Wie können sich demokratische Staaten und Gesellschaften gegen Desinformation, hybride Bedrohungen und die sicherheitspolitischen Herausforderungen durch Russland wappnen? Diese Frage stellte die Konrad-Adenauer-Stiftung Thüringen am 9. Juni 2026 im Stadtmuseum Gera Experten aus Politik, Diplomatie und Militär.
Die Gäste des Abends waren: der litauische Botschafter in Deutschland Giedrius Puodžiūnas, Oberstleutnant Andreas Obst vom Landeskommando Thüringen sowie der Politikwissenschaftler Tim Beyer.
Im Mittelpunkt stand zunächst die Frage, welche Erfahrungen Litauen im Umgang mit Russland gemacht hat und was Deutschland daraus lernen kann. Der Botschafter betonte, dass Gesellschaften auf Krisen vorbereitet sein müssten. Desinformation sei eine mächtige Waffe, deren Ziel es sei, den Willen einer Gesellschaft zur Verteidigung zu schwächen. Litauen habe aufgrund seiner historischen Erfahrungen ein ausgeprägtes Bewusstsein für diese Gefahren entwickelt. Abschreckung und Bündnissolidarität innerhalb der NATO seien dabei von zentraler Bedeutung. Verträge allein würden nicht ausreichen; entscheidend sei die Fähigkeit, Stärke zu zeigen. Als Beispiel nannte er gezielte Desinformationskampagnen gegen die deutsche Brigade in Litauen.
Oberstleutnant Obst verwies darauf, dass sich Deutschland in einem Zwischenbereich zwischen Frieden und Krieg befinde. Für den Verteidigungsfall gebe es klare Regelungen, schwieriger sei jedoch der Umgang mit der sogenannten „Grauzone“, in der Russland gezielt Einfluss auf Gesellschaften, Wirtschaft und politische Prozesse nehme. Es gehe nicht um Kriegstreiberei, sondern darum, nicht naiv zu sein und auf unterschiedliche Szenarien vorbereitet zu bleiben. Bürokratische Hürden erschwerten häufig schnelles Handeln, dennoch sei die Problemlage inzwischen erkannt worden.
Tim Beyer beschäftigte sich insbesondere mit den Auswirkungen von Desinformation auf demokratische Gesellschaften. Er verwies auf russische Narrative, die Deutschland und den Westen als Aggressoren darstellten und die Unterstützung der Ukraine diskreditieren sollten. Ein Großteil solcher Einflussversuche finde über soziale Medien statt. Besonders ältere Generationen seien oft anfälliger für manipulierte Inhalte. Deshalb müsse Medienkompetenz gestärkt werden. Bürger sollten lernen, Quellen zu überprüfen und Informationen kritisch zu hinterfragen.
In der Diskussion wurde zudem die Frage aufgeworfen, wie Regierungen und Gesellschaften gemeinsam auf hybride Bedrohungen reagieren können. Der Botschafter unterstrich die Bedeutung eigener Kommunikationskanäle sowie politischer Bildung. In Deutschland werde häufig zu wenig über die Geschichte der Sowjetunion und deren Auswirkungen gesprochen. Litauen setze dagegen auf eine starke gesellschaftliche Beteiligung. Viele Bürger engagierten sich freiwillig für den Schutz ihres Landes. Demokratie bedeute auch, Verantwortung für die eigene Gesellschaft zu übernehmen.
Ein weiterer Schwerpunkt war die Debatte um Wehrdienst und gesellschaftliche Verantwortung. Oberstleutnant Obst verwies darauf, dass die Bundeswehr in den vergangenen Jahren stark auf Freiwilligkeit gesetzt habe. Angesichts der aktuellen Bedrohungslage muss jedoch offen diskutiert werden, ob dies langfristig ausreiche. Als mögliche Option wurde ein Gesellschaftsjahr genannt. Voraussetzung sei allerdings ein entsprechender politischer Wille und Mehrheiten.
Auch die internationale Dimension hybrider Bedrohungen wurde thematisiert. Nach Einschätzung der Diskutanten stammen die meisten Manipulationskampagnen in Deutschland aus Russland. Daneben sei auch China aktiv, wenn auch mit einem größeren Schwerpunkt auf Wirtschaftspolitik. Besonders Russland nutze Desinformation systematisch als Instrument der Außen- und Sicherheitspolitik.
Große Aufmerksamkeit erhielt zudem die Stationierung der deutschen Brigade in Litauen. Der Botschafter betonte, dass die Präsenz deutscher Soldaten das Sicherheitsgefühl im Land stärke und die Beziehungen zwischen beiden Staaten vertiefe. Litauen investiere bereits seit Jahren erhebliche Mittel in seine Verteidigung. Die deutsche Brigade sei deshalb ein wichtiges Zeichen der Solidarität innerhalb der NATO.
Zum Abschluss wurden die Podiumsgäste gefragt, welche konkrete Maßnahme die Resilienz demokratischer Gesellschaften stärken könnte. Der Botschafter sprach sich für konsequentere Sanktionen gegen Russland aus. Oberstleutnant Obst betonte die Notwendigkeit, europäische Geschlossenheit zu bewahren und Abschreckung glaubwürdig zu gestalten. Tim Beyer plädierte für Klarnamenpflicht auf sozialen Medien und bessere Aufklärung.
Die Diskussion machte deutlich, dass hybride Bedrohungen eine langfristige Herausforderung für demokratische Gesellschaften darstellen. Gleichzeitig wurde hervorgehoben, dass Resilienz nicht allein eine staatliche Aufgabe ist. Sie entsteht durch informierte Bürger, gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Bereitschaft, Verantwortung für Demokratie und Freiheit zu übernehmen.
Provided by
Politisches Bildungsforum ThüringenAbout this series
The Konrad-Adenauer-Stiftung, its educational institutions, centres and foreign offices, offer several thousand events on various subjects each year. We provide up to date and exclusive reports on selected conferences, events and symposia at www.kas.de. In addition to a summary of the contents, you can also find additional material such as pictures, speeches, videos or audio clips.