, der nicht nur poetisch klingt, sondern von der Vergangenheit einer Familie kündet, die wiederum mit der Geschichte des Landes in eminenter Weise verwoben ist: Seine Vorfahren dienten den Königen Frankreichs seit dem späten Mittelalter in höchsten zivilen und militärischen Ämtern, waren Großmeister des königlichen Hauses und Marschälle Frankreichs, kämpften im Hundertjährigen Krieg an der Seite von Johanna von Orléans und in den Italienkriegen des 16. Jahrhunderts gegen den römisch-deutschen Kaiser Karl V.
Nun steht de Chabannes im beeindruckenden Treppenhaus des Château d’Avrilly, gelegen im Département Allier in der Region Auvergne-Rhône-Alpes und spricht von den Jagdtrophäen seines Großvaters, die dort die Wände schmücken — darunter mächtige Büffelhörner, die von Großwildjagden in Afrika und Asien zeugen, aus einer Zeit, als Frankreich noch eine bedeutende Kolonialmacht war. Seine aufmerksamen Zuhörer an diesem schönen goldenen Oktobernachmittag, an dem die Sonne noch einmal Kraft gewonnen hat, sind die Mitglieder der rund 20-köpfigen Delegation der Konrad-Adenauer-Stiftung, die unter der Leitung von Philipp Lerch, Landesbeauftragter und Leiter des Politischen Bildungsforums Rheinland-Pfalz der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS), Anja Czymmeck, Leiterin des Auslandsbüros Frankreich der KAS, und Daniel Schranz, Leiter der Kommunal-Akademie der KAS, zum mittlerweile zehnten deutsch-französischen Kommunalkongress vom 14. bis 17. Oktober über Paris und weitere Stationen ins nahegelegene Moulins-sur-Allier gereist sind. Oberbürgermeister, Bürgermeister, Landräte und Landtagsabgeordnete, Unternehmer, Kulturschaffende und Journalisten aus ganz Deutschland sind Teil der Delegation, wobei sich ein gewisser Schwerpunkt auf Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und dem Saarland schon durch die unmittelbare Nachbarschaft zu Frankreich erklärt. Mit Dr. Ulrich Mayer, Leiter der Bozener Silvius-Magnago-Akademie zur Politischen Bildung, ist sogar ein Teilnehmer aus dem deutschsprachigen Teil Italiens dabei.
Im Rahmen des viertägigen Tagungsprogramms treffen die deutschen Kommunal- und Landespolitiker mit französischen Amts- und Würdenträgern zusammen, um das Thema Nachhaltigkeit zu beleuchten, Erfahrungen auszutauschen und die deutsch-französische Freundschaft dort zu vertiefen, wo die Auswirkungen politischer Entscheidungen auf das Leben der Menschen am unmittelbarsten spürbar werden, auf der kommunalen Ebene. Auch der Besuch auf dem Château d’Avrilly dient nicht primär touristischen Zwecken, mag das als Monument Historique eingestufte Gebäude mit seiner ungewöhnlichen Verbindung aus Louis XIII-Architektur und historistischen Gebäudeteilen im Stil der Loireschlösser, mit dem Nebeneinander eines geometrisch gestalteten französischen Gartens auf der östlichen und eines scheinbar naturbelassenen Landschaftsgartens im englischen Stil auf der westlichen Seite auch architektonisch noch so einzigartig sein, wie Comte de Chabannes kenntnisreich erläutert.
Hugues de Chabannes führt die Delegation der KAS in den Rokoko-Saal seines Schlosses, wo man an einen mächtigen Eichenholztisch Platz nimmt, zu einem inhaltlichen Austausch zum Thema Nachhaltigkeit, denn unter das Thema der nachhaltigen Entwicklung in den Bereichen von Bildung, Kultur, Umwelt und Tourismus ist der diesjährige deutsch-französische Kommunalkongress gestellt, es zieht sich wie ein roter Faden durch das umfangreiche Besuchsprogramm, das die unterschiedlichen Facetten dieses vielgestaltigen Phänomens beleuchtet.
In diesem Falle geht es um Nachhaltigkeit mit Bezug zum Thema der Bewahrung und Entwicklung des Kulturerbes, des französischen „Patrimoine“, wie man in Frankreich wohlklingend sagt. De Chabannes ist hier ein hochkompetenter Gesprächspartner, nicht zuletzt in seiner Funktion als Regionaldelegierter der 1924 gegründeten Vereinigung von Besitzern privater historischer Denkmäler und Gärten „La Demeure Historique“ und Präsident der „Route historique des Châteaux d’Auvergne“. „Gérer un monument historique, c’est un métier“, sagt er — „ein historisches Monument zu verwalten, ist ein Beruf.“ Er berichtet von den Anstrengungen, deren es bedarf, ein Schloss wie Avrilly wirtschaftlich zu betreiben, z. B. durch Besichtigungen, Anbieten von Übernachtungsmöglichkeiten, Bereitstellung der Räumlichkeiten für Seminare oder für kulturelle Veranstaltungen. Dabei vertrete sein Verband, die „La Demeure Historique“, die privaten Schlossbesitzer einerseits gegenüber politischen Entscheidungsträgern und berate andererseits die Mitglieder. Mit der „Route historique“ sei zudem eine Regionalmarke entstanden, die es erlaube, die Schlösser der Region gemeinsam zu vermarkten. In schlechtem Französisch sage man mit einer fast schon stehenden Redewendung „faire les Châteaux de la Loire“ („die Schlösser der Loire ‚machen‘“), wenn man zum Ausdruck bringen wolle, dass man die wohl berühmtesten französischen Schlösser im Urlaub besuchen möchte, sagt de Chabannes mit einem Lächeln. Mit der Marke „Route historique des Châteaux d’Auvergne“ hoffe er, bewirken zu können, dass es irgendwann idiomatisch werde zu sagen: „faire les Châteaux d’Auvergne“.
Im Laufe des Gespräches mit den Delegationsmitgliedern zeigt sich, dass die Probleme im Zusammenhang mit der Bewahrung des baulichen Kulturerbes in Frankreich und Deutschland ähnlich sind: Auflagen des Denkmalschutzes, die nicht immer genau das ermöglichen, was private Eigentümer sich vorstellen, Fragen der Nachfolge — ein solches Bauwerk zu betreiben, ist Privileg und Bürde zugleich — und natürlich Fragen der Förderung mit öffentlichen Mitteln. Diese stehen in Frankreich selektiver zur Verfügung als in Deutschland, was auch systemische Gründe hat, wie Philipp Lerch erläutert: Während in Deutschland rund eine Million denkmalgeschützter Objekte existieren, bei denen es sich mitnichten stets um ganze Gebäude handeln muss, gibt es in Frankreich nur rund 45.000 „Monuments Historiques“, die sich in die zwei Gruppen der „Monuments inscrits“ und der strengstens geschützten „Monuments classés“ unterteilen. Das französische Modell basiert also auf dem Prinzip „weniger ist mehr“ — die Fördertöpfe verteilen sich auf eine geringere Anzahl von Empfängern, auch die gesetzlichen Auflagen des Denkmalschutzes betreffen weniger Menschen und Objekte.
Am Vortag des Besuches auf Schloß Avrilly hatte sich die Delegation nach ihrer Ankunft in der französischen Hauptstadt und dem Einchecken im Hotel unweit der Pariser Gare de l’Est in die Nähe der Champs-Élysées zum Auslandsbüro Frankreich der Konrad-Adenauer-Stiftung begeben, wo dessen Leiterin, Anja Czymmeck, mit ihrem Team eine Einführung in die gegenwärtige Situation in Frankreich sowie die Arbeit ihres Büros gegeben hatte. „Sie kommen in interessanten Zeiten nach Frankreich“, so Czymmeck zu den Mitgliedern der Delegation mit Blick auf die bedenklich hohe Staatsverschuldung von 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, die teils in massive Gewalt ausartenden Straßenproteste sowie das kommende Wahljahr 2027, bei dem die Gefahr bestehe, dass mit Marine Le Pen eine rechtsradikale Politikerin und mit Jean-Luc Mélenchon ein linksradikaler Politiker in die Stichwahl einzieht.
„Wir befinden uns bereits im Vorwahlkampf“, sagte Czymmeck. Da werde es nicht leichter, Gesprächspartner zu gewinnen. Die französische Politik sei mit Frankreich beschäftigt, die deutsch-französische Freundschaft trete im politischen Tagesgeschäft in den Hintergrund. Bei den ersten Fernsehdiskussionen unter den bislang bekannten Präsidentschaftskandidaten sei der ehemalige Premierminister Édouard Philippe der Einzige gewesen, der europapolitische Themen angesprochen habe. Deutsch-französische Regierungskonsultationen fänden zwar weiterhin statt, meinte Czymmeck, doch die konkreten Ergebnisse blieben überschaubar. Mit dem geplanten deutsch-französischen Kampfflugzeug FCAS ist nun in verteidigungspolitisch angespannten Zeiten auch ein militärpolitisches Flaggschiffprojekt gescheitert. Ihr Fazit: Man muss die Kommunikation anders pflegen. Gerade Veranstaltungen wie der deutsch-französische Kommunalkongress der KAS, die diejenigen Menschen zusammenbringen, die vor Ort Entscheidungsträger sind, bildeten „Instrumente, die besonders wichtig sind“. Thomas Barth, Landrat des Kreises Mainz-Bingen, pflichtete bei: Gerade in Anbetracht der Sprachlosigkeit der großen Politik, die in Sachen der deutsch-französischen Partnerschaft häufig herrsche, sei es wichtig hervorzuheben, wie lebendig die deutsch-französischen Städtepartnerschaften vielfach seien. Barth verwies in diesem Zusammenhang auch auf den Aachener Vertrag und den darauf basierenden Deutsch-Französischen Bürgerfonds als Beispiele für die nach wie vor erfolgreich gelebte deutsch-französische Freundschaft in der konkreten Zivilgesellschaft.
Stefan Lunte, der als Mitglied der Fédération des Élus du Bourbonnais, Mitglied des Stadtrates von Moulins-sur-Allier sowie Mitglied und Vizepräsident des Gemeindeverbandes Moulins Communauté zugleich Mit-Gastgeber, -Fremdenführer und -Dolmetscher der deutschen Delegation in den kommenden Tagen war, stieß im Büro der Adenauer-Stiftung zu der Gruppe. Er schilderte den deutschen Gästen aus der Perspektive ländlicher Räume und mit Blick auf die kommenden Präsidentschaftswahlen die Herausforderungen, die sich den Parteien des liberal-konservativen bürgerlichen Spektrums dabei stellen, sich auf einen gemeinsamen Kandidaten zu verständigen, ging auf das politische Profil einiger Aspiranten, etwa des ehemaligen Innenministers Bruno Retailleau oder des Bürgermeisters von Cannes, David Lisnard, ein und arbeitete Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Rechtspopulisten in Deutschland und Frankreich heraus. Schließlich referierte Daniel Schranz über die Angebote der KommunalAkademie der KAS und ihre Angebote im Jubiläumsjahr „150 Jahre Konrad Adenauer“.
Beim gemeinsamen Abendessen im Restaurant „Les Noces de Jeannette“ sprachen Bruno Rojouan, Senator des Départements Allier, und Jens Münster, Mitglied des Landtages von Rheinland-Pfalz für den Wahlkreis Cochem-Zell, zu den Anwesenden. Rojouan verdeutlichte, dass man die Weltstadt Paris nicht mit Frankreich verwechseln dürfe, wie es ausländische Beobachter häufig täten, sondern insbesondere die „France profonde“ der ländlichen Regionen in den Blick nehmen müsse, was auch die Pariser Eliten allzu oft vernachlässigten: „Paris n’est pas la France. Paris, n’est plus la France!“, so Rojouan. In Anbetracht der Entfremdungserscheinungen zwischen den Eliten der Kapitale und Teilen der Bevölkerung komme den Kommunen eine umso wichtigere Rolle zu: „Les communes tiennent la République aujourd’hui.“ Münster, der auch Mitglied im Verbandsgemeinderat Zell und im Kreistag Cochem-Zell ist, betonte, dass ihm als Kommunalpolitiker von der Mosel die Verbindung zu Frankreich besonders wichtig sei. Ferner beweise sich die Funktionsfähigkeit der Demokratie am unmittelbarsten auf der kommunalen Ebene: „Vor Ort zeigt sich, ob die medizinische Versorgung funktioniert oder ob Kinder eine gute Bildung erhalten“, sagte Münster. Deutsche und französische Mandatsträger könnten hier voneinander lernen und einander in ihrem Engagement bekräftigen.
Am Folgetag, dem 15. Oktober, besuchte die Gruppe zunächst das Château de Meauce in Sancaize-Meauce, wo der Eigentümer des Schlosses, Cédric Mignon, über die jüngste, rund 10-jährige Restauration des Gebäudes vortrug und die Pläne für den Aufbau einer „Académie de l’eau“ referierte, die sich mit der Nachhaltigkeit der Wasserversorgung beschäftigen soll. Nach einer Begehung der Park- und Gartenanlage sowie ausgewählter Räumlichkeiten und einem Mittagessen im ehemaligen Gerichtssaal des Schlosses fand sich die Delegation in einem zum Konferenzsaal umgebauten Nebengebäude ein. Hier referierte die Justitiarin und Leiterin des Dienstleistungszentrums der KAS Peggy Staffa, viele Jahre Kommunalpolitikerin in Leipzig, über die Nachhaltigkeit von Organisationen. In ihrem Impuls zur Zukunftsausstellung durch Innovation, Transformation, Digitalisierung und Netzwerke kam sie auch auf aktuelle Herausforderung in der KAS zu sprechen.
Auf dem Weg zum Château d’Avrilly besichtigte die Delegation das malerische Apremont-sur-Allier, das als eines der schönsten Dörfer Frankreichs gilt.
Zwischen den Stationen trugen Teilnehmer der Delegation immer wieder Impulse zu verschiedenen Themen vor.
Beim Abendessen im prächtigen Festsaal des Rathauses von Moulins hatten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Möglichkeit, sich in entspannter Atmosphäre mit ihren französischen Amtskolleginnen und -kollegen auszutauschen. Als Tischredner sprachen der Bürgermeister von Meillard und ehemalige Abgeordnete der französischen Nationalversammlung Yves Simon sowie Raymond Höptner, Mitglied des Landtages von Rheinland-Pfalz für den Wahlkreis Ludwigshafen I und Ortsvorsteher im Stadtteil Mundenheim. Höptner erinnerte daran, dass Konrad Adenauer und Charles de Gaulle eine wichtige Grundlage der deutsch-französischen Aussöhnung gelegt hatten, die wiederum von Helmut Kohl und François Mitterrand vertieft und weiterentwickelt wurde. Er rief dazu auf, in schwierigen Zeiten an dieses Erbe anzuknüpfen und es weiterzutragen.
Am Freitag folgte zunächst die Kommunalpolitische Konferenz, das Herzstück des Kommunalkongresses, bei der Mitglieder der deutschen und der französischen Delegation je ein Referat zu den Themen Bildung, Katastrophenschutz, Tourismus, Finanzen sowie Dienstleistungen und Wertschöpfung hielten, stets mit besonderem Augenmerk auf dem Aspekt der Nachhaltigkeit, so dass beiden Seiten die Perspektive vor Augen geführt, wurde, die im jeweils anderen Land auf das Thema besteht. Das wechselseitige Interesse zeigte sich an den angeregten Diskussionen, die sich an die Vorträge anschlossen.
Die Tagesordnung der Konferenz umfasste folgende Vorträge:
- Auftaktstatement aus französischer Sicht zur politischen Lage in Frankreich und zur deutsch-französischen Zusammenarbeit von Senator Bruno Rojouan.
- Auftaktstatement aus deutscher Sicht zur Bedeutung von Nachhaltigkeit und Demokratie von Bürgermeister a. D. Bernhard Kaster.
- Deutsch-französischer Impuls I: Nachhaltige Bildung
- Deutsch-französischer Impuls IV: Nachhaltiger Katastrophenschutz
- Deutsch-französischer Impuls V: Nachhaltiger Tourismus
- Deutsch-französischer Impuls II: Nachhaltige Finanzen
- Deutsch-französischer Impuls III: Nachhaltige kommunale Dienstleistungen und lokale Wertschöpfung, Energie-, Wasser- und Kreislaufwirtschaft
- Schlussimpuls: Kommunalakademie der Konrad-Adenauer-Stiftung
„Die Kommunen sind die Schule der Demokratie — und Moulins ist die Schule der deutsch-französischen Freundschaft“, fasste Bernhard Kaster, Bürgermeister a. D., langjähriger Bundestagsabgeordneter, vormaliger Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und Mitglied des Kuratoriums der KAS, den Austausch zusammen.
Mit dem Bild der Kommune als Schule der Demokratie griff Kaster ein Wort Konrad Adenauers auf, das man in der heutigen Zeit auf den Begriff der Nachhaltigkeit nicht nur beziehen kann, sondern geradezu muss: Nachhaltige Themen aus den Bereichen Natur und Umwelt, ob zum Wassermanagement oder aus dem Bereich der Energieversorgung, sind häufig vor Ort Gegenstand kontroverser Diskussionen. In den Gemeinden und Städten müssen Mehrheiten gefunden werden, die überzeugen oder zumindest Akzeptanz finden. Dies gelingt nur, wenn sie gemeinsam mit den Menschen, individuell und nachvollziehbar erarbeiten werden. Teilhabe und Mitverantwortung der Bürgerinnen und Bürger sind und bleiben hier zentral. Nachhaltigkeit wird so zu einer tragenden Säule der Kommune in ihrer Rolle als Schule der Demokratie.
Herausgehobene Bedeutung für die Verankerung demokratischer Werte kommt dabei der nachhaltigen Organisation der Bildung zu: Die Kommunen sind durch die Nähe vor Ort verantwortungsvolle Träger nachhaltiger Bildungspolitik durch Engagement für gut ausgestatte Lernorte, insbesondere von Schulen und Kindertagesstätten. Kommunalpolitiker haben den direkten Kontakt zu Eltern, Schülerinnen, Schülern, Lehrkräften sowie Erzieherinnen und Erziehern. Vor Ort weiß man um die Notwendigkeit guter ortsnaher Schulen, als erste öffentliche Einrichtungen, mit denen Kinder und Jugendliche lebens- und staatsbildprägend in Kontakt kommen. Die wohlorganisierte Schule in kommunaler Trägerschaft und die Kommune als Schule der Demokratie gehen somit Hand in Hand.
Nach einer Führung durch die historische Altstadt von Moulins, bei der Stefan Lunte der deutschen Delegation die reiche Geschichte der Stadt, des Stammsitzes der Herzöge von Bourbon, die von 1584 bis zur Französischen Revolution und danach erneut in der Restaurationsepoche die Könige Frankreichs stellten, näherbrachte, nahm man gemeinsam im wunderschönen Grand Café de Moulins, das mit seiner denkmalgeschützten Jugendstil-Ausstattung zu bestechen weiß, ein Mittagessen ein.
Sodann ging es weiter zu dem beeindruckenden ehemaligen Benediktiner- und Cluniazenser-Priorat St. Peter und Paul in Souvigny, das auch als „älteste Tochter von Cluny“ und „Heiliges Grab von Cluny“ bezeichnet wird, da sich in der Abteikirche das Grab der Heiligen Großäbte Odilo und Maiolus befindet. Das in der Französischen Revolution zerstörte Grabmal wurde in den Nullerjahren aufwendig wiederhergestellt und ist mittlerweile wieder Ziel einer Wallfahrt. Zudem dient die Klosterkirche als Grablege der Herzöge von Bourbon. Museumsdirektor Matthieu Pradels führte die Delegation der Konrad-Adenauer-Stiftung durch das Sakralgebäude sowie das angeschlossene Museum und ging dabei auch auf die besondere Rechtsform der EPCC (Établissement public de coopération culturelle) ein, die es ermöglicht hat, die sehr heterogenen Eigentumsverhältnisse in einer Rechtsform, die mit einer deutschen Körperschaft des öffentlichen Rechts vergleichbar ist, zu vereinheitlichen. So wurde es auch möglich, sicherzustellen, dass das Gebäude weiterhin von der Kirchengemeinde und der Ordensgemeinschaft zu religiösen Zwecken genutzt werden kann und zugleich staatliche Unterstützung stattfinden kann. Dabei gilt es aus deutscher Perspektive zu bedenken, dass in Frankreich durch die Loi Combes aus dem Jahre 1905 eine strenge Form des Laizismus gilt, weshalb einer Kooperation des Staates mit den Religionsgemeinschaften sehr viel engere Grenzen gezogen sind als in Deutschland. Mit einer von Stefan Lunte geleiteten Andacht am Grabe der heiligen Großäbte endete der Besuch in Souvigny.
Am Abend stand die Vorführung des Historienfilms „An einem Tag im September“ im Kino von Moulins auf dem Programm, der den Besuch Konrad Adenauers auf dem Landsitz von Charles de Gaulle in Colombey-les-Deux-Églises aus dem Jahr 1958 zum Gegenstand hat, bei dem die Grundlage für den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag von 1963 gelegt wurde. Der Film thematisiert in bewegender Weise das Nachwirken der sog. „Erbfeindschaft“ zwischen Deutschen und Franzosen sowie die zum Zeitpunkt des Treffens noch nicht verheilten Wunden des Zweiten Weltkriegs. „An einem Tag im September“ verdeutlicht somit die Pionierleistung, die Adenauer und de Gaulle erbrachten, indem sie trotz der seit Jahrhunderten gewachsenen Ressentiments auf beiden Seiten den Prozess der deutsch-französischen Annäherung gegen große Widerstände begannen.
An die Vorführung schloss sich ein deutsch-französisches Filmgespräch mit dem Produzenten des Werkes, Mark von Seydlitz, an, der Teil der Delegation der KAS war. Von Seydlitz erläuterte auf Zuschauerfragen, dass die Idee zu dem Film bereits vor neun Jahren entstand, der Inhalt aber durch die damals gar nicht absehbaren geopolitischen Entwicklungen an Aktualität gewonnen hat. Die Dialoge zwischen den beiden Staatsmännern sind historisch authentisch, auch wenn nicht alle Äußerungen bei dem Treffen in Colombey gefallen sind. Bei anderen Teilen des Filmes, etwa den Gesprächen zwischen dem Adjutanten de Gaulles, Colonel Gaston de Bonneval, und dem Referenten Adenauers, Dr. Günter Bachmann, sowie der Rolle von de Gaulles Ehefrau Yvonne kam hingegen mehr künstlerische Freiheit zum Zuge.
Nach dem Filmgespräch ließen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer beim Abendessen in der Brasserie „Les Ducs“ den Tag mit Tischgesprächen zu den Potenzialen attraktiver historischer Innen- und Altstädte ausklingen, bevor am darauffolgenden Morgen die Rückreise nach Paris angetreten wurde, von wo aus es für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer weiter in die jeweiligen Heimatstädte ging.
Die Rückfahrt mit dem Reisebus von Moulins nach Paris nutzen die Mitglieder der Delegation, um den Kommunalkongress Revue passieren zu lassen. Es bestand Einigkeit, dass die Tagung die grundlegende Bedeutung des Nachhaltigkeitsbegriffes für gute kommunalpolitische Entscheidungen herausgearbeitet und konkrete inhaltliche Impulse für seine Anwendung gesetzt hat. Auf der menschlichen Ebene waren alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer sowohl von der Herzlichkeit der Aufnahme durch die französischen Gastgeber wie auch wie vom Niveau und der Intensität des Gedankenaustausches beeindruckt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer verliehen dem Wunsch Ausdruck, den Austausch im kommenden Jahr fortzusetzen, und dankten den Organisatoren für die gelungene Veranstaltung.
Auf Grundlage der Gespräche, Diskussionen und Vorträge im Rahmen des diesjährigen Kommunalkongresses lassen sich zusammenfassend folgende fünf Thesen formulieren:
1. Die kommunale Ebene trägt die Nachhaltigkeit der deutsch-französischen Freundschaft
Die deutsch-französische Freundschaft hat zentrale Bedeutung für die Stabilität der Europäischen Union und die Weiterentwicklung der europäischen Integration. Während auf der Ebene der großen Politik der deutsch-französische Motor ins Stottern geraten ist und häufig Sprachlosigkeit herrscht, zeigt sich die Partnerschaft auf der kommunalen Ebene und im Bereich der Zivilgesellschaft als äußerst lebendig. Vitale Städtepartnerschaften und eine starke Nutzung des auf dem Aachener Freundschaftsvertrag fußenden Bürgerfonds legen hiervon Zeugnis ab. Die gedeihliche Weiterentwicklung der europäischen Einigung bedarf dabei stets der Wiedervergegenwärtigung ihres ursprünglichen Impetus, um das große Ziel des Friedensprojekts Europa nicht aus den Augen zu verlieren: Die historischen Ereignisse sowie das mutige zukunftsorientierte Handeln der damaligen Staatsmänner de Gaulle und Adenauer zur Festigung der deutsch-französischen Freundschaft als Grundlage für ein freies und friedvolles Europa müssen zwingend generationsübergreifend wach gehalten werden, das zeigt die heutige Zeit.
2. Nachhaltigkeit hat eine zwischenmenschliche Dimension
Freundschaften wollen gepflegt sein, im Privaten wie zwischen Völkern und Nationen. Während sich im Grundsatz noch immer viele Menschen für die europäische Einigung und die deutsch-französische Freundschaft begeistern, übersetzen sich Enthusiasmus und Sympathie häufig nicht in dauerhaftes Engagement, das bleibende Früchte trägt. Hier sind Formate wie der deutsch-französische Kommunalkongress der Konrad-Adenauer-Stiftung besonders wichtig. Seit mittlerweile zehn Jahren ermöglicht die Veranstaltung alljährlich Begegnungen von kommunalen und regionalen Mandatsträgern sowie Vertretern der Zivilgesellschaft aus beiden Ländern, so dass aus der Regelmäßigkeit wertvolle, dauerhafte und jedes Jahr auch neue Kontakte sowie im Idealfall echte Freundschaften auf der persönlichen Ebene erwachsen.
3. Nachhaltigkeit hat eine demokratiestabilisierende Dimension
Unsere Zeit ist geprägt von Krisen, Kriegen und tiefgreifenden technologischen Veränderungen. Das sich verschlechternde Verhältnis zu den USA, der russische Angriffskrieg auf die Ukraine, die unklare Lage am persischen Golf, der Wandel der Arbeitswelt durch KI und speziell in Frankreich auch eine erdrückende Staatsverschuldung, in Gewalt ausartende Straßenproteste sowie eine Präsidentschaftswahl, die in eine Stichwahl zwischen einer Rechtspopulistin und einem Linkspopulisten münden könnte, verunsichern viele Menschen. Umso wichtiger ist, dass dort, wo die Auswirkungen politischer Entscheidungen für die Bürgerinnen und Bürger am unmittelbarsten sichtbar werden, auf der kommunalen Ebene, Demokratie gelebt wird und funktioniert, dass Menschen gehört werden und durch eine nachhaltige Entwicklung von Wirtschaft, Kultur und Bildung lebenswerte Städte und Gemeinden geschaffen werden, die in unsicheren Zeiten Halt und Heimat geben.
4. Nachhaltigkeit hat eine spirituelle Dimension
Halt und Heimat haben auch mit Tradition, Überlieferung und Kulturerbe zu tun. Denkmäler, Burgen und Schlösser, Kirchen und Klöster sind keine Ornamente, die einfach „nice to have“ sind. Sie stiften Identität, indem sie als steinerne oder hölzerne Zeugen der Vergangenheit die Existenz des Einzelnen dadurch transzendieren, dass sie das Individuum auf die langen Linien der Geschichte und die Kette der Generationen verweisen. Gerade im Falle der Sakralgebäude ermöglicht der Erhalt und die weitere Nutzung den Menschen in einer zusehends säkularisierten Gesellschaft, mit dem religiösen Erbe wieder in Kontakt zu treten, das die Kultur Europas fundamental geprägt hat – nicht zuletzt durch das christliche Menschenbild, das zugleich die geistesgeschichtliche Grundlage säkularer Vorstellungen der Menschenwürde bildet.
5. Nachhaltigkeit hat eine wirtschaftliche Dimension
Die kontinuierliche und dauerhafte Entwicklung des Natur- und Kulturerbes stärkt nicht nur das Heimatgefühl, sondern schafft wirtschaftliche Assets. Historische Bauwerke und naturbelassene Landschaften sind Anziehungspunkte, die Gäste in ländlich geprägte Regionen bringen. Erstere können bspw. für Übernachtungen genutzt werden, können ihre Räumlichkeiten Seminaren und Kongressen zur Verfügung stellen oder Ausstellungen und Konzerten einen besonderen Rahmen bieten. Letztere sind attraktiv für Urlauber, die im sanften Tourismus ein Naturerleben suchen, das Zentren des Massentourismus nicht bieten können. Wie bei der Kommunalkonferenz vorgestellte Best-Practice-Beispiele des nachhaltigen Tourismus in der Südeifel und im Val de Sioule anhand von naturnahem Kletter- und Fahrradtourismus zeigten, verbinden sich im Idealfall intensives Naturerleben, Neuentdeckung historischer Bauwerke und Belebung der lokalen Wirtschaft in einer Weise, die Arbeit schafft, kommunale Einnahmen generiert und zugleich die Lebenszufriedenheit der Bürgerinnen und Bürger verbessert.
Weitere Eindrücke vom deutsch-französischen Kommunalkongress 2026 der Konrad-Adenauer-Stiftung zum Thema Nachhaltigkeit finden Sie bei www.lokalo.de.
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