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Länderberichte

Fußballfieber oder „Copa Virus“ – wird die Copa América zum Eigentor?

von Anja Czymmeck, Kevin Oswald
Nach dem Rückzug der ursprünglich vorgesehenen Gastgeber Kolumbien und Argentinien findet die 47. Auflage der südamerikanischen Kontinentalmeisterschaft im Corona-Hotspot Brasilien statt. Der Oberste Gerichtshof stimmte den Plänen des südamerikanischen Fußballverbands CONMEBOL letztlich zu, die auch Staatspräsident Bolsonaro trotz einiger Skepsis in der Bevölkerung deutlich befürwortet hatte. Nach Spielerprotesten, Sponsorenabsagen und zahlreichen Coronafällen bereits vor Turnierbeginn steht jedoch fest, dass die diesjährige Copa zweifelsohne die polemischste Ausgabe in der 105-jährigen Geschichte der Sportveranstaltung ist und entsprechend große politische Relevanz besitzt.

Im Jahr 1918 entschied die brasilianische Regierung, den Campeonato Sul-Americano de Football – so hieß die heute als Copa América bekannte Südamerikameisterschaft damals – aufgrund einer Pandemielage zu verschieben. Die Spanische Grippe, die zwischen 1918 und 1920 mehr Menschenleben forderte als zuvor der 1. Weltkrieg, wütete auch in Brasilien und angesichts zehntausender Toter im Land sah die Regierung schließlich keine andere Möglichkeit, als das Turnier im Sinne des Gesundheitsschutzes von Spielern und Bevölkerung zu vertagen[1]. Im Jahr 2021 ist alles anders. Zunächst sprang Kolumbien aufgrund der anhaltenden, teils blutigen Proteste gegen die Politik der Regierung Duque als Ausrichter ab[2]. Zum ersten Mal hätte die Copa in zwei Gastgeberländern ausgetragen werden sollen, doch zwei Wochen vor Turnierbeginn zog auch die argentinische Regierung ihre Zusage zurück. Im beginnenden Winter auf der Südhalbkugel war das Land von einer zweiten Corona-Welle hart getroffen worden und die Fallzahlen schnellten trotz rasch verhängter Lockdown-Maßnahmen auf neue Rekordstände. Nach einer Krisensitzung des südamerikanischen Fußballverbands CONMEBOL Ende Mai und, wie berichtet wird, einem sehr schnellen Angebot vonseiten des brasilianischen Staatspräsidenten Bolsonaro stand schnell fest: Die Copa 2021 findet im fußballverrückten WM-Gastgeberland von 2014 statt – mitten in der Pandemie.

 

„Copa Virus“ – Das Turnier als neues „superspreading event“?

Obgleich das internationale Medieninteresse kaum noch vorhanden ist und seit April beispielsweise eher die dramatische Corona-Lage in Indien in den Blick genommen wurde, klingt die Pandemie in Südamerika und Brasilien – anders als in Europa und den USA – noch keineswegs völlig ab. Nach dem „Horror-April“ mit etwa 82.000 Todesfällen innerhalb eines Monats[3] waren in Brasilien sowohl die Fall- als auch die Todeszahlen deutlich zurückgegangen. Jetzt haben sie sich jedoch wieder auf einem hohen Niveau stabilisiert. Erst vor wenigen Tagen wurde sogar die Schwelle von durchschnittlich 2.000 Toten je 24 Stunden über einen Zeitraum von sieben Tagen wieder überschritten[4]. Insbesondere die enorm hohe Zahl an grassierenden Mutanten macht Virologen neben dem schleppenden Impffortschritt weiterhin große Sorgen. Nach Angaben der Fundação Oswaldo Cruz (Fiocruz) waren bis Ende April 92 verschiedene Varianten des Coronavirus in Brasilien nachgewiesen worden. Im Mai wurden dann auch erste Fälle der wohl aus Indien stammenden hochansteckenden und aggressiven Delta-Variante nachgewiesen.[5] Ob und wie schnell sich diese ausbreitet, ist aktuell nicht bekannt, da Gesamtgenomsequenzierungen spezifisch zum Nachweis von Varianten nur selten vorgenommen werden.   

Da das Fußballturnier Copa América ohne Zuschauer ausgetragen wird, besteht zwar keine direkte Gefahr für die Bevölkerung, geschweige denn einreisende Fans aus den teilnehmenden Ländern, doch offiziell bestätigte 41 Coronafälle im Zusammenhang mit der Copa bereits bis zum zweiten Turniertag werfen dennoch zahlreiche drängende Fragen bezüglich des Sicherheitskonzepts und der Sinnhaftigkeit des Turniers auf. Das brasilianische Gesundheitsministerium vermeldete, dass 31 positive Fälle bei Spielern und Personen aus den Betreuerstäben aufgetreten sind, wobei Kolumbien, Bolivien und Peru explizit als betroffene Teams genannt wurden. Die übrigen zehn Fälle betreffen Angestellte verschiedener Hotels und Dienstleistungsunternehmen in Brasília.[6] Bereits vor dem Start des 10-Nationen-Turniers hatte das Virus den Auftaktgegner Brasiliens, die venezolanische Delegation, heftig erwischt. Nach insgesamt 13 positiven Testresultaten, musste Venezuela 15 Spieler nachnominieren und verlor vor leeren Rängen wenig überraschend mit 0-3 gegen die brasilianische Seleção um Superstar Neymar. Deren Trainer Tite bezeichnete die Situation als „Schande“ [7]und auch die brasilianischen Spieler hatten sich bereits im Vorfeld des Turniers in einer koordinierten Aktion in den sozialen Netzwerken gegen die Veranstaltung der Copa América ausgesprochen.

 

Die Copa als politischer Befreiungsschlag für Bolsonaro?

Aller Bedenken hinsichtlich des Gesundheitsschutzes und des sportlichen Werts der Copa zum Trotz dürfte Jair Bolsonaro, welcher ebenso wie der brasilianische Fußballverband CBF (Confederação Brasileira de Futebol) nicht explizit im Post der Spieler genannt wurde, ganz besonders auf einen möglichst reibungslosen Ablauf sowie auf eine erfolgreiche Titelverteidigung Brasiliens hoffen. Die Copa käme als Stimmungsaufheller gerade recht, denn die Beliebtheitswerte des Präsidenten fielen im Mai auf einen neuen Tiefstand. 45 Prozent der Befragten drückten ihre Ablehnung aus, gar 54 Prozent gaben zu Protokoll, dass sie auf „keinen Fall ein zweites Mal für Bolsonaro stimmen würden“.[8]

Durch die Ermittlungen des Covid-19-Untersuchungsausschusses im Senat, die mehr und mehr das Versagen der Regierung bei der Impfstoffbeschaffung und generell der Bekämpfung der Pandemie zu Tage fördern, steht Bolsonaro konstant unter Druck [9]. Auch die von Bolsonaro ersehnte wirtschaftliche Erholung nach der Pandemie ist noch in weiter Ferne. Die Arbeitslosigkeit war zuletzt mit 14,7 Prozent auf einen neuen Rekordnegativwert im Zeitraum der letzten zehn Jahre gestiegen, Armut und Elend nehmen sichtbar zu. Zu allem Überfluss ist auch der Umweltminister Ricardo Salles ins Visier polizeilicher Ermittlungen geraten, da er illegale Holzexporte vertuscht bzw. nachträglich genehmigt haben soll.   

 

Fazit und Ausblick

Nach dem erfolglosen Versuch, die Copa América per Gerichtsentscheid zu verhindern, rollt der Ball seit Sonntag parallel zur Europameisterschaft nun auch in Brasilien. Trotz aller Fußballverrücktheit, unbändiger Lebensfreude und der Hoffnung, durch langsamen aber sicheren Fortschritt der Impfkampagne in naher Zukunft die Pandemie endgültig hinter sich zu lassen, lehnen zahlreiche Brasilianer die Ausrichtung des Turniers im eigenen Land jedoch nach wie vor ab. Zu frisch sind die Erinnerungen an die Opfer der Pandemie, zu nah ist die traurige Marke von einer halben Million Corona-Toten, welche wohl in den kommenden Tagen während des laufenden Turniers erreicht werden wird und zu durchsichtig erscheint das politisch motivierte Manöver von Jair Bolsonaro.

Der Präsident setzt auf positive Stimmung, Gewinnermentalität und nationale Einheit, doch selbst bei einer erfolgreichen Durchführung des Turniers und einem guten Abschneiden der brasilianischen Mannschaft ist es äußerst fraglich, ob sein Kalkül aufgeht. „Dass Bolsonaro neun Monate braucht, um Pfizer zu antworten und der CONMEBOL in zehn Minuten zusagt“[10], wie es der TV-Moderator Luís Roberto ausdrückte, macht viele Brasilianer nach wie vor fassungslos. 

So lautet das Motto der Copa auf der offiziellen Website der CONMEBOL vielversprechend “Rocking the continent”[11], doch vielmehr ist zu hoffen, dass zumindest die offensichtlich „löchrige Blase“, in der sich die Spieler und Delegationen der Teams befinden nicht mit einem lauten Knall platzen und zu einem erneuten Corona-Beben in Brasilien und Südamerika führen wird.    

 


 

[1] Vgl. O Globo vom 12.06.2021, Seite 3.   

[2] https://www.kas.de/de/web/kolumbien/laenderberichte/detail/-/content/sozialproteste-und-welle-der-gewalt-in-kolumbien.

[3] https://www.cnnbrasil.com.br/saude/2021/04/30/mortes-por-covid-19-no-brasil-tem-alta-de-23-5-em-abril.

[4] https://www.dw.com/pt-br/brasil-volta-%C3%A0-m%C3%A9dia-di%C3%A1ria-de-2-mil-mortes-por-covid-19/a-57876665.

[5] https://jovempan.com.br/noticias/brasil/saiba-por-que-a-variante-indiana-do-coronavirus-e-tao-temida.html.

[6] https://www1.folha.uol.com.br/esporte/2021/06/copa-america-ja-registra-41-casos-de-covid-19-confirmados-diz-ministerio-da-saude.shtml.

[7] https://www.deutschlandfunk.de/copa-america-mehrere-coronafaelle-vor-turnierstart.2851.de.html?drn:news_id=1269412.

[8] https://www1.folha.uol.com.br/poder/2021/05/datafolha-aprovacao-a-bolsonaro-recua-seis-pontos-e-chega-a-24-a-pior-marca-do-mandato-rejeicao-e-de-45.shtml.

[9]https://www.kas.de/documents/252038/10987758/Die+Regierung+Bolsonaro+unter+Druck+%E2%80%93+Wiederwahl+in+Gefahr+%28PDF%29.pdf/6ceb9ec6-6013-c06e-8192-8a7d1725e478?version=1.0&t=1621286823331.

[10] https://www.tagesschau.de/ausland/amerika/brasilien-copa-america-101.html.

[11] https://copaamerica.com/.

Ansprechpartner

Anja Czymmeck

Anja Czymmeck bild

Leiterin des Auslandsbüros Brasilien

anja.czymmeck@kas.de +55 21 2220 5441 +55 21 2220 5448

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