Der Veranstaltungsort hätte kaum passender gewählt sein können: Im traditionsreichen Jenaer Zeiss-Planetarium startete das Politische Bildungsforum Thüringen der Konrad-Adenauer-Stiftung am 14. September 2026 seine neue Veranstaltungsreihe mit dem Auftaktthema „Demokratie braucht Wissenschaft“. Vor voll besetztem Haus diskutierten Vertreter aus Wissenschaft und Politik, warum Demokratien auf wissenschaftliche Erkenntnisse angewiesen sind, wie Wissenschaft verständlich kommuniziert werden kann und weshalb der Dialog zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft wichtiger denn je ist.
Zum Auftakt begrüßte Maja Eib, Landesbeauftragte der Konrad-Adenauer-Stiftung für den Freistaat Thüringen und Leiterin des Politischen Bildungsforums Thüringen, die Gäste. In ihrer Einführung skizzierte sie zentrale Fragestellungen der neuen Reihe und gab erste Denkanstöße für den Abend.
Bevor Prof. Dr. Harald Lesch seinen Impulsvortrag unter dem Titel „Physik ist ein Demokratie-Stabilisator“ hielt, begrüßte auch der Prokurist und technischer Leiter des Planetariums Stefan Harnisch die Gäste. Mit einem Einblick in die Geschichte des Hauses schlug er zugleich die Brücke zu diesem besonderen Veranstaltungsort.
Wissenschaft braucht Verständlichkeit und Vertrauen
Harald Lesch richtete den Blick zunächst auf aktuelle Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz und verband diese mit der grundsätzlichen Frage, was für eine Wissenschaft eine Gesellschaft benötigt. Dabei machte er deutlich: Wissenschaft und Gesellschaft müssen miteinander ins Gespräch kommen. Eine entscheidende Voraussetzung dafür sei eine verständliche Sprache.
Gerade die Naturwissenschaften und speziell die Physik arbeiteten mit Begriffen und Konzepten, die zunächst erklärt und für gesellschaftliche und politische Debatten übersetzt werden müssten. Als Beispiel führte Lesch den vielfach verwendeten Begriff „Energie“ an. Wissenschaftskommunikation werde deshalb zu einer wichtigen Brücke zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis, politischen Entscheidungsträgern und Gesellschaft.
Wissenschaftliche Modelle und Theorien müssten überprüft und ihre Erkenntnisse in gesellschaftliche und politische Entscheidungsprozesse einbezogen werden. Wissenschaft könne dabei Optionen aufzeigen. Entscheiden und handeln müssten jedoch die Menschen selbst.
Eine Schlüsselrolle spiele das Vertrauen in Wissenschaft, denn Vertrauen reduziere Komplexität. Wissenschaft funktioniere allerdings nach eigenen Regeln: Forschung könne zu neuen Erkenntnissen führen, bisherige Annahmen korrigieren und Irrtümer sichtbar machen. Gerade diese Offenheit gehöre zum Wesen wissenschaftlicher Erkenntnis.
Wissenschaft muss den Weg in die Gesellschaft finden
Moderne Gesellschaften und insbesondere Demokratien seien auf verlässliche Informationen angewiesen. Umso wichtiger sei es, wissenschaftliche Erkenntnisse so aufzubereiten, dass sie in politischen und gesellschaftlichen Debatten verstanden, eingeordnet und diskutiert werden können.
Lesch plädierte deshalb dafür, die direkte Kommunikation zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zu stärken. Wissenschaft dürfe sich nicht hinter den Mauern von Hochschulen und Forschungseinrichtungen zurückziehen. Sein Ideal formulierte er anschaulich:
„Es wäre das Beste, was uns passieren könnte, wenn die Türen und Fenster der großen Hochschulen und Universitäten so offen wären, dass alle Beteiligten kommen könnten und sagen: Ich hätte da mal eine Frage. Kannst du mir das mit deinem Sachverstand und deiner Sachkompetenz beantworten?“
Je intensiver Wissenschaft und Gesellschaft miteinander in Kontakt kämen, desto weniger werde übereinander und desto mehr miteinander gesprochen.
Als konkrete Beispiele für Beteiligung verwies Lesch unter anderem auf die Energiewende und Energiegenossenschaften. Dahinter stehe ein grundlegender demokratischer Anspruch: Menschen müssten die Möglichkeit erhalten, Sachverhalte zu verstehen, um sich auf dieser Grundlage ein eigenes Urteil bilden zu können.
Der politische Raum müsse dabei stets ein Raum der Freiheit bleiben. Wissenschaft könne wichtige Erkenntnisse und Handlungsoptionen bereitstellen. Die Entscheidung darüber, welcher Weg eingeschlagen werde, müsse jedoch letztlich beim demokratischen Souverän verbleiben.
Seine zentrale Botschaft fasste Lesch entsprechend zusammen:
„Wenn es gelingt, den Gesprächsfaden zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft ein bisschen dicker zu machen, können eine ganze Menge von Problemen, vor denen wir stehen, gelöst werden.“
Demokratie braucht Wissenschaft und Wissenschaft braucht Freiheit
Die Moderation des Abends übernahm PD Dr. Susanne Schuster. Mit gezielten Fragen führte die Kirchenhistorikerin durch die anschließende Podiumsdiskussion und lenkte den Blick auf das Verhältnis von Demokratie, Wissenschaft und politischer Verantwortung.
Neben Prof. Dr. Harald Lesch diskutierten Christian Tischner, Thüringer Minister für Bildung, Wissenschaft und Kultur, sowie Johannes Grote-Weber, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fachhochschule Erfurt und angehender Doktorand.
Christian Tischner brachte dabei nicht nur seine Perspektive als Minister ein, sondern auch Erfahrungen aus seinem Engagement als Vorsitzender der Ernst-Abbe-Stiftung Jena. Johannes Grote-Weber wiederum ergänzte die Diskussion um den Blick eines jungen Wissenschaftlers. Mit seinen Überlegungen zur praktischen Schulbildung sowie zur Bedeutung von Handwerk und beruflicher Ausbildung stieß er beim Publikum auf große Zustimmung.
Im Mittelpunkt standen Fragen wie:
- Wovon profitiert die Demokratie, wenn es um Wissenschaft geht?
- Wie politisch darf Wissenschaft sein und wann sollte sie es nicht sein?
- Wie lassen sich wissenschaftliche Erkenntnisse besser in politische Entscheidungsprozesse einbringen?
- Wie können Vertrauen und eine offene Gesprächskultur gestärkt werden?
Politik braucht Zeit für Erklärung
In der Diskussion wurde deutlich, dass politische Entscheidungen stärker erklärt und die ihnen zugrunde liegenden Abwägungen transparent gemacht werden sollten. Bürgerinnen und Bürger erwarteten zu Recht Ergebnisse von der Politik. Gleichzeitig stehe Politik häufig unter einem erheblichen zeitlichen Entscheidungsdruck, während wissenschaftliche Erkenntnisprozesse Zeit benötigten.
Deutlich wurden auch unterschiedliche Fehlerkulturen. Wissenschaftlicher Fortschritt lebt davon, Hypothesen zu überprüfen, Irrtümer zu erkennen und Erkenntnisse gegebenenfalls zu korrigieren. Im politischen Raum hingegen werde bei Fehlern häufig zunächst nach Verantwortlichen gesucht. Eine offene demokratische Gesellschaft müsse deshalb lernen, stärker zwischen Irrtum, Erkenntnisgewinn und politischer Verantwortung zu unterscheiden.
Zugleich bewegen sich Wissenschaft und Politik in einem wirtschaftlichen Umfeld, das häufig auf schnelle Ergebnisse ausgerichtet ist. Forschung und Wissenschaft stehen darüber hinaus selbst unter erheblichem Kostendruck.
Fragezeichen statt Ausrufezeichen
Einen weiteren Schwerpunkt bildete das Verhältnis von Wissenschaft und Populismus. Wissenschaft sei geprägt vom Fragen, Prüfen, Abwägen und der Bereitschaft, Erkenntnisse angesichts neuer Befunde zu verändern. Populistische Kommunikation hingegen arbeite häufig mit vermeintlich einfachen und endgültigen Antworten.
Pointiert brachte die Diskussion diesen Gegensatz auf die Formel: Wissenschaft arbeitet mit Fragezeichen, Populismus mit Ausrufezeichen.
Gerade deshalb brauche eine offene und pluralistische Gesellschaft eine Kultur des Zuhörens, des respektvollen Widerspruchs und der sachlichen Auseinandersetzung. Anstand und Respekt seien wesentliche Voraussetzungen dafür, wissenschaftliche wie gesellschaftliche Kontroversen konstruktiv auszutragen.
Dabei wurde zugleich hervorgehoben, dass Wissenschaft selbst auf demokratische Freiheit angewiesen ist. Nur dort, wo Wissenschaft, Forschung, Lehre und Kunst frei sind, können neue Fragen gestellt, Hypothesen entwickelt und bestehende Erkenntnisse kritisch überprüft werden.
Demokratie lebt vom Mitmachen
Am Ende führte die Diskussion damit zu einer grundsätzlichen Erkenntnis: Demokratie und Wissenschaft sind in einer freien Gesellschaft aufeinander angewiesen. Wissenschaft kann Orientierung und Erkenntnisse bereitstellen. Die Demokratie schafft ihrerseits den Raum, in dem Wissenschaft frei forschen, fragen und ihre Ergebnisse öffentlich zur Diskussion stellen kann.
Zugleich bleibt Demokratie Aufgabe jedes Einzelnen. Freiheit und demokratische Ordnung sind keine Selbstverständlichkeit, sondern müssen immer wieder neu mit Leben gefüllt werden.
Harald Lesch erinnerte zum Abschluss mit Blick auf den Internationalen Tag der Demokratie am 15. September daran:
„Es dürfte doch eigentlich nicht nur einen Tag für die Demokratie geben, sondern 365 in einem Jahr.“
Unser gesellschaftliches Zusammenleben, so Lesch, hänge wesentlich von der demokratischen Verfasstheit unseres Gemeinwesens ab. Demokratie ermögliche es, friedlich, respektvoll und anständig miteinander zu leben.
Genau hier setzt die neue Veranstaltungsreihe „Demokratie und Wissenschaft“ des Politischen Bildungsforums Thüringen an: Sie will Räume für Begegnung öffnen, wissenschaftliche Erkenntnisse in gesellschaftliche Debatten tragen und Menschen aus Wissenschaft, Politik und Gesellschaft miteinander ins Gespräch bringen.
Denn vielleicht beginnt die Stärkung von Demokratie genau dort: wenn aus vielen einzelnen Gesprächsfäden ein belastbares gesellschaftliches Netz wird.
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