Länderberichte

Gründung der Pazifik-Allianz

von Martin F. Meyer, Winfried Jung

Chile, Kolumbien, Mexiko und Peru bilden neues Wirtschaftsbündnis ausgerichtet auf Asien

Am vergangenen Mittwoch, den 6. Juni 2012, haben die Präsidenten der vier lateinamerikanischen Länder Chile (Sebastián Piñera), Kolumbien (Juan Manuel Santos), Mexiko (Felipe Calderón) und Peru (Ollanta Humala) in der Atacama-Wüste im Norden Chiles ein neues Wirtschaftsabkommen unterzeichnet.

Die vor einem Jahr bei einem Gipfeltreffen in Lima gestartete Initiative soll die Wirtschaft der vier Staaten enger miteinander verbinden und neue Handelswege zu den Märkten in Asien und im Pazifikraum eröffnen. Hinter vorgehaltener Hand soll das Bündnis aber auch als strategisches Gegengewicht zum Mercosur, dem bisher am stärksten integrierten Wirtschaftsblock der Region, und den linkspopulistischen Strömungen fungieren. Andere gleichgesinnte Länder haben bereits ihre Absicht angekündigt, bekundet beitreten zu wollen.

Bei dem Gipfeltreffen am Sitz des Paranal-Observatoriums verkündete der Gastgeber Sebastián Piñera, dass die neugegründete Pazifik-Allianz den größten Markt in Lateinamerika mit mehr als 200 Millionen Menschen, über einem Drittel des BIP und mehr als 50 Prozent des regionalen Außenhandels kreieren werde. Darüber hinaus verbinde das Bündnis vier der im Moment dynamischsten Volkswirtschaften der Region, mit einem durchschnittlichen Wachstum von je 7 Prozent pro Jahr.

Das chilenische Staatsoberhaupt betonte, dass das langfristige Ziel der Initiative nicht nur der Freihandel von Waren (welcher bereits in bilateralen Abkommen verankert ist), sondern ebenso der freie Verkehr von Dienstleistungen, Kapital und Personen sei. Darüber hinaus sollen die wirtschaftlichen Beziehungen insbesondere mit Asien und den Ländern im Pazifikraum ausgebaut werden. „Die Asien-Pazifik-Region ist längst kein Versprechen der Zukunft mehr, sondern eine Option der Gegenwart“, so Piñera.

In Bezug auf Asien betrug der Export der vier Mitgliedsländer im Jahr 2011 rund 71 Milliarden US-Dollar, bei einem jährlichen Wachstum von 10 Prozent. Vor allem China ist in den letzten Jahren angesichts der andauernden Nachfrage nach Rohstoffen zum weltweit wichtigsten Abnehmer der lateinamerikanischen Exporte aufgestiegen. Angesichts der schwierigen Wirtschaftslage in USA und Europa sowie dem nachhaltigen Wachstum der asiatischen Volkswirtschaften, bescheinigen Analysten der Allianz für die Zukunft daher eine besondere Bedeutung. Das peruanische Staatsoberhaupt Humala brachte die Motivation der vier Länder auf den Punkt: „Diese Initiative ist sehr willkommen, just zu einem Zeitpunkt, wo die führenden Wirtschaften der Welt eine schwierige Situation durchmachen“.

Insbesondere für Europa dürften diese Entwicklungen besorgniserregend sein. Laut den jüngsten Statistiken der UN-Wirtschaftskommission CEPAL ist die EU nach den USA zwar immer noch der zweitwichtigste Handelspartner der Region, seit den achtziger Jahren hat Europa jedoch kontinuierlich an Bedeutung verloren, vor allem gegenüber China und anderen aufstrebenden Entwicklungsländern Asiens. Die CEPAL prognostiziert, dass China zur Mitte dieses Jahrzehnts die EU als zweitwichtigsten Handelspartner Lateinamerikas ablösen wird.

Mit Blick auf die anderen Länder und regionalen Integrationsprozesse in Lateinamerika, betonte der kolumbianische Präsident Santos hingegen, dass das Bündnis „gegen niemanden gerichtet“ und offen auch für andere Staaten sei. Ähnlich äußerte sich der im letzten Jahr neugewählte peruanische Präsident Humala: Die Pazifik-Allianz sei „weder konfrontativ noch ideologisch“. Trotzdem ist es offensichtlich, dass die vier Mitglieder eine liberalere Wirtschaftspolitik als die meisten anderen lateinamerikanischen Staaten verfolgen und unter anderem Freihandelsabkommen mit den USA und der Europäischen Union unterzeichnet haben. Selbst der linksgerichtete Humala, dessen Vorgänger Alan García der Initiator der Pazifik-Allianz war, hat sich entschlossen, nicht vom bereits festgelegten Kurs abzuweichen – wenngleich er hinzufügte, dass das Bündnis auch den „sozialen Aspekten“ wie Armut und Bildung eine große Bedeutung schenken müsse.

Dennoch sind sich die Beobachter einig, dass man diese Initiative als klares Gegengewicht gegenüber den linkspopulistisch ausgerichteten Ländern und Bündnissen in Lateinamerika à la Hugo Chávez bewerten kann. So ist etwa die Andengemeinschaft (CAN) seit Jahren angesichts der Haltung Ekuadors und Boliviens bei den Verhandlungen eines Freihandelsabkommens mit der EU fragmentiert (weshalb Kolumbien und Peru auf bilaterale Verträge mit der Europäischen Union gedrängt und auch unterzeichnet haben).

Doch auch innerhalb des Mercosur, der am weitesten fortgeschrittenen wirtschaftlichen Integration innerhalb der Region, ist der Protektionismus zuletzt wieder aufgelebt – jüngstes Beispiel die Enteignung der argentinischen Tochter YPF des spanischen Energiekonzerns Repsol durch die Regierung Cristina Kirchner. Gegenüber der aufstrebenden Wirtschaftsmacht Brasilien erhoffen sich die vier Länder hingegen eine stärkere Position in der Region. So sieht es auch der bekannte argentinische Journalist Andrés Oppenheimer: „Die Mitglieder der Pazifik-Allianz wollen den neuen Block als Gegengewicht zum wachsenden Einfluss Brasiliens in Lateinamerika nutzen. Insbesondere Mexiko hat in den letzten Jahren viel Einfluss verloren und möchte diese Position zurückerobern“.

Je mehr Länder dem Bündnis beitreten, desto größer wird dieser Einfluss werden. Aus diesem Grund sollen demnächst weitere gleichgesinnte Staaten integriert werden. Costa Rica und Panama sind bereits als Beobachter involviert, beide streben nach eigenen Angaben eine formelle Aufnahme in das Staatenbündnis ab 2013 an. Bedingung hierfür ist allerdings, dass vorher mit allen Mitgliedern der Pazifik-Allianz bilaterale Freihandelsabkommen unterzeichnet werden. Möglicherweise soll das Bündnis in den nächsten Jahren auch auf nicht-lateinamerikanische Staaten ausgeweitet werden. Vertreter aus Kanada, Japan und Australien nahmen schon mal als Gäste bei dem Gipfeltreffen in Chile teil.

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