Länderberichte

Nach den Stasi-Enthüllungen

von Marco Arndt
Die bulgarisch orthodoxe Kirche in Staat und Gesellschaft
Im Januar 2012 verkündete die Kommission für die von der bulgarischenStaatssicherheit geführten Personenakten (im Folgenden: Dossier-Kommission) dieErgebnisse ihrer Untersuchungen über die Verstrickung der hohen Geistlichkeit derBulgarischen Orthodoxen Kirche (BOK) in die Tätigkeit der bulgarischen Stasi zur Zeitdes kommunistischen Regimes. Die Prüfung ergab, dass elf der insgesamt fünfzehnMitglieder der Heiligen Synode der BOK Mitarbeiter der Staatssicherheit gewesen sind.

Als unbelastet erwiesen sich außer dem Patriarchen (der 1960 zum Metropoliten und

1971 zum Patriarchen gewählt worden war) nur die drei letzten in die Heilige Synode

gewählten Mitglieder. Diese Enthüllungen wurden vom hohen Klerus und den religiösen

Laien unterschiedlich aufgenommen. Die Hl. Synode reagierte auf die Enthüllungen mit

völligem Schweigen; einige der betroffenen Metropoliten gaben wenig überzeugende

Stellungnahmen ab. Laut einem soziologischen Umfrageinstitut hat der Skandal zu

einem Vertrauensverlust in der Öffentlichkeit um 17 Prozentpunkte (von 53 auf 36

Prozent) geführt; einem anderen Umfrageinstitut zufolge ist die Reaktion der

öffentlichen Meinung auf die Enthüllungen widersprüchlich, da nur 17 Prozent aller

Befragten sich als „empört“ über die veröffentlichten Daten bezeichneten. Bedeutend

höher ist der Prozentsatz der Missbilligung unter jenen 13 Prozent der Befragten, die

sich als „tief gläubig“ bezeichneten: 42 Prozent von ihnen fordern den Rücktritt der

überführten Metropoliten, weitere 26 Prozent forderten wenigstens ein „Bekunden von

Reue und Bitte um Entschuldigung“.

Die Enthüllungen brachten das lange verborgene Problem der kommunistischen

Vergangenheit der Kirche an die Oberfläche, das bis zu diesem Moment mehr von

Gerüchten und Vermutungen dominiert war als von schlüssigen Tatsachenaussagen.

Ganz allgemein gesagt, stellte sich durch die Enthüllungen die Frage nach den

Verbindungen zwischen dem Klerus und dem kommunistischen Staat, nach der

Unabhängigkeit der Hohen Geistlichkeit und der Neigung des obersten Klerus, sich

benutzen und instrumentalisieren zu lassen. Dies sind Fragen, die sich in

unverminderter Schärfe auch heute stellen, trotz der veränderten gesellschaftlichen

Rahmenbedingungen.

Die Debatte um die kommunistische Vergangenheit der Kirche hatte kaum begonnen,

da wurde sie auch schon wieder beendet, da es 1992 zu einer Kirchenspaltung kam.

Die Spaltung begann dadurch, dass ein Teil der Hohen Geistlichkeit die Legitimität der

Wahl Maxims zum Patriarchen im Jahre 1971 in Frage stellte. Dies führte zu einer

dramatischen Verschlechterung der Beziehungen zwischen einzelnen Mitgliedern der

Synode und zur Teilung der Synode in eine „kanonische“ Synode (mit Patriarch Maxim

an der Spitze) und eine „Alternativ-“ oder „Gegensynode“, an deren Spitze Pimen, der

Metropolit von Nevrokop stand (gewählt zum Gegenpatriarchen im Jahre 1996,

verstorben 1999). Metropolit Pimen erwies sich ebenfalls als Mitarbeiter der

Staatssicherheit, und zwar schon seit den 1950er Jahren (unter dem Decknamen

„Patriarch“), und auch die anderen Führer der Gegensynode waren Geistliche, die den

kommunistischen Machthabern nahe standen. Die Kirchenspaltung endete 2001 t dem

formellen Sieg der Kanonischen Synode unter Patriarch Maxim, errungen mit Hilfe des

Staates und mit der Unterstützung der anderen orthodoxen Kirchen. Doch die Spaltung

hinterließ tiefe Spuren in der Hohen Geistlichkeit und trug zur Verschlechterung des

Ansehens der Kirche in der Öffentlichkeit bei. In Kirchenkreisen dominierte das

Demonstrieren von Einheit anstelle von Aktivität.

Welches sind nun die Herausforderungen, vor denen die Bulgarische Orthodoxe Kirche

in der bulgarischen Transformationsgesellschaft steht? In welchem Umfang wird sie

diesem gerecht? Und welches sind die positiven und negativen Seiten im kirchlichen

Leben?

Öffentliche Sphäre und Bild in der Öffentlichkeit

Wie ist die öffentliche Sphäre beschaffen, in der die BOK in den Jahren des Übergangs

lebt? Wie ist ihr Bild in der Öffentlichkeit, und welche Erwartungen hat diese an sie?

Und in welchem Maße entspricht sie diesen Erwartungen?

Die öffentliche Sphäre im postkommunistischen Bulgarien kann als stark säkularisiert

bezeichnet werden. Dies ist das Ergebnis einer erfolgreichen Atheismus-Kampagne in

den Jahren des Kommunismus sowie der demographischen und sozialen Entwicklungen

in dieser Periode. Leitmotiv in der atheistischen Politik des kommunistischen Staates ist die Propagierung der Vorstellung, dass die Kirche eine überholte Institution sei, die ihre Verdienste um die „Bewahrung der bulgarischen Kultur“ habe und somit den Status eines „Kulturdenkmals“, eines Objekts für den Tourismus habe.

Ein zentrales Moment in dieser Politik bildeten in den 1970er und 1980er Jahren die

Kampagnen zur Durchsetzung der sogenannten Zivilrituale – Ziviltaufe, Zivilheirat und

zivile Beisetzung –, die die fest in der Tradition verankerten religiösen Rituale ersetzen sollten. Das Leben der Kirchengemeinden litt zudem unter der gewaltsamen

Modernisierung und Urbanisierung, die zu dramatischen sozialen Verschiebungen

führten. Infolge der Urbanisierung (des massenhaften Zuzugs in die Städte) wurden

große Teile der bulgarischen Gesellschaft aus ihren tradierten sozialen Gemeinschaften

herausgerissen. Diese Menschen wohnten in den gewaltigen Plattenbausiedlungen,

welche neu erstanden, allerdings ohne dazugehörige neue Kirchenbauten!

Im Unterschied zu einer Reihe westeuropäischer Länder, die einen natürlichen

Säkularisierungsprozess durchgemacht haben und nach wie vor durchmachen, wird es

in Bulgarien heute nicht für normal gehalten, wenn ein Mensch sich als Atheist

bezeichnet oder sich als nichtreligiös bezeichnet. Die Mehrheit der Bulgaren definiert

sich selbst als „christlich-orthodox“ (fast 80 Prozent der Bevölkerung laut Volkszählung von 2011); gleichzeitig aber hat die Mehrheit von ihnen nicht einmal flüchtige

Kenntnisse der zentralen christlichen Dogmatik, von den Besonderheiten der

Orthodoxie gar nicht erst zu reden. Laut einer soziologischen Befragung aus dem Jahr

2009 bekennen sich nur 35 Prozent aller Bulgaren zu „einem Gott“, weitere 49 Prozent

glauben an „eine höhere Macht oder einen höheren Geist“. An ein Leben nach dem

Tode glauben 25 Prozent (50 Prozent tun das nicht); an die Existenz der Hölle glauben

22 Prozent (gegen 52 Prozent, die nicht daran glauben). An das Paradies glauben 25

Prozent (49 Prozent glauben nicht daran). Auf der anderen Seite finden es 63 Prozent

aller Bulgaren unerlässlich, dass nach einer Geburt ein religiöses Ritual vollzogen wird,

68 Prozent bei Eheschließung, bei Tod 73 Prozent. Auf einer elementaren kulturellen

Ebene hält die große Mehrheit die orthodoxe Kirche für eine Ritualvollzugsanstalt, die

sie in wichtigen persönlichen und familiären Momenten konsultieren, eben bei Geburt,

Hochzeit und Tod.

Angesichts so verschiedenartiger und auch widersprüchlicher Wahrnehmungsweisen

steht die Kirche vor der Schwierigkeit, wie sie die divergenten Erwartungen unter einen

Hut bringen soll. Ein Teil der Gesellschaft erwartet von ihr, vor allem eine nationale

Institution zu sein (vorwiegend in nationalistisch gesinnten Kreisen); Medienvertreter

erwarten, dass sie den Akzent auf soziale Tätigkeit setzt. Der eine Teil der jüngeren

und aktiveren Kirchenmitglieder sieht die BOK als Teil der christlichen Weltkirche und in

diesem Kontext als Trägerin universaler Werte; andere Kirchenmitglieder, die man als

Zeloten (Eiferer) oder Neophyten (Neulinge, neu Getaufte) bezeichnet, sehen in der

BOK eine dezidiert konservative Institution, die Garant der „Reinheit“ der Orthodoxie

und Schutzwall gegen westliche Einflüsse sein soll. Bis vor Kurzem blieben diese

divergierenden Erwartungen undiskutiert, weil die Kirche sich den Fragen nicht stellte

und öffentliche Debatten und Dispute mied. Doch die Ereignisse Ende 2011 / Anfang

2012 haben gezeigt, dass die Zeit für eine solche Verhaltensstrategie abläuft. Ein

charakteristisches Beispiel war die öffentliche Haltung und Äußerungen der BOK zu den

Problemen der Reproduktionsmedizin und der Leihmutterschaft, die sie auf Anfrage des

Parlamentes erarbeiten musste, das mit den Debatten um ein Gesetzesprojekt zur

Leihmutterschaft begonnen hatte. Die Kirche machte in den Medien einen

widersprüchlichen und wenig professionellen Eindruck.

Welches sind die grundlegenden Entwicklungen in der BOK während der letzten

zwanzig Jahre in diesem Kontext? Welche positiven Tendenzen gibt es, und können

diese die sich vertiefenden negativen Prozesse aufwiegen, die vor allem mit der

„Feudalisierung“ im Leben der Bistümer verbunden sind?

Positive Entwicklungen

Die positiven Tendenzen nach dem Ende des Kommunismus sind vorwiegend Ergebnis

der Möglichkeiten zur Entwicklung eines autonomen kirchlichen Lebens.

1. Trennung der Kirche vom Staat

Im bulgarischen Kontext klingt die Bezeichnung „Trennung der Kirche vom Staat“

zweideutig, da sie als Fassade benutzt wurde, um die Repression während des

Kommunismus zu verbergen. Die Demokratisierung in den Jahren des Übergangs wie

auch die Einmischung des Staates in den Jahren der Kirchenspaltung führte zu einer

realen Trennung der Kirche vom Staat (sogar zu einer Entfremdung). Die BOK

widersteht erfolgreich der Versuchung, Träger nationaler oder gar nationalistischer

Ideen und Bestrebungen zu sein, wie es bestimmte Gruppen von ihr erwarten. Dazu trägt ein Sonderentscheid der Synode bei, der geistlichen Würdenträgern die

Mitwirkung in politischen Parteien verbietet.

Typisches Beispiel war die Initiative bei den Kommunalwahlen 2007, den beliebten

örtlichen Pfarrer Bojan Sarăev zum Bürgermeisterkandidaten für die Stadt Kărdzhali

aufzustellen, der für die Mehrheit eine Auffassung von Kirche hatte, die sie in der Rolle

der Trägerin solch enger nationaler Auffassungen sieht. Kărdzhali gilt als Wahlfestung

der „Bewegung für Rechte und Freiheiten“ (Partei der ethnischen Türken in Bulgarien),

in der es traditionell Spannungen zwischen Bulgaren und Türken gibt. Der Metropolit

von Plowdiw, Nikolaj, erklärte daraufhin, dass Bojan Sarăev, wenn er Bürgermeister

werden wolle, zuvor sein Kirchenamt als Pfarrer niederlegen müsse. Dieser gab seine

politischen Ambitionen auf.

Der Begriff der„Trennung von Kirche und Staat“ ist juristisch unklar. Die Gesetzgebung

bestimmt die Orthodoxie als traditionelles Glaubensbekenntnis in Bulgarien; der Staat

erweist der BOK und einigen anderen Glaubensvereinigungen finanzielle Hilfe. Die

staatliche Unterstützung, die sich auf etwa eine Million BGN jährlich beläuft (etwa

500.000 €), spielt allerdings keine entscheidende Rolle bei der Finanzierung der Kirche.

Die Kirche muss über diese Summe keine Rechenschaft ablegen. Erst Anfang 2012

infolge der Affäre um die Metropoliten beginnt eine öffentliche Debatte hinsichtlich der

Notwendigkeit, dass der Staat die Verwendung der Fördermittel kontrollieren müsse.

Besonders kontrovers ist in diesem Zusammenhang die Frage der Einführung des

Religionsunterrichtes in Grundschulen und weiterführenden Schulen. Im Moment gibt

es den Religionsunterricht in Grundschulen als Wahlfach; die Hl. Synode aber hat in

den vergangenen zwei Jahren einige Kampagnen mit dem Ziel durchgeführt,

Religionsunterricht zum Pflichtfach zu machen. Trotz des Drucks lehnte es der Staat

ab, den Argumenten der Kirche nachzugeben. Im Moment ist die Verwirklichung dieses

Ziels eher unwahrscheinlich.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Kirche fast keinerlei Berührungspunkte

mit dem Staat hat. Dies gibt der Kirche die Möglichkeit, ihr Leben vollkommen

autonom zu entfalten, öffnet aber zugleich äußeren Einflüssen auf hochgestellte

Kirchenmänner Tür und Tor. Die BOK ist bisher der Gefahr entgangen, sich zum Träger

nationaler oder nationalistischer Ideen instrumentalisieren zu lassen (im Unterschied zu

derjenigen in Serbien).

2. Wiedererstehen des kirchlichen Lebens

Dieser Prozess ist soziologisch schwer zu erfassen, ist aber sichtbar durch die erhöhten

Besucherzahlen der Kirchen durch Menschen im aktiven Alter, besonders in den großen

Städten. Das Wiedererstehen des kirchlichen Lebens ist Frucht der Bemühungen

bestimmter Pfarrer ebenso wie des Wiederauflebens des Interesses an der Orthodoxie

insgesamt. Dieser Prozess findet seinen Ausdruck auch im Auftauchen einer

öffentlichen Sphäre aus aktiven religiösen Laien, auch wenn diese bis jetzt von der

Hohen Geistlichkeit in keiner Weise anerkannt werden.

3. Erneuerung des Pastorenbestandes

In den letzten Jahren ist das Eintreten einer neuen Generation von Pfarrern in die

Kirche zu beobachten, die eine gänzlich neue Einstellung zum Kirchen- und Gemeindeleben demonstrieren. Beispiele für aktive und lebendige Gemeinden gibt es in

Sofia, Russe, Varna, Kasanlăk und anderswo. Fehlendes Medieninteresse gegenüber

diesen Entwicklungen steht einer Popularisierung dieser guten Beispiele im Wege. Auf

der anderen Seite ärgert die Popularität bestimmter Pfarrer manchmal ihre

Metropoliten und veranlasst sie, administrative Maßnahmen gegen sie einzuleiten.

Diese Priestergeneration arbeitet an der Restaurierung der Kirchenpyramide, an deren

Basis sich eben das Gemeindeleben befindet.

4. Auftauchen einer orthodoxen öffentlichen Meinung

Wenn er sich auch erst im Anfangsstadium befindet, wird dieser Prozess doch immer

mehr publik, immer sichtbarer. In den letzten Jahren sind einige Internetseiten

aufgetaucht, auf denen kirchliche Themen diskutiert werden. Ohne Bekanntheit in den

Schlüsselmedien zu gewinnen, wurden diese Websites zu einer festen Größe der

internen Diskussion in der BOK. Sie sind die einzige Form öffentlicher Kontrolle der

Tätigkeit der Metropoliten.

Negative Tendenzen

1. Krise des Zentralismus im Leben der Kirche

Administrativ geregelt wird das kirchliche Leben der BOK durch die neue Satzung des

Bulgarischen Patriarchats, die seit 2009 in Kraft ist. Dieses Statut reglementiert die

Bildung des zentralisierten Budgets des Bulgarischen Patriarchats auf der Grundlage

der Beiträge der einzelnen Bistümer und der direkt der Hl. Synode unterstellten Klöster

sowie der Verwaltung des Immobilienbesitzes. Die Budgets der Bistümer ihrerseits

formieren sich hauptsächlich aus dem Verkauf von Andachtskerzen, kostenpflichtig

bestellten Zeremonien und Ritualen (Taufen, Trauungen, Messen, Beerdigungen usw.)

sowie der Verwaltung ihres Immobilienbesitzes. Diese satzungsmäßigen Bestimmungen

werden aber notorisch nicht eingehalten, so dass bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt ein

integriertes Budget des Bulgarischen Patriarchats fehlt; zumindest ist von seiner

Existenz nichts bekannt. In Konsequenz daraus gibt es eine Teilung in reiche Bistümer

(Sofia, Plovdiv, Varna) und arme Bistümer (am schlimmsten ist die Lage in Vraza und

Vidin). Das Fehlen eines zentralen Budgets erschwert also die Vereinheitlichung des

Kirchenlebens, das somit auch weiterhin in höchstem Maße abhängig ist von den

persönlichen Qualitäten und Aktivitäten der einzelnen Metropoliten. Im Zusammenhang

mit dieser Krise des Zentralis mus steht auch die schwache Verwaltungskultur und

administrative Kapazität der Kirche auf der zentralen Ebene.

2. „Feudalisierung“ des Lebens in den Diözesen

Metropoliten der BOK sind auf Lebenszeit gewählt und im Amt. Diese Regel der

Satzung macht sie relativ unabhängig gegenüber äußeren Faktoren, vor allem

gegenüber dem Staat. Sie schafft aber keine ausreichend klaren Maßstäbe für die

Kontrolle der Arbeit der einzelnen Metropoliten, welche in diesem Sinn absolut ihre

Diözese „regieren“. Theoretisch müssen die Würdenträger von den anderen Mitgliedern

der Synode oder ihren Diözesanräten überwacht werden, doch in der Praxis geschieht

dies nicht.

Infolgedessen hängt die Verwaltung der Diözesen vollkommen von den administrativen

Qualitäten des Metropoliten ab. Einige Metropoliten versuchen, klare Regeln

durchzusetzen, anhand derer sie eine sichere Kontrolle über die Einnahmen und

Ausgaben in ihren Diözesen implementieren. Laut Medieninformationen trifft dies auf

den Metropoliten von Plovdiv, Nikolaj, zu, der ein strenges Abrechnungssystem für den

Verkauf von Andachtskerzen eingeführt hat.

Dieser Prozess der „Feudalisierung“ und fehlender Kontrolle über die Metropoliten ist

Grund für eine Reihe von Skandalen. Hier zu nennen ist die Verbindung bestimmter

Metropoliten mit Vertretern der örtlichen Geschäftswelt, von denen einige ein höchst

fragwürdiges Renommee haben. Die Skandale werden hauptsächlich hervorgerufen

durch teure Geschenke, die einige der Geistlichen von diesen Geschäftsleuten

annehmen (Automobile und Uhren in Varna und Plovdiv). Ähnlich liegt der Fall beim

Metropoliten von Stara Zagora, Galaktion, der an drei Geschäftsleute gegen eine

entsprechende finanzielle Hilfe den hohen Ehrentitel „Archont der Kirche“ verliehen hat.

Diese Praxis ist ungebrochen, trotz der offiziellen Stellungnahme der Hl. Synode, dass

ein solcher Titel in der Kirchenpraxis nicht existiert.

Einzige Kontrollinstanz für die Tätigkeit der Metropoliten sind die Medien und die

öffentliche Meinung. Weil diese häufig von einer weltlichen Position aus argumentieren,

zieht ihre Kritik manchmal auch richtiges Handeln der Synode und der Metropoliten in

Zweifel. Dies wiederum gibt den angegriffenen Metropoliten die Möglichkeit, von einem

Krieg zu sprechen, der gegen die Kirche geführt werde, was ihnen als Freibrief dient,

sich auch weiterhin nicht mit den anliegenden Problemen zu befassen.

3. Spannungen zwischen den Pfarrern und dem Hohen Klerus

Die fehlende Kontrolle der Tätigkeit der Metropoliten ist auch Nährboden für

administrative Willkür in ihrem Umgang mit den Priestern. In den letzten Jahren gab es

mehrere Fälle in den Diözesen Stara Zagora, Varna und Russe, in denen ein beliebter

örtlicher Pfarrer vom Metropoliten in eine andere Gemeinde versetzt wurde. Den

Betroffenen sowie aktiven Gemeindemitgliedern zufolge ist die Ursache, dass die

Popularität des Pfarrers die Autorität des Metropoliten bedrohte. Die Metropoliten

ihrerseits geben keinerlei Begründungen für ihre Entscheidungen, oder aber sie berufen

sich auf unbewiesene Anschuldigungen und Gerüchte gegen die Priester.

Spannungen ergeben sich durch die unterschiedliche Stellung der Pfarrer in den

einzelnen Diözesen. In nicht wenigen Bistümern bekommen die Pfarrer ihre Gehälter

nicht regelmäßig, sondern in Abhängigkeit von der Zahl der verkauften Andachtskerzen

in ihren Gemeinden. Unklar ist auch der arbeitsrechtliche Status der Priester, da für sie

in der Mehrzahl nicht die notwendigen Sozialversicherungen entrichtet werden, was für

sie nach Ausscheiden aus dem Dienst zum Problem wird.

4. Zerstörte Gemeindestruktur

Seinem Wesen nach ist dies das zentrale, aber auch das am schwersten zu lösende

Problem im bulgarischen Kirchenleben. Die Satzung der BOK sieht den Aufbau einer

Kirchenpyramide vor, die klaren demokratischen Regeln unterworfen ist und auf der die

Gemeindestruktur gründet. Diese Regeln werden aber nicht eingehalten; die

Metropoliten haben die Möglichkeit, entscheidenden Einfluss auf die Konstituierung der

einzelnen Kirchenorgane zu nehmen.

Laut Satzung stehen auf der untersten Ebene der Kirchenpyramide die

Gemeindevorstände, die von den Pfarrern und Gemeindemitgliedern gewählt werden.

Die Gemeindevorstände wiederum entsenden einen Diözesanrat, der sich aus Priestern

und Gemeindevertretern zusammensetzt und den Metropoliten wählt, wenn ein Posten

frei geworden ist. Die Diözesanräte entsenden auch Mitglieder der regulären

volkskirchlichen Konzile sowie die Mitglieder des Konzils, das den Patriarchen wählt.

Wenn auch kompliziert, so sichert diese Struktur den Kirchenmitgliedern zumindest

theoretisch Partizipation am Kirchengeschehen, Kontrolle über den Metropoliten und

relative Transparenz bei Entscheidungsprozessen auf der Ebene der Diözesen.

Auf dem Papier bestanden diese Statuten auch während der kommunistischen Periode;

sie fanden damals jedoch keine Anwendung. Stattdessen war es in kommunistischer

Zeit Praxis, dass die Metropoliten die Mitglieder der Diözesanräte ernannten und

entscheidenden Einfluss auf die Wahl der Gemeindevorstände hatten. So wurde die

Gemeindepyramide auf den Kopf gestellt und auf die Person des Metropoliten zentriert.

Diese Praxis wird auch in den Jahren nach dem Ende des Kommunismus fortgeführt.

Mögen sie auch regelmäßig durchgeführt werden, so sind die Wahlen für die Räte auf

allen Ebenen der Kirchenpyramide weitgehend Formsache, in Wahrheit aber kontrolliert

von den Metropoliten.

5. Ungenügende Zahl von Mönchen und Pfarrern

Ein substantielles und kaum lösbares Problem ist die geringe Zahl derjenigen, die

Interesse an einer Kirchenlaufbahn haben. Im Moment beträgt die Zahl der Mönche in

der BOK nicht einmal 100; sie sind aber der Personenkreis, aus dem die Mitglieder der

Hohen Geistlichkeit gewählt werden können. Damit ein Mönch für das Amt eines

Bischofs kandidieren kann, muss er ein akademisches Theologiestudium abgeschlossen

haben; dies engt den Kreis möglicher Kandidaten weiter ein. Die geringe Zahl der

Mönche ist ein altes Problem der BOK, das auch vor Beginn der kommunistischen Ära

bereits bestand. Der begrenzte Kandidatenkreis ist eine der Hauptursachen für die

Infiltration der Kirche durch die Staatssicherheit, denn die potentiellen Vertreter der

Hohen Geistlichkeit wurden von der Stasi bereits in ihrer Studienzeit überwacht und

zum Teil angeworben. Ähnlich liegt das Problem auch bei den Pfarrern, deren Zahl um

die tausend liegt. Die harten, schwierigen Lebensbedingungen und das ungelöste

Problem ihrer regelmäßigen Bezahlung und Sozialversicherung sind die Gründe dafür,

dass der Priesterberuf ein geringes öffentliches Prestige hat.

In den letzten Jahren vertieft sich die Krise bei der vorakademischen geistlichen

Ausbildung; als Trend ist eine Verringerung der Kandidaten für die beiden

Priesterseminare in Sofia und Plovdiv auszumachen. Gleichzeitig ist eine spürbare

Erhöhung der Aktivität an den beiden theologischen Fakultäten an den Universitäten

Sofia und Veliko Tărnovo zu bemerken, die sich immer reger in die Debatten um

kirchliche Fragen einschalten.

6. Negative weltanschauliche Tendenzen

Die wichtigsten Negativtendenzen stehen in Verbindung mit der Provinzialisierung und

internationalen Isolation der BOK. Dies steht in Widerspruch zur Tradition vor 1944, als

ein großer Teil der Hohen Geistlichkeit Bulgariens im Westen studierte und aktive

internationale Beziehungen unterhielt, was als unverzichtbarer Bestandteil ihrer

öffentlichen Funktion galt und das Bild als Klerikerelite mitbestimmte.

Die Ursachen für die internationale Isolation sind vielschichtig. Zum Teil sind sie ein

Resultat der vergleichsweise niedrigen theologischen Bildung eines großen Teils der

Geistlichkeit, deretwegen diese die Teilnahme an theologischen Diskussionen scheut.

Es gibt aber auch historische Gründe. Sowohl die theologische als auch die

internationale Tätigkeit der Kirche verschwanden unter dem Kommunismus völlig, da

die gesamte Aktivität in der ökumenischen Bewegung zur Zeit des Kalten Krieges von

ideologischen Motiven geleitet war. Die internationale Tätigkeit der BOK wurde von der

Staatssicherheit initiiert und gesteuert, und alle Metropoliten, die aktiven Anteil an

dieser Tätigkeit hatten, befanden sich Anfang der 1990er Jahre unter den Betreibern

der Kirchenspaltung und unter den Mitgliedern der sog. „Alternativen Synode“. All dies

zeichnete den Austritt der BOK aus der ökumenischen Bewegung, der 1998 erklärt

wurde, vor, wie auch ihre Enthaltung von der Teilnahme am Dialog zwischen den

orthodoxen Kirchen.

Weitere Ursache dieser Passivität ist auch das Fehlen einer klaren internationalen

Orientierung. Im öffentlichen Raum kursieren Gerüchte über das Vorhandensein zweier

„Lobbys“ in der Synode, von denen eine auf der Einhaltung der pro-russischen

Orientierung der BOK besteht (Metropolit Kiril von Varna, Gawriil von Lowetsch), die

andere (angeführt von Natanail Newrokopski) drängt auf eine aktive Entwicklung der

Beziehungen zu den griechischen Kirchen.

Die Bekanntmachung der Stasi-Akten der Hohen Geistlichkeit zeigt die

Geschichtsblindheit des hohen Klerus und das Fehlen eines Konsenses bezüglich der

Vergangenheit der Kirche in der kommunistischen Periode. Jahre währt die Diskussion,

die Märtyrer der Kirche während des Kommunismus in den Kanon der Heiligen

aufzunehmen; doch fehlt in der Hl. Synode die nötige Einmütigkeit, weswegen in dieser

Frage bisher keinerlei konkrete Schritte unternommen wurden. Dies betrifft das

historische Gedenken an die bulgarischen Metropoliten, die dem kommunistischen

Regime aktiv Widerstand geleistet haben. Der Metropolit von Newrokop, Boris, bezahlte

mit seinem Leben, er wurde 1948 ermordet.

Die bulgarische Kirche versucht auch nicht, die aktive Beteiligung der Bulgarischen

Orthodoxie an der Kampagne zur Rettung der bulgarischen Juden vor der Deportation

1940/41 ins öffentliche Gedächtnis zu rufen.

Perspektiven künftiger Entwicklung

Die Veränderungen in der Kirche vollziehen sich langsam, bedingt durch die

konservativen Strukturen. Das Problem der „Feudalisierung“ in der Kirche und die

Konzentration auf die Metropoliten ist das größte Problem. Ein negatives Szenario wäre

eine Vertiefung dieses Problems, einschließlich der Vereinigung einiger

Metropolitenlobbys für die bevorstehende Wahl des Patriarchen mit dem Ziel der

Erhaltung oder sogar Verschärfung des Status Quo, und eine mögliche Mitwirkung an

diesem negativen Prozess durch einflussreiche örtliche Geschäftsleute.

Das positive Szenario geht von einer Erhöhung der Sichtbarkeit der Zivilgesellschaft

und der kirchlichen öffentlichen Meinung aus, was zu einem Wiedererstehen des

Gemeindelebens und einer erfolgreichen Kontrolle der Metropoliten führt. Notwendig

sind eine Erhöhung des Bildungsniveaus der Pfarrer und künftiger Mönche, der Aufbau

internationaler Kontakte, das Aufarbeiten der kommunistischen Vergangenheit der

Kirche und die Partizipation aktiver und gebildeter Kirchenmitglieder an

Entscheidungsprozessen in der Kirche.

Im PDF (oben) finden Sie eine tabellarische Übersicht aller Mitarbeiter der Staatssicherheit.

Über diese Reihe

Die Konrad-Adenauer-Stiftung ist in rund 80 Ländern auf fünf Kontinenten mit einem eigenen Büro vertreten. Die Auslandsmitarbeiter vor Ort können aus erster Hand über aktuelle Ereignisse und langfristige Entwicklungen in ihrem Einsatzland berichten. In den „Länderberichten“ bieten sie den Nutzern der Webseite der Konrad-Adenauer-Stiftung exklusiv Analysen, Hintergrundinformationen und Einschätzungen.