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Länderberichte

Die verdrängte Krise - der neue Flüchtlingsbericht des UNHCR

von Olaf Wientzek, Sarah Ultes
Während die Öffentlichkeit ihren Fokus derzeit auf die Coronakrise richtet, bleibt Flucht unverändert eine dringliche globale Herausforderung. Am 18. Juni 2020 legte das UNHCR (Hohes Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen) seinen neuen Bericht zu globalen Flüchtlingstrends vor. Einige zentrale Erkenntnisse:
  1. Zahl der Geflüchteten 2019 stark gestiegen: Insgesamt waren Ende 2019 79,5 Millionen Menschen auf der Flucht, damit etwas über 1 % der Weltbevölkerung, ca. 30-34 Millionen waren Kinder. Der Anteil der Binnenvertriebenen lag bei 57,5%. 20,4 Millionen sind Flüchtlinge unter dem UNHCR-Mandat, hinzu kommen 5,6 Millionen Palästina-Flüchtlinge unter dem Mandat des Hilfswerks der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge (UNRWA), 3,6 Millionen außerhalb ihres Landes vertriebene Venezolaner[1] und 4,2 Millionen Asylsuchende. 754.000 Menschen waren 2019 staatenlos. Insgesamt ist die Zahl im Vergleich zum Vorjahr (70,8 Millionen) klar gestiegen. Einige der wichtigsten Hotspots 2019: Syrien, Venezuela, die DR Kongo, der Jemen und Burkina Faso.
     
  2. Relative und absolute Steigerung seit 2010: Die Entwicklung seit 2010 ist dramatisch, Flucht ist kein vorübergehendes Phänomen mehr. Die Zahl der Geflüchteten hat sich seit 2010 in absoluten Zahlen fast verdoppelt (von 41,1 Millionen auf 79,5 Millionen), aber auch relativ wuchs ihr Anteil in diesem Zeitraum an der Weltbevölkerung von 0,6% (2010) auf 1%.
     
  3. Ursachen: Zu diesem Anstieg haben Kriege und Konflikte massiv beigetragen, v.a. in Syrien, Südsudan, Ukraine, Afghanistan, Irak, Libyen, Somalia, aber auch die desaströse humanitäre Situation im Jemen oder die politisch und wirtschaftlich katastrophale Lage in Venezuela. Zunehmend gehören die Folgen des Klimawandels, etwa in der Sahelregion, zu den wichtigsten Fluchtursachen. Diese Tendenz wird nach Einschätzung des UNHCR noch zunehmen, viele Geflüchtete leben in Ländern, die von akuter Nahrungsmittelunsicherheit, Unterernährung und Klimawandel bedroht sind.
     
  4. Die meisten Flüchtlinge bleiben in ihrer Region: 73% der Flüchtlinge finden in einem an ihrem Herkunftsland grenzenden Land Zuflucht. Berücksichtigt man den hohen Anteil von Binnenvertriebenen, verlässt nur ein Bruchteil seine Heimatregion. Die Zahl der Binnenvertriebenen ist in der letzten Dekade massiv angestiegen: von 15 Millionen 2010 auf 43,5 Millionen 2019. Die meisten Binnenvertrieben verzeichnet Kolumbien mit knapp 8 Millionen, noch vor Syrien (6,6), der DR Kongo (5,0), dem Jemen (3,6) und Somalia (2,6). Sechs der zehn am meisten betroffenen Länder lagen in Subsahara-Afrika.
  5. Die wichtigsten Herkunftsländer: Über 2/3 aller Flüchtlinge kamen aus nur fünf Ländern: Syrien, Venezuela, Afghanistan, Südsudan und Myanmar. Einige Länder (z. B. Sudan) sind sowohl Herkunftsländer als auch Aufnahmeländer von Flüchtlingen.
     
  6. Die wichtigsten Aufnahmeländer: Die Türkei bleibt in absoluten Zahlen das am stärksten betroffene Land mit rund 3,6 Millionen von 24 Millionen Geflüchteten, gefolgt von Kolumbien (1,8), Pakistan und Uganda (je 1,4). Damit befinden sich 15% der Flüchtlinge in der Türkei, während die EU 2019 (damals noch mit dem Vereinigten Königreich) insgesamt ca. 11,4% beherbergt. Pro-Kopf gerechnet ist der Anteil von Flüchtlingen an der Gesamtbevölkerung der höchste in Aruba, Libanon, Curacao, Jordanien und der Türkei, Kolumbien und Uganda.
     
  7. Die EU ist signifikant, aber nicht überdurchschnittlich betroffen: Insgesamt waren 2019 in der EU 2,7 Mio. Flüchtlinge. Das entspricht etwa 0,5% der EU-Bevölkerung und lag damit unterhalb der globalen Quote (1%). Gemäß den UNHCR-Zahlen gab es in den EU-Ländern insgesamt ca. 890.000 offene Asylbewerbungen, das waren knapp 21,4% der weltweiten Fälle.
     
  8. Ist Deutschland größtes Aufnahmeland in der EU? – Ja und Nein: Mit 1,1 Millionen UNHCR-Flüchtlingen ist Deutschland global erneut auf dem 5. Platz der Aufnahmeländer. Damit ist es das EU-Land mit der höchsten absoluten Zahl. Das Bild ist jedoch ein anderes, wenn die Zahl der Flüchtlinge pro-Einwohner gerechnet wird. Dann weisen Schweden, Malta, Österreich und Zypern höhere Zahlen auf. Zählt man 2019 die offenen Asylanträge pro Einwohner, sind Zypern, Griechenland und Malta stärker als Deutschland betroffen. Zwischen 2010 und 2019 war Deutschland mit 2 Millionen das weltweit bevorzugteste Zielland von Asylsuchenden, vor den USA mit 1,7 Millionen, Frankreich (0,7), Südafrika und der Türkei (beide 0,6).
     
  9. Die Lasten bleiben ungleich verteilt: Staaten und Weltregionen sind sehr unterschiedlich betroffen. Insgesamt 10 Länder nehmen 54% aller Flüchtlinge weltweit auf (Binnenvertriebene ausgenommen). Besonders betroffen sind zudem die am wenigsten entwickelten Länder: Dort befinden sich 27% aller Flüchtlinge, obwohl sie nur 13% der Weltbevölkerung ausmachen. Das Engagement bei der Umsiedlung von anerkannten Flüchtlingen (26 Staaten boten rund 107.000 Plätze an) liegt weit unterhalb des Bedarfs (1,4 Millionen). Die meisten Plätze boten Kanada, die USA und Australien an. Die Regierungen des globalen Westens zahlten 2019 den Großteil der Mittel des UNHCR: die USA 40,9%, die EU und ihre damaligen Mitgliedstaaten etwas über 35%, Japan rund 3%.
     
  10. Konsequenzen von COVID-19: Die COVID-19-Pandemie wird sich auch auf die Zahl der erfassten Flüchtlinge auswirken. Die Zahl der in der EU registrieren Asylanträge fiel im März 2020 gegenüber dem Vormonat um 43%. In zahlreichen Ländern nahm die Registrierung von Geflüchteten klar ab. Entsprechend geht das UNHCR für 2020 von einer erheblichen Dunkelziffer aus.

 

[1] Bezieht sich auf Venezolaner, welche offiziell kein Asyl beantragten, aber dennoch internationalen Schutz gemäss der Kriterien aus der Cartagena-Erklärung von 1984 bedürfen – ein regionales Abkommen, welches breiter ausgelegt ist als die Genfer Flüchtlingskonvention von 1951

Ansprechpartner

Dr. Olaf Wientzek

Olaf Wientzek bild

Leiter des Multilateralen Dialogs Genf

olaf.wientzek@kas.de +41 22 748 70 70
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25. Juni 2020
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