Schwerpunkt: Warum Europa zu selten skaliert
Die mit knapp 40 Gästen gut besuchte Masterclass beleuchtete die strukturellen Ursachen dafür, dass Europa trotz hoher akademischer Leistungsfähigkeit zu selten wirtschaftlich erfolgreiche Innovationen hervorbringt. Auf dem Podium diskutierten Dr. Jan Cernicky, Leiter der Abteilung Wirtschaft und Innovation der Konrad-Adenauer-Stiftung, und Matthias Schäfer, Referent für Technologiepolitik, mit zwei internationalen Gästen: Hans-Erik Nilsson, Gründer der Swedish Innovators Foundation, sowie Jonglip Kim vom koreanischen Science and Technology Policy Institute (STEPI). Im Zentrum standen politische Rahmenbedingungen, Innovationskultur und die Rolle herausragender Erfinderpersönlichkeiten.
Fünf Befunde der Masterclass
1. Europa hat ein Umsetzungsproblem, kein Ideenproblem.
Forschung auf Spitzenniveau, aber Schwächen beim Übergang von der Idee zum marktfähigen Produkt: Fragmentierte Märkte, komplexe Regulierung und fehlende Skalierungsfähigkeit kosten Europa systematisch Wertschöpfung. Im Vergleich mit den USA und Ostasien fehlt das Risiko- und Wachstumskapital, das Innovationen jenseits der Pilotphase trägt.
2. Erfinderpersönlichkeiten werden zu wenig gefördert.
Erfolgreiche Innovationsökosysteme – das zeigte der Blick nach Schweden und Südkorea – hängen an einzelnen Treiberinnen und Treibern. Hans-Erik Nilsson plädierte für gezielte Förderung solcher Persönlichkeiten und eine Kultur, die unternehmerisches Risiko honoriert statt sanktioniert.
3. Politik, Wissenschaft und Wirtschaft arbeiten zu selten synchron.
Ein Leitmotiv der Diskussion war die mangelnde Verzahnung der drei Sphären. Während Forschungseinrichtungen exzellente Grundlagen schaffen, fehlt es an politischen Anreizen und industriellen Strukturen, die den Transfer beschleunigen.
4. Bürokratie bleibt ein strukturelles Innovationshemmnis.
Förderprogramme sind zu komplex und zu langsam. Start-ups und Mittelstand brauchen schnellere Verfahren, klarere Zuständigkeiten und weniger administrative Hürden – ein Befund, der quer durch die anwesenden Branchen geteilt wurde.
5. Europa braucht mehr Mut zur Skalierung.
Ohne strategische Wettbewerbspolitik und gezielte Investitionen in Schlüsseltechnologien wird Europa im internationalen Wettbewerb weiter zurückfallen. Jonglip Kim verwies auf die südkoreanische Erfahrung mit langfristig angelegter staatlicher Anschubfinanzierung in industriellen Schlüsselsektoren.
Geopolitischer Rahmen: Brasilien, Mercosur, Hormus
Bundeskanzler Friedrich Merz und der brasilianische Präsident Luiz Inácio Lula da Silva eröffneten die 79. Hannover Messe gemeinsam – Brasilien war zum zweiten Mal nach 1980 Partnerland. Lula spannte in seiner Rede einen weiten Bogen: Er mahnte eine konsequentere Bindung der ständigen UN-Sicherheitsratsmitglieder an die Werte der UN-Charta an, warb nachdrücklich für das EU-Mercosur-Abkommen und hob die Rolle Brasiliens als Vorreiter erneuerbarer Energien hervor. Letzteres, so Lula, verschaffe seinem Land in der laufenden Krise im Nahen Osten weitgehende Unabhängigkeit von Energieimporten. Auch Bundeskanzler Merz verwies in seiner Eröffnungsrede auf die Hormus-Krise und kündigte eine zeitnahe Sitzung des Nationalen Sicherheitsrates zur Energiesicherheit an. Versorgungssicherheit bei Diesel, Benzin und Flugbenzin müsse oberste Priorität haben. Politisch eingebettet war die Messe zudem in das EU-Mercosur-
Freihandelsabkommen, das am 1. Mai 2026 nach 26 Jahren Verhandlungen vorläufig in Kraft getreten ist.
Erstmals war auf der Messe ein eigener Bereich für Verteidigungstechnik eingerichtet – Ausdruck einer sicherheitspolitischen Zeitenwende mit unmittelbaren industriellen Konsequenzen.
Eine Messe im Übergang
Der Wandel der Messe selbst war unübersehbar: Rund 3.000 Ausstellerinnen und Aussteller (2025: 4.000) und etwa 110.000 Besucherinnen und Besucher (2025: 123.000) bedeuten ein deutliches Minus, das die Veranstalter unter anderem mit Streiks im Flug- und öffentlichen Nahverkehr begründeten. Wichtigste Herkunftsländer der internationalen Gäste waren China, Brasilien, die USA, Japan und Südkorea. Subjektiv fiel auf, dass China seine technologische Spitzenklasse in diesem Jahr in Hannover nur zurückhaltend präsentierte; auf deutscher Seite waren Beratungsunternehmen, die den digitalen und technologischen Wandel begleiten, sichtbarer als die produzierende Industrie und Technologieunternehmen selbst.
Fazit
Die Hannover Messe 2026 hinterlässt den Eindruck einer Industrie im Übergang: kompakter, strategischer, deutlich politischer.
Dekarbonisierung, Digitalisierung, Resilienz und geopolitische Neuordnung erscheinen nicht mehr als Zukunftsfragen, sondern als unmittelbare Handlungsfelder. Wasserstoff, Elektrifizierung, KI-gestützte Produktion und integrierte Energie-Daten-Lösungen dominierten die Hallen. Klimaneutralität ist für die Industrie kein abstraktes Ziel mehr, sondern Wettbewerbsfaktor – und in diesem Wettbewerb drohen Schwellen- und Entwicklungsländer den etablierten Industrieländern den Rang abzulaufen.
Viele Gespräche – auch am KAS-Stand – kreisten um die zentrale Frage, wie Europa seine Innovationskraft geopolitisch unabhängiger gestaltet und gleichzeitig in marktfähige Produkte überführt. Die Messe zeigte beeindruckende technologische Kompetenz und zugleich die altbekannten Schwächen: zu viel Fragmentierung, zu wenig Geschwindigkeit, zu wenig Skalierung. Spürbar war aber auch die Bereitschaft von Unternehmen und Forschungseinrichtungen, neue Allianzen zu bilden.
Mit ihrer Premieren-Präsenz auf der Hannover Messe positioniert sich die Konrad-Adenauer-Stiftung als Akteurin, die technologische Entwicklungen politisch einordnet und Impulse für eine zukunftsfähige Innovationspolitik setzt. Ein dynamisches, offenes Ökosystem, das Forschungs- und Innovationstransfer in wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderung überführt, ist zugleich ein Grundpfeiler demokratischer Leistungsfähigkeit im Systemwettbewerb. Für eine politische Stiftung ist die Hannover Messe damit ein wichtiger Ort des Austauschs an der Schnittstelle von politischer Bildung, Beratung und demokratischer Gestaltung.
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