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Veranstaltungsberichte

„Wer war er? Wer war mein Großvater? - Eines aber weiß ich gewiss: Die Persönlichkeit meines Großvaters lässt sich nicht darauf reduzieren, Attentäter gewesen zu sein!“

von Jan-Hendrik Bremer
Podcast zum Thema Widerstand des 20. Juli 1944 und wie dessen Protagonisten auch heute noch Vorbilder sein können. Eine Maßnahme der digitalen Politischen Bildung der KAS Hamburg.

Wer war Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der Mann, der Hitler die Stirn bot? Welche Motive trieben diesen deutschen Offizier der Wehrmacht, der einen Eid auf den „Führer“ ablegte, zum Versuch Adolf Hitler mit einem Attentat zu ermorden? Wie stellten er und die weiteren Verschwörer des Widerstandes sich das zukünftige, vom Nationalsozialismus befreite Deutschland vor? Und wie können er und die anderen Protagonisten des 20. Juli 1944 auch heute noch Vorbilder sein?

Diese und weitere Fragen erörterte Dr. Karolina Vöge, Landesbeauftragte der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V. für Hamburg, in einem Gespräch mit Sophie Freifrau von Bechtolsheim, Historikerin und Enkelin Graf von Stauffenbergs, am 20. Juli 2020 in einem auf Anchor veröffentlichten Podcast. Der Fokus des Gesprächs lag auf der 2019 von Frau von Bechtolsheim veröffentlichten Biographie „Stauffenberg - mein Großvater war kein Attentäter“.

Zu Beginn des Gesprächs gab Dr. Karolina Vöge eine kurze Einführung in die Thematik des Gesprächs und die Person Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Stauffenberg wurde 1907 im bayrischen Jettingen geboren und starb in der Nacht vom 20. auf den 21. Juli des Jahres 1944 durch standrechtliche Erschießung im Hof des Berliner Bendlerblocks auf Befehl von Generaloberst Friedrich Fromm. Zuletzt war er ein Offizier der deutschen Wehrmacht im Rang eines Obersts.

Frau von Bechtolsheim erklärte, dass die von ihr verfasste Biographie „Stauffenberg - mein Großvater war kein Attentäter“ nicht ihre Idee gewesen sei, sondern der Herder Verlag ihr diesen Vorschlag Anfang März 2019 unterbreitet habe. Kurz zuvor sei die neue Biographie „Stauffenberg: Porträt eines Attentäters“ von Thomas Karlauf erschienen, der in dem Buch das Bild eines einsamen Alleintäters gezeichnet habe, dessen Leben sich schließlich auf das Attentat des 20. Juli 1944 zugespitzt habe. Mit ihrem Buch habe sie eine Antwort auf diese, aus ihrer Ansicht „unhistorische“ und unzutreffende, Biographie formulieren wollen. Claus Schenk Graf von Stauffenberg sei kein Alleintäter gewesen, sondern in ein umfassendes und über das Militär hinausgehendes Netzwerk des Widerstandes eingebunden. Für sie ist klar, dass „die Persönlichkeit [ihres] Großvaters sich nicht darauf reduzieren lässt, Attentäter zu sein!“.

Nachträglich lasse sich kein eindeutiger Schlüsselmoment rekonstruieren, in dem Stauffenberg den Entschluss fasste, sich dem Widerstand anzuschließen und Adolf Hitler mit einem Attentat zu ermorden, so Frau von Bechtolsheim. Bereits bei dem deutschen Einmarsch in das Sudetenland im Jahr 1938 habe aber Stauffenberg in seinem Kriegstagebuch eine wachsende innere Distanz zwischen ihm und Adolf Hitler niedergeschrieben, auch wenn er damals noch nicht bereit gewesen sei, sich dem aktiven Widerstand anzuschließen. Fest stehe aber, dass Stauffenberg Ende 1941 bzw. Anfang 1942 die Überzeugung vertreten habe, dass man Hitlers Wahnideen nur durch seine Ermordung stoppen könne.

Frau von Bechtolsheim ist der Ansicht, dass Stauffenberg das verbrecherische Wesen des Nationalsozialismus zunächst nicht erkannt habe, eine derartig radikale Auflösung des Rechtsstaates für die Mehrheit der Deutschen damals allerdings undenkbar gewesen sei. Die historischen Fakten würden zeigen, dass er die antisemitische und mörderische Programmatik des Nationalsozialismus nicht unterstützt, sondern Bestürzung über die massenhafte Ermordung von Juden und Zivilisten gezeigt habe. Zudem habe er bei dem deutschen Einmarsch in Polen bspw. Übergriffe von deutschen Soldaten auf die Zivilbevölkerung stets geahndet. Der Eid, den Stauffenberg und jeder weitere Soldat der Wehrmacht auf Hitler ablegen musste, habe bei den Attentats- und Umsturzplänen keine Rolle mehr gespielt, da Hitler seinerseits den Eid gegenüber dem deutschen Volk tausendfach gebrochen habe, so die Referentin. Graf von Stauffenberg habe sich dem Ethos eines deutschen Offiziers entsprechend im Dienst seines Vaterlandes verstanden und die Verpflichtung verspürt, das deutsche Volk von Adolf Hitler und der Herrschaft der Nationalsozialisten zu befreien.

In Laufe des Gesprächs warf Dr. Karolina Vöge die Frage auf, welche Ziele die Verschwörer des 20. Juli 1944 letztlich verfolgten und welche politische Ordnung sie sich für das zukünftige Deutschland vorstellten. Hierzu zeigte Frau von Bechtolsheim auf, dass in dem weitläufigen Netzwerk des Widerstands kein Konsens über das politische System Nachkriegsdeutschlands bestanden habe. Was die Mitglieder des Widerstandes geeint habe, sei das Ziel, die Herrschaft der Nationalsozialisten, die von Deutschen verübten Kriegsverbrechen und den Krieg an sich zu beenden. Von höchster Bedeutung sei für die Verschwörer die Wiedererrichtung eines rechtsstaatlichen Systems gewesen.  

Am Ende des Gesprächs sprach Frau Dr. Vöge an, inwieweit es eine Verantwortung zur Versöhnung gäbe. Frau von Bechtolsheim eröffnete dazu, dass ihr die große Ehre zu Teil geworden wäre, eine Ansprache zur Vernissage einer Wanderausstellung über Graf von Stauffenberg im früheren Ghetto von Theresienstadt zu halten. Hierbei habe sie eine große Dankbarkeit für die Existenz des Widerstandes empfunden, der dadurch eine Vorbildfunktion für nachkommende Generation entwickelt habe, dass viele der Verfolgten des NS-Regimes aufgrund seiner Existenz eine Möglichkeit zur Versöhnung mit dem deutschen Staat gesehen hätten. Wenn doch das eigentliche Attentat auf Adolf Hitler gescheitert sei, habe sich der Umsturzversuch bereits aufgrund dieser Chance zur Versöhnung gelohnt, was „unschätzbar wertvoll“ sei, so Sophie von Bechtolsheim.

Das Gespräch mit Frau von Bechtolsheim zeigte auf, dass die Person Claus Schenk Graf von Stauffenberg nicht nur ein einsamer Attentäter war, sondern Teil eines weit verzweigten Netzwerks des Widerstandes. Im Dienst des deutschen Volkes und als überzeugter Patriot fühlte er sich verpflichtet, der Herrschaft der Nationalsozialisten durch ein Attentat auf Adolf Hitler ein Ende zu setzen. Trotz des Umstandes, dass das Attentat scheiterte, hat es den unschätzbaren Wert gehabt, ein Zeichen des sichtbaren Widerspruchs des deutschen Volkes und ein Symbol zur Versöhnung mit den Opfern der Nationalsozialisten zu setzen.
Ansprechpartner

Dr. Karolina Vöge

Portrait Frank Karl Soens

Regionalbeauftragte für Norddeutschland

karolina.voege@kas.de +49 40 2198508-1 +49 40 2198508-9
Jan-Hendrik Bremer Frank Karl Soens

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