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KAS/Marie-Lisa Noltenius
Veranstaltungsberichte

„Christliches Leben in der DDR hieß anders zu sein“

Expertengespräch zum Thema „Formen des Widerstands in der DDR. Von Belter bis Biermann“

Am 7. Mai 2026 fand in der Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung ein Expertengespräch zur Bedeutung des Widerstands in der DDR, seiner Rezeptionsgeschichte nach 1990 und der heutigen Gedenk- und Erinnerungskultur statt.

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In ihrer Begrüßung hob die Vorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung, Annegret Kramp-Karrenbauer, die Bedeutung hervor, die die Erinnerung an Opposition und Widerstand in der DDR für die Stiftung traditionell besitzt. Sie erinnerte in diesem Zusammenhang an frühere Veranstaltungsformate der „Buchenwaldgespräche“ sowie an das „Hohenschönhausen-Forum“. Darüber hinaus wies sie auf den Abschluss des „Belter-Jahres“ der KAS zur Erinnerung an den frühen studentischen Widerstand in der SBZ/DDR hin. Als weitere Beispiele erwähnte die Vorsitzende der KAS exemplarisch den Volksaufstand vom 17. Juni 1953, die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann vor fünfzig Jahren sowie die Friedliche Revolution 1989/90. Darüber hinaus warnte sie vor Tendenzen, Geschichte im autoritären Sinne umzuschreiben, wie das aktuell etwa in Putins Russland zu beobachten sei. Allen „Versuchen der Geschichtsklitterung“ müsse entschieden entgegengetreten werden, so Kramp-Karrenbauer.

Die Geschichte des Widerspruchs und Widerstands in der DDR sei genuiner Teil der Aufgaben, mit der die 1998 gegründete Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur betraut sei, erläuterte deren Stellvertretender Vorstandsvorsitzender Prof. Dr. Ralph Jessen, in seiner Begrüßung. Er kam ebenfalls auf die Würdigung des Widerstands in der frühen DDR zu sprechen und verwies auf die Publikation „Erschossen in Moskau“, in der allein für den Zeitraum zwischen 1950 und 1953 rund 900 Opfer aufgeführt sind. „Die unterschiedlichen Formen von Opposition und Widerstand in der DDR führen uns die mangelnde Legitimität des SED-Regimes vor Augen“, so Jessen. Mit Blick auf die Gegenwart warnte er vor „verantwortungslosen Schwätzern […], die mit Blick auf das heutige Deutschland von einer ‚DDR 2.0‘ schwadronieren, um die demokratische Ordnung der Bundesrepublik zu delegitimieren.“

In seinem Vortrag über „Bedeutung und Vermächtnis des Widerstands gegen die SED-Diktatur“ schilderte der frühere Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Dr. Reiner Haseloff aus seiner persönlichen Perspektive heraus, was es bedeutete, in einer Diktatur nicht zur Mehrheitsgesellschaft zu gehören. Entscheidender Punkt war hierbei die Sozialisation in einem christlich geprägten Elternhaus. „Christliches Leben in der DDR hieß eben anders zu sein“, so betonte er. Es sei darum gegangen, den Glauben zu bewahren in einem atheistischen Umfeld. Eine zentrale Rolle im Alltag spielte entsprechend die kirchliche Gemeindearbeit. Große Beachtung fanden die politischen Ereignisse im Ostblock wie die Niederschlagung des Ungarn-Aufstands 1956 und des „Prager Frühlings“ 1968 sowie die politischen Veränderungen in Polen seit Begin der 1980er Jahre. Eine besondere Bedeutung habe für ihn und seine Umgebung die Wahl Johannes-Pauls II. zum Papst und dessen von einer Woge der Begeisterung getragenen Reisen in sein Heimatland besessen. Es sei dies ein Zeichen der Hoffnung auch für die Christen in der DDR gewesen.

Im zweiten, stärker gegenwartsbezogenen Teil seiner Rede ging Haseloff näher auf die Entwicklung des Ost-West-Verhältnisses nach 1990 ein. Dabei betonte er die Bedeutung der jährlichen Feierlichkeiten am 3. Oktober zum Tag der Deutschen Einheit. Wie man gerade an diesem Ereignis jedoch bemerken könne, fehle es an einer gesamtdeutschen Erzählung, bemängelte er. Es müsse deutlich werden, so Haseloff, „dass Deutschland dort neu begründet wurde an diesem 3. Oktober 1990“. Dieses Ereignis müsse zum „neuen Gründungsmythos“ dieser Nation in Europa werden. Er verwies exemplarisch auf die regelmäßig erhobene Umfrage im Rahmen des „Sachsen-Anhalt-Monitors“, in der heute bei der Frage nach der Selbstidentifikation eine Kategorie auftauche, die eigentlich gar nicht existiere, nämlich die des ‚Ostdeutschen‘. „Da ist dann irgendetwas schiefgelaufen“ resümierte er, denn in den 1990er Jahren sei das noch nicht der Fall gewesen. Es müsse gelingen, zu einer gesamtdeutschen Perspektive zu gelangen.

In seinem Impulsreferat fasste Prof. Dr. Hermann Wentker, ehemaliger Leiter der Abteilung Berlin des Instituts für Zeitgeschichte, den Stand der wissenschaftlichen Forschungen über den Widerstand in der DDR zusammen. Er unterschied die Begriffe Widerstand, Opposition und Resilienz. Sodann nahm er eine Periodisierung der Geschichte des Widerstands in der DDR vor:

  • 1945-1961: Opposition und Widerstand gegen Aufbau und Konsolidierung der stalinistischen Diktatur
  • 1961-1971: Widerständiges Verhalten zwischen Mauerbau und Ende der Ära Ulbricht
  • 1971-1978: Opposition in der Ära Honecker: Marxisten und Christen
  • 1979-1988: Friedens-, Menschenrechts- und Umweltgruppen innerhalb und außerhalb der Kirche

 

In der anschließenden Panelrunde diskutierten unter der Moderation von Dr. Michael Borchard, Leiter Wissenschaftliche Dienste/Archiv für Christlich-Demokratische Politik der Konrad-Adenauer-Stiftung, Prof. Wentker gemeinsam mit Dr. Maria Nooke, Beauftragte des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur, sowie Linda Treuteberg, Stellvertretende Vorsitzende „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ sowie Mitglied im Stiftungsrat der Bundesstiftung Aufarbeitung. Im Mittelpunkt stand der Umgang mit dem Erbe des DDR-Widerstands nach 1990. Mit Blick auf die juristische Aufarbeitung und das berühmte Diktum Bärbel Bohleys („Wir wollten Gerechtigkeit und bekamen den Rechtsstaat“) nannte Teuteberg die Ergebnisse für viele Betroffene „bitter“, verteidigte aber zugleich das Vorgehen nach demokratisch-rechtsstaatlichen Prinzipien, das sich von der Willkür in einer Diktatur unterscheide. Hierin liege gerade eine Stärke des Rechtsstaats. Unterschiedliche Auffassungen wurden in der Frage deutlich, wer der entscheidende Träger der Friedlichen Revolution von 1989 gewesen sei. Während Wentker die Ausreisebewegung aus der DDR vom Herbst 1989 als entscheidend ansah, betonte Nooke die Bedeutung der Bürgerrechtsbewegung. Bezogen auf die Gegenwart mahnte sie zudem eine kontinuierliche politische Unterstützung sowie eine bessere finanzielle Ausstattung von Erinnerungsstätten und Projekten zur Erinnerung an Repression, Opposition und Widerstand in der DDR an.

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Zeitgeschichte AKTUELL
ap/dpa/picture alliance/Süddeutsche Zeitung Photo
12. August 2024
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