Länderberichte

Sorgenkind Mezzogiorno

von Caroline Kanter, Silke Schmitt
Dem Süden Italiens droht nach Angaben des Wirtschaftsinstituts SVIMEZ eine „permanente Unterentwicklung“. Die Prognosen für das Jahr 2015 sorgen, wie bereits 2014, für Aufregung auf allen Ebenen: Im Vergleich zu Griechenland, habe Süditalien geringere Wachstumsraten aufzuweisen, so die italienischen Medien.

Auch wenn es sich um fünf Regionen von zwanzig handelt und um circa 30% der italienischen Gesamtbevölkerung, bleibt die bittere Feststellung: Seit sieben Jahren befindet sich der Süden Italiens in einer anhaltenden Rezession, während dem Norden in diesem Jahr ein Plus von 1,3 Prozent des BIP vorhergesagt wird. Nun hat die Regierung ein 80 Milliarden Euro schweres Paket angekündigt, zur Förderung von Industrie und Infrastruktur im Süden Italiens.

Am 30. Juli 2015 hat Svimez (Verband für die Entwicklung der Industrie in Süditalien) vorab einen Auszug aus dem Jahresbericht 2015 vorgestellt und die wichtigsten Daten zur Wirtschaftslage und der Gesellschaft im sogenannten „Mezzogiorno“, also im Süden Italiens, zusammengestellt. Dass Italien an einem starken Nord-Süd-Gefälle leidet, ist keine Neuigkeit. Die Enzyklopädie Treccani datiert den Beginn des Problems mit dem „Mezzogiorno“ auf das Jahr 1900 – seitdem gibt es für den Süden spezielle Fördermaßnahmen.

Demographischer „Tsunami“ im Süden

Leider hat sich an diesen Missstand seither nicht viel geändert. Nach Angaben von Svimez hinterlässt die Wirtschaftskrise des Jahres 2008 ein Land, das noch tiefer in seiner Ungleichheit zwischen Nord-und Süditalien gespalten sei, so der Direktor von Svimez, Riccardo Padovani. Die Dauer der Rezession, die Reduzierung von Ressourcen für die öffentliche Infrastruktur und die rückläufige Nachfrage seitens der Verbraucher hätten dazu beigetragen, den wirtschaftlichen Apparat im Mezzogiorno regelrecht zu verwüsten. Nicht nur ineffiziente, sondern auch gesunde Unternehmen seien dabei vom Markt ausgeschlossen worden, da sie unvorbereitet einer solch langen Krise nicht haben standhalten können. Außerdem drohe dem Süden aufgrund des starken Rückgangs der Geburtenzahlen und dem Abzug junger und qualifizierter Menschen ein demographischer „Tsunami“.

Hoffnungsfaden gerissen

Aus der Zivilgesellschaft meldete sich der Erfolgsautor Roberto Saviano umgehend zu Wort, der durch seine Reportagen und literarische Thematisierung der Wirtschaftskriminalität im Süden Italiens berühmt geworden ist. Er lebt seit der Veröffentlichung seines Werks „Gomorrha“, das die Machenschaften der neapolitanischen Mafia anklagt, unter ständigem Polizeischutz. In einem Brief an den Premier Matteo Renzi schreibt er, mittlerweile sei im Mezzogiorno der Hoffnungsfaden gerissen. Ein Kind sei mittlerweile Luxus, zwei Kinder Wahnsinn. Wer hier geboren werde, wachse mit der Vorstellung auf, abzuhauen; weg von der Demütigung, nicht für die eigenen Fähigkeiten anerkannt zu werden. Hier verschwinde nicht nur, wer in der Emigration die letzte Hoffnung sehe, sondern auch die Mafiaorganisationen, die nicht mehr investierten, sondern den Süden nur noch plünderten. (La Repubblica, 2.08.2015).

Renzi: Basta mit dem Gejammer

Matteo Renzi, der sich auf einer Auslandsreise in Japan befindet, teilte mit, der Süden solle aufhören, sich selbst zu beweinen. Natürlich sei das fehlende Wachstum ein Problem und die Regierung werde Lösungsvorschläge unterbreiten. Aber, so der Premier: „Basta mit dem Gejammer. Italien ist neu gestartet – das belegen die Wirtschaftsdaten. Jetzt müssen wir die Ärmel hochkrempeln“ (La Repubblica, 3.08.2015).

Das linke Lager der Regierungspartei „Partito Democratico“ hat nach der Vorstellung der Studie Ministerpräsident Renzi scharf angegriffen. Versprechen seien unerfüllt geblieben, so Roberto Speranza und Gianni Cuperlo (La Repubblica, 30.07.2015). Auch die Fünf-Sterne-Bewegung (MS5) reagierte umgehend auf die Veröffentlichung. Vereinzelt sprachen Abgeordnete unterschiedlicher Parteien ihr Bedauern über die „trostlosen“ Zahlen aus.

Die Lega Nord unter der Führung von Matteo Salvini bediente sich mit dem Aufruf „Immigranten raus“ ihrer bekannten Polemik und lenkte das Augenmerk auf den Föderalismus. Salvini kritisierte in erster Linie die politischen Entscheidungsträger im Süden Italiens und warf der nationalen Regierung mangelnde Kompetenzen vor, die Situation in den Griff zu bekommen.

Strategie für die nächsten 15 Jahre

Die Ministerin für Wirtschaftliche Entwicklung, Federica Guidi, hat für den kommenden Herbst eine umfassende Strategie angekündigt: Das Ministerium will ein auf die nächsten 15 Jahre angelegtes Entwicklungsmodell lancieren, das auch ausländische Investoren ansprechen soll. Gerade diese hätten in letzter Zeit ein erhöhtes Interesse an Italien gezeigt, so Guidi. Ziel sei es, eine neue Infrastruktur zu schaffen und für Steuererleichterungen zu sorgen. Außerdem habe der Süden ein großes touristisches Potential, das es besser zu organisieren und auszuschöpfen gelte.

Zahlen dramatisch wie 2014

An den Zahlen hat sich seit 2014 im Grunde nicht viel geändert – seit der Vorstellung des Berichtes im letzten Jahr sind knapp neun Monate vergangen. „Die Zahl der Beschäftigten ist mit 5,8 Millionen Menschen im Mezzogiorno auf dem tiefsten Stand seit 1977 angelangt“ – so steht es jetzt in den Zeitungen und so hat es „Il sole 24 ore“ auch am 28. Oktober nach der Veröffentlichung des Berichtes 2014 kommuniziert.

Nach Angaben von Svimez ist die Beschäftigung zwischen 2008 und 2014 in den Regionen Süditaliens um neun Prozent zurückgegangen. Von den 811.000 Menschen, die aufgrund der Wirtschafskrise ihre Arbeit verloren haben, leben 576.000 im Süden des Landes.

Das Bruttoinlandsprodukt ist in den südlichen Regionen des Landes seit 2001 um 9,4 Prozent zurückgegangen. Zum Vergleich: In Griechenland hat das Bruttoinlandsprodukt im gleichen Zeitraum einen Einbruch von 1,7 Prozent erlitten.

Nach Angaben des Berichts, läuft im Mezzogiorno jede dritte Person Gefahr, unter die Armutsgrenze zu fallen – im Norden des Landes zählt jeder Zehnte zu den Gefährdeten. Svimez warnt davor, dass sich die Krise ab Kampanien Richtung Süden zu einem „Tunnel ohne Ausgang“ entwickle, was zu einer „permanenten Unterentwicklung“ des Mezzogiorno führe.

Der Brain-Drain Richtung Norden nimmt weiter zu: Immer mehr junge und gut ausgebildete Menschen verlassen den Süden des Landes, da sie hier keine Zukunft sehen. In den letzten 14 Jahren sind mehr als 1.667 000 Süditaliener Richtung Norden emigriert. 923.000 sind aus dem Norden zurückgekommen was bedeutet, dass der Süden rund 744.000 Personen „verloren“ hat. Darunter waren 70% (526.000) junge Menschen, von denen mehr als 40% (205.000) einen Hochschulabschluss vorzuweisen haben.

56 Prozent der süditalienischen Jugendlichen unter 24 Jahren sind nach Angaben von Svimez arbeitslos – im Norden des Landes sind es 35 Prozent. Nur jede fünfte Frau unter 34 Jahren hat im Süden Italiens eine Arbeitsstelle.

Die Geburtenzahlen haben mit 174.000 in Süditalien einen Tiefstand seit der Einheit Italiens, also seit 1861 erreicht (im Jahr 2013 waren es noch 177.000 Kinder). Die Prognose sagt voraus, dass der Süden in den nächsten 50 Jahren 4,2 Millionen Einwohner verlieren wird – das sind mehr als ein Fünftel seiner jetzigen Bewohner. Diese Daten wertet Svimez als Zeichen eines drohenden Kollapses im Süden des Landes.

Süditalien nicht auf der politischen Agenda

Der Präsident der Region Apuliens, Michele Emiliano, wirft der Regierung vor, dass die Frage um den Mezzogiorno seit 20 Jahren von der politischen Agenda verschwunden sei. Ob sich dies mit dem angekündigten 80 Milliarden Euro schweren Paket ändern und eine wirtschaftliche Verbesserung für den Süden Italiens eintreten wird, bleibt abzuwarten.

Zur Faktenlage gehört nämlich auch, dass die Regierung gerade Gefahr läuft, rund 12 Milliarden Euro zu verschenken, die aus einem Strukturfonds der Europäischen Union stammen. Davon waren 10 Milliarden für Projekte in Süditalien vorgesehen. Sollten diese Gelder nicht abgerufen werden, würden diese im Dezember 2015 verfallen.

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