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Sinn und Nutzen der Geisteswissenschaften

von Jörg-Dieter Gauger , Günther Rüther
Serie: "Warum die Geisteswissenschaften Zukunft haben!" (1)
Das ,Jahr der Geisteswissenschaften" ist ein Jahr der Krisen: "Legitimationskrise", ,Bedeutungskrise", ”Sinnkrise" sind nur einige der Schlagworte, hinter denen sich die Frage nach Sinn und Nutzen der Geisteswissenschaften verbirgt. Welchem Zweck dienen sie? Wem helfen sie? Welche Stellung nehmen sie ein innerhalb der Universität, was bewirken sie in der Gesellschaft, wie stehen sie gegenüber der Politik da?

Diese Debatte ist, natürlich, nicht neu. Ihre Wurzeln

reichen zurück in das 19. Jahrhundert, in die Zeit der Entstehung der

Geisteswissenschaften im Zuge der Humboldtschen Bildungsreform.

Joachim A. Ritter und Helmut Schelsky nahmen die Diskussion in den 1960er-Jahren neu auf und machten sie zu einer öffentlichen Angelegenheit. Sie

fragten nach den Aufgaben der Philologien in der modernen Gesellschaft und

nach den Grundlagen für eine Reform der deutschen Universität im Zeichen der

Einheit der Wissenschaften. Danach verbindet sich die Diskussion darüber mit

Namen wie Odo Marquard, Wolfgang Frühwald und Jürgen Mittelstraß; dennoch

blieb sie allzu lange ein Gespräch unter Insidern.

Das ist heute anders. Die gegenwärtige Debatte spielt sich In den

Feullietons ab und erreicht eine große wissenschaftlich interessierte

Öffentlichkeit. Damit fordert sie auch die Politik zu Stellungnahmen heraus.

Geisteswissenschaften haben Konjunktur, jedenfalls wenn man von ihrer

öffentlichen Wahrnehmung ausgeht. Doch auch das mediale Interesse kann die

Ursachen der Probleme der Geisteswissenschaften nicht beheben. Die größten

Schwierigkeiten bereitet nach wie vor der Stellenabbau an den Universitäten.

Betroffen sind davon vor allem die Geisteswissenschaften. Der Präsident des

Hochschulverbandes, Bernhard Kempen, rechnete kürzlich vor, dass die

geisteswissenschaftlichen Fakultäten zwischen 1995 und 2005 663 Professuren

bei gleichzeitig ansteigenden Studentenzahlen verloren haben. Am stärksten

betroffen von diesem Stellenabbau ist die klassische Philologie, die 35

Prozent ihrer Professuren abgeben musste. Aber auch die

Erziehungswissenschaften und die Theologie haben erhebliche Einbrüche zu

verzeichnen. Diese Entwicklung steht einer notwendigen Qualitätsverbesserung

der Lehre an den Universitäten und Technischen Hochschulen dort entgegen, wo

dies zu einer weiteren Verschlechterung der Betreuungsrelation zwischen

immer mehr Studierenden und immer weniger Hochschullehrern führt.

Die mangelnde Berücksichtigung der Geisteswissenschaften bei der

Exzellenzinitiative, die politisch erhobene Forderung nach ihrem

"Relevanznachweis", die jedenfalls so empfundene geringere Berücksichtigung

bei öffentlichen Drittmitteln schwächen die Selbstbehauptungskräfte der

Geisteswissenschaften. Die unsere Gesellschaft immer stärker prägenden

technischen Disziplinen und Naturwissenschaften erhöhen, weil sie "Produkte"

verheißen, die unserer Wirtschaftskraft zugute kommen, den Druck auf die

Geisteswissenschaften.

Dazu tragen auch der drohende Abbau der traditionellen Universitätsidee und

die Imitation angloamerikanischer Studienorganisation bei. In beiden Fällen

werden Auswirkungen auf die fachwissenschaftliche Qualität

geisteswissenschaftlicher Bildung befürchtet. Die Liste der echten oder

zumindest gefühlten Lasten ließe sich weiter verlängern. Wie kommt es zu

diesem Bedeutungsverlust der Geisteswissenschaften in der politischen und

gesellschaftlichen Debatte? Hat er etwas zu tun mit dem Verschwinden oder

Verdrängen der traditionellen deutschen, im Wesentlichen

geisteswissenschaftlich orientierten Bildungsidee und damit eines

"bildungsbürgerlichen Resonanzbodens" für ihre Themen?

Liegt darin auch die tiefere Ursache für die wachsende Ökonomisierung von

Bildung und Kultur, das Denken in "Markt" und ”Kunden", in Quantität statt

in Qualität, das schon in der Schulpolitik einsetzt? Retten sie

Legitimationsformen wie Odo Marquards "Kompensationsthese", nach der die

Geisteswissenschaften Modernisierungsverluste ausgleichen sollen, oder der

vielbeschworene "Dialog" mit den Naturwissenschaften? Welche Bedeutung haben

sie für das Selbstverständnis und den kulturellen Standard unserer

Gesellschaft?

Oder drehen wir die Frage einmal um: Was wäre, wenn die

Geisteswissenschaften fehlen würden und dadurch die kommunikativ-symbolische

Reproduktion der Gesellschaft kollabierte? Es fällt auf, dass die deutschen

Geisteswissenschaften weltweit höchste Anerkennung genießen. Wie der

Wissenschaftsrat 2006 bescheinigte, bringen sie international anerkannte

Spitzenleistungen hervor. Sie tragen entscheidend zum Ansehen deutscher

Universitäten bei!

Vor allem aber: Sie erbringen Orientierungsleistungen für Gegenwart und

Zukunft, indem sie Fragen stellen und vermeintliche Gewissheiten in Zweifel

ziehen. "Der menschliche Intellekt wird nicht ablassen, Fragen zu stellen,

welche die Naturwissenschaft für illegitim oder unbeantwortbar erklärt hat

... Naturwissenschaftliches und technologisches Denken ist kumulativ ... Was

stellt im Gegensatz hierzu einen Fortschritt gegenüber Platon oder Dante

dar? .. Die Fragen, die Platon oder Kant behandelt haben, sind heute ebenso

relevant, wie sie es am Anfang waren. Nur die Gewissheit altert", schreibt

der Philosoph George Steiner.

Für die Stabilität und die Zukunft unserer Gesellschaft ist es sicher

entscheidend, dass die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen stimmen und

"Wohlstand für alle" garantieren. Nur so ist langfristig eine breite

Zustimmung für unsere demokratische Gesellschaftsordnung zu sichern. Nicht

minder entscheidend bleibt aber der Hinweis darauf, dass eine Gesellschaft

ihre geistige Stabilität und ihr kulturelles Selbstverständnis nicht "vom

Brot allein" bezieht. Der 11. September 2001 hat eindrücklich ins Gedächtnis

gerufen, wie fragil die modernen, komplexen Gesellschaften der westlichen

Welt geworden sind.

Die aktuelle Debatte um eine deutsche "Leitkultur" verweist darauf, wie

wichtig auch oder gerade in der säkularisierten Gesellschaft die

Selbstverständigung über ihre Grundlagen und gemeinsamen Orientierungen ist,

wie Norbert Lammert betont hat: "Dabei spielen Geschichte, historische

Erfahrungen, Sprache, Traditionen, religiöse und weltanschauliche

Überzeugungen eine unverzichtbare Rolle."

Unbestreitbar ist, dass eine Gesellschaft auf geistige Ressourcen angewiesen

ist, die ihre innere Stabilität auch dann stützen, wenn wirtschaftliche

Erfolge einmal einbrechen sollten. Die freie Entfaltung der Marktkräfte

gehört zu den wesentlichen Rahmenbedingungen wirtschaftlichen Erfolgs.

Dennoch sind Kultur und Wissenschaft nicht über den Markt allein zu regeln.

Vielmehr verdankt sich ihre Existenz auch der Tatsache, dass sie

gesamtgesellschaftlich notwendige Ressourcen darstellen. Denn die Frage, was

unsere Gesellschaft zusammenhält oder zusammenhalten soll, setzt jenes

"Bildungswissen" voraus, das als kulturelles Gedächtnis und Traditionsbezug

sowohl Kommunikation und damit Gemeinsamkeit wie auch individuelle

Entfaltung erst ermöglicht.

Als elementares soziales Bindemittel eröffnet dieses Wissen einen Fundus

gemeinsamer Wertüberzeugungen und ethischer Optionen. So bedürfen etwa die

Prinzipien von Menschenbildern immer wieder der Vermittlung zur Realität,

die nur aus der Universalität des Wissens heraus gelingen kann. Die

geschichtlich gewachsenen politischen, rechtlichen und wirtschaftlichen

Architektur-Prinzipien unseres Gemeinwesens, nämlich die Prinzipien der

politischen Freiheit, der Demokratie, der Rechtsstaatlichkeit und der

Sozialen Marktwirtschaft, hätten sich ohne Geisteswissenschaften nicht

entwickeln können und müssten ohne sie verloren gehen.

Demokratiewissenschaften können deshalb nur die Geisteswissenschaften sein!

Denn nur sie können diese Prinzipien begründen und so vermitteln, dass sie

zum Maßstab des gesellschaftlichen Urteilens und Handelns werden. Das gilt

auch für die moralische Beurteilung der beiden diktatorischen

Unrechtssysteme in Deutschland nach 1933, den Nationalsozialismus und die

SED-Diktatur.

Nicht minder groß sind die Herausforderungen der Zukunft.

Geisteswissenschaftler werden gebraucht für Diskussionen über

Bürgergesellschaft und Demokratie, über Freiheit und Gerechtigkeit, über die

Integration und das Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen, über

Geschichtspolitik und Kritik an Geschichtsbildern, über Erinnerungskultur

und über die Bedeutung der Bildung für die Zukunft unserer Gesellschaft.

Fragen wie "Was ist der Westen?", ”Warum ist Europa eine

Kulturgemeinschaft?", "Was ist nationale, was europäische Identität?" und

"Wie können wir gemeinsam aus unserer Geschichte lernen und die Zukunft

meistern?" markieren Problemstellungen, die ohne den

geisteswissenschaftlichen Diskurs und den Pluralismus der Antworten, die

damit verbunden sind, nicht sinnvoll behandelt werden können. Die

Geisteswissenschaften sind ganz offensichtlich ein unverzichtbarer und daher

selbstverständlicher Teil unserer modernen Kultur, die ohne sie nicht

auskommen kann.

Der ganze Aufsatz erscheint in dem von Prof. Jörg-Dieter Gauger und Prof. Günther Rüther herausgegebenen Band "Warum die Geisteswissenschaften Zukunft haben! Ein Beitrag zum Wissenschaftsjahr 2007" welcher ab November im Handel ist.