Veranstaltungsberichte

Ideen aus dem Widerstand und deren Fortwirken in der praktischen Politik

von Karl-Theodor von und zu Guttenberg

Reden zum 60. Gründungsjahr der CDU Deutschlands - 24. Mai 2005

Mit der Veranstaltung "Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus und die Wurzeln christlich-demokratischer Politik" vom 24. 5. 2005 in Berlin gefasste sich die Stiftung mit den Wurzeln und der Geschichte der CDU. U.a sprachen Dr. Annette Schavan - Ministerin für Jugend, Kultus und Sport des Landes Baden-Württemberg, Staatsminister a.D. Prof. Dr. Hans Maier, Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg MdB, Marlene Lenz u.a.

Sehr geehrter Herr Vorsitzender, sehr geehrter Herr Prof. Vogel,

Frau Ministerin,

sehr geehrter Herr Staatsminister,

Excellenzen.

meine sehr verehrten Damen und Herren,

Ich bin mir der Frechheit durchaus bewusst, mich vor diese bedeutende Rednerrunde einzureihen: Aber wie es Herr Prof. Vogel gesagt hat, die Terminverpflichtungen in der Landesgruppe sind in solchen Tagen besonders unerbittlich. Und von daher will ich mich in das Wagnis begeben, vor dem gehaltvollen Vortrag von Prof. Maier und der anschließenden Diskussion einige Fußnoten zu setzen.

Einige Fußnoten, die aus meiner Generation - richtiger Weise als die Urenkelgeneration bezeichnet - erwachsen mögen. Einige Fußnoten, die vielleicht den einen oder anderen Aspekt für die Diskussion noch setzen können; einige Fußnoten, deren Betrachtung sich eher der Zukunft nähern sollte, weniger der Vergangenheit – dies aus einer Reflektion meiner eigenen Familiegeschichte, wobei auch meine Familie nicht gefeit davor ist, sie gelegentlich allzu sehr mit dem nostalgischen Lidschlag oder mit romantischer Verklärung zu belegen.

lch empfinde es als Glücksfall, dass ich auf so viele unterschiedliche Generationen treffen darf, sei es im politischem, sei es im gesellschaftlichem Spektrum: Da ist die Generation Widerstand, die zum Teil noch lebt. Da ist die Generation Aufbruch. Da ist die Generation Wiederaufbau. Da ist auch in diesem Bundestag die Generation Abkehr. Die Generation Selbstreflektion. Die Generation Neugestaltung, die auf die Generation Wiedervereinigung trifft; diese trifft wiederum auf die Generation Golf und letztlich manchmal auf die Generation Realismus, vielleicht Generation Pragmatismus.

Meine Generation, die Urenkelgeneration, ist sich zum Teil durchaus noch bewusst, welches Fundament die Männer und Frauen des Widerstandes auch für unsere politische Tätigkeit zu schaffen wussten. Zum einen ist der Aspekt der Selbstachtung zu nennen, zweitens auch der des geistigen Wiederaufbaus, der letztlich dieser Zeit entsprang; zum Dritten ein wohlverstandener Patriotismus - nicht zuletzt auch durch Bundespräsident Horst Köhler immer wieder in einer Weise betont, die auch unsere Generation zu überzeugen vermag. Das christliche Menschenbild, Herr Vorsitzender, haben Sie bereits benannt und nicht zuletzt auch einige Säulen unserer Verfassung, die in der Trias Freiheit, Rechtsstaat und Menschenwürde wiederzufinden ist .

Was machen wir, auch meine Generation, aus diesen Vorgaben? Ich darf trotz allem sagen: zu wenig. Wo ist die gelebte Fortsetzung dieser Grundmaximen? Gelingt es uns, aus dem allzu Diffusen, das unser Land, auch dieses Europa heute prägt, auszubrechen und wieder Prägung zu gewährleisten? Erkennen wir die Rolle Deutschlands in diesem immer schwerer zu fassenden Europa der heutigen Zeit?

Wir sind in unserer Ausbildung vielfach von den Lehrern der 68iger Generation geprägt worden. Und wir haben die Neigung - nicht nur deswegen, aber u. a. gelegentlich auch deswegen - ein allzu rasches Urteil zu fällen. Dies tun wir auch mit der Formulierung des Anspruchs vorbildliche Demokraten zu sein, ohne es wirklich immer in dem Maße zu begründen, wie wir es begründen sollten. Trotz allem erwächst daraus für mich persönlich auch eine Verpflichtung. Die Idee des Menschenbildes und den Mut von Menschen in dieser Zeit, über die wir heute sprechen, weiterleben zu müssen, um letztlich die Erinnerung nicht in hohle Rituale münden zu lassen.

Das ist nicht nur der Blick zurück, sondern das ist eine Grundlage für in die Zukunft Gerichtetes. Und unter dem Lichte begriffener Verantwortung müssen Geschichtsbewusstsein und Selbstbewusstsein gerade nicht im Widerstreit stehen - das möchte ich auch begriffen wissen in Abgrenzung zu gelegentlichen Geschichtsumschreibungen dieser Tage, vielleicht auch vergangener Jahre.

Gestatten Sie mir ein kurzes Wort, auch wenn es in letzten Jahren und Tagen gelegentlich inflationär benutzt wird, zur Zivilcourage. Ich bin mir nicht sicher, ob wir alle Anforderungen gerade im Hinblick auf die Asymmetrie der derzeitigen Welt, auch im Hinblick auf die Anforderungen einer offenen Gesellschaft, jederzeit erkennen. Ob wir die Definition oder die Ausfüllung dieses Begriffes nicht allzu sorglos anderen überlassen. Ich möchte es halten mit einem Wort Bonhoeffers: Zivilcourage kann nur aus der freien Verantwortlichkeit des freien "Mannes" erwachsen.

Eine vorletzte These: Ich glaube - und das erachte ich für außerordentlich entscheidend für mein eigenes politisches Selbstverständnis -, dass die eigene Existenz, die politischen Leitlinien und deren Zielsetzungen nicht nur aus Rechtfertigungsreflexen erwachsen müssen. Ich würde mich freuen, sollte sich eine Wahlauseinandersetzung auch der Relativierung dieser Beobachtung stellen. Ich glaube, dass gerade in der Kürze dieser Zeit, die wir jetzt haben, durchaus eine Chance liegt zum Titel dieser Veranstaltung: „Die Wurzeln christlich-demokratischer Politik“. Für mich ist das christliche Gewissen engstens verknüpft mit der christlichen Gewissenserforschung. Auch das ist eine Grundlage meiner Arbeit, allerdings habe ich doch das Gefühl, dass der christliche Rückbezug in vielerlei Hinsicht fahrig und blass geworden ist.

Ein Stückweit Hoffnung keimt auf bei der Betrachtung der Reaktionen auf den Tod von Papst Johannes Paul II. und auf den neuen Papst Benedict XVI, die ich auch in meiner Altersgruppe sehen durfte. Hier ist eine Altersgruppe plötzlich nicht nur fasziniert worden, sondern hat den einen oder anderen Impuls mitnehmen dürfen, der uns mit Zuversicht in diese eben jene Zukunft blicken lässt.

Nach all diesen kurzen Fußnoten bleibt mir ein letzter, für den einen oder anderen vielleicht provokativ klingender, Punkt: All diese Beobachtungen und all diese Ansätze könnten wir durchaus als eine Grundlage begreifen, wofür wir uns einsetzen müssten oder sollten – ich möchte sogar noch etwas weiter gehen und hier der Notwendigkeit der Beförderung eines sogenannten modernen Konservatismus noch einmal das Wort reden. Konservatismus nicht im reaktionären Sinne, sondern aufbauend auf diese Beobachtungen, letztlich der Moderne und dem christlichen Menschenbild verpflichtet sowie aus den Erfahrungswerten derer, die uns diese Grundlage, dieses Fundament geschaffen haben, schöpfend.

Ich hoffe, dass dies einige Gedanken sind, die zur Diskussion beitragen können, muss es dabei belassen, bedaure das außerordentlich, bin aber froh, dass die Urenkelgeneration zu Wort kommen durfte. Wir müssen auf dieser Basis arbeiten, wir müssen sie bestärken und wir müssen dafür sorgen, dass sie nicht noch poröser wird, wie sie derzeit manchmal erscheint.

Herzlichen Dank.

Diskussion
24. Mai 2005
Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung, Tiergartenstr. 35, 10785 Berlin
Veranstaltungsprogramm 24. 5. 05

Über diese Reihe

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erscheinungsort

Berlin Deutschland