Veranstaltungsberichte

„Rommel ist und bleibt ein Mythos“

von Caroline Lasserre
Umstrittene Erinnerung: Erwin Rommel und der militärische Widerstand gegen Hitler
„Die einen würden ihn als ritterlichen Offizier und mutigen Widerstandskämpfer bezeichnen, während seine Kritiker in ihm die Versinnbildlichung des NS-Terrors sehen“, so leitete Dr. Peter Lieb, Lehrbeauftragter an der Royal Military Academy Sandhurst, seinen einstündigen Vortrag über einen der umstrittensten Generäle der Wehrmacht ein. Insgesamt folgten knapp 150 Zuhörer dem KAS-Mittagsgespräch im Leineschloss in Hannover.

„Erwin Rommel war nicht nur einer der bekanntesten, sondern auch einer der populärsten Generäle der Wehrmacht“, fuhr Dr. Lieb fort. Grund für seinen raschen Aufstieg sei insbesondere seine persönliche Nähe zu Hitler gewesen, der ihn besonders förderte und mit Hilfe seines Propagandaministers Goebbels zu einem Medienidol stilisierte und instrumentalisierte. Dabei habe sich Rommel keineswegs immer wie ein geradliniger, folgsamer Soldat verhalten, sondern habe des Öfteren Befehle ignoriert. „Rommel agierte stets wie ein instinktiver, mutiger Kriegsmann“, beschrieb der Historiker Rommels Verhalten.

Im Hinblick auf das Vortragsthema – mögliche oder tatsächliche Beteiligung Rommels am 20. Juli – thematisierte dies erstmals nach dem 2. Weltkrieg dessen damaliger Generalstabschef Hans Speidel in seinen Memoiren. Danach war Rommel aktiv am Widerstand gegen Hitler und dem Attentat beteiligt. Erst 1977 stellte der britische Historiker David Irving dies in Frage und kam zu einem gegenteiligen Ergebnis: Rommel habe nichts von dem Attentat gewusst und auch keinen Widerstand geleistet. „Zwar ist Irving als Holocaust-Leugner sehr kritisch zu betrachten, doch hat er zu Recht an dem heroisierenden Bild Rommels gekratzt“, so Dr. Lieb. In der Nachkriegszeit sei der frühere Liebling Hitlers als Beweis für moralischen Anstand und heldenhaften Widerstand verklärt worden, ohne die Aussagen Speidels zu hinterfragen. Bis heute könne die tatsächliche Beteiligung Rommels am Hitler-Attentat Rommels nicht wirklich zweifelsfrei geklärt, da viele zentrale Quellen – wie die Gestapoprotokolle der Verhöre – verschollen seien.

Fest stünde, so Dr. Lieb, dass Rommel mit vielen Teilen der NS-Ideologie sympathisierte. Goebbels bezeichnete ihn in einem seiner Tagebucheinträge als Nationalsozialisten „durch und durch“. Besonders für die Ideologie des Führerkults und der Verherrlichung der Volksgemeinschaft sei der General sehr empfänglich gewesen. Antisemitische Äußerungen seinerseits seien jedoch nicht dokumentiert.

Die Frage, ob Rommel von dem Genozid an den Juden wusste, sei nicht zweifelfrei geklärt. „Örtlich war er von den Massenverbrechen getrennt, jedoch erscheint es ziemlich unwahrscheinlich, dass er in seiner Position nichts von den Vorgängen gewusst hat“, schätzte Dr. Lieb Rommels mögliches Mitwissen ein. Gegenüber Friedrich Ruge, dem späteren Inspekteur der Bundesmarine , soll der Feldmarschall „die Abschlachtung der Juden“ als „schwere Schuld“ bezeichnet haben.

Ab Ende 1943 ließe sich ein langsamer Wandel in Rommels Lagebeurteilungen feststellen. Mit der dramatischen Verschlechterung der militärischen Lage ab Ende 1943 und vor allem die gelungene Landung der Alliierten in Normandie im Juni 1944 bestärkten ihn in der Meinung, dass der Krieg verloren sei. Mehrfach wies er Hitler darauf hin, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen sei. Zuvor hatte er sich mit dem Aufruf „Der Friede“ von Ernst Jünger auseinandergesetzt, der als Appell an die Jugend Europas nach einem Sturz Hitlers gedacht war. Auch habe er Kontakt mit Karl Strölin, Carl-Heinrich von Stülpnagel und Eberhard Finckh gehabt, die ihn für die Widerstandsidee zu gewinnen suchten. Rommel habe sich aber zunächst geweigert zu kooperieren. Als Schlüsselereignis wertete Dr. Lieb ein Treffen mit Cäsar von Hofacker, Stabsoffizier des Militärbefehlshabers Frankeich, am 9. Juli 1944. Dieser zeigte sich danach überzeugt davon, Rommel in diesem Gespräch endgültig für die Verschwörung gewonnen zu haben.

Für eine Zusammenarbeit mit Mitgliedern der Widerstandbewegung sprechen auch einige Auszüge der Gespräche des Generalleutnants Eberbach mit seinen Kameraden, die der britische Geheimdienst im Kriegsgefangenenlager Trent Park im September 1944 mitgeschnitten hatte. Ihnen war zu entnehmen, dass Rommel „keine andere Möglichkeit (sah), als den Führer und seine Sippschaft möglichst schnell umzubringen“. Als weiteres Indiz präsentierte Dr. Lieb eine Aktennotiz von Martin Bormann, der vermerkte „Feldmarschall Rommel sei durchaus im Bilde gewesen; Rommel habe erklärt, dass er der neuen Regierung nach gelungenem Attentat zur Verfügung stehen würde“. Auch Goebbels bezeichnete ihn in einem Tagebucheintrag im Juli 1944 als „schwerste menschliche Enttäuschung“.

Die Historiker seien sich sicher, dass Rommel am Hitler-Attentat nicht beteiligt gewesen sei, weder in der Vorbereitung noch in der konkreten Ausführung. Am Tage des Attentats erholte er sich von den schweren Verwundungen, die er bei einem Luftangriff auf seinen Wagen vier Tage zuvor erlitten hatte. Es gebe aber wichtige Indizien, dass Rommel von den Attentatsplänen Kenntnis hatte und damit dem militärischen Widerstand näher gestanden habe, als vielfach behauptet.

„Es bleibt zudem bis heute unklar, welche Rolle ihm die Attentäter für die Zeit nach Hitler zudachten“, resümierte Dr. Lieb. Er sei keinesfalls im engsten Kreis der Verschwörer zu verorten, aber doch mehr als nur ein Sympathisant der Verschwörer gewesen, folgerte der Historiker weiter. Angesichts der aktuell verfügbaren Quellen käme er zu dem Schluss, dass Rommel tatsächlich von dem Attentat wusste, es billigte und sogar unterstützte. Auch sei kein Fall eines Wehrmachtsoffiziers bekannt, der für den 20. Juli „ohne Grund“ hingerichtet worden sei. Auch schien es Dr. Lieb nicht plausibel, dass Hitler einen seiner größten Medien-Ikone als Alternative zum Selbstmord mit einem Verfahren vor dem Volksgerichtshof drohte, ohne über eindeutige Beweise zu verfügen.

In der nachfolgenden Diskussion interessierte sich das Publikum vor allem, dafür wie man Rommel als Menschen zu bewerten habe. „Rommel lässt sich nicht in einfache Schubladen stecken“, beantworte Dr. Lieb die Frage eines Zuhörers. Er sei ein Teil eines verbrecherischen Systems gewesen und nach heutigen Moralstandards problematisch einzuschätzen. Es sei zudem auch nicht geklärt, ob Rommel nur angesichts der drohenden militärischen Niederlage überlegte, die Seiten zu wechseln. Gegen eine Instrumentalisierung als Medienikone habe er sich jedenfalls nie gewehrt. Es müsse also jeder für sich selbst bewerten, ob sich Rommel als Vorbild eigne oder eher nicht.

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Goebbels‘ Tagebucheintrag vom 4. Oktober 1942
Rommel zu Eberbach im Juli 1944
Aktennotiz Martin Bormann vom 28. September 1944

Über diese Reihe

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