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Oswald von Nell-Breuning – zum 30. Todestag eines Unbequemen

von Arnd Küppers
Am 21. August 1991 starb Oswald von Nell-Breuning, der „Nestor der katholischen Soziallehre“, im gesegneten Alter von 101 Jahren. Der Jesuitenpater und Frankfurter Theologieprofessor war einer der profiliertesten und einflussreichsten katholischen Sozialwissenschaftler des 20. Jahrhunderts. Er beschränkte sich dabei nie auf die Rolle des Sozialtheoretikers, der lediglich die ethischen Prinzipien sozialen und politischen Handelns erörtert, ohne sich in die Niederungen der konkreten Herausforderungen zu begeben. Über fast sieben Jahrzehnte war er vielmehr einer der engagiertesten Kommentatoren der deutschen Sozial- und Wirtschaftspolitik.

Der Jesuit scheute auch nicht davor zurück, sein Ansehen in die Waagschale zu werfen und sich selbst zum politischen Akteur zu machen, wenn es um aus seiner Sicht Grundsätzliches ging. Er setzte sich nach dem Krieg innerkirchlich entschieden für die Einheitsgewerkschaft ein und brachte sich damit zeitweise in Opposition sowohl zu der Katholischen Arbeitnehmerbewegung (KAB) als auch der Bischofskonferenz, die mehrheitlich eine Wiedergründung der Christlichen Gewerkschaften befürworteten. Durch diese Haltung erwarb er sich nicht nur bei der Minderheit der Christlich-Sozialen, sondern auch bei der Mehrheit der Sozialdemokraten im DGB einen guten Ruf. Seinen so gewonnenen Einfluss nutzte er dazu, immer wieder das Gebot weltanschaulicher und parteipolitischer Neutralität der Einheitsgewerkschaft einzufordern. Den Wahlaufruf des DGB von 1953 („Wählt einen besseren Bundestag!“) kritisierte er in einem Brief an den damaligen DGB-Vorsitzenden Walter Freitag scharf als Verstoß gegen diesen Neutralitätsgrundsatz.

Bloß bei einem Protestbrief beließ es Nell-Breuning nicht mehr, als auf dem Frankfurter DGB-Kongress im Oktober 1954 Viktor Agartz, damals Leiter des Wirtschaftswissenschaftlichen Instituts (WWI) des DGB, das Grundsatzreferat hielt und eine an marxistischen Vorstellungen orientierte „Wirtschaftsneuordnung“ der Bundesrepublik forderte sowie ein weitreichendes allgemeinpolitisches Mandat der Gewerkschaften postulierte und dieses sogleich inhaltlich mit einer Ablehnung der Pläne der Adenauer-Regierung für einen eigenen bundesdeutschen Wehrbeitrag füllte. Diesmal holte Nell-Breuning zum gezielten öffentlichen Gegenschlag aus. Anfang Januar 1955 hielt er eine vielbeachtete und über die christlich-sozialen Kanäle eifrig weiterverbreitete Rede, in der er Agartz staats- und wirtschaftspolitische „Wahnvorstellungen“ sowie „klassenkämpferischen Radikalismus“ attestierte. Sollten sich dessen Forderungen durchsetzen, sei eine Teilnahme der christlich-sozialen Arbeitnehmerschaft an der Einheitsgewerkschaft nicht mehr möglich und eine Spaltung des DGB unvermeidlich. Nach dieser Intervention Nell-Breunings war Agartz politisch erledigt. Ende 1955 wurde er als Leiter des WWI abgesetzt.

Trotz seiner Kritik an Klassenkampfdenken, marxistischen Aspirationen oder der tristen Realität sozialistischer Zentralverwaltungswirtschaft, blieb Nell-Breuning doch auch in ostentativer Distanz zur Sozialen Marktwirtschaft. Selbst den Begriff mied er zumeist und sprach stattdessen lieber vom „sozial temperierten Kapitalismus“, eine ursprünglich auf Goetz Briefs zurückgehende Formulierung. Der eigensinnige Jesuit wollte mit dieser Wortwahl zum Ausdruck bringen, dass trotz aller erreichten sozialstaatlichen Errungenschaften der strukturelle Konflikt zwischen Kapital und Arbeit auch in der Bundesrepublik noch nicht beseitigt sei. Der Begriff der Sozialen Marktwirtschaft hingegen stand seiner Meinung nach in der Gefahr, die fortbestehende Machtasymmetrie zwischen den Arbeitsmarktparteien terminologisch zuzukleistern.

Genau diese Gefahr erkannte er auch bei den Theoretikern der Sozialen Marktwirtschaft, also den Ordoliberalen wie Walter Eucken, Alfred Müller-Armack oder Wilhelm Röpke. Zwar attestierte er dem ordoliberalen Ansatz einen „sehr gewichtigen Fortschritt“ in der ökonomischen Theoriebildung, der seiner Ansicht nach darin bestand, dass der „subtheologische Gedanke von der ‚invisible hand‘ preisgegeben“ und dem Staat eine starke ordnungspolitische Rolle zugesprochen wurde. Allerdings versäume es der Ordoliberalismus darzulegen, was genau das Ziel dieser Ordnungspolitik sei; er bleibe deshalb in einem „Formalismus der Freiheit“ stecken. Nicht wenige Ordoliberale fühlten sich dadurch missverstanden und ungerecht beurteilt. Nell-Breuning blieb aber trotz mancher Annäherungs- und Verständigungsversuche bei seiner Kritik. Frustriert schrieb Wilhelm Röpke 1964 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, angesichts der anhaltenden Kritik katholischer Sozialwissenschaftler am Ordoliberalismus sei er mittlerweile geneigt, „sarkastisch zu antworten, daß selten in der Geschichte so sperrangelweit offene Türen mit solcher feierlichen Wucht aufgestoßen worden sind.“

Ein Ordoliberaler war Nell-Breuning also nicht. Ein linker Kapitalismuskritiker, als den ihn manche heute darstellen, war er allerdings auch nicht. Wohlfeile antikapitalistische Systemkritik war ihm vielmehr ein Graus, er hielt sie schon intellektuell für eine Zumutung. Der Kapitalismus, so schrieb er, sei gar „kein ‚System‘, sondern eine höchst komplexe Realität“ und zwar eine solche, die unter ganz unterschiedlichen Regimes existiere. So analysierte er die real existierende Zentralverwaltungswirtschaft in der Sowjetunion und anderen Ostblockstaaten als „Staatskapitalismus“, in dem es zu einer weitaus schlimmeren Ausbeutung der arbeitenden Menschen komme als im marktwirtschaftlichen „Privatkapitalismus“, dem mit der Entwicklung des modernen Sozialstaats die Inklusion der Arbeiterschaft in die bürgerliche Gesellschaft gelungen sei. Trotzdem war Nell-Breuning die Errungenschaft des Sozialstaats nicht genug. Im Gegenteil warnte er schon in der Weimarer Zeit vor einer Fehlentwicklung in Richtung eines in alle sozialen und wirtschaftlichen Bereiche ausgreifenden Versorgungsstaates, der zu einer schleichenden Entmündigung von Unternehmen und Beschäftigten sowie zu einer administrativen und fiskalischen Überforderung des Staates führen würde. Der Jesuit war zeitlebens ein Gegner aller Spielarten des Etatismus und ein entschiedener Verfechter des Subsidiaritätsprinzips, dessen berühmte Formulierung in der Enzyklika Quadragesimo anno auf ihn selbst zurückgeht. Aus der Feder des seinerzeit noch nicht einmal Vierzigjährigen stammte der Grundtext dieser Enzyklika von 1931.

Was Nell-Breuning an der kapitalistischen Klassengesellschaft, an der sozialistischen Planwirtschaft und am Fürsorgestaat aus sozialethischer Perspektive gleichermaßen störte, war, dass in allen diesen Regimes die Menschen zu bloßen Objekten des Sozial- und Wirtschaftsprozesses herabgewürdigt wurden. Nell-Breuning aber war ein Anhänger der von seinem Ordensbruder Heinrich Pesch begründeten Schule des Personalismus, die die freie Entfaltung der Person zum zentralen Maßstab der Gestaltung sozialer Strukturen und Institutionen erklärte und die zur bestimmenden Richtung der katholischen Soziallehre nach dem Zweiten Weltkrieg wurde. Das Personalitätsprinzip war für Pater Nell – und ist immer noch für die kirchliche Soziallehre – das grundlegende sozialethische „Baugesetz“ menschlicher Gesellschaft. Primäres Ziel von Sozialpolitik musste aus Sicht Nell-Breunings deshalb nicht einfach die bloße Fürsorge sein, sondern der Versuch, die Menschen immer mehr zu wirklichen Subjekten des Sozial- und Wirtschaftsprozesses zu machen. Das erklärt zudem, warum für ihn Sozialpolitik auch und vor allem Arbeitspolitik war. Er war ein Kind der fordistischen Industrie- und Arbeitsgesellschaft. Sein ganzes Denken kreiste um den Interessenkonflikt zwischen Arbeit und Kapital und die Frage, wie man die strukturelle Machtasymmetrie zwischen den Arbeitsmarktparteien egalisieren könne. Deswegen gehörten Fragen von Tarifautonomie, betrieblicher sowie überbetrieblicher Mitbestimmung und auch des Miteigentums zu seinen bevorzugten Themenfeldern.

Nicht nur als unermüdlicher Publizist und Vortragsreisender, sondern auch als Berater in Ministerien und anderen Expertengremien hat Nell-Breuning wesentlich zu der Entwicklung des kollektiven Arbeitsrechts und der gelebten Sozialpartnerschaft beigetragen. Berthold Vogel bezeichnet ihn deshalb als einen „spin doctor avant la lettre“ und geht sogar so weit, ihn „als den zentralen Ordnungstheoretiker der alten Bundesrepublik zu betrachten“. Ihm selbst würde diese Bezeichnung vielleicht zu weit gehen. Insbesondere dass es ihm und seinen christlich-sozialen Mitstreitern nie gelungen ist, in der Frage des Miteigentums voranzukommen oder auch nur entscheidende politische Akzente zu setzen, hat er als ein Scheitern betrachtet. Als nüchterner Pragmatiker hatte er es irgendwann hingenommen, dass es politisch keine Mehrheiten für dieses alte Anliegen der katholischen Soziallehre geben würde. Als Sozialethiker hat er das aber nie akzeptiert, weil die endgültige Überwindung der Klassengesellschaft ohne Miteigentum aus seiner Sicht nicht möglich sein würde.

An seinem Lebensende war Nell-Breuning nicht nur für die Christlich-Sozialen ein Monument. Zu seinem hundertsten Geburtstag am 8. März 1990 kamen neben Norbert Blüm, seinerzeit Arbeitsminister und Urgestein der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft, auch der damalige SPD-Chef Hans-Jochen Vogel und ÖTV-Chefin Monika Wulf-Mathies nach Frankfurt. Bundespräsident Richard von Weizsäcker reiste an – nicht nur zum Gratulieren, sondern auch zur Verleihung des Großkreuzes des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, der höchsten Verdienstauszeichnung unseres Landes.

Die Wirtschafts- und Arbeitsgesellschaft hat sich heute, 30 Jahre nach dem Tod Nell-Breunings, grundlegend gewandelt. Manche seiner institutionenökonomischen Vorstellungen sind zweifellos nicht mehr zeitgemäß. Sein Grundanliegen, durch ordnungspolitische Rahmensetzung den Menschen zum Subjekt des Arbeits- und Wirtschaftsprozesses zu machen, hat angesichts von Globalisierung, Digitalisierung und notwendiger ökologischer Transformation aber nichts an Dringlichkeit verloren.

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KNA-Bild
15. Mai 2021
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