Perspektiven weit öffnen – dieses Motto begleitete das Geschehen am ersten Oktober bei „Hoch hinaus – Zukunftskompetenzen oder Routine?“ – einer Referendarfortbildung der langjährigen Kooperation zwischen dem Politischen Bildungsbüro der Konrad-Adenauer-Stiftung Sachsen und dem Landesamt für Schule und Bildung Sachsen in der Dreikönigskirche. Angehende Lehrerinnen und Lehrer konnten sowohl in Workshops als auch in einem Vortrag Diskussionen über Zukunftsthemen unserer Gesellschaft anregen, die über sonstiges Fächerwissen hinausgehen. Zunächst begrüßte Lina Berends vom PBF Sachsen die Teilnehmenden und erinnerte an die Gedanken hinter der Programmkonzeption, die sich um Neugierde, Entdeckergeist und Durchhaltevermögen bezüglich Zukünften drehten: Kompetenzen, die in nahezu allen Fächern gefragt sind – und angesichts von Künstlicher Intelligenz und einer kaum überschaubaren Informationsfülle noch wichtiger werden. Daran knüpfte das Grußwort des Staatssekretärs Wilfried Kühner vom Sächsischen Staatsministerium für Kultus an, der den Teilnehmenden nicht nur ein anrührendes Tagesprogramm wünschte. Er appellierte auch eindrücklich an die Teilnehmenden, dass die Zukunft unseres Bildungssystems bereits begonnen habe und angehende Lehrkräfte die verantwortungsvolle Aufgabe innehielten, ihre Schüler und Schülerinnen auf eine dynamische Welt vorzubereiten, die über sonstige Zeitkonzepte von Lehrplan-Anpassungen hinausginge.
Einen weiteren ungewöhnlichen Blick auf die Frage nach Zukünftigem eröffnete Prof. Dr. Günther Hasinger, Professor für Astrophysik an der TU Dresden und Geschäftsführer des Deutschen Zentrums für Astrophysik. Sein Vortrag „Was können wir wissen? Mit Ungewissheit in die Zukunft?“ Lieferte eine Einführung in aktuelle Forschungsstände der Astrophysik und führte damit weit über die unmittelbare Lebenswelt der Schule hinaus; traf damit aber auch einen zentralen Gedanken der Veranstaltung: Komplexe Zukunftsfragen in Blick auf einen weiten Erfahrungshorizont zu beantworten. „Ich werde Ihnen eine Geschichte über das Universum erzählen, bei der wir noch nicht alles wissen“, kündigte Hasinger an. Damit beschrieb er zugleich eindrücklich eine Grundbedingung von Wissenschaft: Wo Wissen fehlt oder Unsicherheiten bestehen, werden diese nicht einfach übersprungen, sondern mit dem überbrückt, was bereits erforscht und anerkannt ist. Gerade für die angehenden Lehrkräfte lag darin ein wichtiger Impuls. Der Vortrag zeigte beispielhaft, wie Wissen vermittelt werden kann, obwohl das zugrunde liegende Forschungsfeld selbst noch nicht vollständig ausgeformt ist. Anschaulich wurde dies unter anderem am Konzept des Horizonts. Was im Alltag Orientierung gibt und Weite verspricht, bezeichnet astrophysikalisch nur einen winzigen Ausschnitt dessen, was beobacht- und begreifbar ist. Der Blick auf das Universum machte damit buchstäblich erfahrbar, wie wichtig es ist, über das Sichtbare hinaus weiterzudenken. Auch das nach wie vor ungelöste Dilemma in der Physik, Quanten- und Relativitätstheorie miteinander zu verbinden, zeige wie Wissenschaft mit Ungewissheit weiterarbeitet. Der fachlich für viele Teilnehmende eher ungewohnte Zugang war dabei nicht nur eindrucksvoll, sondern zuweilen auch amüsant. Vor allem aber regte er dazu an, über den eigenen Unterricht nachzudenken: Wo können Reibungen, offene Fragen und scheinbare Widersprüche im Klassenzimmer neue Ideen hervorbringen? Wie lässt sich Neugier wecken, wenn die Lehrkraft selbst nicht auf jede Frage eine fertige Antwort geben kann?
Im Anschluss folgte ein buntes und reichhaltiges Workshopprogramm, das die Wahl für die Teilnehmenden nicht leicht machte. Viele Angebote stellten zudem Broschüren, Materialien und konkrete Handlungsempfehlungen bereit, die sich direkt für den Unterricht nutzen lassen. Im Workshop „Kritisch denken – Desinformationen, Verschwörungsideologien, Deep Fakes“ mit Marcel Burghardt von ‚Social Web macht Schule' stand die Frage im Mittelpunkt, wie mit Propaganda, Mobbing und sogenannten Fake News im digitalen Raum umgegangen werden kann, die längst nicht mehr nur Phänomene außerhalb des schulischen Alltags sind. Die Teilnehmenden beschäftigten sich daher mit der Frage, welche Verantwortung Lehrkräfte übernehmen können und müssen. Besonders praxisnah wurde das Angebot durch konkrete Tools, die selbst ausprobiert und somit spielerische Lernformen mit der Förderung kritischen Denkens verbunden werden konnten.
Wie stark Künstliche Intelligenz den Schulalltag bereits verändert, zeigte „KI im Schulalltag – Chancen, Grenzen und praktische Anwendungen“ mit Safa Matti von Matti Digital Solutions. Anhand praktischer Beispiele lernten die Teilnehmenden Möglichkeiten kennen, KI für Unterrichtsvorbereitung, Materialerstellung oder individuelle Förderung einzusetzen. Gleichzeitig behandelte der Workshop die Fragen nach Grenzen, Datenschutz und die notwendige Reflexion des eigenen Handelns. Durch interaktive Übungen konnten die angehenden Lehrkräfte auch hier verschiedene Anwendungen selbst erproben. Das Anknüpfungspotenzial für den Unterricht war dabei besonders hoch: Die Frage, wie KI verantwortungsvoll eingesetzt werden kann, begleitet viele von den Teilnehmenden bereits unmittelbar in ihrem Berufsalltag.
Mit „Herausforderungen angehen – Grundlagenwissen Finanzielle Bildung“ widmete sich Maximilian Schneider von der Startokraft GmbH in einem weiteren Workshop einem Thema, das im schulischen Alltag leicht zu kurz kommt, für die persönliche Zukunft junger Menschen jedoch von großer Bedeutung ist. Lebenshaltungskosten, Monatsbudget, Brutto- und Nettogehalt, Gehaltsabrechnungen, Versicherungen, Vertragsfallen sowie Grundlagen der Altersvorsorge und Geldanlage wurden praxisnah vermittelt und in Diskussionen vertieft. Finanzielle Bildung besitzt dabei auch eine persönlichkeitsbildende Dimension für die angehenden Lehrkräfte selbst, indem sie die Nachhaltigkeit des Berufsbildes stärkt und damit die Fähigkeit, die eigene berufliche und private Zukunft in Hinblick auf Finanzen verantwortungsvoll zu gestalten.
Ein gesellschaftlich besonders aktuelles Thema stand im Workshop „Antisemitismus: Erkennen, Benennen, Handeln - Schule und Alltag in neuen Herausforderungen“ im Mittelpunkt. Christof Scholze und Benjamin Damm, Projektmitarbeiter für antisemitismuskritische Bildung im Ariowitsch-Haus in Leipzig, vermittelten Grundlagen zu Begriffen, Erscheinungsformen und Funktionsweisen von Antisemitismus. Anhand von Fallbeispielen und aktuellen Schlagzeilen konnten antisemitische Deutungsmuster analysiert und konkrete Handlungsmöglichkeiten erprobt werden. Dabei wurde deutlich: Antisemitismus kann auch fachfremd zum Thema werden und Lehrkräfte in ganz unterschiedlichen Situationen vor Herausforderungen stellen.
Partizipative Methoden der demokratischen Bildung innerhalb des Workshops ermöglichten es, komplexe und abstrakte Vorgänge zu personalisieren und dadurch für Schülerinnen und Schüler zugänglich machen. Raum für Fragen gab es dabei jederzeit – präventiv wie reaktiv wurde gemeinsam überlegt, wie professionelles Handeln gegenüber Antisemitismus im schulischen Alltag aussehen kann.
Den Blick über den Klassenraum hinaus richtete schließlich „Geopolitik und resiliente Gesellschaft“ mit dem ehemaligen Botschafter Christoph Eichhorn. Er erkannte an, dass bereits in der Schule sowohl Lehrkräfte als auch Schülerinnen und Schüler mit geopolitischen Konflikten konfrontiert werden und damit auch Unsicherheiten über deren Auswirkungen. Eichhorn verband dabei Informationen aus seinem langjährigen Erfahrungswissen als Botschafter mit der emotionalen Dimension aktueller Entwicklungen. Im Zentrum stand die Frage, welche Eigenschaften eine resiliente Gesellschaft braucht und wie angehende Lehrkräfte diese vorleben können. Ebenso wurde thematisiert, welche Stimmen im öffentlichen Diskurs in Bezug auf Zukunft gehört werden und wie sich geopolitische Zusammenhänge sinnvoll in den Schulalltag integrieren lassen.
In einer gemeinsamen Auswertung mit Lina Berends kamen die Teilnehmenden am Ende des Tages noch einmal zusammen. Ergebnisse und Diskussionen aus den Workshops wurden schriftlich gemeinsam festgehalten und Erfahrungen ausgetauscht. Besonders positiv wurde hervorgehoben, dass die Veranstaltung nicht allein auf Zuhören setzte: Vieles konnte selbst ausprobiert, diskutiert und auf die eigene Lebens- und Arbeitswelt bezogen werden. Laut den Teilnehmenden lieferten die Angebote konkrete Anknüpfungspunkte für den Unterricht, mussten aber nicht zwangsläufig alle unmittelbar „schultauglich“ sein, was dazu einlud, auch persönliche Zukunftsthemen in den Blick zu nehmen. Es wurde angemerkt, dass trotz der Unsicherheiten Lehrkräfte vor der Herausforderung stünden, ihren Schülerinnen und Schülern Orientierung und Sicherheit zu vermitteln. Darum drückten sie Dankbarkeit aus für diese umfassende Weiterbildungsmöglichkeit, die sie mit dem Gefühl aus dem Tag gingen ließen, verstanden und angeregt worden zu sein. Ein weiterer Gewinn lag im entstandenen Netzwerk: Die Veranstaltung machte externe Partner sichtbar, die auch künftig in den Schulalltag eingebunden und bei herausfordernden Fragen zu Rate gezogen werden können. Es stellte sich heraus, dass Zukunftsbildung ebenso bedeutet, Unsicherheit über Zukünfte nicht als Stillstand zu verstehen, sondern als Ausgangspunkt für weitere Lernprozesse. Aus „hoch hinaus“ wurde so während der Referendarfortbildung, wie es eine Teilnehmerin treffend zusammenfasste, „weit hinaus“: „Ich habe über den Schulhorizont hinausgeschaut und bin nun inspiriert dazu, meine Schülerinnen und Schüler dahin mitzunehmen, um der Zukunft gestärkt begegnen zu können.“
Annemarie Reichenbach
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