Expertinnen und Experten aus Landwirtschaft, Wirtschaft, Wissenschaft und Politik kamen zusammen, um die unterschiedlichen Dimensionen von Ernährungssicherheit zu beleuchten und über Ressortgrenzen hinweg Zielkonflikte, Herausforderungen und Lösungsansätze zu diskutieren.
Die Vorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung, Annegret Kramp-Karrenbauer, betonte in ihrer Begrüßung den Zusammenhang von Ernährungs- und Versorgungssicherheit mit dem Vertrauen in staatliches Handeln sowie ihre Bedeutung als Grundlage für gesamtgesellschaftliche Widerstandsfähigkeit. Das Thema verbinde drei Schwerpunkte der Stiftungsarbeit: Sicherheit, Resilienz und Zukunftsfestigkeit. Auch die Bedeutung internationaler Partnerschaften und der Entwicklungszusammenarbeit hob sie hervor, um einer wachsenden Weltbevölkerung auch in Zeiten geopolitischer Konflikte und des Klimawandels Zugang zu sicherer und gesunder Ernährung zu gewährleisten.
Wettbewerbsfähigkeit und Vorsorge
Bundesminister Alois Rainer hob in seiner Rede die Bedeutung der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Landwirtschaft hervor. Um diese zu erhalten, brauchten landwirtschaftliche Betriebe Planungssicherheit und Unterstützung, um Ernteausfälle aufgrund von Hitze, Trockenheit und Starkwetterereignissen zu kompensieren und für die Zukunft Rücklagen aufbauen zu können. Für die Eindämmung und Bewältigung des Klimawandels seien Forschung und Innovation von herausragender Bedeutung. Deutschland habe exzellente Forschungseinrichtungen, deren Expertise weltweit gefragt sei. Agrarexporte spielten eine wichtige Rolle, auch um internationale Handelsbeziehungen zu festigen. Rainer ging ebenfalls auf die Notwendigkeit einer verstärkten Krisenvorsorge ein. Lebensmittel seien Lebensgrundlage. Eine gestörte Lebensmittelversorgung wirke unmittelbar destabilisierend auf Gesellschaften. Hybride Kriegsführung ziele unter anderem hierauf ab. Vorbereitet sein sei daher ein wichtiger Bestandteil von Sicherheit und Resilienz. Dazu gehörten staatlich vorgehaltene Lebensmittelvorräte, aber auch Vorräte mit haltbaren Lebensmitteln und Trinkwasser für wenigstens zehn Tage in allen privaten Haushalten.
Resiliente Ernährungssysteme
Bei der anschließenden Podiumsdiskussion diskutierten Albert Stegemann, stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat sowie Gesundheit, Dr. Carin-Martina Tröltzsch, stellvertretende Vorstandsvorsitzende der K+S AG, und Dr. Martin Frick, Direktor des Berliner Büros des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen, über die Frage, wie Ernährungssicherheit unter den Bedingungen geopolitischer Spannungen, wirtschaftlicher Unsicherheiten und des Klimawandels gestärkt werden kann. Dabei wurde deutlich, dass Ernährungssicherheit weit über die landwirtschaftliche Produktion hinausreicht und das gesamte Ernährungssystem umfasst.
Stegemann betonte die Bedeutung wettbewerbsfähiger landwirtschaftlicher Betriebe als Fundament einer sicheren Versorgung. Steigende Energie-, Arbeits- und Bürokratiekosten dürften die wirtschaftliche Basis der Höfe nicht gefährden. Eine leistungsfähige und ressourceneffiziente Landwirtschaft sei nicht nur für die heimische Versorgung wichtig, sondern auch Teil globaler Verantwortung. Gleichzeitig unterstrich er die Bedeutung offener Märkte und internationaler Handelsbeziehungen für die Ernährungssicherheit.
Tröltzsch hob hervor, dass Ernährungssicherheit bereits bei der Versorgung mit Betriebsmitteln beginne. Nachhaltig gesicherte Erträge, Züchtungsfortschritte und eine verlässliche Düngemittelversorgung seien wesentliche Voraussetzungen für eine resiliente Landwirtschaft. Europa verfüge über hohe Standards, technologisches Know-how und leistungsfähige Betriebe. Diese Kapazitäten gelte es angesichts wachsender geopolitischer Unsicherheiten zu erhalten und zu stärken.
Frick betonte, dass Kriege die stärksten Treiber von Hunger seien. Zunehmend würden landwirtschaftliche Infrastruktur, Lebensmittel und Handelswege gezielt zu Angriffszielen. Ernährungssicherheit müsse deshalb global gedacht werden. Gleichzeitig verwies Frick auf die Chancen von Innovationen, etwa durch bessere Wetterinformationen, Markttransparenz und Beratungssysteme, die insbesondere kleineren Betrieben helfen könnten, sich an veränderte Bedingungen anzupassen.
Ernährungssicherheit als Querschnittsaufgabe
Dem öffentlichen Teil am Abend war ein nicht-öffentlicher Roundtable vorangegangen, bei dem sich Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen Sektoren und Ländern intensiv zu Zielkonflikten, Herausforderungen und Lösungschancen austauschten.
Dabei wurde deutlich: Die sichere Versorgung mit Lebensmitteln ist eine grundlegende Voraussetzung für gesellschaftliche Stabilität. Ein funktionierendes Ernährungssystem schafft Vertrauen in staatliche Handlungsfähigkeit. Gleichzeitig können Störungen der Versorgung erhebliche Auswirkungen auf die Stabilität einer Gesellschaft haben und damit auch eine sicherheitspolitische Dimension entwickeln.
Ernährungssicherheit muss deshalb stärker als Querschnittsaufgabe verstanden werden. Zuständigkeiten verteilen sich auf unterschiedliche Ressorts und Politikfelder. Landwirtschaft, Handel, Wirtschaft, Gesundheit, Umwelt, Entwicklungspolitik und Sicherheit sind eng miteinander verbunden. Ein rein sektorspezifischer Blick greift angesichts dieser Zusammenhänge zu kurz.
Ein weiterer Schwerpunkt der Diskussionen lag auf der Frage, wie resiliente Ernährungssysteme gestaltet werden können. Dabei geht es nicht allein um die Fähigkeit, Krisen kurzfristig zu bewältigen. Resilienz bedeutet auch, Strukturen so aufzustellen, dass Versorgung selbst bei länger anhaltenden Störungen möglichst aufrechterhalten werden kann.
Eine wichtige Rolle spielen dabei sowohl eine leistungsfähige heimische Produktion als auch breit aufgestellte Handels- und Partnerschaftsbeziehungen. Globale Ernährungssicherheit ist eng mit internationalem Handel verbunden. Gleichzeitig können Krisen, geopolitische Spannungen und unterbrochene Lieferketten Abhängigkeiten sichtbar machen. Auch der Klimawandel stellt die Ernährungssysteme vor neue Herausforderungen. Veränderungen bei Wasserverfügbarkeit, landwirtschaftlichen Produktionsbedingungen und Ökosystemen erfordern Anpassung und langfristige Vorsorge.
Innovation, Bildung und internationale Erfahrungen
Forschung und Innovation wurden als wichtige Bausteine für die Zukunft der Ernährungssicherheit hervorgehoben. Dabei geht es um neue Technologien und Produktionsweisen ebenso wie um resilientere Strukturen und Frühwarnsysteme.
Gleichzeitig wurde die Bedeutung von Bildung und Information deutlich. Wissen über gesunde und nachhaltige Ernährung ist nicht selbstverständlich und muss vermittelt werden. Auch die Fähigkeit von Bürgerinnen und Bürgern, sich in Krisensituationen selbst zu versorgen, gehört zur gesamtgesellschaftlichen Resilienz. Dazu zählt beispielsweise die Sensibilisierung für eine angemessene private Krisenvorsorge. Der Blick auf Ernährungssicherheit reicht zudem über Deutschland hinaus. Erfahrungen anderer Weltregionen können wichtige Impulse liefern, insbesondere dort, wo Gesellschaften bereits seit längerem mit klimatischen, wirtschaftlichen oder sicherheitspolitischen Belastungen umgehen müssen.
Gesundheit und Entwicklungszusammenarbeit
Eine weitere Verbindung wurde zwischen Ernährungssicherheit, Gesundheit und internationaler Entwicklungszusammenarbeit sichtbar. Landwirtschaftliche Produktion und Ernährung beeinflussen unmittelbar die Gesundheit von Menschen und Tieren sowie den Zustand der Umwelt. Der One-Health-Ansatz, der die Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt gemeinsam betrachtet, verdeutlicht diese Zusammenhänge. Gleichzeitig haben sowohl Mangelernährung als auch ungesunde Ernährung erhebliche gesundheitliche Folgen. Daraus entstehen wiederum gesellschaftliche und wirtschaftliche Folgekosten. Maßnahmen gegen Mangelernährung können nicht nur zur Verbesserung der individuellen Gesundheit beitragen, sondern auch langfristig zur Stabilisierung von Gesellschaften und zur Prävention gesundheitlicher Krisen und Konflikte beitragen.
Die Fachkonferenz zeigte damit vor allem eines: Ernährungssicherheit lässt sich nicht in einem einzelnen Politikfeld lösen. Sie erfordert einen systemischen Blick und den kontinuierlichen Austausch zwischen Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft.
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