Man stelle sich folgende phantastische Begebenheit vor: Bei einem alles entscheidenden Endspiel um einen nationalen FuĂŸballpokal kommt es zum ElfmeterschieĂŸen. Da aber der FuĂŸballplatz abschĂ¼ssig angelegt ist, die herausfordernde Mannschaft bergauf spielen muĂŸ und der Schiedsrichter von der Heimmannschaft bezahlt wird, haben nach dem Ende der Verlängerung nicht nur die entrĂ¼steten Zuschauer die TribĂ¼nen verlassen, sondern auch die gegnerische Mannschaft ist vom Feld gezogen, so daĂŸ beim ElfmeterschieĂŸen eine einzige Mannschaft auf ein leeres Tor schieĂŸt und das Ergebnis damit schon im voraus feststeht.
Was im Reich des FuĂŸballs utopisch wäre, ereignete sich im drittgrĂ¶ĂŸten Land SĂ¼damerikas tatsächlich: Am 28. Mai 2000 wurde der bisherige Präsident Alberto Fujimori zum dritten Mal zum Präsidenten der Republik Peru gewählt. Aufgrund der vorangehenden, sich Ă¼berstĂ¼rzenden Ereignisse kam dieses Ergebnis in etwa genau so Ă¼berraschend wie der Ausgang des Spielfilms "Titanic". Die Nationale Wahlbehörde ONPE verkĂ¼ndete drei Tage nach den Stichwahlen das vorläufige amtliche Endergebnis:

Dramaturgie einer Stichwahl - die Ereignisse bis zum 28. Mai
Die Bestätigung eines zweiten Wahlgangs nährte die Hoffnungen vieler Peruaner, die nach der zehnjährigen Amtszeit Fujimori den Wechsel herbeisehnten. Die Umfragen bis Ende April ergaben fĂ¼r die Stichwahl ein Patt: Fujimori und Toledo jeweils 45 Prozent bei knapp 10 Prozent unentschlossenen Wählern. Die offensichtlichen Manipulationen vor und während des ersten Wahlganges bzw. deren Dementis änderten dabei nichts an Fujimoris Popularität. Er gestand zwar zu, daĂŸ es möglicherweise zu einigen kleineren UnregelmĂ¤ĂŸgkeiten gekommen sei, bezeichnete jeden Vorwurf des Wahlbetrugs jedoch als völlig abwegig und interpretierte das Ergebnis des ersten Wahlgangs als "Votum des peruanischen Volkes".
Im Mai begann sich das Stimmungsbild im Lande unmerklich zu verändern. Ein Grund hierfĂ¼r lag nicht zuletzt im taktisch unklugen Verhalten Toledos, der bei seinen Wahlveranstaltungen nicht mĂ¼de wurde zu erklären, daĂŸ er bereits beim ersten Wahlgang 57 Prozent erreicht habe, was ihm niemand so richtig abnahm. Zudem drohte er wiederholt mit seinem Nichtantreten zur Stichwahl am 28. Mai, sollten nicht von Seiten der ONPE die technischen und organisatorischen Voraussetzungen fĂ¼r die DurchfĂ¼hrung transparenter und ehrlicher Wahlen geschaffen worden sein. Die politische Unsicherheit, die Toledo damit herbeiredete, irritierte vor allem diejenigen Wählerschichten, die zwar fĂ¼r das Ende der Regierung Fujimori gestimmt hatten, dabei aber keinesfalls eine politische Krise oder gar die Wiederkehr instabiler Verhältnisse im Sinn hatten, wie sie nun durch Toledos Androhungen heraufbeschworen wurden.
Die Situation kulminierte zehn Tage vor dem Termin der Stichwahl, als am 18. Mai Toledo offiziell bekanntgab, am 28. Mai nicht anzutreten. Die Erklärung markierte zugleich den Beginn einer Woche der völligen Unklarheit Ă¼ber die weiteren Entwicklungen, denn Toledo lieĂŸ keinen Zweifel daran, weiterhin um die Präsidentschaft zu kandidieren und forderte eine Wahlverschiebung um mindestens drei Wochen auf den 18. Juni. UnterstĂ¼tzung fand er dabei nicht nur von seinen Oppositionskollegen und Mitbewerbern Andrade, Castañeda Lossio und Salinas, sondern vor allem vom Chef der Beobachterdelegation der Organisation Amerikanischer Staaten OAS, Eduardo Stein. Dieser betonte, die Zeit vom 9. April bis zum 28. Mai sei bei weitem nicht ausreichend, um die demokratischen Unzulänglichkeiten und Mängel des ersten Wahlgangs garantiert ausschlieĂŸen zu können. Insbesondere die neue, vereinfachte Software des Rechenzentrums der ONPE bedĂ¼rfe noch einer umfassenden ĂœberprĂ¼fung, die einige Wochen in Anspruch nehmen werde. Stein plädierte daher ebenfalls fĂ¼r eine Wahlverschiebung. Ă„hnlich äuĂŸerten sich die Botschafter mehrere EU-Mitgliedsstaaten wie auch die BĂ¼rgerbewegung Transparencia.
In den folgenden Tagen setzten Fujimori und Toledo ihre Wahlkämpfe mit unverminderter Heftigkeit fort. Von einem direkten Aufeinandertreffen der beiden Präsidentschaftskandidaten im Fernsehen, um das sich Unterhändler der beiden Bewegungen mehrere Tage lang bemĂ¼ht hatten, konnte nach der Entscheidung Toledos allerdings keine Rede mehr sein. Vielmehr rief Toledo seine Wählerschaft zu groĂŸangelegten Demonstrationen und trotz der in Peru herrschenden Wahlpflicht zum Boykott der Wahlen auf, sollten diese wie vorgesehen am 28. Mai stattfinden. Die ONPE reagierte unmittelbar mit flächendeckenden Wahlaufrufen in nahezu allen Radio- und Fernsehkanälen und stellte darin auch klar, daĂŸ jeder Nichtwähler belangt werde und die vom Gesetz vorgesehenen Konsequenzen (sofortiger Verlust der Stellung eines BĂ¼rgers als Rechtsperson, die z.B. Verträge abschlieĂŸen oder Anträge einreichen kann, solange man nicht eine Strafe von umgerechnet 65 DM bezahlt hat) tragen mĂ¼sse. Im Verlauf des Wochenendes kam es dann auch vielfach zu Protestkundgebungen in Lima wie auch in vielen Provinzhauptstädten, die nicht immer gewaltfrei verliefen. Die Gewaltbereitschaft ging soweit, daĂŸ Präsident Fujimori während eines Wahlkampfauftritts in Arequipa von Toledo-Anhängern mit Steinen beworfen wurde.
Zur Vertiefung der Irritation trug der erste Testlauf der neuen Software im ONPE-Rechenzentrum am 21. Mai bei, an dem auch Vertreter von PerĂº 2000 (nicht aber von Toledos PerĂº Posible) sowie internationale Wahlbeobachter teilnahmen. Unmittelbar nach der Beendigung der Simulation verkĂ¼ndete die ONPE deren reibungslosen Verlauf. Im Gegensatz dazu sprachen die Beobachter der OAS sowie der peruanische Ombudsman von "schwerwiegenden Schwierigkeiten und ernsthaften Problemen". Aufgrund dieser Unstimmigkeiten suspendierte die Beobachtermission der OAS am 22. Mai ihre Tätigkeit auf unbefristete Zeit wegen der "WidersprĂ¼chlichkeiten und der fehlenden Präzision der ONPE". Diese Entscheidung hob die OAS tags darauf wieder auf und erklärte, daĂŸ sie den fĂ¼r den 24. Mai vorgesehenen erneuten Testlauf des Computersystems beobachtend begleiten werde. Am gleichen Tag verkĂ¼ndete die BĂ¼rgerbewegung Transparencia ihren RĂ¼ckzug als nationaler Beobachter von den Wahlen am 28. Mai aufgrund fehlender technischer Mindeststandards zur DurchfĂ¼hrung sauberer Wahlen.
Das Ergebnis des erneuten Systemtests am späten Abend des 24. Mai, der anscheinend zufriedenstellender verlief (nach Aussagen der ONPE problemlos, nach Meinung der OAS-Beobachter noch mit Schwachstellen behaftet), wurden durch die Ereignisse des 25. Mai in den Hintergrund gedrängt. An diesem Donnerstag vor dem geplanten Stichwahlsonntag entschied das Oberste Wahlgericht JNE mit drei zu zwei Gegenstimmen, die Stichwahlen definitiv und unwiderruflich am 28. Mai durchzufĂ¼hren. AuĂŸerdem wurde der offizielle Antrag von Toledos Bewegung PerĂº Posible zurĂ¼ckgewiesen, nicht an den Wahlen am 28. Mai teilzunehmen, da "die Form der Nichtteilnahme, wie sie der Beantragende dargestellt hat, im peruanischen Wahlrecht nicht existiert". Besonders im historischen Zentrum Limas, vor dem Präsidentenpalast, verschiedenen Ministerien und vor allem dem BĂ¼ro des JNE kam es daraufhin zu massiven, gewalttätigen Ausschreitungen.
Wenige Stunden nach dieser Entscheidung verkĂ¼ndete Eduardo Stein, daĂŸ der WahlprozeĂŸ aufgrund "andauernder Mängel, UnregelmĂ¤ĂŸigkeiten, Unbeständigkeiten und Ungleichheiten in seiner Gesamtheit irregulär ist", die OAS-Beobachtermission ihre Arbeit ab sofort einstellen und er selbst am kommenden Tag in sein Heimatland Guatemala zurĂ¼ckreisen werde. Die Beobachtermission des National Democratic Institute und des Carter Centers erklärte, die Stichwahlen am 28. Mai erfĂ¼llten nicht die internationalen Mindeststandards, um als glaubwĂ¼rdige demokratische Wahlen gewertet zu werden. Unter den aktuellen Bedingungen werde daher auch das NDI / Carter Center seine Beobachtertätigkeit einstellen. In gleicher Weise entschied die Europäische Union, die eigens fĂ¼r die Stichwahlen eine Beobachtermission gesandt hatte. Toledo, Andrade und Castañeda Lossio verkĂ¼ndeten, ihrer Wahlpflicht am 28. Mai nicht nachzukommen.
Die eigentliche Problematik, die Toledo mit seiner Entscheidung eines Nichtantretens geschaffen hatte, war vor allem rechtlicher Natur: Die peruanische Verfassung verlangt Stichwahlen spätestens 30 Tage nach der Veröffentlichung des amtlichen Endergebnisses des ersten Wahlganges. Und das peruanische Wahlrecht wiederum trifft keine Aussage im Falle des RĂ¼cktritts eines der beiden Präsidentschaftskandidaten vor der Stichwahl. Das Gros der peruanischen Staatsrechtler geht aber davon aus, daĂŸ im tatsächlichen Falle des RĂ¼cktritts eines Kandidaten eine Stichwahl nicht mehr notwendig und der Ă¼brigbleibende Kandidat automatisch Präsident wäre. Toledo sprach allerdings mit gutem Grund nie davon, von seiner Kandidatur insgesamt zurĂ¼ckzutreten (renuncia), sondern nur darĂ¼ber, daĂŸ er zum festgesetzten Wahltermin nicht antreten werde (no participar).
Dieser feinsinnige Unterschied bildete mehrere Tage lang die Quelle der Ratlosigkeit. Die Regierungsseite, anfänglich expressis verbis gegen eine Verschiebung, lieĂŸ später durch verschiedene Sprecher verkĂ¼nden, daĂŸ die endgĂ¼ltige Entscheidung des JNE auf jeden Fall akzeptiert werden wĂ¼rde. Doch sogar der fĂ¼nfköpfige Rat des JNE als die von der Verfassung vorgesehene oberste und unwiderrufliche Wahlinstanz war in sich gespalten und zögerte seine endgĂ¼ltige Entscheidung Ă¼ber eine Verschiebung oder die planmĂ¤ĂŸige DurchfĂ¼hrung der Stichwahlen am 28. Mai bis zum letztmöglichen Zeitpunkt hinaus. Mit der ZurĂ¼ckweisung seines offiziellen Nichtteilnahmeantrages durch den JNE nahm Toledo als Kandidat an der Stichwahl teil - ob er wollte oder nicht. Ergebnis: Ein Drittel aller BĂ¼rgerinnen und BĂ¼rger Perus drĂ¼ckte seinen Protest gegen die Wahlen mit ungĂ¼ltigen Stimmzetteln aus. Weitere 17 Prozent stimmten - bewuĂŸt oder unbewuĂŸt - fĂ¼r Toledo.
Damit ist auch das wohl wichtigste Resultat des gesamten Wahlprozesses zutage getreten: Die Erkenntnis vom Fehlen demokratischer Strukturen hat jetzt weit Ă¼ber die intellektuellen Eliten und oppositionellen Strömungen hinaus groĂŸe Teile aller Bevölkerungsschichten erfaĂŸt und einen BewuĂŸtseinswandel herbeigefĂ¼hrt, der letztendlich die Bevölkerung Perus in zwei gleich groĂŸe Lager spaltet: das der Fujimori-BefĂ¼rworter und das der vehementen Gegner. Ob und wie sich diese politische Polarisierung einer Gesellschaft Ausdruck verschaffen wird, kann zum momentanen Zeitpunkt noch in keiner Weise abgeschätzt werden
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Sankt Augustin Deutschland