Frank Homann

Veranstaltungsberichte

Kulturstaat und Bürgergesellschaft

von Johannes Christian Koecke

Festveranstaltung zum 144. Geburtstag Konrad Adenauers auf dem Petersberg bei Bonn

Der erste rheinische Feiertag nach Neujahr, noch bevor die Heiligen Drei Könige die Krippe mit dem Jesuskind erreichen, ist am 5. Januar der Geburtstag Konrad Adenauers. Die Konrad-Adenauer-Stiftung und die Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus in Rhöndorf nutzen diesen Tag traditionell als Jahresauftakt und Neujahrsempfang auf dem Petersberg bei Bonn.

Bei seiner Begrüßung konnte Prof. Dr. Norbert Lammert, Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung, feststellen, dass der Kreis der „Gratulanten“ zum Geburtstag des ersten Kanzlers der Bundesrepublik Deutschland von Mal zu Mal größer wird, und irgendwann auch die riesige Rotunde des geschichtsträchtigen Prachtbaus über dem Rhein nicht mehr alle fassen wird. Das mag – so vermutete Lammert – in diesem Jahr auch daran gelegen haben, dass neben Konrad Adenauer auch ein zweiter Rheinländer von Weltrang sein besonderes Jubiläum hat: Ludwig van Beethoven, dessen 250. Geburtstag das ganze Jahr über aufwendig gefeiert wird.

 

So lag es nahe, dass bei der Festveranstaltung mit über 400 Persönlichkeiten aus allen Bereichen der Gesellschaft die Kultur und die Musik eine wesentliche Rolle spielten, und zwar in ihrem komplizierten und vielfältigen Zusammenhang mit Staat und Gesellschaft. Dazu versammelte Dr. Helge Matthiesen, Chefredakteur des Bonner General-Anzeigers, ein spannendes Podium mit Isabel Pfeiffer-Poensgen, Ministerin für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW, Prof. Dr. Christian Höppner, Generalsekretär des Deutschen Musikrates und Ashok Sridharan, Oberbürgermeister von Bonn, um sich.

Schon mit der ersten Frage: „Ist Kultur eine Seniorenbespaßung“? kam Würze in das Feiertagsgericht. Gemeint war natürlich die sog. „Hochkultur“. Oberbürgermeister Sridharan widersprach vehement, zeige doch gerade das Beethoven-Jubiläum, dass Kultur in allen Bereichen der Gesellschaft Widerhall findet – von gemeinschaftlichen Singprojekten in der Grundschule bis eben auch zum Besuch der Bonner Oper oder des Beethovenorchesters, das beim Kunstrasen aber wiederum einen Brückenschlag schaffe. Der äußere Eindruck sei vermeintlich eindeutig, man schaue z.B. in der Oper von oben auf einen Silbersee, versuchte Pfeiffer-Poensgen die latente Seniorenfeindlichkeit der öffentlichen Debatte abzumildern, aber es müssten auch die vielen Initiativen, Kinder und Jugendliche mit Musik in Verbindung zu bringen, in den Blick genommen werden. „Mehr Musik in den Kitas und Grundschulen“ war daher auch die Forderung des Musikrates, deren Notwendigkeit auch von der Landesregierung NRW (wieder) erkannt ist und umgesetzt werden soll.

 

Alles gut und schön, aber wie steht es bei knappen Kassen um die Finanzierung? Ist es gerechtfertigt, dass Opernsanierungen, wie in Köln und Stuttgart, 1 Milliarde Euro verschlingen, mit denen Tausende von anderen Projekten gefördert werden könnten? Christian Höppner legte den Finger auf die Wunde: Solche Bauten und Orte sind wichtig, gehören zur Infrastruktur einer Stadt, aber sie müssten erstens positiver und weniger verdruckst kommuniziert werden und zweitens von der öffentlichen Hand von vornherein realistischer budgetiert werden, anstatt sich leichte öffentliche Anerkennung durch zu niedrige Ansätze zu erschleichen und der unvermeidlichen Diskussion aus dem Weg zu gehen.

 

Welche Rolle haben Staat und Gesellschaft in der Kulturförderung? Die Bundesrepublik hat in ihrem Grundgesetz bewusst darauf verzichtet, Kultur als Staatsziel festzulegen, was positiv gewendet bedeutet, dass dem Verfassungsgeber daran gelegen war, der Gesellschaft selbst die Initiative in der Kultur zu überlassen, während der Staat nur die Rahmenbedingungen setzt. Die öffentliche Hand als Financier der Kultur ist auf bürgerschaftliches Engagement, Stiftungs- und Vereinstätigkeit sowie Mäzenatentum angewiesen. Aufgabe des Staates, so Sridharan, ist dabei, die Vielfalt zu erhalten, damit nicht der Massengeschmack zur kulturellen Monokultur führt. Von extremistischer Seite wird diese Autonomie der Kunst, bei der der Staat nur die Leitplanken setzt, zunehmend kritisiert. Augenfällig wird dies vor allem im Osten der Republik, wo die AfD versucht, auf die Spielpläne der Häuser Einfluss zu nehmen und alles Experimentelle, Gewagte, Neue herausdrängen will, so Höppner. Sridharan betonte, dass nicht nur rechte Populisten, sondern auch Linksextreme den Spielbetrieb politisieren und vorgebliche „gesellschaftliche Relevanz“ herstellen wollen. Dieser Vereinnahmung müsse man sich – so das Podium einmütig – widersetzen.

 

Nach dem Schlusswort von Prof. Dr. Jürgen Rüttgers erklang weit über dem Rhein – wie schon zu Beginn – eines der seltener aufgeführten Duos für Klarinette und Fagott von Beethoven, zur Aufführung gebracht von Anna Koch und Simon Kranz, zwei Stipendiaten der KAS. Mit großem Beifall für deren Leistung endete die diesjährige Feierstunde. Im nächsten Jahr freuen wir uns auf den 145. Geburtstag!

Über diese Reihe

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