Veranstaltungsberichte

Macht, politische Kultur und Zukunft der Demokratie

von Ulrike Hospes

Symposium in memoriam Gerd Langguth

Am 12. Mai 2013 verstarb Gerd Langguth. Ihm zu Ehren veranstaltete die Konrad-Adenauer-Stiftung gemeinsam mit der Universität Bonn am 5. Februar 2015 ein Symposium.

Jürgen Fohrmann, Rektor der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, begrüßte am Donnerstagnachmittag rund 300 Gäste an Langguths alter Wirkungsstätte. Er würdigte den Honorarprofessor Langguth als einen „sehr fleißigen“ Kollegen, als einen „herausragenden Hochschullehrer“, der es blendend verstanden habe, sein weitverzweigtes Netzwerk für die Studierenden zu nutzen und ihnen die praktische Seite der Politik zu vermitteln. Sein vielfältiges Engagement sei getrieben gewesen von „fortgesetzter rastloser Neugier“.

„homo politicus“

In einer sehr persönlichen Ansprache erinnerte Peter Hintze, Vizepräsident des Deutschen Bundestages, an Leben und Werk von Gerd Langguth. Seit 1971 hat er den „homo politicus“ begleitet. Langguth sei ein politisch denkender und politisch handelnder Mensch gewesen, der es verstanden habe, sowohl in der Welt der Politik als auch der Wissenschaft zu Hause zu sein und seine Erkenntnisse in der Öffentlichkeit zu vermitteln. Ihm sei klar gewesen, dass die Ebenen der politischen Ideen und der politischen Protagonisten im Zusammenhang betrachtet werden müssen. Langguth habe sich dabei keineswegs deskriptiv verhalten, sondern mit einem normativen Anspruch gearbeitet. Der Kristallisationspunkt seines Denkens sei die Freiheit gewesen. Sie zu erkämpfen und zu bewahren mit den Mitteln der Politik erfordere Einsatz und ständige Bewegung. Bedrohungen der Freiheit sei er entschieden entgegengetreten. Langguth, der in der Zeit der Studentenrevolte sozialisiert wurde, habe eine tiefe Skepsis gegenüber falschen Heilsbotschaften gehabt. Auch von den Parteien habe er erwartet, dass sie klares Profil zeigen. Als Erbe der politischen Grundüberzeugungen Konrad Adenauers seien die Westbindung, die transatlantische Partnerschaft und die europäische Integration für ihn die unumstößlichen Pfeiler deutscher Politik gewesen.

Analytiker der Macht

Die Analyse der Macht habe Gerd Langguth in vielen Studien und Biografien mit sehr viel Rechercheakribie betrieben. Am Ende gipfelte sie in der Formel: M=Ö x P². Macht (M) = Öffentliche Wirkung (Ö) mal Personalbeeinflussung (P) im Quadrat. Politische Macht ist die Fähigkeit, die öffentliche Meinung zu prägen und Personalentscheidungen zu treffen.

Streitkultur

In zahlreichen Begegnungen erlebte Peter Hintze, wie Gerd Langguth die Lust am Diskurs und am Widerspruch von seinen Gesprächspartnern einforderte. Für Langguth habe es nur Erkenntnisgewinn geben können, wenn die politische Debatte zugelassen werde. So förderte er in seinem eigenen Haus die aussterbende Salonkultur, um als großzügiger Gastgeber und interessierter Impulsgeber Vertreter aus der Politik und Wissenschaft an einen Tisch zu bringen. Die drei großen politischen Themen von Gerd Langguth seien heute noch aktuell: politische Kultur, Parteiendemokratie und Zukunft Europas.

Mit Gerd Langguth, so Peter Hintze abschließend, habe er einen klugen und streitbaren Beobachter und einen guten Freund verloren, doch: „Gerd Langguth lebt in unseren Gedanken fort und wir werden ihn in guter Erinnerung bewahren.“

Panel 1: Biographien der Macht

Eine erste Diskussionsrunde eröffnete Hans-Peter Schwarz (Universität Bonn) mit seinem Impulsreferat zur Frage: Was können wir von dem Biografen der Macht lernen?

  1. Neugierig sein, sich nicht mit Informationen begnügen, die auf dem Markt sind. Ein empirisch arbeitender Politikwissenschaftler sollte vorgehen wie ein guter Kriminalist oder Journalist – skeptisch, jeden Stein umdrehend.
  2. Ein guter Psychologe sein, um das Verhalten der mächtigen Menschen in der Alltagsroutine und in Krisen zu analysieren.
  3. Als ein ideografisch vorgehender Historiker den Weg des Mächtigen durch sein historisches Umfeld erhellen.
  4. Die Kunst des biografischen Vergleichs beherrschen, um
  5. daraus allgemeine Beobachtungen zu folgenden Fragen abzuleiten: Wie wird Macht errungen, behalten, verloren?
Schwarz würdigte Langguths Mut, dessen selbstbewusste und unangepasste Haltung: „Er kam noch aus der rauen Welt der späten sechziger, frühen siebziger Jahre“ und habe sich nicht gescheut, Position zu beziehen, versteckte sich nicht hinter einer „einerseits-andererseits-Diskussion“.

In der anschließenden Podiumsdiskussion tauschten sich Hans-Peter Schwarz, Daniel Sturm und Werner Weidenfeld unter der Moderation von Jacqueline Boysen über eigene Erfahrungen in der biografischen Forschung aus, benannten Schwierigkeiten und Herausforderungen.

Panel 2: Politische Kultur und Zukunft der Demokratie

Der Journalist Thomas Schmid betonte in seinem Impulsreferat zum zweiten Panel des Symposiums drei Aspekte:

  1. Schmid erkannte eine problematische Moralisierung der Politik. Er lehnte den Staat als „moralischen Lehrmeister“ und den immer wieder von der SPD versuchten „leichten Schuss Erziehungsdiktatur“ ab. Politik und Staat hätten lediglich einen Rahmen zu setzen, den die Bürger mit Inhalten füllen sollten. Die Politiker sollten sich nicht gemein machen, ihr Privates nicht in die Öffentlichkeit stülpen, vielmehr eine Grenze zwischen privater Meinung und politischer Aussage ziehen.
  2. Verantwortlich für die „großen Hypes“ in politischen Diskussionen seien auch die Medien, die ihre Rolle selbstkritisch hinterfragen müssten.
  3. Abschließend plädierte Schmid für die Beibehaltung der repräsentativen Demokratie, damit das politische Gebäude funktioniert und stabil bleibt. Er forderte von den Politikern gleichzeitig ein, einen Steg zwischen Bevölkerung, Parteien und Parlament zu bilden.
Wie robust und resilient sind unsere politischen Umgangsformen, ist unser politisches System heute? Die Eingangsfrage der Moderatorin Ursula Weidenfeld wurde in der anschließenden Podiumsdiskussion mit Hubert Kleinert (Hessische Hochschule für Polizei und Verwaltung), Tilman Mayer (Universität Bonn) und Hans-Joachim Veen (Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats bei dem Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik) facettenreich beantwortet. Die Digitalisierung der Gesellschaft sorge für eine Revolutionierung der Kommunikation. Aufgrund medialer Inszenierung und Unübersichtlichkeit sei die Vermittlung von und die Bindung an Politik schwieriger geworden. Die Normalisierung einer großen Koalition verkenne die wichtige Aufgabe von Opposition. Politik müsse wieder als Wechselspiel begriffen und Parteien müssten wieder ihrer Rolle als Transmissionsriemen in der Gesellschaft gerecht werden. Kleinert forderte die Parteien auf, selbstbewusster zu sein und sich nicht opportunistisch nach den Medien auszurichten. Authentizität des Führungspersonals betonte Mayer und Veen wünschte sich mehr Bereitschaft zur Streitkultur.

Überzeugter Europäer

In seinem Schlusswort hob Hans-Gert Pöttering, Präsident des Europäischen Parlaments a.D. und Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V., Langguths Leistungen bei den Transformationsprozessen in den neuen Bundesländern und in den Ländern Mittel- und Osteuropas hervor. Als geschäftsführender Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung habe er gerade zu dieser wichtigen Zeit erkannt, wie wichtig die Unterstützung für den Aufbau der jungen Demokratien war. Mit einem herzlichen Wort des Dankes für die Leistungen Gerd Langguths und für jahrzehntelange die Freundschaft schloss Pöttering „einen faszinierenden Nachmittag“.

Über diese Reihe

Die Konrad-Adenauer-Stiftung, ihre Bildungsforen und Auslandsbüros bieten jährlich mehrere tausend Veranstaltungen zu wechselnden Themen an. Über ausgewählte Konferenzen, Events, Symposien etc. berichten wir aktuell und exklusiv für Sie unter www.kas.de. Hier finden Sie neben einer inhaltlichen Zusammenfassung auch Zusatzmaterialien wie Bilder, Redemanuskripte, Videos oder Audiomitschnitte.

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erscheinungsort

Sankt Augustin Deutschland