Inhalt
Vorwort | 7 | |
| Ehrhart Neubert Einführung: Oppositions- und Freiheitsbewegungen im früheren Ostblock | 19 | |
| Gerhard Wettig Der Aufstand des 17. Juni 1953 in der DDR: Vorgeschichte und Folgewirkungen | 56 | |
| Ralf Thomas Göllner Die ungarische Revolution von 1956 | 89 | |
| Jan Pauer Die historische Bedeutung des "Prager Frülings" 1968 | 130 | |
| Kazimierz Wóycicki Die Wahrnehmung der Solidarnosc-Bewegung 1968 | 169 | |
| Günter Nooke Die Friedliche Revolution in der DDR 1989/90 | 182 | |
| Auswahlbibliografie | 203 | |
| Abkürzungsverzeichnis | 218 | |
| Herausgeber- und Autorenverzeichnis | 220 |
Leseprobe
Vorwort
...
Die Etablierung kommunistischer Herrschaften in den mittel- und osteuropäischen Ländern, in Polen, Ungarn, der Tschechoslowakei und in der DDR nach dem Zweiten Weltkrieg war von außen, durch die sowjetische Siegermacht, unter Zuhilfenahme von Kollaborateuren erzwungen. Sie war keineswegs das Ergebnis einer breiten gesellschaftlichenBewegung oder des Konsenses der Bevölkerung. Und infolgedessen fehlte den Regimen von vornherein nicht nur die nationale und demokratische Legitimation, sondern auch die Loyalität der Bevölkerung. Von Anfang an waren die kommunistischen Parteien deshalb gezwungen, durch organisations- und kaderpolitische Maßnahmen sowie durch sich zunehmend verschärfende Repressionsmaßnahmenihre Herrschaftsapparate zu sichern und zu stabilisieren.
Und weil die kommunistische Herrschaft nur auf Repressionaufbauen konnte und statisch organisiert war, konnte sie den dynamischen und vielschichtigen Interessender Gesellschaft nicht gerecht werden. Konflikte waren insofern vorprogrammiert und führten zu unterschiedlichenZeitpunkten zu offenen Krisen. Die Aufstands- und Emanzipationsbewegungen konnten nur durch die Androhungoder gar den Einsatz militärischer Gewalt unterdrücktwerden. Die Ursachen und tieferen Gründe für Widerstandund Opposition, Widerspruch und Verweigerung waren damit aber nicht zu beseitigen. Die Systeme erodierten,bis sie schließlich nach einem langen, leidvollen Prozessim gesamten Ostblock an ihren inneren Widersprüchen,an ihrer Reformunfähigkeit, an ihrer mangelnden Effizienz und Legitimation zusammenbrachen.
Mit dem Wegfall der sowjetischen militärischen Garantienverloren sie vollends ihre Autorität, die bereits 1953 herausgefordert und wohldauerhaft untergraben war. DiesenProzess der Zerfallsgeschichte wollen wir an historischenEckdaten nachzeichnen, und zwar nicht nur in Deutschland, sondern über die nationalen Grenzen hinaus vergleichend unter Einbeziehung der mittel- und osteuropäischenEntwicklungen.
Ein historisches Beispiel dafür, was die europäischen Staaten verbindet, die jetzt sich auf dem Weg der IntegrationEuropas befinden, ist das Hambacher Fest von 1832, wo Deutsche, Polen und Franzosen gemeinsam für die Demokratie demonstrierten. Die Vision war schon damals ein konföderatives Europa. Die Forderungen waren Versammlungsfreiheit, freie Wahlen, Pressefreiheit. Es waren jene Forderungen, die in den Jahren kommunistischer Herrschaft überall erhoben wurden, die auch die Demonstranten in Leipzig und in anderen Städten der DDR im Herbst 1989 artikulierten. Es waren die Forderungen der Sacharows und Kopelews, der Chartisten in Prag, der Solidarnosc in Polen, der Opposition in Ungarn. Es waren die Forderungen, die den 17. Juni 1953 mit dem Ungarn-Aufstand von 1956, mit der Prager Revolution von 1968 und mit den polnischen Aufständen der 60er, 70er und 80er Jahre verbinden. Deshalb sind der Fall des Eisernen Vorhangs 1989/90 und die deutsche Wiedervereinigung nicht nur nationale Ereignisse, die Zeitenwende von 1989/90 ist vielmehr ein Bindeglied in der Rückkehr Europas in seine freiheitlichen Traditionen. Und dem soll dieser Band mit dem Erinnern an die genannten Daten 1953, 1956, 1968, 1980/81 und 1989 Rechnung tragen.