Deschermeier, Senior Economist am Institut der deutschen Wirtschaft in Köln, betonte, dass der demografische Wandel ein Querschnittsthema der Gesellschaft darstellt. Arbeiten, Wohnen und Pflege seien vor allem ein emotionales Thema, denn obwohl 1956 Konrad Adenauer gesagt haben soll: „Kinder kriegen die Leute immer“ stünden wir heute aufgrund der niedrigen Geburtenrate vor ganz anderen Herausforderungen.
Die Bevölkerungsentwicklungen der letzten Jahre seien durch Kriege, Pandemien, globaler Migration sowie der EU-Freizügigkeitsrichtlinie, welche regelt, dass sich die EU-Bürger frei in EU-Mitgliedsstaaten bewegen dürfen, beeinflusst. Deschermeier betonte, dass Wandel nichts Schlechtes sei, da Bevölkerungsentwicklung kein neues Phänomen darstelle. Änderungen gäbe es schon immer, wie beim „PillenKnick“ in den 1960er Jahren. Dort entstand ein starker Geburtenrückgang nach der Einführung der Antibabypille aufgrund des gesellschaftlichen Wertewandels.
Wohnen ist etwas Emotionales, „Azubis haben es besonders schwer“, erläuterte Deschermeier. Zwei Drittel der Auszubildenden und zahlreiche Studierende müssten ungewollt bei ihren Eltern wohnen bleiben. Während Wohnungsmangel in der Stadt herrsche, gäbe es Leerstand auf dem Land. So fänden Familien, die sich vergrößern wollen, oftmals keine Wohnung, während Eltern, deren Kinder ausgezogen sind, in ihren Wohnungen blieben. „Verständlich“, betonte Deschermeier, kritisierte aber, dass altersgerechtes Wohnen häufig zu spät stattfinden würde. Zurückzuführen sei dies auch auf den Fachkräftemangel, dieser treffe vor allem die Pflege. Durch den Personalmangel sei keine Vollauslastung möglich, Pflegeheime wären aber erst bei einer Auslastung von etwa 95 % rentabel, dadurch käme es zu Schließungen. Altersgerechtes Wohnen stehe so vor einer Versorgungslücke und die Pflege in Zukunft vor enormen Herausforderungen.
Die Gesellschaft altere und weniger Nachwuchs komme nach. Das führe zu großem Druck auf den Arbeitsmarkt, denn das Erwebspersonenpotential werde durch die Demografie bestimmt. 2036 werden dann auch die letzten Babyboomer in Rente gehen, die geburtenstarken Jahrgänge fehlen daraufhin dem Arbeitsmarkt, so Deschermeier.
Eine Lösung für das Problem wurde in der anschließenden Fragerunde evaluiert: Ohne Zuwanderung ginge es nicht. Vor allem die Zuwanderung qualifizierter Arbeitskräfte könne dabei helfen, das Erwerbspotential zu steigern. Denn einfach mehr Kinder bekommen wäre eine Lösung, die erst in Jahrzenten auf dem Arbeitsmarkt ankommen würde. Dennoch bringen geburtenstarke Jahrgänge wie die 2010er Hoffnung, weil diese Kohorten später ebenfalls mehr Kinder bekommen werden, so Deschermeier.
Ein roter Faden, der sich durch die Veranstaltung zog, war der positive Blick Deschermeiers auf den demografischen Wandel. „Die Menschen leben länger und sind länger fit, das ist etwas Positives“, betonte er deutlich.
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