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6. August 1991: Die weltweit erste Website geht online

von Tobias Wangermann
In der Nähe von Genf startete Tim Berners-Lee die Geschichte des World Wide Web. Mit der Einrichtung der ersten Website 1991 wurde seine schon 1989 formulierte Idee von einem verteilten System nichtlinearer Texte Wirklichkeit. Es war eine Innovation, die bis heute die Art und Weise prägt, wie wir Information und Wissen digital teilen.

Ein historischer Moment

Jedes historische Ereignis hat seine Vorgeschichte. Es steht nur selten voraussetzungslos. Zumeist wird erst im Nachhinein seine Tragweite erkannt und im Bestimmen eines konkreten Datums eine Einordnung unternommen. Auch als am 6. August 1991 die erste Website eingerichtet wurde, war kaum abzusehen, welche fundamentalen Innovationen dies anstoßen sollte und dass dreißig Jahre später von einem historischen Moment gesprochen werden muss. Denn mit diesem Datum wird eine der technischen Innovationen verbunden, die das Wissensmanagement und die Kommunikation der Informationsgesellschaft fundamental geprägt hat.

Der auf 13 Zeilen verteilte und aus heutiger Sicht ausgesprochen magere Quellcode des dazugehörigen Dokuments ist heute noch immer im Netz abrufbar. Er kann als einer der Prototypen für die Art und Weise gelesen werden, wie wir heute Informationen und Wissen digital teilen. Der bei der Darstellung in einem Webbrowser aus dem Code erzeugte Text – um genau zu sein, muss man wegen der Differenz von Code und dann im Browser sichtbarem Text hier so umständlich formulieren – ist im Kern so etwas wie eine Betriebsanleitung für das World Wide Web (WWW) selbst. Das Dokument trägt in sich nicht nur (fast) alle grundlegenden Eigenschaften dieses neuen Systems. Es verweist außerdem mittels Hyperlinks auf Hintergründe des Projektes und gibt technische Hinweise und Hilfestellungen.

Schon am 12. März 1989 hatte der damals 34-jährige und bei der Europäischen Organisation für Kernforschung (CERN) in der Nähe von Genf beschäftigte britische Physiker Tim Berners-Lee in einem Proposal seine Ideen für ein besseres Management von und einen leichteren Zugang zu Informationen am CERN publiziert. Die Geburtsstunde des World Wide Web wird daher oft auch schon mit diesem Datum verbunden.

Die unübersehbare Menge an Dokumenten, die bei der Forschungsarbeit im CERN entstand, ebenso aber auch der Bedarf eines leichteren Zugriffs für Forscher an verschiedenen Standorten, machten es notwendig, deren Verwaltung anders als bisher zu organisieren. Das von ihm vorgeschlagene globale System, dass er anfangs noch als „Mesh“ bezeichnete, dem er dann aber beim Programmieren 1990 den Namen „World Wide Web“ gab, basiert auf der Idee eines verteilten Systems nichtlinearer Texte – sogenannter Hypertexte.

 

Komplexität als Anforderung

Das bisherige Dokumenten- und Informationsmanagement, welches sich auf ein hierarchisches System, Zentralisierung, Baumstrukturen und die Vergabe von Schlag- bzw. Schlüsselwörtern stützte, genügte  den damals aktuellen Anforderungen großer und komplexer Informations- und Wissensbestände nicht mehr. Eine sichere Auffindbarkeit von heterogenen Dokumenten, die Möglichkeit zur freien Verknüpfungen von Inhalten, die Vernetzung dezentraler Speicherorte und ein leichter Zugang für Anbieter wie auch Nachfrager bildeten ein komplexeres Anforderungsprofil.

Die technischen Voraussetzungen dafür waren vorhanden, denn das Internet existierte bereits. Die weltweite Vernetzung von Computern und der Austausch von Informationen waren über Fernsprechkabel wie auch durch anwählbare IP-Adressen gegeben. Robert E. Kahn und Vinton G. Cerf hatten schon 1973 mit dem Transmission Control Protocol (TCP) und dem Internet Protocol (IP) eine weitreichende Offenheit sichergestellt, um unterschiedlichste Systeme und Endgeräte an das Internet anzubinden. Newsgroups oder der Austausch von E-Mails mit eigenen Protokollen waren längst etablierte Anwendungen im Internet.

 

Der Text als Referenzraum

Einer der für das World Wide Web grundlegenden Schritte war aber die Nutzung von Hypertexten. Denn die mit der Hypertext Markup Language (HTML) geschriebenen Dokumente gestatteten durch Markups nicht nur Auszeichnungen und Strukturierungen im Text. Ebenso entscheidend war, dass durch sie direkt in den Text integrierte aktive Referenzen zu anderen Ressourcen erzeugt werden konnten – sogenannte Hyperlinks. Der aus dem gedruckten Text bekannte Verweis auf weiterführende Quellen und damit die passive Verknüpfung mit anderen Texten mittels einer Fußnote wurde so zum aktiven Bestandteil des Textes selbst. Die Linearität des Textes, die von der Chronologie des zeilengebundenen Lesens bestimmt ist, wird durch das Einfügen von Hyperlinks in einen Raum überführt. Dieser Raum wird aus dem Beziehungsgeflecht der verlinkten Dokumente aufgespannt. Bei der Rezeption erweitern, ergänzen oder belegen die referenzierten Dokumente sich untereinander. Im Hypertext realisiert sich das enzyklopädische Prinzip als technische Eigenschaft.

Das Konzept des Hypertextes hatte beispielsweise in dem „Memex“ genannten analogen System des US-amerikanischen Ingenieurs Vannevar Bush mit seinen Verknüpfungen („associations“) schon 1945 einen gedanklichen Vorläufer. Auch der Begriff selbst wurde nicht erst von Tim Berners-Lee eingeführt, sondern ist Ted Nelson zuzuschreiben, der ihn im Kontext seines langjährigen „Xanadu“-Projektes 1965 verwendete.

Es war dann im August 1991, wenn man so möchte, eine historische Koinzidenz aus verschiedenen Faktoren, die zur Einrichtung der ersten Website und damit zum Startschuss für das World Wide Web führten: So existierte ein dringender Bedarf an einem nichthierarchischen, dezentralen und verknüpfungsfähigen Informationsmanagement für die schnell wachsenden Dokumentenbestände. Die Vorarbeiten zum Hypertext boten einen konzeptionell tragfähigen Ansatz, der hinreichend vereinfacht die bedarfsgerechten Funktionen dafür lieferte. Es existierte eine technische Infrastruktur, die leistungsfähige Computer über das Internet vernetzte. In HTML wurde eine einfache Sprache für die Erstellung von Hypertext-Dokumenten gefunden. Das ebenfalls von Tim Berners-Lee entwickelte Hypertext Transfer Protocol (http) ermöglichte die Übertragung dieser Dokumente im Netzwerk und ihre Darstellbarkeit in einem Webbrowser. Durch den Uniform Ressource Locator (URL) war ihre Identifikation und Lokalisierung möglich. Der NeXT-Computer des Forschers am CERN diente dafür als Server.

Die Website ist gleichsam der definierte Ort, auf den sich alle dazugehörigen Ressourcen beziehen. Das sind natürlich Webseiten, es können aber auch mit ihnen verknüpfte Elemente wie beispielsweise Bilder sein. In der Umgangssprache wurde die technische Differenzierung zwischen Website und Webseite schnell geschliffen und mit anderen synonym verwendeten Begriffen (z.B. Homepage oder Internetpräsenz) fälschlicherweise vermengt. Heute unterscheidet der verkürzende Begriff Web bzw. Netz in seinem verallgemeinernden Gebrauch das WWW nicht einmal mehr vom deutlich älteren Internet.

 

Schnelle Verbreitung

Beschränkte sich die Nutzung des WWW anfangs noch auf Forschungseinrichtungen und Universitäten, war sie mit der Veröffentlichung des Projekts unter den Bedingungen „Public Domain“ am 30. April 1993 für jedermann zugänglich. HTML war als Sprache zum Erstellen von Webseiten nicht nur leicht zu erlernen, sondern in jedem Texteditor anwendbar. Ebenso hat der kostenlose Zugriff auf den Webbrowser Mosaik sowie eine stetig wachsende Anzahl an Onlinezugängen für eine schnelle Verbreitung gesorgt. Dienstleister ermöglichten zudem die Erstellung von Websites und ihr Hosting für Jedermann – ohne große Vorkenntnisse und zu geringen Kosten. Schnell war das Web nicht mehr allein ein Raum für Wissenschaftler, Computerspezialisten oder Enthusiasten. Während 1997 schon 70 Millionen Menschen und damit 1,7 Prozent der Weltbevölkerung das Internet nutzten, waren es 2009 laut der International Telecommunication Union (ITU) bereits 1,8 Milliarden (26 Prozent). Zuletzt ging die ITU für 2019 von 4 Milliarden (51 Prozent) Nutzerinnen und Nutzern aus.

 

 

Mit der schnellen Verbreitung entwickelten sich natürlich alle beteiligten Komponenten rasch weiter. Das galt für die Webbrowser (auf Mosaik folgte der Netscape Navigator) ebenso wie für HTML, das beispielsweise mit Cascading Style Sheets (CSS), XHTML oder durch JavaScript neue Gestaltungmöglichkeiten und Erweiterungen erhielt. Sie ermöglichten die heute geläufigen dynamischen und responsiblen Webseiten, die wechselnde Inhalte darstellen können und sich den verschiedenen Bildschirmformaten anpassen. Die jeweils verfügbare Bandbreite und die Funktionalität, bzw. die multimediale Gestaltung der Webseiten, befanden sich dabei immer in einem sich gegenseitig treibenden Wettlauf.

 

Publizieren (fast) ohne Schranken

Mit der schnellen Verbreitung des WWW über den engen Kreis der Nutzung in Forschung und Wissenschaft hinaus eröffnete sich auch die eigentliche Revolution, die untrennbar mit dem WWW verbunden ist. War der Zugang zu einer breiten Öffentlichkeit zuvor von Medien, die über die wirtschaftlichen bzw. technischen Mittel (Druckmaschinen, Verlage, Funkfrequenzen etc.) oder über die rechtlichen bzw. politischen Voraussetzungen (Lizenzen, Gesetze) verfügten, bestimmt, konnte nun Jede oder Jeder mit ausgesprochen wenig technischem Aufwand und nur geringen Vorkenntnissen über eine Website Inhalte jeglicher Art selbst veröffentlichen und mit denen anderer weltweit vernetzen. Diese Niedrigschwelligkeit machte es möglich, die traditionellen Gatekeeper der Informationsvermittlung (Verlage, Rundfunk- und Fernsehanstalten, Agenturen oder Informationsdienste) zu übergehen. Die dezentrale Architektur des Internets als globale Infrastruktur für das WWW kennt (theoretisch) keine nationalen Grenzen und entzieht sich damit auch weitgehend einem allein nationalstaatlichen Rechtszugriff.

Ohne den Schub, den die schnelle Verbreitung des World Wide Web erzeugte, sind alle folgenden Entwicklungen kaum denkbar. Die im Kontext der Digitalisierung allzu oft bemühte Beschreibung  einer disruptiven Technologie, die einen umwälzenden Einfluss auf bestehende Märkte, Prozesse oder Strukturen hat, trifft für das WWW mit Sicherheit zu. Der Einfluss, den Tim Berners-Lees Innovation auf Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur hatte und auch heute hat, ist kaum geringer zu schätzen. So darf es durchaus verwundern, dass  er  in der breiten Öffentlichkeit längst nicht den gleichen Status als Popstar des Internetzeitalters hat, den nach ihm einige sehr reich gewordene Gründer aus dem Silicon Valley erlangten.

 

Zwischen Utopie, Kommerzialisierung und Regulierung

Wieviel Euphorie mit dem World Wide Web als neuer, freiheitlicher und unabhängiger Raum verbunden wurde, macht „Die Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace“ (A Declaration oft the Independence of Cyberspace) von John Perry Barlow aus dem Jahr 1996 deutlich. Der Mitbegründer der Electronic Frontier Foundation postulierte geradezu den Cyberspace (und damit wohl mehr als nur das WWW) als grenzenlosen, globalen, digitalen Raum („the new home of mind“). Staatliche Eingriffe wie auch ein Einfluss der Industrie sollten unterbleiben und das Netz sich selbst regulieren. Ein Vierteljahrhundert später sind zwei Dinge offensichtlich: Der „Cyberspace“ ist kein exklusiver Raum, sondern ein integraler Bestandteil „einer“ Wirklichkeit. Alle Akteure in dieser Wirklichkeit verfolgen ihre Interessen auch im World Wide Web. Politik hat die Aufgabe, einen Ausgleich dieser Interessen zu organisieren. Wie schwierig das in einem globalen Netz ist, verdeutlichen seitdem die Bemühungen auf den verschiedensten Ebenen. Auch schädliche Monopolstellungen im Web aufzulösen, staatliche Gewaltausübung zu unterbinden oder die Persönlichkeitsrechte vor Angriffen jeglicher Art zu schützen, sind einige der regulatorischen Wanderbaustellen der Informationsgesellschaft.

 

“This is for everyone.”

Auch Tim Berners-Lee engagierte sich für ein freies und offenes Netz. Im November 2009 präsentierte er auf dem Internet Governance Forum im ägyptischen Sharm El Sheikh erstmals die von ihm mitbegründete World Wide Web Foundation als Non-Profit Organisation, die diesen Zielen verpflichtet ist.

Mit seiner Initiative „Contract for the Web“ erreichte er im November 2018 ein weltweites Echo. Darin schlägt er neun grundlegende Prinzipien vor, an denen sich sowohl Regierungen, Unternehmen sowie die Bürgerinnen und Bürger orientieren sollten. Der Zugang sollte jedem offenstehen, die Technologien sollten die Menschlichkeit fördern, die Privatsphäre und die persönlichen Daten der Verbraucher seien zu respektieren und ebenso das Prinzip der Menschenwürde. Dies sind drei dieser Prinzipien. Dem konnte sich auch die Bundesregierung anschließen. Noch im selben Jahr unterzeichneten die Staatsministerin für Digitalisierung Dorothee Bär und die damalige Bundesjustizministerin Katarina Barley seinen Aufruf.

 

Das Netz als Abbild der Welt

Spätestens mit der Möglichkeit mobil (fast) überall und jederzeit auf das Netz zugreifen zu können, war der Weg für eine Integration des WWW in fast alle Lebensbereiche geebnet. Besonders das Smartphone, das mit dem iPhone im Jahre 2007 die Unzulänglichkeiten der europäischen Vorgänger von Erikson, Nokia oder Psion überwand, beschleunigte diese Verbreitung. Die Anwendungen des World Wide Web wurden omnipräsent – im Alltagsleben wie im Berufsalltag. Die Verfügbarkeit von Informationen und Wissen überall, sofort und immer wurde zum Paradigma der Kommunikation. Die massenweise Digitalisierung der analogen Bestände (Retrodigitalisierung) von Archiven, Bibliotheken oder Museen band schließlich auch noch einen Großteil der Asservate des vordigitalen kollektiven Gedächtnisses in diese Verfügbarkeit ein. All zu leicht entstand der Eindruck, dass, was nicht im Netz zu finden ist, nicht existiert.

Die alltägliche Validierung der Erkenntnis, dass das Abbild von der Welt nicht die Welt ist, hat sich längst als kontinuierlicher Belastungstest der Informationsgesellschaft etabliert. Was ist echt und was manipuliert? Welche Quelle ist vertrauenswürdig und welche ist mir verborgen? Warum wird mir gerade diese Webseite angezeigt? Tim Berners-Lees Idee, den Zugang zu Informationen sowie die Verknüpfung von ihnen über eine Website zu organisieren und mit Hilfe des Hypertextes zu ermöglichen, verlangt, seitdem sie das geschlossene System des CERN verlassen hat, von allen in der Gesellschaft ein hohes Maß an Kompetenz und Verantwortung. Die eigene Urteilskraft dafür zu bilden, beginnt bei der Kenntnis der technischen Grundlagen.

 

Exkurs: Als Peter Hintze den roten Knopf drückte

Der Startschuss für die erste Website der CDU fiel auf den 7. Parteitag am 17. Oktober 1995 in Karlsruhe. „Ab sofort kann man im weltweiten Internet auch bei der CDU haltmachen“, kündigte der damalige Generalsekretär der Partei Peter Hintze an, wie man dem Protokoll, das über das Archiv für Christlich-Demokratische Politik der Konrad-Adenauer-Stiftung online zugänglich ist, entnehmen kann.

„Es war ein NetScape-Server und die Infrastruktur war noch recht bescheiden. Die Internetanbindung lag bei 2 Mbit/s, heute unvorstellbar.“, berichtet ein Zeitzeuge, der damals vor Ort den Server der CDU mitbetreute. Zumindest das Layout der Seiten von damals ist durch eine etwas später erfolgte Speicherung im Internet Archive zu finden.

Quellen:

  • Tim Berners-Lee, Information Management: A Proposal. CERN, März 1989.

https://www.w3.org/History/1989/proposal.html

  • John Perry Barlow, A Declaration of the Independence of Cyberspace. Davos, 8. Februar 1996.

https://www.eff.org/cyberspace-independence

  • Tim Berners-Lee/World Wide Web Foundation, Contract for the Web. November 2018.

https://contractfortheweb.org/

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