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Die Geschichte der modernen ukrainischen Staatlichkeit.

by Prof. Dr. Andrii Portnov

Eine Übersicht.

Die ukrainische Nationalbewegung im 19. Jahrhundert entwickelte sich zunächst zwischen zwei Imperien: dem Russländischen und dem Österreichischen Kaiserreich. Nachdem mehrere ukrainische Nationalprojekte zu Beginn des 20. Jahrhunderts scheiterten, vereinte erst Stalin die ukrainischen Gebiete. Der so entstandene Nationalstaat bestand allerdings eher der Form halber und existierte in völliger Abhängigkeit von dem Machtanspruch der Sowjetunion. Seit 1991 kam es in der Ukraine zu zwei Massenprotesten, die sich auf Europa als Garant für Freiheit und Demokratie bezogen. Erst die Aggression Putins könnte der Ukraine jedoch eine echte Perspektive zum Beitritt in die Europäische Union eröffnen.

Die moderne Ukraine, wie auch jedes andere nationale Projekt im 19. und 20. Jahrhundert, bezog sich symbolisch auf die mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Staatsgebilde. Im ukrainischen Fall waren dies in erster Linie die alte (oder Kiewer) Rus’ des 10. bis 12. Jahrhunderts und das Kosakenprojekt innerhalb der polnisch-litauischen Adelsrepublik (16. bis 18. Jahrhundert). Nach den Teilungen Polens im späten 18. Jahrhundert wurden die Gebiete der künftigen Ukraine zwischen zwei Imperien aufgeteilt – dem Russländischen und dem Österreichischen bzw. Österreichisch-Ungarischen. Genau in dieser Konstellation wurde die Vision der modernen Ukraine geboren.

 

Das ethnographische Prinzip als anti-imperialistische Entscheidung

Das ukrainische Nationalprojekt im 19. Jahrhundert formulierte einen Anspruch auf kulturelle Autonomie für alle Gebiete mit überwiegend ukrainischsprachiger Bevölkerung. Ein solcher Ansatz ermöglichte es einem auf den ersten Blick eher harmlosen kulturellen Projekt, die imperialen Grenzen zu überwinden und kulturelle Aktivisten sowohl im Russländischen als auch im Österreichischen Kaiserreich zu vereinen. Bei dem, was lokale Intellektuelle als „nationales Erwachen“ zu bezeichnen pflegten, spielte die Literatur eine besondere Rolle. Taras Schewtschenko, Iwan Franko und Lesja Ukrainka wurden zu den wichtigsten Persönlichkeiten der nationalen Bewegung. Die Menschen, an die sie sich wandten und die verschiedene Dialekte der ukrainischen Sprache sprachen, waren überwiegend Bauern und Bäuerinnen. Das moderne ukrainische Projekt hatte also eine starke soziale (und sozialistische) Komponente und verband Slogans der nationalen und sozialen Emanzipation. Mit diesem emanzipatorischen Akzent unterschied sich die ukrainische Bewegung sowohl von den polnischen als auch von den russischen Nationalprojekten. Das erste stützte sich stark auf den Begriff der „zivilisatorischen Mission“ und die „historischen Grenzen“ der Adelsrepublik, das zweite war mit der imperialen Politik Russlands verbunden und strebte danach, das Konzept des „dreigliedrigen russischen Volkes“ zu fördern, das angeblich alle Ostslawen – Großrussen, Belarussen und Ukrainer – vereinte.

Allein die Tatsache, dass sich die ukrainische Bewegung mit ihrem Anspruch auf „ethnografische Grenzen“ in zwei konkurrierenden Reichen entwickelte, machte sie widerstandsfähig gegenüber der imperialen Politik. So war beispielsweise die 1596 gegründete griechisch-katholische (Unierte) Kirche im Russländischen Reich verboten, während sie in Österreich weiter existierte. Ukrainische Bücher, die von der zarischen Zensur nicht zugelassen waren, wurden im österreichischen Lemberg veröffentlicht. Diese Möglichkeit, mit der kaiserlichen Konkurrenz zu spielen, machte die Geschichte der ukrainischen Bewegung anders als die von Belarus, das vollständig innerhalb des Romanow-Reiches lag.

 

Die Sinfonie der Revolutionen 1917–1921

In den Jahren 1917–1921 wurden mehrere ukrainische Staatsprojekte durchgeführt. Unmittelbar nach der Februarrevolution wurde in Kiew die Zentralrada gegründet, die sozialistische und föderalistische Ideale verkündete, darunter die „national-persönliche Autonomie“ für Russen, Polen, Juden und andere nationale Minderheiten. Die volle Unabhängigkeit der Ukrainischen Volksrepublik (UNR) wurde erst am 9. Januar 1918 als Reaktion auf die Militäroffensive der bolschewistischen Armee auf Kiew erklärt. Auf der Suche nach internationaler Unterstützung wandte sich die UNR sowohl an Deutschland als auch an Polen. Infolgedessen kam im April 1918 mit Unterstützung der deutschen Armee General Pawlo Skoropadskyj in Kiew an die Macht. Sein Regime war, anders als das der UNR, eher konservativ als sozialistisch, er hob die Landreform auf und stellte die vorrevolutionären Eigentumsrechte wieder her. Skoropadskyj bezeichnete sich selbst als Hetman – eine eindeutige historische Anspielung auf den Titel des Oberhaupts der Kosaken im 16. und 18. Jahrhundert (das Wort „Hetman“ selbst stammt von Hauptmann). Die Stabilität der Macht des Hetmans hing direkt von den österreichisch-ungarischen und deutschen Truppen ab, und der Zustand der letzteren von der Situation in Deutschland. Alle Versuche Skoropadskyjs, eine eigene Armee aufzubauen, scheiterten, und sein Regime brach wenige Tage nach den revolutionären Ereignissen in Deutschland im November 1918 zusammen. Gleichzeitig begannen die Bolschewiki eine neue Offensive in der Ukraine.

Während die ehemaligen Gebiete des Russländischen Reiches zum Schauplatz eines Bürgerkriegs wurden, wurde am 19. Oktober 1918 in allen ehemaligen österreichischen Gebieten mit überwiegend ukrainischer Bevölkerung die Westukrainische Volksrepublik (ZUNR) ausgerufen. Die Logik der ZUNR-Politik beruhte auf demselben ethnografischen Argument wie oben beschrieben. Dennoch verlor die ZUNR-Armee den Krieg gegen die polnischen Streitkräfte und proklamierte am 22. Januar 1919 in Kiew eine symbolische Vereinigung mit der Ukrainischen Volksrepublik.

Am Ende wurden die ukrainischen Staatsprojekte von 1917–1921 sowohl im Osten als auch im Westen des Landes niedergeschlagen. Ostgalizien mit seiner wichtigsten Stadt Lemberg wurde Teil des Zwischenkriegspolens. Die meisten ukrainischen Gebiete wurden in die Sowjetunion integriert. Nachdem er die ukrainischen politischen Gegner auf dem Schlachtfeld besiegt hatte, erkannte Lenin die Stärke und das Potenzial der ukrainischen Nationalbewegung an. Aus taktischen Gründen bestand er darauf, den neuen Sowjetstaat als eine Föderation formal gleichberechtigter Republiken zu konzipieren, und eine davon war die Ukraine.

 

Das Phänomen der Sowjetukraine

Mit der Gründung der Sowjetukraine als einem der Gründungsmitglieder der Sowjetunion erkannte Lenin die Kraft der ukrainischen Nationalbewegung an. Natürlich war die Sowjetukraine stark von der Politik Moskaus abhängig, Sie verfügte allerdings über viele, zumindest formale, Elemente einer eigenen Staatlichkeit. Dennoch war gerade die Ukraine besonders von der Stalin’schen Politik der Hungersnot (auch bekannt als Holodomor 1932–33) betroffen sowie von schweren Repressionen gegen die ukrainische Kultur .

Die bittere historische Ironie besteht darin, dass es Stalin war, der die „Wiedervereinigung der ukrainischen Gebiete“ herbeiführte und den jahrhundertealten Traum von der „Einheit der ukrainischen ethnografischen Territorien“ in die politische Realität umsetzte. Diese Vereinigung fand während des Zweiten Weltkriegs statt, zunächst 1939 und schließlich 1944–45. Die Nachkriegs-Sowjetukraine war der erste Staat in der Geschichte des Landes, der Lemberg und Donezk, Ternopil und Odessa in ein und denselben Grenzen umfasste.

Die Sowjetunion führte einen erbarmungslosen Kampf gegen den antisowjetischen nationalistischen Untergrund und verbot die Unierte Kirche, die zwar in Ritus und Lehre orthodox war, aber die Oberhoheit des Papstes anerkannte. Die sowjetische Führung neigte dazu, die ukrainische Sprache zu russifizieren und zahlreiche kulturelle Persönlichkeiten aus ihrem Kanon zu streichen. Dennoch hatte der sowjetische Staat die Idee der staatlich geförderten Institutionalisierung der „Nationalität“ als obligatorische rechtliche Kategorie, die auf der ethnischen Abstammung einer Person und nicht auf dem Wohnsitz beruht, nie aufgegeben. Darüber hinaus blieb die UdSSR von Anfang an und bis zu ihrem Ende, wie der amerikanische Soziologe Rogers Brubaker es ausdrückte, „eine formale ethnoterritoriale Föderation von Republiken, die als Gemeinwesen von und für bestimmte Nationen definiert wurden“.

Die ukrainische Sowjetstaatlichkeit war eher eine Form ohne Inhalt, eine Sache der Show (in dieser Rolle wurde die Ukrainische SSR zusammen mit der Belarussischen SSR und der Sowjetunion zu einem der Gründungsstaaten der UNO). Der sowjetukrainische Kanon in der Geschichtsschreibung war ein Minenfeld, in dem die geringste Abweichung von den ungeschriebenen Regeln des sowjetukrainischen Patriotismus den Autor zu einem „ukrainischen Nationalisten“ machen konnte. So erging es einmal sogar dem Ersten Sekretär der Kommunistischen Partei der Ukraine, Petro Schelest, der des „Nationalismus“ beschuldigt wurde, weil er 1970 ein Buch „Unsere Sowjetukraine“ veröffentlicht hatte, in dem der „segensreiche Einfluss der russischen Kultur“ auf die historische Entwicklung der Ukraine nicht genug erwähnt wurde.

 

Die postsowjetische Ukraine als Labor für Vielfalt und Pluralismus

Die Sowjetunion hörte Ende 1991 auf zu existieren. Bei ihrer Auflösung spielten die Ukraine und ihre Parteieliten eine wichtige, wenn auch nicht entscheidende Rolle. Es gab starke Bergarbeiterstreiks, sichtbare nationale Manifestationen, aber dennoch war die Entstehung des ukrainischen Staates 1991 nur durch einen Kompromiss zwischen den Nationaldemokraten und einem bedeutenden Teil der Nomenklatura der Kommunistischen Partei möglich. Mit anderen Worten: Der neue Staat ist nicht aus einer Revolution hervorgegangen, sondern wurde auf den Fundamenten der alten sowjetischen Institutionen errichtet. Dies führte zu schwerwiegenden wirtschaftlichen und politischen Problemen, doch im Vergleich zu den Nachbarländern Belarus und Russland entwickelte die Ukraine ein besonderes Modell des postsowjetischen Pluralismus und der politischen Wettbewerbsfähigkeit. Seit 1991 hat die Ukraine sechs Präsidenten gewählt, von denen es nur Leonid Kutschma gelang, zweimal gewählt zu werden. Darüber hinaus führten die Fälschung der Volksabstimmung und geopolitische Entscheidungen, die ohne eine angemessene öffentliche Diskussion getroffen wurden, zu zwei Massenprotesten in der Ukraine, zwei Maidans – der Orangenen Revolution von 2004 und dem Euromaidan von 2013–2014.

Unmittelbar vor der Orangenen Revolution, im Mai 2004, wurde die Ostgrenze der EU weiter nach Osten verschoben. War der erste ukrainische Maidan ein verspäteter Nachholbedarf gegenüber den mitteleuropäischen Revolutionen von 1989? Jedenfalls weigerte sich die EU im Jahr 2004, der Ukraine eine Integrationsperspektive zu versprechen, nicht einmal symbolisch. Dies hat die ukrainischen Eliten ernsthaft davon abgehalten, tiefgreifende Reformen einzuleiten, und ihre Fähigkeit, sich die geopolitische Zukunft des Landes vorzustellen, beeinträchtigt.

Der nächste ukrainische Maidan begann im November 2013 als Reaktion auf Präsident Janukowitschs Entscheidung, das Assoziierungsabkommen mit der EU nicht zu unterzeichnen. In einer tragischen Ironie der Geschichte wandte sich der Maidan an eine Europäische Union, die nicht mehr existierte. Diese Diskrepanz zwischen Erwartung und Wirklichkeit spiegelte sich in der Tatsache wider, dass auf dem Maidan Menschen starben, die EU-Fahnen als Symbole der Freiheit schwenkten, während für eine wachsende Zahl von EU-Bürgern dieselbe Flagge das Symbol einer ineffizienten Bürokratie war.

Beide Maidans bezogen sich stark auf Europa als Symbol und Garant für liberale Werte. Keiner von beiden eröffnete der Ukraine jedoch eine klare Perspektive für den EU-Beitritt, wie sie den ehemaligen sozialistischen Ländern geboten wurde, die so viel zur Modernisierung ihrer Infrastruktur und Gesellschaften beigetragen haben. Die europäische Perspektive für die Ukraine wurde erst im Zuge von Putins umfassender Aggression anerkannt, die am 24. Februar 2022 begann. Eine weitere Anerkennung, die uns hoffentlich noch bevorsteht, ist die Anerkennung der ukrainischen Vielfalt (sprachlich, religiös, wirtschaftlich) als entscheidender Faktor für den innenpolitischen Pluralismus und die Widerstandsfähigkeit der politischen Nation.

 

Andrii Portnov ist Professor für Entangled History of Ukraine an der Europa-Universität Viadrina (Frankfurt/Oder), Direktor von PRISMA UKRAЇNA Research Network Eastern Europe und Mitglied des Ukrainischen PEN-Clubs