Eigenaufnahme

Veranstaltungsberichte

„Lernrückstände ziehen sich durch das ganze Bildungssystem“

von Anna Prigge

Podiumsdiskussion zum Thema „Bogen überspannt? – Bildungspolitik in Bremen“

Die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) veranstaltete am 14. November 2018 eine Podiumsdiskussion zum Thema „Bogen überspannt? – Bildungspolitik in Bremen“ im ATLANTIC Grand Hotel. Auf dem Podium vertreten waren Dr. Claudia Bogedan, SPD, Senatorin für Kinder und Bildung, Thomas Röwekamp, CDU-Fraktionsvorsitzender in der Bremischen Bürgerschaft, Pierre Hansen vom Zentralelternbeirat Bremen sowie der Gymnasiallehrer Peer Sieveking. Die Journalistin Birgitta vom Lehn moderierte die Veranstaltung, an der 200 Gäste teilnahmen.

„Das Thema kommt offenbar gut an“, stellte Ralf Altenhof, Leiter des politischen Bildungsforums Bremen, angesichts des gefüllten Saals zu Beginn der Veranstaltung fest.  Probleme im Bereich der Bildung gibt es in Bremen tatsächlich. „Eine Bestandsaufnahme ist bitter“, so Altenhof, der in seiner Einleitung auf die schlechten Bremer Ergebnisse bei Bildungstests hinwies. Dabei nannte er auch Beispiele für Rückstände im Bildungsbereich; „jeder vierte Viertklässler kann nicht richtig lesen“, beklagte Altenhof hierbei. Zudem verwies er auf Probleme wie die Umsetzung der Inklusion, Unterrichtsausfall, Lehrermangel oder die Abhängigkeit des Bildungserfolgs vom Elternhaus.

Wie lassen sich die schlechten Rahmenbedingungen und eine Bildungspolitik, die, laut Altenhof, „nicht auf der höhe der Zeit ist“, verbessern? Darüber entbrannte auf dem Podium eine angeregte Diskussion. Bildungssenatorin Bogedan merkte hierbei an, dass es schade sei, dass das Licht immer nur auf das schlechte und nicht auf das Gute falle, es gäbe durchaus auch gute Seiten am Bremer Bildungswesen. Doch die schlechten Bremer Ergebnisse des IQB Bildungstrends musste auch die Senatorin akzeptieren. Maßnahmen seien aber ergriffen worden, „die in einigen Jahren sichtbar sein werden“, stellte Bogedan klar.

Röwekamp und Hansen waren sich zunächst einig, dass der 2008 geschlossene und 2018 für weitere zehn Jahre verlängerte Bildungskonsens, der die zweigliedrige Schulstruktur mit Oberschulen und Gymnasien festlegte, die richtige Grundlage war. Allerdings müsse sich, laut Röwekamp, die Unterrichtsversorgung sowie der Sprachstand verbessern. Hansen bezeichnete den Bildungskonsens als tolles Konzept, allerdings gäbe es dafür nicht genug Mittel. „Die Eltern sind mit dem Betrieb zufrieden, nur mit den Ressourcen nicht“, fügte er hinzu.

Eine Studie der Uni Bremen besagt, dass 47 Prozent der Bremer Studenten die Uni ohne Abschluss verlassen.  Für den am Gymnasium Horn tätigen Lehrer Sieveking ist das schlechte Abschneiden an der Uni keine Überraschung, da dies bereits an den PISA-Studien in der Schule abzusehen gewesen sei. Bogedan widersprach jedoch der These, dass das Abitur in Bremen weniger wert sei als in anderen Bundesländern. Sie fragte sich eher, ob die Berufs- und Studienorientierung, vor allem an Gymnasien, stark genug ausgeprägt sei. Röwekamp widersprach hier, „Lernrückstände ziehen sich durchs ganze Bildungssystem“, daher könnte das Bremer Abi nicht genauso viel wert sein wie in anderen Bundesländern.

Bei der Debatte um G8 oder G9, also Abitur nach zwölf oder dreizehn  Jahren, plädierte Röwekamp für eine Rückkehr zu G9, auch an Gymnasien. Schülerinnen und Schüler würden nicht genug auf das Studium vorbereitet werden. Dies begründetet er mit dem Motto: „Lieber gründlich lernen als schnell“. Hierbei stimmte Sieveking ihm zu, auch er befürworte G9. Der Zentralelternbeirat hingegen, so Hansen, fordere zwar auch G9, jedoch nicht für Gymnasien. Bogedan versicherte, sie sei immer für G9 gewesen, denn G9 bringe Stabilität und Verlässlichkeit für Schulen, um die Leistung der Schülerinnen und Schüler zu verbessern, eine Rückkehr zu G9 sei aber zunächst nicht möglich.

Der Bildungskonsens von 2008 beinhaltete aus Röwekamps Sicht rückblickend den Fehler der Einführung von G8 sowie der zu schnell angegangenen Inklusion.  „Inklusion ist nur dann sinnvoll durchzuführen, wenn man das benötigte Personal und Ressourcen hat“, begründete er seine Ansicht. Auch Sieveking vertrat die Meinung, dass für die Inklusion nicht ausreichend qualifizierte Lehrer da seien. Zudem sollten Eltern selber entscheiden können, ob ihre Kinder auf eine Regel- oder Förderschule gehen sollen. Für Bogedan bedeutete Inklusion aber die Förderung jedes Schülers nach seinen Fähigkeiten, in einer Gesellschaft der Vielfalt zu verdeutlichen, dass es normal sei, unterschiedlich zu sein. Dass für die Umsetzung der Inklusion noch Lehrkräfte fehlten, bestritt Bogedan aber nicht.

Die Abhängigkeit des Schulerfolgs vom Elternhaus bestand für Hansen noch immer, es gäbe große Defizite im ganzen Schulsystem, aber besonders große Schwierigkeiten hätten Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen. Kinder von Akademikern gingen eher zur Uni als Kinder von Arbeitern, es sei Aufgabe der Schule, dies zu kompensieren.

Auch das Publikum beteiligte sich mit Fragen an der angeregten Diskussion. So thematisierte eine Frage beispielsweise den häufigen Unterrichtsausfall und die schlechte Ausstattung der Schulen. Bogedan stimmte zu, dass der Unterrichtsausfall minimiert werden müsse. Dagegen sei die Behörde aber schon vorgegangen, mit einem „Vertretungsgpool“ aus dem Lehrer ausgewählt werden können. Röwekamp stellte dazu klar, dass Schulen und das ganze Bildungssystem mit Ressourcen und Fachkräften besser ausgestattet werden müssen.

Zum Abschluss der Veranstaltung bedankte sich Altenhof für die kontroverse Diskussion. „Wir können uns alle auf das nächste Jahr freuen, beim Thema Bildung wird es hoch hergehen.“ Denn bei der Bürgerschaftswahl 2019 wird Bildung sicherlich Thema Nummer Eins im Wahlkampf sein.

Ansprechpartner

Dr. Ralf Altenhof

Dr

Landesbeauftragter und Leiter Politisches Bildungsforum Bremen

ralf.altenhof@kas.de +49 421 163009-0 +49 421 163009-9
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Bremen