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Verantwortung für das, was man sich vertraut gemacht hat!

Bernhard Vogel wurde vor 30 Jahren in Thüringen als Ministerpräsident vereidigt.

Vor 30 Jahren, am 5. Februar 1992 wird im Thüringer Landtag Bernhard Vogel als Ministerpräsident vereidigt. Mit seiner Berufung auf den Stuhl des Regierungschefs beginnen 11 Jahre Regierungszeit, die einen entscheidenden Beitrag dazu geleistet haben, dass es das Land in der Mitte Deutschlands geschafft hat, heute einen festen Rang unter den erfolgreichen Ländern der Bundesrepublik einzunehmen.
Bernhard Vogel wird am 5. Februar 1992 im Thüringer Landtag als Ministerpräsident vereidigt. picture-alliance / dpa
Bernhard Vogel wird am 5. Februar 1992 im Thüringer Landtag als Ministerpräsident vereidigt.

Eigentlich hatte der amtierende Bundeskanzler Helmut Kohl ganz andere Pläne für die Führung der Thüringer CDU und für den Posten des Ministerpräsidenten des Freistaates in der Mitte Deutschlands. Sein Favorit für die Regierungsspitze, die wenige Tage zuvor mit dem Rücktritt des bisherigen Ministerpräsidenten Josef Duchac vakant geworden war, war der langjährige rheinland-pfälzische Landesminister Rudi Geil. Die Thüringer CDU allerdings bewies ihren eigenen Willen und entschied ganz bewusst für einen der erfahrensten westdeutschen Spitzenpolitiker, für den damaligen Vorsitzenden der Konrad-Adenauer-Stiftung und früheren Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz, für Bernhard Vogel. Den ereilte der Ruf nach Erfurt – diese legendäre Anekdote darf nicht fehlen – in einem Münchener Wirtshaus: „Hoast hier oana Vogel“, soll eine Bedienung in den Gastraum gerufen haben, in dem sich Bernhard Vogel mit Vertretern der Hanns-Seidel-Stiftung getroffen hatte. Am Telefon war Helmut Kohl, der nicht nur den Wunsch des kleinen CDU-Führungszirkels, der gerade bei ihm im Kanzleramt zu Gast war, an den überraschten Kandidaten überbrachte, sondern Vogel auch die Mahnung mitgab, er müsse sofort in die Landeshauptstadt aufbrechen, wo er sich noch am späten Abend dem Parteivorstand und der Landtagsfraktion vorstellen möge. „Ohne Zahnbürste in Erfurt“, wird 2003 bei seinem Abschied eine Thüringer Zeitung auf den abrupten Beginn dieses Abenteuers, elf Jahre zuvor anspielen.

Bernhard Vogel reist in die Landeshauptstadt. Die Gremien der Partei nominieren ihn mit überwältigender Mehrheit bei nur einer einzigen Gegenstimme. Seine Vereidigung vor dem Thüringer Landtag am 5. Februar 1992 trägt ihm den bislang einzigartigen Rekord ein, der einzige Politiker in Deutschland zu sein, der jemals Landesregierungen in zwei unterschiedlichen Ländern vorgestanden hat. Die Zeit kommentiert das damals in fast schon bösartiger voreingenommener Weise: „Ist das nun die Alternative im vereinten Deutschland: eine hölzerne Blockflöte aus dem Osten einzutauschen gegen eine schon arg angeschrammte, zweite Geige aus dem Westen? Fremder Zugvogel statt einheimischem Wendehals – lautet so die Wahl?“ Beide Spitzen gegen Duchac und Vogel werden den Tatsachen in keiner Form gerecht. Eine Zusammenarbeit und eine enge Verstrickung mit der Staatssicherheit wird man Josef Duchac nicht nachweisen können und seine Verdienste in den ersten beiden Aufbaujahren sind heute in Thüringen unbestritten. Bernhard Vogel aber, dem der Erfurter CDU-Fraktionsvorsitzende Jörg Schwäblein schon damals „Unbestreitbare Integrität, große Integrationskraft und hohen Sachverstand“ bescheinigt, erweist sich schnell als großer Glücksfall für das Land. Die ganz erheblichen Herausforderungen beim Transformationsprozess in Thüringen verlangen einen krisenfesten und versierten politischen Kopf, der die großen politischen Linien ebenso beherrscht wie die Ebenen und Details der Landesverwaltung.

Tatsächlich gibt es zu diesem Zeitpunkt kaum einen erfahreneren Landespolitiker in der deutschen Politik. Bernhard Vogel, der bei dem renommierten Politikwissenschaftler Dolf Sternberger in Heidelberg promoviert wurde und der wie er später selbst sagte, nicht „im Traum“ daran gedacht habe, Politiker zu werden, sondern eigentlich eine Habilitation und ein Leben als Hochschullehrer erwog, infizierte sich schließlich doch – wie sein älterer Bruder, der SPD-Politiker Hans-Jochen Vogel – mit dem „Virus“ der Politik. Er gibt dem Drängen eines Freundes nach und kandidiert für den Heidelberger Stadtrat. Aus diesen kommunalpolitischen Anfängen in der Baden-württembergischen Universitätstadt werden mehr als 23 Jahre, die Bernhard Vogel dem südwestdeutschen Land Rheinland-Pfalz in den verschiedensten Positionen gewidmet hat: Erst als Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis Speyer und als Bezirksvorsitzender der CDU Pfalz. Dann wird er 1967 im Alter von gerade einmal 34 Jahren Kultusminister von Rheinland-Pfalz und muss dieses Amt in der für diesen Fachbereich nicht gerade einfachen 68er Zeit ausüben. Und schnell erringt er auch nationale Geltung, nicht zuletzt ab 1972 als Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. 1974 wird er Landesvorsitzender der CDU in Rheinland-Pfalz. 1976 folgt er Helmut Kohl, mit dem er seit den Zeiten des gemeinsamen Studiums in Kontakt stand, als Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz nach. Auch hier hatte er sich gegen den damaligen Wunschkandidaten Helmut Kohls, Heiner Geißler, durchgesetzt.

So wie Helmut Kohl, der als nur 39-jähriger Politiker in dieses Amt kommt, so ist auch Bernhard Vogel mit seinen 44 Jahren zu dieser Zeit ein ungewöhnlich junger Landesregierungschef. Dennoch erlangt er, so wie er das später auch als „Wessi“ in Thüringen eindrucksvoll schaffen wird, ungewöhnlich schnell das Attribut des „Landesvaters“. „Unaufhörlich und ohne aufgeregten Lärm“ schafft es Bernhard Vogel, den notwendigen Strukturwandel und eine stete Modernisierung in diesem Land voranzutreiben und damit auch bundespolitische Akzente zu setzen. Dafür ist die Medienpolitik, die Bernhard Vogel als Vorsitzender der Rundfunkkommission der Ministerpräsidenten verantwortet, ein ganz besonders eindrucksvolles Beispiel: Unter seiner Führung spielt das Land eine besondere Rolle als Versuchslabor bei der Einführung des dualen Rundfunksystems aus öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern mit dem „Kabelpilotprojekt“ Ludwigshafen. Nach zwölf Jahren erfolgreicher Gestaltung, in der es ihm immerhin zweimal gelingt, für seine CDU die absolute Mehrheit zu holen, handelt er, nachdem Parteifreunde auf einem Landesparteitag in Koblenz seine Abwahl als Landesvorsitzender der CDU betrieben hatten, konsequent. Der in der Bevölkerung noch immer sehr beliebte Ministerpräsident erklärt nicht nur seinen Rücktritt, sondern gibt auch sein Landtagsmandat ab. Dieses Erlebnis trifft ihn tief. Als er später gefragt wird, was „Koblenz 1988“ für ihn bedeutet habe, antwortet er knapp: „Wunden heilen, aber Narben bleiben“.

Bernhard Vogel soll am 05.02.1992 zum neuen Thüringer Ministerpräsidenten gewählt werden. Hier präsentiert er das Landtagshandbuch als sein derzeit wichtigstes Arbeitsmaterial bei seiner ersten Pressekonferenz in der Landeshauptstadt. picture-alliance / ZB
Bernhard Vogel soll am 05.02.1992 zum neuen Thüringer Ministerpräsidenten gewählt werden. Hier präsentiert er das Landtagshandbuch als sein derzeit wichtigstes Arbeitsmaterial bei seiner ersten Pressekonferenz in der Landeshauptstadt.

1989 wird er Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung und ist damit in einer deutschlandpolitischen Schlüsselstellung. Gemeinsam mit Helmut Kohl erlebt er den Abend des Mauerfalls in Warschau, bei einem Abendessen mit dem polnischen Premierminister am Vorabend der Eröffnung des ersten Landesbüros der Stiftung in Polen. Sehr bald nach der Grenzöffnung in Deutschland leistet die Konrad-Adenauer-Stiftung unter seiner Führung wertvolle Unterstützungsarbeit beim Aufbau politischer Strukturen und beginnt mit der Politischen Bildungsarbeit auf dem Gebiet der DDR. Dabei kommt ihm zugute, dass er immer neben seiner landespolitischen Tätigkeit eine wichtige Rolle in der Deutschlandpolitik gespielt hat. Bernhard Vogel hat erstens vor dem Fall der Mauer zur damals kleiner werdenden Anzahl jener Politiker gehört, die am Ziel der nationalen Einheit festgehalten hat. Zugleich war er immer aber auch im Sinne des Erhalts der kulturellen Einheit, die ein bedeutender Bestandteil, ja auch in gewisser Weise eine Voraussetzung für die Wiedergewinnung der nationalen Einheit war, wie nur wenige andere Politiker darum bemüht, eigene Kontakte in die DDR zu unterhalten, die er im Rahmen von intensiven Privatreisen in die DDR festigte. Reisen, die ihm die ungeteilte Aufmerksamkeit der Staatssicherheit eintrugen, die seine Aktivitäten in der DDR lückenlos überwachte und die ihn auch ins Visier der Staatsspitze rückten. Es war Erich Honecker persönlich, der ihm 1982 nach Äußerungen von Bernhard Vogel über Defizite des Denkmalerhalts in der DDR die Einreise untersagt. Mit offiziellen Kontakten zur Staatsführung hatte sich Bernhard Vogel deshalb sehr lange zurückgehalten. Und als es nach der Regierungsübernahme der CDU auf der Bundesebene dann doch zu diesen Kontakten kam, blieb Vogel nicht nur distanziert, sondern nutzte einen dann entstehenden Gesprächsfaden mit Erich Honecker, den Vogel nach der Bundestagswahl 1987 im Auftrag von Helmut Kohl aufgenommen hatte, zum Klartext und sprach den Staats- und Parteichef offen auf die menschenverachtenden Zustände an der innerdeutschen Grenze an. Er tat dies in einer Deutlichkeit, die nur wenige andere Politiker zuvor an den Tag gelegt hatten. Das trug ihm nach der friedlichen Revolution und dem Fall des Eisernen Vorhanges insbesondere auch bei Bürgerrechtlern einen nicht geringen Grad der Glaubwürdigkeit ein. Aber nicht nur die Tatsache, dass Bernhard Vogel schon vor dem Mauerfall kein Unbekannter in Thüringen war, sondern auch seine Eigenarten als Politiker stießen schnell auf positive Resonanz.

Kurz nach der Amtsübernahme in Thüringen im März 1992 fragte der Journalist Günter Gaus Bernhard Vogel nach seinen wichtigsten Motiven für den Entschluss, sich politisch zu engagieren und die Politik zu seinem Beruf zu machen. Das sei, so Vogel, „das Gefühl, dort im politischen Bereich (…) dringender gebraucht zu werden als auf einem Lehrstuhl oder dergleichen. Ferner verspüre er den Reiz, „gestalten zu können, Lösungen durchsetzen zu können, von denen ich subjektiv meine, dass es auch die richtigen Lösungen sind“. Und nicht zuletzt verweist Vogel in dem Interview auch darauf, dass es „ein bißchen auch (…) Pflichtbewußtsein“, sei, dass ihn leite. Zum 70. Geburtstag von Bernhard Vogel schrieb der frühere Bundespräsident Roman Herzog, er sei „ein besonderer Politiker, weil er ein lebendes Beispiel dafür ist, dass sich Toleranz und Grundsatztreue, Pflichterfüllung und Offenheit, Realismus und Zuversicht nicht ausschließen müssen.“

Diese ausgleichende und ausgewogene Art ermöglicht ihm, den Menschen in Thüringen das zu geben, was sie seiner Auffassung nach dringend benötigen: Hoffnung und Selbstvertrauen! „Unser Ziel ist klar“, so leitet er drei Wochen nach seiner Vereidigung als Thüringer Ministerpräsident seine erste Regierungserklärung ein: „Thüringen, das Land in der Mitte Deutschlands, muss zum voll entwickelten, gleichwertigen Land im Kreis der deutschen Länder und zum selbstbewussten Gliedstaat der Bundesrepublik Deutschland werden“. Damit formuliert Bernhard Vogel ein ambitioniertes Ziel, das in dieser Zeit noch schwer erreichbar scheint. „Grundsteine für erste Leuchttürme, die in der Zeit seines Amtsvorgängers Duchac gelegt worden waren – die Jenoptik in Jena und die Opel-Ansiedlung in Eisenach – verheißen zwar Hoffnung, die Fläche können sie aber noch lange nicht ausleuchten.​​​​​

Der thüringische Ministerpräsident Bernhard Vogel während der 11. Regionalkonferenz der neuen Länder 1993 in Naumburg. Brigitte Friedrich/Süddeutsche Zeitung Photo
Der thüringische Ministerpräsident Bernhard Vogel während der 11. Regionalkonferenz der neuen Länder 1993 in Naumburg.

Zum Symbol für die Schwierigkeiten des Umstrukturierungsprozesses in den jungen Ländern und zu einer der ersten harten Bewährungsproben für den neuen Amtsinhaber wird die Schließung des Kalibergbaus in Bischofferode, deren Umstände auch Bernhard Vogel tief erschüttern: „Ich habe die häßliche Fratze des Kapitalismus gesehen“, sagt er damals. Mit dem Hungerstreik, den Bergleute aus Protest für den Erhalt ihrer Grube einlegen, erregt dieses Ereignis bundesweit Aufsehen. Bernhard Vogel muss in dieser schwierigen Situation das Kunststück vollbringen, Verbundenheit mit den Menschen vor Ort zu zeigen und Zuversicht bei jenen zu wecken, die ihre Zukunftsperspektiven schwinden sehen, zugleich muss er aber die Einsicht in den unvermeidlichen Strukturwandel schaffen und stärken. Dabei tritt eine Fähigkeit Bernhard Vogels zutage, die ihn schon in seinen Rheinland-Pfälzer Zeiten ausgezeichnet hat: Seine Bodenständigkeit und Nahbarkeit. Dem Kontakt vor Ort mit den Kalikumpeln und ihren Angehörigen geht er nicht aus dem Weg, so wie er bei allen Veranstaltungen und Begegnungen stets ansprechbar ist. Schon bald führt er in Thüringen eine „Erfindung“ aus seiner rheinland-pfälzischen Zeit ein, mit der er gleich nach seinem Amtsantritt beginnt: Die „Kreisbereisungen“. Auf diesem Weg lernt er die Probleme des Landes ebenso „hautnah“ kennen, wie er auch die Chancen erlebt, die sich vor Ort bieten.

Weil Bernhard Vogel nicht erst seit Bischofferode bewusst ist, dass es nicht alleine gelingen kann, die bestehenden Betriebe, die vielfach nicht wettbewerbsfähig sind, zum Zugpferd einer guten wirtschaftlichen Entwicklung zu machen, setzt die Regierung Vogel massiv darauf, Investoren in den Freistaat zu locken, was Bernhard Vogel mit ganz neuen Problemen konfrontiert. Rückblickend sagt er: „Ich habe in Rheinland-Pfalz in 22 Jahren wohl nie das Wort Katasteramt im Mund gehabt. Ich wusste, dass es diese Ämter gab, das genügte. In Thüringen habe ich mich ein halbes Jahr mit fast nichts anderem so intensiv beschäftigt wie mit Katasterämtern, weil ich begreifen musste: Wenn niemand weiß, wem ein Grundstück gehört, kann ich es auch keinem Investor anbieten. Und als die erste Kabinettssitzung stattfinden sollte, wusste niemand, wer den Schlüssel für den Kabinettssaal hatte. Da also lagen die Schwierigkeiten, mit denen ich mich zunächst herumzuschlagen hatte“.

Bernhard Vogel weiß bei der Suche nach neuen Investoren um den Vorteil der besonderen Wirtschaftsstruktur in Thüringen, die traditionell nicht von der Großindustrie, sondern von kleinen und mittleren Unternehmen geprägt ist und zudem noch deutlicher als andere junge Länder über eine gute Zusammenarbeit der fachlich anerkannten universitären Einrichtungen, etwa in Jena oder in Ilmenau, und der Unternehmen vor Ort verfügt. Ein Umstand, der ein gutes Reservoir an Fachkräften garantiert. Mit diesem „Handgepäck“ gelingt es Bernhard Vogel mit „Werbereisen“ in fast alle Erdteile, vor allem nach Amerika und Asien beachtliche Erfolge zu erzielen, die sich schnell in sinkenden Arbeitslosenzahlen auszahlen werden: Dazu gehört nicht zuletzt die Etablierung Thüringens als „Automotive-Standort“ mit der Ansiedlung eines Motorenwerkes in Kölleda, die viele weitere Zulieferbetriebe für den Automobilbau in den Freistaat locken.

Bernhard Vogel setzt in diesem Zusammenhang sehr konsequent auf einen weiteren Standortfaktor in Thüringen – im wahrsten Sinne des Wortes. Vogel weiß, dass die zentrale Lage des Freistaates als Logistikstandort, die viele Zentrallager und Speditionsgroßbetriebe in das Land lockt, eine entscheidende Voraussetzung für den wirtschaftlichen Erfolg ist.  Besonders viel Kraft investiert Bernhard Vogel deshalb in den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur des Landes. Hier tritt er auf bundespolitischer Ebene besonders stark in Erscheinung und kämpft von 1992 an für neue Verkehrswege in Thüringen, schon aus seinen Rheinland-Pfälzer Zeiten wissend, dass sich neue Unternehmen mit Vorliebe entlang der Verkehrswege ansiedeln. Dementsprechend setzt er sich ab 1998 vehement gegen Pläne der neuen SPD-geführten Bundesregierung ein, einige der „Verkehrsprojekte Deutsche Einheit“ in Frage zu stellen. Insbesondere der Vorschlag, die ICE-Schnellbahnstrecke doch nicht über Erfurt zu führen, kratzt am Landesbewusstsein, was Bernhard Vogel zu einem der Hauptpunkte des Wahlkampfes für die Landtagswahl 1999 macht, die er mit 51,0 Prozent und so mit einem Ergebnis für sich entscheiden kann, das man sich angesichts der heutigen Wahlergebnisse kaum noch vorstellen kann.

Es ist dieses Landesbewusstsein, auf das Bernhard Vogel immer wieder verweist und dass er ganz bewusst anspricht und respektiert. In seinen Reden macht er deutlich, dass Thüringen im Gegensatz zu einigen westdeutschen Länderneugründungen alles andere als ein neues Land sei. Wenn überhaupt dann sei das Land ein „junges Land“. Ebenso deutlich wendet er sich gegen die Einstufung des Freistaates als ostdeutsches Land. Er wird nicht müde in seinen Reden darauf hinzuweisen, dass die bayerische Stadt München östlicher gelegen sei als die Landeshauptstadt Erfurt und dass es eine ostdeutsche Identität nicht gäbe. Die Nachbarn Thüringens, nämlich die Hessen und die Franken mit den Menschen im Freistaat enger verbunden seien als die Thüringer mit den Menschen in Mecklenburg-Vorpommern. Diese Differenzierung hindert ihn allerdings nicht daran, sich als überzeugter Föderalist für eine gleichberechtigte Behandlung der neuen Länder im Gefüge der Bundesrepublik einzusetzen. So hat er nicht nur großen Anteil am Zustandekommen des Solidarpaktes II, sondern er tut sich vor allem auch als einer der beiden Vorsitzenden der Föderalismuskommission von Bundestag und Bundesrat hervor und als solcher setzt er sich vehement für die Verlegung von Bundesbehörden in die jungen Länder ein. Das trägt seinem Land Thüringen und der Landeshauptstadt Erfurt unter anderem den Sitz des Bundesarbeitsgerichtes ein. Auch die Ansiedlung des überaus erfolgreichen Kinderkanals von ARD und ZDF wäre ohne seinen Einsatz nicht vorstellbar gewesen.​​

Als überzeugter Föderalist legt Bernhard Vogel auf die Länderkernkompetenz besonders großen Wert und wird die müde auf den kulturellen Reichtum zu verweisen, der dieses Land so besonders auszeichnet und auf seine großen Traditionen als Bildungs- und Universitätsstandort. Hier kommt die besondere lebenslange Leidenschaft Bernhard Vogels für die Bildungs- und Wissenschaftspolitik ins Spiel, die er wiederum eng mit den wirtschaftlichen Zukunftsperspektiven des Landes zu verbinden weiß: Sei es nun die Tatsache, dass die Max-Planck-Gesellschaft auf sein Betreiben hin drei ihrer Niederlassungen nach Thüringen verlegt, sei es, dass er sich, wie schon zuvor in Rheinland-Pfalz als Universitätsgründer betätigt. Er ist es, der sich intensiv für die Wiedereröffnung einer der ältesten deutschen Hochschulen, der Erfurter Universität einsetzt und sie mit der Erprobung innovativer Studiengänge sogleich zu einer geisteswissenschaftlichen Modelluniversität macht.

Im Bereich der Kulturpolitik wird es zu seinem „Meisterstück“, dass es dem Freistaat gelingt mit Weimar 1999 die Europäische Kulturhauptstadt zu beherbergen. Das Projekt, das zwischenzeitlich wegen seiner stetig wachsenden (nicht zuletzt finanziellen) Dimensionen auch Ablehnung im Land erfährt, wird zu einem überragenden, ja überwältigenden Erfolg. Das ist nicht zuletzt auch deshalb der Fall, weil es im Rahmen dieses Jahres geradezu beispielhaft gelingt, die Nähe zwischen dem Geist der Klassik und dem Ungeist des Nationalsozialismus in Weimar zu thematisieren. Das steht wiederum beispielhaft für das Geschichtsbewusstsein Vogels, der in seiner Zeit an der Heidelberger Universität auch erwogen hatte, sich in Neuerer Geschichte zu habilitieren. Bernhard Vogel begreift das Konzentrationslager Buchenwald während seiner Amtszeit als stetige Aufforderung die Freiheit gegen die Feinde der Freiheit zu verteidigen und sie zu verteidigen. Diese Ansicht äußert sich gleich in mehreren politischen Projekten. Gerne greift er die Anregung des früheren Buchenwald-Häftlings und Friedenspreisträgers des deutschen Buchhandels Jorge Semprun auf, die „Stiftung Ettersberg zur vergleichenden Erforschung europäischer Diktaturen und ihrer Überwindung“ zu gründen. Ebenso bemerkenswert ist seine Reaktion als im Februar 2000 die Jüdische Landesgemeinde, mit der Thüringen als erstes der neuen Länder bereits 1993 einen Staatsvertrag abgeschlossen hatte, mit einem Brandanschlag auf die Erfurter Synagoge angegriffen wird: Er beschließt, dass fortan in jedem Jahr die Demokratiezufriedenheit in Thüringen mit einer Umfrage, dem sogenannten „Thüringen-Monitor“ gemessen und dann im Rahmen einer Regierungserklärung diskutiert wird.  Aus dieser Idee ist nicht nur eine Tradition geworden, die seine Nachfolger allesamt bis heute fortgesetzt haben. Vielmehr ist dieses Projekt unter identischem Namen als Sachsen-Monitor oder als Brandenburg-Monitor heute in nahezu allen der neuen Länder verbreitet und leistet einen wichtigen Beitrag zur politischen Kultur. Immer hat er sich gegen die allzu oberflächliche Betrachtung gewehrt, Extremismus sei vor allem ein Problem der neuen Länder. 

Am 3. Mai 2002 nimmt Bernhard Vogel (rechts im Bild) an der Trauerfeier für die Opfer des Amoklaufs am Erfurter Gutenberg-Gymnasium teil. picture-alliance/ dpa
Am 3. Mai 2002 nimmt Bernhard Vogel (rechts im Bild) an der Trauerfeier für die Opfer des Amoklaufs am Erfurter Gutenberg-Gymnasium teil.

Zum schwersten Moment seiner Amtszeit in Thüringen und zur bedrückendsten Erfahrung wird der 26. April 2002. Ein 19-jähriger junger Mann, der zuvor der Schule verwiesen worden war, tötete am Erfurter Gutenberg-Gymnasium, zwölf Lehrerinnen und Lehrer, zwei Schüler, die Schulsekretärin und einen Polizisten und dann sich selbst. In dieser bedrückenden Situation schafft es Bernhard Vogel einerseits mit großer Präsenz und Sensibilität Mitgefühl und trotz der Schwere der Tat auch Hoffnung zu vermitteln, andererseits aber auch den Eindruck einer politischen Lähmung oder gar des Aktionismus zu vermeiden, indem er überlegt und abgewogen für die notwendigen rechtlichen Konsequenzen aus diesem unvorstellbaren Verbrechen auch auf der Bundesebene, beispielsweise bei der Änderung des Waffenrechtes, eintritt. Seine „Katastrophenfestigkeit“, die er in diesen schweren Tagen als Regierungschef unter Beweis stellt, hatte er 14 Jahre zuvor in Rheinland-Pfalz unter bittersten Umständen „erwerben“ müssen als während einer Flugschau auf dem US-Stützpunkt in Ramstein rund 70 Personen ums Leben kamen und mehr als 1000 Menschen verletzt wurden. Diese Erlebnisse wurden jeweils zu den dunkelsten Stunden seiner Amtszeiten.

Nach elf Jahren seiner Zeit als Ministerpräsident, die Tiefen wie den Amoklauf, aber eben auch viele Höhen kannte und die Bernhard Vogel später bei der Verleihung des Thüringer Verdienstordens als die erfülltesten Jahre seines Lebens bezeichnen wird, gelingt ihm ein in der Politik ganz besonders seltenes Kunststück. Er schafft einen völlig reibungslosen und harmonischen Übergang auf seinen langjährigen Kultusminister und CDU-Fraktionsvorsitzenden Dieter Althaus. Seine Erfahrungen von 1988 in Rheinland-Pfalz, die ihn persönlich tief getroffen haben, mögen bei diesem sanften Wechsel eine wichtige Rolle gespielt haben.

Bernhard Vogel hat, wenn man ihn in den Jahren nach dem Rücktritt 2003 nach seiner Beziehung zu Thüringen befragt hat, immer wieder gerne den berühmten Satz Saint-Exupérys aus dem „Kleinen Prinzen“ zitiert: „Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was Du Dir vertraut gemacht hast.“ Vertraut hat er sich das Land tatsächlich gemacht. Bis heute ist er in Thüringen nicht einmal mit dem Vorwurf konfrontiert worden, er sei ein Westimport. Auch wenn Bernhard Vogel später wieder seinen Hauptwohnsitz in Speyer bezogen hat, ist aus dem in Göttingen geborenen, in München aufgewachsenen leidenschaftlichen Rheinland-Pfälzer ein echter Thüringer geworden. Den Kontakt nach Thüringen hat er dementsprechend auch nach seinem Rücktritt nicht verloren. Noch immer übt er mit großer Hingabe zahlreiche Ehrenämter aus. Auch das Amt des Ehrenvorsitzenden der Thüringer CDU nimmt er außerordentlich ernst. Es gibt keinen Landesparteitag, auf dem Bernhard Vogel fehlen würde. Dass die CDU-Fraktion im Thüringer Landtag ihren Sitzungsraum als Bernhard-Vogel-Saal „geweiht“ hat, ist eine zu Lebzeiten seltene Ehrung, die aber auch beweist, welchen Stellenwert sein Wirken bis heute hat. Es ist alles andere als selbstverständlich, dass auch 2022, also 30 Jahre nach seiner Vereidigung als Ministerpräsident der inzwischen 89-jährige Bernhard Vogel von „seinen Thüringern“ als Mitglied in die Bundesversammlung entsandt wird, die in Kürze den Bundespräsidenten wählen wird.

Besonders befriedigen dürfte ihn 30 Jahre nach dem Amtsantritt als Ministerpräsident, dass seine Vision, dass Thüringen den Nachteil, den es durch die Teilung, den es durch die Planwirtschaft in der DDR erlitten hat, wenigstens in Teilen aufholen kann. Dass Thüringen seit Jahren regelmäßig bessere Arbeitslosenquoten als Nordrhein-Westfalen verzeichnen kann und dass diese Errungenschaften so stabil sind sich das auch in der zweiten Legislaturperiode unter Bodo Ramelow nicht geändert hat, das deutet jedenfalls in diese Richtung. Ohne jeden Zweifel haben die elf Jahre der Regierungszeit das Fundament dafür gelegt, dass der Freistaat heute auf stabilen Füßen stehen kann und seinen Rang unter den deutschen Ländern längst gefunden hat.  

Gelegentlich ist Bernhard Vogel gefragt worden, ob er nach Höherem gestrebt hätte, was dieser stets mit der Antwort versehen hat, er habe sich darauf konzentriert Ministerpräsident zu sein und dies auch bleiben zu wollen. Der Amtsnachfolger Bernhard Vogels als Vorsitzender bei der Adenauer-Stiftung Hans-Gert Pöttering hat in einer Festschrift zum 80. Geburtstag Vogels geschrieben: „Augenzwinkernd sage ich gerne zu Bernhard Vogel – auch öffentlich: Ministerpräsident in zwei Ländern gewesen zu sein – dazu im Westen wie im Osten unseres Landes – sei mehr als Bundeskanzler.“ In jedem Fall hat Bernhard Vogel mit seiner besonderen Leistung, zwei Länder erfolgreich zu regieren auch ohne ein solches Amt seine unverwechselbaren, ja einzigartigen Spuren in der politischen Landschaft der Bundesrepublik hinterlassen.

Die Politische Meinung
28. November 2017
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