Europa steht vor einer sicherheitspolitischen Zäsur. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, die zunehmende strategische Fokussierung der USA auf den Indopazifik sowie die wachsende Konkurrenz durch China stellen die europäischen Staaten vor die Frage, wie sie ihre Interessen künftig eigenständiger vertreten können. Unter dem Titel „Nach der Zäsur! Braucht Europa eine eigene Grand Strategy?“ diskutierten Teilnehmerinnen und Teilnehmer am 6. Oktober 2026 im Kulturzentrum Peter Friedrich Ludwig (PFL) in Oldenburg über die strategische Zukunft Europas. Die Veranstaltung wurde vom Politischen Bildungsforum Niedersachsen der Konrad-Adenauer-Stiftung in Kooperation mit der Gesellschaft für Sicherheitspolitik, Sektion Oldenburg, durchgeführt. Nach der Begrüßung durch Ralf Schmuhl von der Gesellschaft für Sicherheitspolitik Oldenburg und Manuel Ley vom Politischen Bildungsforum Niedersachsen führte Oberst i. G. a. D. Gunther Wiedekind, ehemaliger Dozent an der Führungsakademie der Bundeswehr, in die sicherheitspolitische Ausgangslage ein. Moderiert wurde der Abend von Manuel Ley.
Im Zentrum des Vortrags stand die Frage, was unter einer europäischen „Grand Strategy“ überhaupt zu verstehen ist. Eine solche Strategie dürfe sich nicht auf militärische Fähigkeiten oder klassische Verteidigungspolitik beschränken. Vielmehr gehe es um die Fähigkeit, politische, wirtschaftliche und sicherheitspolitische Interessen miteinander zu verbinden und auch unter schwierigen Rahmenbedingungen eigenständig handlungsfähig zu bleiben. Dabei wurde deutlich, dass die strategische Abhängigkeit Europas von den Vereinigten Staaten zunehmend kritisch betrachtet werden muss. Die USA bleiben zwar der wichtigste sicherheitspolitische Partner Europas und der NATO. Gleichzeitig verändern sich jedoch die Prioritäten Washingtons. Insbesondere die stärkere Hinwendung der USA zum Indopazifik wirft die Frage auf, in welchem Umfang Europa künftig selbst Verantwortung für seine Sicherheit und seine geopolitischen Interessen übernehmen muss.
Als weitere zentrale Herausforderung wurde die Entwicklung Chinas angesprochen. Die zunehmende wirtschaftliche und technologische Konkurrenz zwischen China und dem Westen macht deutlich, dass strategische Autonomie nicht allein eine militärische Dimension besitzt. Fragen der wirtschaftlichen Widerstandsfähigkeit, kritischer Infrastruktur, technologischer Souveränität und der Sicherung von Lieferketten gewinnen ebenso an Bedeutung. Europa müsse daher überlegen, in welchen Bereichen Abhängigkeiten reduziert und eigene Fähigkeiten aufgebaut werden sollten. Auch der Krieg in der Ukraine spielte eine wichtige Rolle. Die Erfahrungen seit 2014 zeigen nach Einschätzung des Referenten, dass sicherheitspolitische Annahmen innerhalb Europas neu bewertet werden müssen. Die Frage, wie glaubwürdige Abschreckung und Verteidigungsfähigkeit langfristig gewährleistet werden können, sei daher von zentraler Bedeutung. Gleichzeitig müsse Europa seine Unterstützung für die Ukraine mit den eigenen langfristigen sicherheitspolitischen Interessen verbinden.
In der Diskussion wurde darüber hinaus deutlich, dass eine europäische Grand Strategy nur dann Wirkung entfalten kann, wenn die europäischen Staaten bereit sind, ihre Interessen stärker gemeinsam zu definieren und entsprechende Ressourcen bereitzustellen. Strategische Autonomie bedeute dabei nicht zwangsläufig eine Abkehr von den USA oder von der NATO. Vielmehr könne sie als Voraussetzung dafür verstanden werden, innerhalb des Bündnisses ein stärkerer und verlässlicherer Partner zu werden. Eine besondere Herausforderung besteht dabei in der Frage, welche Interessen Europa tatsächlich gemeinsam vertritt. Nationale Interessen und unterschiedliche Bedrohungswahrnehmungen erschweren eine einheitliche strategische Ausrichtung. Gleichzeitig zeigt gerade die gegenwärtige geopolitische Lage, dass einzelne europäische Staaten viele Herausforderungen allein nur begrenzt bewältigen können.
Am Ende stand somit weniger eine einfache Antwort auf die Frage, ob Europa eine eigene Grand Strategy benötigt, sondern vielmehr die Erkenntnis, dass Europa seine strategischen Ziele und Interessen klarer definieren muss. Strategische Autonomie sei dabei kein kurzfristiges Projekt, sondern ein langfristiger Prozess. Sie erfordere politische Einigkeit, wirtschaftliche Resilienz, militärische Fähigkeiten und die Bereitschaft, Verantwortung für die eigene Sicherheit zu übernehmen.
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