Irish Defence Forces/wikimedia

kurzum

10 Erkenntnisse aus dem Flüchtlingsbericht des UNHCR

von Olaf Wientzek, Christian Bilfinger
Ende Juni legte das UNHCR seinen neuen Bericht zu globalen Flüchtlingstrends 2018 vor. Die folgende Analyse fasst einige zentrale Aussagen kurz zusammen.
1. Zahl der Flüchtlinge global gestiegen:
Insgesamt waren Ende 2018 70,8 Mio. Menschen auf der Flucht, damit etwas über 0,9 % der Weltbevölkerung. Davon waren 58,3 % Binnenvertriebene. 20,8 Mio. sind Flüchtlinge unter dem UNHCR-Mandat – diese Zahl hat sich seit 2012 fast verdoppelt. Die Hälfte der Flüchtlinge ist unter 18 Jahre alt. Insgesamt ist die Zahl der Flüchtlinge im Vergleich zum Vorjahr sowohl in absoluten wie auch in relativen Zahlen leicht gestiegen.


2. Neueste Entwicklungen – Anstieg in Äthiopien und Venezuela:
Aufgrund von Konflikten oder Verfolgung waren 2018 insgesamt 13,6 Mio. neue Flüchtlinge zu verzeichnen, davon ca. 80 % Binnenvertriebene. Bemerkenswert sind der Anstieg von Binnenvertriebenen in Äthiopien aufgrund von internen Konflikten, nun 2,6 Mio., und die Zahl der Asylgesuche von Migranten und Flüchtlingen aus Venezuela. Die Zahl der Binnenvertriebenen bleibt in der Ukraine trotz eines Rückgangs um 0,3 Mio. mit 1,5 Mio. weiterhin hoch.


3. Die meisten Flüchtlinge bleiben in ihrer Region:
Knapp 80 % der Flüchtlinge finden in einem an ihrem Herkunftsland grenzenden Land Zuflucht. Nimmt man noch die Binnenvertriebe hinzu, verlässt nur ein Bruchteil, rund 4 %, seine Heimatregion. Flüchtlinge aus neun der Top 10 Herkunftsländer bleiben überwiegend in den sie umgebenden Ländern (Ausnahme: Flüchtlinge aus Eritrea). Bemerkenswert: Bei den Top 10 der Aufnahmeländer ist Deutschland das einzige, das nicht unmittelbar an eine Krisenregion grenzt.


4. Die Entwicklung verläuft regional unterschiedlich:
So nahm im letzten Jahr die Zahl der UNHCR-Flüchtlinge in einigen Weltregionen wie in Zentralafrika/Große Seen leicht ab, während sie vor allem in Westafrika und in moderatem Maße auch in Europa und der Türkei zunahm.


5. Die primären Herkunftsländer – Afghanistan stets in den Top 10:
Rund 2/3 aller Flüchtlinge kamen aus nur fünf Ländern: Syrien, Afghanistan, Südsudan, Myanmar und Somalia. Afghanistan ist dabei das einzige Land, welches seit 1980 immer unter den Top 10 Herkunftsländern von Flüchtlingen liegt. Einige Länder wie der Sudan sind sowohl Herkunfts- als auch Aufnahmeländer von Flüchtlingen (jeweils Top 10).


6. Die primären Aufnahmeländer – Türkei erneut auf Platz 1:
Die Türkei bleibt in absoluten Zahlen zum inzwischen fünften Mal in Folge klar das am stärksten betroffene Land mit rund 3,7 Mio. Flüchtlingen (v.a. aus Syrien). Damit sind rund 17 % aller UNHCR-Flüchtlinge in der Türkei, während die gesamte EU insgesamt ca. 14 % beherbergt.


7. Die EU ist signifikant, aber auf globaler Ebene nicht überdurchschnittlich betroffen:
Insgesamt befinden in der EU rund 2,5 Mio. Flüchtlinge. Das entspricht 0,5 % der EU-Bevölkerung. Gemessen an der globalen Quote ist das ein unterdurchschnittlicher Wert. Die Länder der EU sind sowohl in relativen wie in absoluten Zahlen sehr unterschiedlich stark betroffen.


8. Ist Deutschland das größte Aufnahmeland in der EU? – Ja und Nein:
Mit etwas über einer Million Flüchtlinge ist Deutschland global auf dem 5. Platz. Damit ist es das EU-Land mit der mit Abstand höchsten absoluten Zahl von aufgenommenen Flüchtlingen. Anders ist das Bild, wenn die Zahl der Flüchtlinge pro-Einwohner gerechnet wird. Dann sind Schweden, Malta und Österreich stärker betroffen, Deutschland liegt auf Augenhöhe mit Zypern auf Platz 4.


9. Die Lasten sind ungleich verteilt:
Staaten und Weltregionen sind sehr unterschiedlich betroffen. Insgesamt zehn Länder nehmen 63 % aller Flüchtlinge weltweit auf (Binnenvertriebene ausgenommen). Besonders betroffen sind zudem die am wenigsten entwickelten Länder: Dort befinden sich 33 % aller Flüchtlinge, obwohl diese Länder nur 13 % der Weltbevölkerung ausmachen. Zudem befinden sich fünf der zehn Länder mit der höchsten Flüchtlingsquote pro Kopf in Subsahara-Afrika.


10. Solidarität ist ausbaufähig:
Das Engagement beim Resettlement und humanitärer Aufnahme von anerkannten Flüchtlingen (29 Staaten boten rund 81.000 Plätze) liegt weit unterhalb des Bedarfs (1,4 Mio.). Der Finanzbedarf des UNHCR ist nur zu 57 % gedeckt. 86 % der zugesagten Gelder kommen von nationalen Regierungen und der EU, de facto ist die finanzielle Last nur auf wenige Schultern verteilt. So werden 87,7 % durch die zehn größten Beitragszahler geschultert. Auch unter der Trump-Administration bleiben die USA mit großem Abstand vor der EU (2.) und Deutschland (3.) größter Zuwendungsgeber: die finanzielle Unterstützung der USA ist in etwa so hoch wie die der folgenden neun staatlichen Geber zusammen (inkl. EU). Rechnet man die Ausgaben pro Kopf sind Norwegen, Schweden. Dänemark, Luxemburg und der Heilige Stuhl am stärksten engagiert. Bemerkenswert: Deutschland ist das einzige Land, welches sowohl eines der stärksten zehn Aufnahmeländer als auch einer der größten zehn Beitragszahler ist.

Teilen

Ansprechpartner

Olaf Wientzek

Olaf Wientzek bild

Leiter des Multilateralen Dialogs Genf

olaf.wientzek@kas.de +41 22 748 70 70
Ansprechpartner

Christian Bilfinger

Christian Bilfinger bild

Referent Flüchtlings- und Migrationspolitik

christian.bilfinger@kas.de +49 30-26996-3825