Veranstaltungsberichte

„Gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus in Europa – Wege zu verantwortlichem Handeln“

Aus Anlass des Besuchs der Delegationen der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und der Gesellschaft Schweiz-Israel fand am Dienstag, dem 18. November 2008, gemeinsam mit Mishkenot Sha’ananim eine Paneldiskussion zum Thema „Gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus in Europa – Wege zu verantwortlichem Handeln“ im Konrad-Adenauer-Konferenzzentrum in Jerusalem statt.

Als inhaltliche Fortsetzung der Veranstaltungen zum Novemberpogrom von 1938 stellte sich die Podiumsdiskussion zum Ziel, die Erinnerung an die Verbrechen der Vergangenheit wach zu halten, um Konsequenzen und Lehren aus der Geschichte zu ziehen. Bei Antisemitismus, Rechtsextremismus und Rassismus dürfe nicht weggeschaut oder geschwiegen werden, lautete die zentrale Botschaft während der Begrüßung der zahlreichen Teilnehmer durch Dr. Lars Hänsel.

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Über 300 Gäste versammelten sich im Konrad-Adenauer-Konferenzzentrum in Jerusalem

Um den über 300 Gästen, die auf Einladung der Konrad-Adenauer-Stiftung zu der Veranstaltung gekommen waren, gerecht zu werden, musste die Paneldiskussion zusätzlich in den Vorraum des Auditoriums des Konferenzzentrums übertragen werden. Unter den Teilnehmern befanden sich unter anderem zahlreiche Jugendliche, die als Freiwillige der Aktion Sühnezeichen-Friedensdienste e.V. ein Jahr in Israel verbringen werden sowie Politiker und Journalisten.

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Die Diskussionsrunde wurde von David Witzthum moderiert. Die Panelteilnehmer (v.r.n.l): Dr. h.c. Johannes Gerster, Frau Vreni Müller-Hemmi, Ari Rath, Dr. Noa Mkayton und Alexandra Blöcker

David Witzthum, Journalist für das israelische Fernsehen, machte bereits zu Beginn darauf aufmerksam, dass vor allem in Europa neue Formen des Antisemitismus und Rechtsextremismus zu beobachten sind, die nicht so offensichtlich auftreten. Auch die Medienlandschaft bliebe davon nicht verschont. „Was nicht geschrieben wurde, ist manchmal wichtiger als das, was in den Zeitungen steht“, warnte Witzthum.

Dr. h.c. Johannes Gerster, Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und ehemaliger Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung Jerusalem, bestätigte diese grundsätzliche Sorge, betonte aber, dass das demokratische System in Deutschland stark genug sei, um Probleme dieser Art zu überwinden. In der Bundesrepublik sei die Gedächtniskultur gut ausgeprägt. Unter anderem fanden am 9. November zahlreiche Gedenkfeiern zur Erinnerung an das Novemberpogrom statt. Jedoch, so mahnte Gerster an, werde das Gedenken an die Verbrechen der Zeit des Nationalsozialismus nicht zu einer heutigen Verantwortung gegenüber Juden und dem Staat Israel weitergeführt. Der deutschen Gesellschaft fehle das Bewusstsein, dass sich Israel und die jüdische Bevölkerung auch heute noch in existentieller Gefahr befinden. Es werde viel zu leicht mit der Bedrohung durch das iranische Nuklearprogramm umgegangen. Daher forderte Dr. Gerster, dass geplante Boykottmaßnahmen der deutschen Regierung gegenüber dem Iran auch durchgesetzt werden. Schließlich sei es die moralische Grundlage Deutschlands, dem Staat Israel beizustehen, zitierte er Konrad Adenauer.

Im Kampf gegen Antisemitismus und Rechtsextremismus müsse jedoch besonders die Zivilgesellschaft tätig werden, so die Zentralpräsidentin der Gesellschaft Schweiz-Israel, Vreni Müller-Hemmi. Durch eine aktive Mitarbeit in Stiftungen, Vereinen und Organisationen, die Aufklärungs- und Bildungsarbeit leisten, könne die Gesellschaft für die immer noch vorhandene Gefahr rechtsextremer, antisemitischer Entwicklungen sensibilisiert werden. In der Schweiz haben laut einer Studie 20 Prozent der Bevölkerung eine latent antisemitische Haltung, berichtete Müller-Hemmi. Mit großer Besorgnis stellte sie ebenfalls fest, dass es eine verstärkte Vermischung von antisemitischen und antiisraelischen Ressentiments gäbe, die unter anderem einer undifferenzierten Darstellung der Situation im Nahen Osten geschuldet sind. Antiisraelismus sei ein zuweilen größeres Problem als Antisemitismus, sagte sie.

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Interessiertes Publikum im Konrad-Adenauer-Konferenzzentrum

Dass man nur durch eine Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit der Geschichte den Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus gewinnen könne, davon ist der ehemalige Chefredakteur der Jerusalem Post, Ari Rath, überzeugt. Deswegen sei es auch umso wichtiger, dass Österreich sich ehrlich mit seinem historischen Erbe auseinandersetze und aus der Opferrolle des Nationalsozialismus heraustrete. Besonders im Rückblick auf die Nationalratswahl 2008, bei der die rechtspopulistischen Parteien BZÖ und FPÖ insgesamt 28 Prozent der Stimmen erhielten und sogar 43 Prozent der 16jährigen Erstwähler für Jörg Haider und Heinz-Christian Strache stimmten, sei eine Bildungsinitiative wichtig.

Auch Dr. Noa Mkayton von der Internationalen Schule für Holocaust Studien und Leiterin der Abteilung für die deutschsprachigen Länder in der Gedenkstätte Yad Vashem setzt im Umgang mit Antisemitismus auf Schulbildung. Jedoch müsse das gelehrte Faktenwissen mit empathischer Erfahrung verbunden werden, damit sich die Schüler mit den Opfern, Tätern und Beteiligten auseinandersetzen können. Auf diese Weise werde die Geschichte des Holocaust als „Kette menschlicher Entscheidungen“ gesehen, die komplex miteinander verbunden sind. So erhalten junge Generationen ein Bewusstsein dafür, wie einfach es ist, als Einzelner Einfluss auf Ereignisse und Situationen zu nehmen und sie gegebenenfalls zu ändern, ob positiv oder negativ.

Um die Gesellschaft positiv zu beeinflussen und die Erinnerung wach zu halten, arbeitet Alexandra Blöcker als Freiwillige der Aktion Sühnezeichen-Friedensdienste in der Gedenkstätte Yad Vashem und setzt sich dort täglich mit dem historischen Erbe ihrer Generation auseinander. Jeden Tag wird sie mit den Ereignissen der Shoah konfrontiert, in der Archivarbeit in Yad Vashem und im täglichen Kontakt mit Holocaustüberlebenden. Aus dieser Arbeit erhält sie ihre Motivation sich gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus zu engagieren.

Die Veranstaltung wurde nicht nur durch die große Teilnehmerzahl zum Erfolg, sondern vor allem durch die große Beteiligung der Gäste an der Diskussion mit den Podiumsrednern. Zeitzeugen der Shoah berichteten von ihren Erfahrungen und Ängsten, damals und heute; aber auch davon, wie sie deutsche Schulen besuchten, um dort gemeinsam mit den Schülern die Vergangenheit zu beleuchten und zu diskutieren. Nicht zu schweigen und wegzuschauen, sondern aktiv zu werden, sind die wichtigsten Instrumente im Kampf gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus. Denn, wie Ari Rath es ausdrückte, ist „die Gefahr noch nicht gebannt, wir müssen wachsam sein“.

Hanna Stompe

Über diese Reihe

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