„Nine Eleven war nicht nur ein Angriff auf Amerika“, erklärte Braml. Der Schock habe eine politische und psychologische Kettenreaktion ausgelöst, deren Folgen bis heute spürbar seien. Der Politikwissenschaftler, der zuvor unter anderem bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik tätig war, griff dabei Analysen aus seinem Buch „Die narzisstische Nation“ auf. Seine zentrale These: Getroffen seien nicht nur die wirtschaftlichen, militärischen und politischen Machtzentren der Vereinigten Staaten, sondern auch ihr Selbstbild.
Nach dem Zerfall der Sowjetunion hätten sich die USA als unangefochtene Supermacht verstanden. Die Anschläge erschütterten den Glauben an die eigene Unverwundbarkeit. Weder die beiden Ozeane noch die militärische Überlegenheit konnten vollständigen Schutz bieten. Braml deutete diese Erfahrung als narzisstische Kränkung. Mit politischem Narzissmus meine er nicht bloße Selbstverliebtheit, sondern ein instabiles Selbstwertgefühl, das auf ständige Bestätigung angewiesen sei. Hinter demonstrativer Stärke könnten Ängste vor Bedeutungsverlust, Kontrollverlust und Demütigung stehen.
Die amerikanische Reaktion habe deshalb nicht allein darauf gezielt, weitere Anschläge zu verhindern. Sie habe auch die beschädigte Vorstellung eigener Überlegenheit wiederherstellen wollen. Auf die zunächst große internationale Solidarität sei die Entscheidung für einen globalen Krieg gegen den Terror gefolgt. Bereits diese Formulierung hielt Braml für problematisch: Terrorismus sei eine Methode politischer Gewalt, keine klar abgrenzbare Armee. Ein Krieg gegen eine Methode habe weder ein eindeutig bestimmbares Schlachtfeld noch einen verlässlichen Endpunkt.
Während Braml das anfängliche Vorgehen gegen Al-Qaida und das Taliban-Regime in Afghanistan als nachvollziehbar einordnete, kritisierte er die anschließende Ausweitung der amerikanischen Strategie. Der Irakkrieg von 2003 sei hierfür das deutlichste Beispiel. Nach der Erfahrung der Ohnmacht habe Washington Handlungsfähigkeit demonstrieren und den Nahen Osten politisch neu ordnen wollen. Die militärischen Anfangserfolge hätten jedoch die entscheidende Frage verdeckt, was nach dem Sturz der Regime geschehen solle. Aus schnellen Siegen seien langjährige Besatzungen und politische Überforderung geworden.
Die Folgen reichten nach Bramls Einschätzung weit über die unmittelbaren Kriegskosten hinaus. Er verwies auf die Versorgung verwundeter und traumatisierter Veteranen, Zinszahlungen für kreditfinanzierte Kriege, zerstörte Infrastruktur sowie Flucht und Vertreibung. Hinzu kämen die versäumten Möglichkeiten im eigenen Land: Ressourcen, die im Ausland gebunden gewesen seien, hätten bei Bildung, Infrastruktur und der Bekämpfung sozialer Ungleichheit gefehlt. Zugleich hätten Guantanamo, Abu Ghraib und Folterpraktiken die moralische Glaubwürdigkeit der USA beschädigt. Amerika habe Werte verteidigen wollen, sie aber durch die eingesetzten Mittel selbst untergraben.
Braml warnte besonders eindringlich davor, dass vorübergehende Ausnahmemaßnahmen dauerhaft bestehen bleiben könnten. Nach dem 11. September seien die Befugnisse der Exekutive und der Sicherheitsbehörden erheblich ausgeweitet worden. Einmal geschaffene Instrumente könnten später auch für andere Zwecke genutzt werden, etwa gegen politische Gegner. Neue Möglichkeiten der digitalen Überwachung verschärften dieses Problem. Entscheidend sei daher, ob zeitlich begrenzte Notmaßnahmen tatsächlich begrenzt blieben oder zu dauerhaften Machtstrukturen würden.
Hier zog Braml eine Verbindung zur heutigen amerikanischen Demokratiekrise. Zwischen George W. Bushs Interventionismus und Donald Trumps „America First“ erkannte er trotz offensichtlicher Unterschiede eine psychologische Kontinuität. Beide reagierten auf ein verletztes Selbstbild: im einen Fall mit dem Anspruch, die Welt nach amerikanischen Vorstellungen zu verändern, im anderen mit der Erzählung, Amerika werde von einer feindlichen Welt ausgenutzt. Die Verbindung sei jedoch nicht zwangsläufig. Der 11. September habe Trump nicht notwendig hervorgebracht, wohl aber Entwicklungen beschleunigt, die autoritäre Politik begünstigten.
Auch die Feindbilder hätten sich verschoben. Während sich der Blick zunächst auf ausländische Terrornetzwerke gerichtet habe, würden nun zunehmend Migranten, Medien und politische Gegner als Bedrohung dargestellt. Wer Konkurrenten zu Feinden der Nation erkläre, entziehe demokratischen Kompromissen die Grundlage. Die Verbindung von Größenanspruch und Opfergefühl besitze dabei eine erhebliche politische Mobilisierungskraft.
Für Europa leitete Braml daraus die Notwendigkeit größerer Eigenständigkeit ab. Während Washington im Nahen und Mittleren Osten enorme Ressourcen gebunden habe, sei insbesondere China stärker geworden. Zugleich könne Europa nicht selbstverständlich davon ausgehen, dass seine Interessen dauerhaft mit denen der USA übereinstimmten. Eine Abwendung von Amerika halte er dennoch weder für realistisch noch für wünschenswert. Es gehe vielmehr darum, die transatlantische Partnerschaft durch eine größere europäische Handlungsfähigkeit auf eine belastbare Grundlage zu stellen.
Braml formulierte dafür fünf Kernaufgaben: Europa müsse militärisch handlungsfähiger werden, Sicherheit umfassender verstehen, Terrorismus nicht mit Migration oder Religion gleichsetzen, den Rechtsstaat gegen einen permanenten Ausnahmezustand verteidigen und politisch erwachsen werden. Strategische Autonomie bedeute dabei keine gleiche Distanz zu den USA, China und Russland. Partnerschaft setze vielmehr voraus, eigene Interessen formulieren und notfalls eigenständig handeln zu können.
In der anschließenden Diskussion wurden diese Überlegungen vertieft. Auf die Frage nach Geheimdienstinformationen vor den Anschlägen verwies Braml auf vorhandene Warnzeichen, die nicht zu einem Gesamtbild zusammengeführt worden seien, sowie auf mangelnden Informationsaustausch zwischen Behörden. Susanne Schröter, die bekannte Professorin und Gründerin des „Forschungszentrums globales Islam“ brachte die westliche Hybris zur Sprache: die Vorstellung, andere Gesellschaften ließen sich nach dem eigenen Vorbild umgestalten. Braml griff diesen Gedanken auf und ordnete die Selbstüberschätzung von Großmächten als Ausdruck von Statusangst und innerer Unsicherheit ein.
Seine Bilanz fiel differenziert aus. Braml würdigte, dass weitere Anschläge vergleichbaren Ausmaßes auf amerikanischem Boden verhindert worden seien und auch Europa von amerikanischen Sicherheitsinformationen profitiert habe. Dem stünden jedoch erhebliche menschliche, politische und wirtschaftliche Kosten gegenüber. Das Gedenken an die Opfer müsse deshalb mit der Frage verbunden werden, ob die Reaktionen auf den Terror Sicherheit und demokratische Werte langfristig gestärkt hätten. Macht brauche Selbstbegrenzung; Demokratien dürften sich nicht von Angst beherrschen lassen.
Altenhof betonte zum Abschluss, Europa müsse neben seinen militärischen Fähigkeiten auch die nachrichtendienstliche Eigenständigkeit stärken. Zugleich komme es auf die Bürger selbst an: Sich vom Terror nicht einschüchtern zu lassen und an der eigenen freien Lebensweise festzuhalten, sei ebenfalls ein Beitrag zum Schutz der Demokratie.
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