Veranstaltungsberichte

„Viele Fragen stiegen mit aus dem Trabi“

von Julia Rieger

Lesung und Diskussion mit Freya Klier "Und wo warst Du? - 30 Jahre Mauerfall"

Vor 30 Jahren fiel die Mauer – und für die Menschen, die das miterlebten, sind diese Momente noch immer präsent. In dem Buch „Und wo warst du? – 30 Jahre Mauerfall“ erzählen die Bürgerrechtlerin Freya Klier und viele andere Autorinnen und Autoren Geschichten über den Mauerfall und darüber hinaus. Mit einem Auszug aus einem neuen Stück stellen zwei Schauspieler des Jungen Schauspielhauses die Aktualität von Wiedervereinigung und Spaltung dar.
Im Jungen Schauspiel Düsseldorf las Freya Klier vor etwa 100 Gästen aus ihrem Buch. Unterstützt wurde sie von Katrin Maaß, die auch ihre Geschichte im Buch erzählt. Zu Beginn begrüßt die Leiterin des Regionalbüros Rheinland, Simone Habig, das Publikum. Der Mauerfall sei ein einschneidendes Erlebnis gewesen: „Du sollst dich erinnern – das ist die Devise, die Freya Klier vermittelt.“ Im Anschluss begrüßt Guy Dermosessian, der Diversity- Leiter des Schauspielhauses, die Gäste. Das Schauspielhaus beschäftige sich viel mit dem Thema Erinnerungskultur – „wer sie schreibt, wie sie aussieht und für wen sie erzählt wird.“

„Wir spürten die Risse im System“
Dann liest Freya Klier das Vorwort ihres Buches, welches eine eigene Geschichte bildet. 1986 spürte sie, dass sich etwas veränderte. Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl sei in der DDR anders als im Westen nicht thematisiert worden: „Da wurde beruhigt, beschönigt, belogen.“ Mit einer Unterschriftensammlung wollte sie die Regierung dazu bringen, offen über die Folgen zu informieren – doch kaum jemand unterschrieb: „Alle waren betroffen, aber nicht tief genug, um Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen.“

Jeder weiß, wo er war
In dem Vorwort beschreibt sie, wie sich die friedliche Revolution anbahnte, wie die Menschen trotz angedrohter Gewalt auf die Straße gingen, während sich Chirurgen bereithielten und Blutkonserven gesammelt wurden. Sie beschreibt die Bildung von oppositionellen Gruppen, die aus der Bürgerrechtsbewegung stammten, „deren Herz für die Wiedervereinigung schlug.“ Die Geschichten des Mauerfalls ließen sich facettenreich weitererzählen. Eine dieser Geschichten erzählt Katrin Maaß, die nach der Wende nach Dresden zog, dort glücklich lebte und sich später, zurück in Westdeutschland, fremd fühlte.

Freude und Anspannung
Katrin Maaß beschreibt, wie ihre Cousine aus der DDR nach der Wende im Westen ankam – und die Anspannung, die mit der Freude einherging: Bleiben die Grenzen offen? Zwei Jahre später zog sie mit ihrem Mann nach Dresden, wo sie sich in ihr neues Leben stürzten. Sie berichtet von „Kaltwellen“ und „Essenkehrern“ – Worte, die sie zuerst nicht kennt. In Dresden begegnet sie einer Solidarität, „wie ich sie noch nie vorher erlebt habe.“ Ein Nachbar stellte kurz vor ihrer Rückkehr aus dem Urlaub den Ofen an, ohne dass sie ihn gefragt hatte: „Seine Fürsorge machte unser Haus mit zu einem Zuhause.“

Gemachte Stimmung
In einer sehr persönlichen Diskussionsrunde teilen viele Gäste ihre Erfahrungen im Osten nach der Wende, viele berichten von ähnlich positiven Erlebnissen wie Katrin Maaß. Trotzdem sei die Stimmung, vor allem gegenüber Geflüchteten, im Osten schlecht, sagt ein Gast. Freya  Klier erwidert, dass diese Stimmung gemacht sei und sich schnell unter den Menschen verbreite. Ihr Appell an alle Besucher, die gute Erfahrungen gemacht haben: „Bringen sie ihre Erlebnisse in die Öffentlichkeit.“

Keine einfache Erklärung für ein komplexes Thema
Im Anschluss an die Diskussion trägt das Ensemble des Jungen Schauspiel Düsseldorf eine szenische Lesung aus dem neuen Stück „Mit der Faust in die Welt schlagen“ vor. In dem Stück geht es um zwei Brüder, die sich einer Clique anschließen und immer weiter nach rechts driften. „Das ist ein brennendes Thema – aber nicht nur im Osten.“ Deswegen wollen sie nicht kurze Zusammenhänge darstellen, sondern der Komplexität der  Themenfelder Rechtspopulismus und  Erinnerungskultur gerecht werden – denn auch 30 Jahre nach dem Mauerfall gibt es noch viele Facetten, die betrachtet werden können und müssen.

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Simone Habig

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Leiterin Regionalbüro Rheinland

Simone.Habig@kas.de +49 211 8368056-0 +49 211 8368056-9
Ansprechpartner

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Wissenschaftliche Mitarbeiterin

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